Dienstag, 04. Oktober 2022

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Wildnis in der Stadt

Wildnis kann eine kleine Ecke im Garten sein, wo das Unkraut wieder sprießen darf, eine blütenreiche Brache in einem Industriegebiet oder in einer Baulücke, das können aber auch riesige Waldgebiete sein, in denen der Mensch seinen Einfluss reduziert oder ganz aufgibt. In einem dicht besiedelten und von unterschiedlichsten Nutzungsansprüchen geprägten Industrieland gibt es auf dem Weg zu mehr Wildnis allerdings noch einige Hürden zu überwinden.

Von Klaus Schell | 19.12.2002

    Ein einsamer Wanderer müht sich durchs Unterholz eines schier endlosen Waldes, klettert dabei immer wieder über entwurzelte Baumriesen und im Hintergrund heult ein Wolfsrudel: ein Szenario so ganz nach dem Geschmack von Herbert Zucchi. Er ist Professor für Umweltbildung an der Fachhochschule Osnabrück und fordert mehr Wildnis in Deutschland. Woran es noch hapert, illustriert er gerne mit einem Zitat des Naturschützers Hubert Weinzierl:

    Würde man mich mit verbundenen Augen durch Europa führen und mir hierzulande die Augen frei geben, wüsste ich sofort, dass ich in Deutschland bin, weil nirgendwo die Gerade und die Ordnung und die Sauberkeit so pervers zelebriert werden wie bei uns.

    Ausgeräumte Feldfluren, peinlichst gepflegte Vorgärten und betongepflasterte Gewerbegebiete: All dies sind für Professor Zucchi nur die Auswüchse eines längst überholten Existenzkampfes gegen die Wildnis. Ein Blick zurück: Europa war ursprünglich nahezu flächendeckend von Urwald bewachsen, der vom Menschen durch Brandrodung oder Waldweide zurückgedrängt wurde. Trotz beständig sich ausweitender Acker- und Weideflächen kam es immer wieder zu Hungersnöten, ein kollektives Trauma, das sich z.B. in der Mär vom bösen Wolf manifestiert hat. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Bauern ursprünglich nur sehr kleine Viehbestände hatten:

    Wenige Ziegen, zwei, drei Kühe oder auch nur eine Kuh, zwei Ziegen und zwei Schafe, und wenn dann ein Wolf zugeschlagen hat, war das natürlich gleich ein erheblicher Verlust ...

    Hunger gab es in Deutschland noch bis nach dem zweiten Weltkrieg, heute dagegen ist die materielle Situation so abgesichert, dass man durchaus wieder mehr Wildnis zulassen könnte. Aber nicht nur in Siedlungs- - und Gewerbegebieten herrscht der Ordnungswahn, sondern auch im Wald - unter anderem auch wegen der so genannten "Verkehrssicherungspflicht". Demzufolge darf 30 Meter beidseitig von öffentlichen Waldwegen kein morscher Baum stehen. Michael Schmitz von der Unteren Naturschutzbehörde der Region Hannover:

    Es ist völlig unverständlich und nicht zu begreifen, dass jemand von einer Kommune Geld dafür bekommen kann, wenn ihm im Wald ein Ast auf den Kopf fällt!

    Bei dem dichten Wegenetz im Hannoverschen Stadtwald bleibt so denn für alte Bäume und Totholz auch nur wenig Raum. Immerhin gibt es seit einigen Jahren eine fünf Hektar große Naturwaldparzelle, die sich selbst überlassen bleibt. Ein größeres Wildnisprojekt ist auf den Uferwiesen des Steinhuder Meers, dem größten Binnensee Niedersachsens, in der Diskussion:

    Dort ist vorgesehen, in sehr nassen Bereichen mit Wasserbüffeln zu arbeiten. Natürlich wird dieses Gebiet umzäunt werden müssen, denn uns ist vollkommen klar, dass wir uns hier in einer Landschaft bewegen, wo wir jetzt nicht solche großen Tiere auswildern können ohne Rücksicht auf Verluste.

    Umfangreiche Areale sind also erforderlich, aber auch die innere Einstellung zur Wildnis muss sich ändern:

    Ästhetik kann ja nicht nur bedeuten, dass wir irgendwelche vitalen, jungen Bäume haben, Flächen haben, die wohl geordnet sind, sondern dazu gehört eben das Alter, dazu gehört eben der absterbende Baum, dazu gehört der umgefallene Baum, dazu gehört das wilde Flusstal oder Bachtal, wo das einzige, was Beständigkeit hat, der Wandel ist.

    Ein Naturverständnis, das sich selbst im Kreis der Naturschützer bisher noch nicht durchsetzt hat:

    Da werden Pflege- und Entwicklungspläne kreiert, da wird ein Biotopmanagement gemacht. Wenn Fließgewässer renaturiert werden sollen – ein sehr hochtrabendes Wort, was ich nicht gerne benutze – wird auch wieder alles geplant, häufig so, dass die Statik der geraden Linie durch die Statik der Kurve ersetzt wird.

    Dennoch sind gerade durch die Renaturierungen der letzten 20 Jahre viele Libellen- und Fischarten wieder in die Gewässer zurückgekehrt. Michael Schmitz sieht das Hauptproblem woanders:

    Das, was wir als Naturschutzbehörden ein Stück weit machen, ist Nachlassverwaltung, und wir bemühen und wünschen uns sehr, dass wir da mal rauskommen, und wirklich Kapitalverwaltung machen.

    Das heißt mehr Geld, mehr Personal und vor allem größere Flächen. In den Niederlanden, am Ijsselmeer, gibt es bereits ein riesiges Wildnisgebiet mit Wildpferden und Auerochsen, aber auch der Mensch hat Zutritt, damit er vom Alltag ein wenig Abstand nehmen kann. Herbert Zucchi:

    Zu merken, dass es auch was anderes gibt, als die Zivilisation, der wir ständig unterliegen, das ist glaub ich eine wichtige Facette an Wildnis, das ist für mich auch ein kultureller Beitrag.