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StartseiteKultur heuteGezeichneter Schlussstrich06.05.2021

Wilhelm-Busch-PorträtGezeichneter Schlussstrich

Nach 70 Jahren ist das wohl bekannteste Selbstbildnis des Vaters von „Max und Moritz" wieder aufgetaucht – bei einer Versteigerung im Wiener Auktionshaus Dorotheum. Jetzt wurde bekannt, dass der Zuschlag für 50.300 Euro an das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover ging.

Von Agnes Bührig

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Gezeichnetes Selbstbildnis von Wilhelm Busch mit Hut und Zigarette von 1894 (DOROTHEUM)
Skeptischer Blick und Zigarettenstummel: Wilhelm Buschs Selbstbildnis von 1894 wurde in seinen Alben hunderttausendfach reproduziert. (DOROTHEUM)
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Nachdenklich blickt Wilhelm Busch von dem kleinen braunen Papier seines Zeichenblocks. Gerade einmal zehn mal fünfzehn Zentimeter misst die Federzeichnung in Sepia, die den damals 62-Jährigen mit breitkrempigem Hut und Zigarettenstummel im Mundwinkel zeigt. Sein Gesicht wird halb verdeckt von einem mächtigen Bart, an der Seite steigt schwach eine Rauchschwade auf. Ein aussagekräftiges Selbstportrait, das ins Wilhelm Busch Museum in Hannover gehört, sagt die Direktorin des Hauses, Gisela Vetter-Liebenow"

"Es ist das Selbstbildnis, mit dem, ich glaube, die meisten Menschen ihre Vorstellung von Wilhelm Busch verbinden. Es hat sein Bild geprägt, es ist in unendlich vielen Publikationen abgebildet. Es war über viele Jahrzehnte ein bestimmendes Signet dieses Hauses, und es ist, glaube ich, auch für Busch selbst, für seine Person, für sein künstlerisches Werk eines der sprechendsten Selbstportraits."

Seit 1949 verschollen

Doch seine Spur verlor sich 1949. Damals erschien es in Wien in einer Publikation des österreichischen Kunsthistorikers Fritz Novotny. Nach dem Tod Wilhelm Buschs wurde es an die Galerie Heinemann in München verkauft. Zuletzt im Privatbesitz, konnte es das Wilhelm Busch Museum im vergangenen Herbst in Wien ersteigern. Doch auch schon zu Lebzeiten wurde das Blatt nie der Öffentlichkeit präsentiert, sagt die Wilhelm-Busch-Expertin Ruth Brunngraber-Malottke:

"Er ging immer davon aus, dass dieses freie Schaffen, vielleicht doch zu medioker sei, um sich damit in der Öffentlichkeit präsentieren zu können. Und so kam es, dass es erst 1908, wenige Monate nach dem Tod von Wilhelm Busch, eine erste große Ausstellung auch mit seinem freien bildnerischen Werk stattfand – in München, in der berühmten Galerie Heinemann. Und das sorgt natürlich für großes Erstaunen, weil man diese Arbeiten überhaupt bisher noch nicht gekannt hatte."

In der DDR wurde gefälscht

22 Selbstportraits Wilhelm Buschs sind bekannt, 14 davon befinden sich in Hannover. Sie reichen vom detaillierten Abbild zu Studienzeiten in Antwerpen in den 1850er Jahren über ein Ölgemälde aus den 1870ern, auf dem er sich mit keckem Blick zeigt, gewandet in Wams und Hut im Stil der holländischen Meister, bis zu jenem ersteigerten Blatt aus der Spätphase des Künstlers. Es als echt zu identifizieren, sei nicht schwer gewesen, auch, wenn immer mal Fälschungen auftauchten. Ruth Brunngraber Malottke:

"Wir wissen zum Beispiel in den 80er-Jahren, als Wilhelm Busch auf dem Kunstmarkt im Rahmen einer großen Ausstellung unseres Hauses zum hundertfünfzigsten Geburtstag auch am Kunstmarkt enorme Preise erzielte, was in der DDR damals gut beobachtet wurde, und Schalck-Golodkowski eben auch Fälscher beauftragte in Dresden, die systematisch fälschten. In Dresden gibt es in der Gemäldesammlung Busch-Gemälde. Und die wurden dann in den Westen gebracht und hier auf dem Kunstmarkt verkauft."

Distanz zu sich selbst

Es ist eine distanzierte Darstellung, die Wilhelm Busch 1894 von sich gezeichnet hat, ganz im Gegensatz zu den heiteren Bildgeschichten für die er bekannt ist. Mit expressionistischem Strich habe er dabei Selbsterforschung betrieben, sagt die Kunsthistorikerin Ruth Brunngraber-Malottke. Denn das Ergebnis seines freien Malens und Zeichnens behielt er zu Lebzeiten für sich. Das Bildnis mit Zigarettenstummel wirkt da wie ein Schlussstrich:

"Er hat zu diesem Zeitpunkt bereits sein prominentes Bildergeschichtenwerk 10 Jahre zuvor abgeschlossen mit der Geschichte vom Maler Klecksel, die nicht ganz frei ist von autobiografischen Zügen. Und zu diesem Zeitpunkt um 1894 herum, beendete er sein freies zeichnerisches Werk. Ich empfinde so auch diesen ungeheuer furiosen Querstrich, der das Bild unten durchzieht, das ist wie ein Bilanzstrich, er zieht hier wirklich Bilanz."

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