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Wilhelm Kienzl - String Quartets 1-3

Ebenfalls bei cpo sind die drei Streichquartette von Wilhelm Kienzl herausgekommen, und zwar in einer Aufnahme mit dem Thomas Christian Ensemble. cpo hat sich bereits mehrfach um Kienzl verdient und dabei deutlich gemacht, daß dieser Komponist, den man sich irgendwie immer nur als alten Herrn vorstellen kann, mehr hinterließ als nur den "Evangelimann". Das erste Quartett b-moll op. 22 ist ein Jugendwerk des 1857 geborenen. Erst nach einigen Jahrzehnten schrieb Kienzl erneut ein Quartett, diesmal unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs und der darauf folgenden Wirren. Er war damals über 60, und es war gewiss nicht zu erwarten, daß er bei diesem seinem Opus 99 neue Bahnen würde betreten können. Später bekannte er einmal, er wolle und könne nicht atonal schreiben - gemessen an Kienzl hätten eigentlich aber schon Richard Strauss und gar Ravel ganz schlimme Atonale sein müssen.

Norbert Ely |
    Bei seinem op. 99 griff er im Kopfsatz auf Elemente des späten Beethoven zurück, was Kienzl möglicherweise für eine legitime Art hielt, auf ein in seinen Augen katastrophales Geschehen zu reagieren. Es ging ihm freilich im durchbrochenen Satz, vor allem bei den Versuchen, kontrapunktisch zu schreiben, ziemlich schnell die Luft aus. Er blieb Melodiker und der Klangwelt des frühen Brahms verhaftet. Seinem Opus 99 setzte er einige poetische Zeilen voran, in denen sich erstaunlicherweise noch einmal Herz auf Schmerz reimt, worüber sich achtzig Jahre zuvor schon Heinrich Heine lustig gemacht hatte: "Ich litt mit allen hier die herben Schmerzen / Und trug dazu noch eig'ne Not im Herzen" - so zwei Zeilen daraus. Uninteressant sind die drei Quartette dennoch nicht; sie geben Aufschluss über die künstlerische Haltung eines Unzeitgemäßen, der immerhin den ehrenvollen Auftrag erhielt, die Nationalhymne der ersten Österreichischen Republik zu schreiben. Man könnte in einem Anflug von Süffisanz bemerken, die Republik sei auch danach gewesen...

    Nun ist Thomas Christian genug Wiener, um solcher Musik das gewisse Parfum zu verleihen. Manchmal wirkt das Vibrato, mit dem er sich über sein Ensemble in Quartettbesetzung erhebt, ein bisserl penetrant, und manchmal kann es auch nicht so ganz verdecken, daß er's in der extrem hohen Lage mit der Genauigkeit manchmal nicht so ganz genau nimmt. Aber vielleicht wären die Kienzl-Quartette, von einem richtigen Streichquartett gespielt, eher fad. In ihrem Element sind Thomas Christian und seine Mitstreiter beim Finale des Katastrophen-Quartetts op. 99, einem Allegro comodo e leggiero. Da begreift man einen Grundsatz Wiener Philosophie: Die Lage ist hoffnungslos, aber net ernst...

    · Musikbeispiel: Wilhelm Kienzl - 4. Satz (Ausschnitt) ‚Allegro comodo e leggiero’ aus: Streichquartett Nr. 2 op. 99

    Das war die Neue Platte im Deutschlandfunk. Zum Schluss hörten Sie das Finale aus dem Streichquartett Nr. 2 op. 99 von Wilhelm Kienzl, gespielt vom Thomas Christian Ensemble. Auch diese CD ist bei dem Versandlabel cpo erschienen. Am Mikrofon bedankt sich Norbert Ely für Ihre Aufmerksamkeit.