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StartseiteDie neue PlatteDoppelte Aufmerksamkeit für ein ungewöhnliches Werk25.12.2018

Wilhelm Stenhammars zweite SinfonieDoppelte Aufmerksamkeit für ein ungewöhnliches Werk

Erst in den letzten Jahren wird die Musik von Wilhelm Stenhammar auch außerhalb Schwedens stärker wahrgenommen. Dirigenten-Legende Herbert Blomstedt hat sich zum musikalischen Anwalt seines Landsmanns gemacht. Mit Erfolg - Stenhammars unkonventionelle zweite Sinfonie ist nun gleich doppelt auf CD erschienen.

Am Mikrofon: Uwe Friedrich

Der Dirigent Herbert Blomstedt während einer Probe in der Philharmonie in Köln, aufgenommen am 22.06.2006 (picture-alliance / dpa / Hermann Wöstmann)
Der schwedische Dirigent Herbert Blomstedt dirigiert auch mit inzwischen 91 noch. (picture-alliance / dpa / Hermann Wöstmann)
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Vier Jahre lang nahm sich Wilhelm Stenhammar Zeit, um seine zweite Sinfonie zu komponieren, nachdem er seine erste wieder zurückgezogen hatte. Die Uraufführung im Jahr 1915 war ein großer Erfolg, aber international wurde Stenhammar jahrzehntelang kaum wahrgenommen. Es brauchte erst einen weltweit geschätzten Dirigenten, der sich mit seiner Autorität für den schwedischen Komponisten und sein Werk einsetzt. Herbert Blomstedt ist so einer. Erst mit 87 Jahren hat er die zweite Sinfonie zum ersten Mal dirigiert, seitdem setzt er sich unermüdlich dafür ein. Nun hat er sie mit dem Göteborger Sinfonieorchester aufgenommen und der Zufall will, dass beim selben CD-Label BIS eine weitere Aufnahme des Werks erschienen ist, nämlich mit dem schwedischen Dirigenten Christian Lindberg und dem Antwerpener Sinfonieorchester. 

Musik: Wilhelm Stenhammar: Sinfonie Nr. 2 – Allegro energico                     

Herbert Blomstedt nimmt sich Zeit für das Allegro energico des ersten Satzes von Wilhelm Stenhammars zweiter Sinfonie. Schlicht und erhaben klingen die Streicher, langsam entfalten sich die Klänge, die an skandinavische Volksmusik erinnern, ohne sie zu zitieren. Bewusst altertümlich komponierte der Autodidakt Stenhammar die Exposition des knapp viertelstündigen Satzes. Bei Blomstedt und den Göteborgern entfaltet sich die Musik organisch atmend und gelassen, besonders energisch klingt das allerdings nicht. Anders bei den Antwerpenern unter Christian Lindberg, der eine gute Minute schneller ist.

Musik: Wilhelm Stenhammar: Sinfonie Nr. 2 – Allegro energico         

Damit ist der Ton gesetzt, der Unterschied zwischen den beiden Aufnahmen wird schon in den ersten Takten deutlich. Wo sich der inzwischen 91-jährige Herbert Blomstedt Zeit nimmt und die Musik in einen zwar zielstrebigen, aber doch recht gemächlichen Fluss bringt, versetzt Lindberg der Sinfonie einen genau dosierten und kontrollierten Energieschub, der dem Werk entschieden gut tut.

Musik: Wilhelm Stenhammar: Sinfonie Nr. 2 – Allegro energico         

Ehrliche Musik mit verblüffender Harmonik

Wilhelm Stenhammar hatte sich das Klavierspiel selbst beigebracht und empfand seine musiktheoretischen Kenntnisse immer als unzureichend. Das wollte er durch ungeheuren Fleiß kompensieren, er studierte zeitlebens seine Vorbilder, vor allem Mozart und Beethoven. Der immense Einfluss der deutschen Sinfonik ist auch in seinen Werken deutlich zu spüren, so zerlegt er das Hauptthema des ersten Satzes nach allen Regeln der sinfonischen Motivarbeit, kommt in seinen kontrapunktischen Fortschreibungen aber immer wieder auf verblüffende harmonische Wege. Was Anfang des 20. Jahrhunderts die Zuhörer wahrscheinlich irritierte, können wir unvoreingenommen als eigenwillige Lösung kompositionstechnischer Probleme genießen. Nach dem deutlich flotteren ersten Satz nimmt sich Christian Lindberg in Antwerpen für den langsamen zweiten Satz auf die Sekunde genauso viel Zeit wie Herbert Blomstedt.

Musik: Wilhelm Stenhammar: Sinfonie Nr. 2 – Andante

Auch im zweiten Satz seiner zweiten Sinfonie gibt sich Wilhelm Stenhammar traditionsbewusst. Eine ehrliche Musik ohne Klatsch wollte er schreiben, wollte sich abwenden von der grassierenden Klangschwelgerei, die er vor allem bei seinen deutschen Zeitgenossen ausgemacht hatte. Stenhammar schätzte hingegen den dänischen Komponisten Carl Nielsen und den Finnen Jean Sibelius. Der langsame Satz der zweiten ist ein Variationssatz, der ebenfalls vom Kontrapunkt geprägt ist. Gerade weil Blomstedt und Lindberg sich im Tempo gar nicht unterscheiden, wird deutlich wie viel entspannter Blomstedt auf die Sinfonie schaut.

Musik: Wilhelm Stenhammar: Sinfonie Nr. 2 – Andante

Vor 65 Jahren dirigierte Herbert Blomstedt zum ersten Mal die Göteborger Sinfoniker, jenes Orchester, das Wilhelm Stenhammar von seiner Gründung im Jahr 1907 bis 1922 leitete. Die Musiker sind also mit einander und mit der Musik Stenhammars sehr vertraut. Etwas zu sehr vielleicht, denn wenn man diese Symphonie derart gelassen und entspannt angeht wie diese Truppe, die einfach weiß wie es geht oder es zumindest zu wissen glaubt, dann werden auf die Dauer einer Dreiviertelstunde auch die Schwächen von Stenhammars Komposition deutlich.  Gerade der dritte Satz tritt auch schon mal auf der Stelle, weiß nicht recht, wo die Musik hin will vor lauter Schönheit. Letztlich ist es Geschmackssache, welcher der beiden Aufnahmen man den Vorzug gibt, aber Lindberg und Antwerpener Sinfoniker erkunden diese Partitur neugieriger, mit mehr Anspannung und Gespür für das Moderne und Unkonventionelle. Das kann man gewollt finden, langweilig ist es jedenfalls nicht.

Musik: Wilhelm Stenhammar: Sinfonie Nr. 2 – Allegro vivace alla breve

Blomstedt der Ermöglicher - Lindberg der Energetische

Christian Lindberg ist von Haus aus Posaunist, hat viele Jahre im Stockholmer Opernorchester gespielt, bevor er zunächst eine sehr erfolgreiche Solistenkarriere begann und seit einigen Jahren auch als Dirigent in Erscheinung tritt. Sein Markenzeichen ist die große Energie, die er dabei auf dem Konzertpodium freisetzt. Herbert Blomstedt hingegen hat sich in seiner erstaunlichen Alterskarriere vor allem als Ermöglicher großer Musik profiliert, dessen Gestaltungsehrgeiz nicht darin besteht, möglichst originell zu sein, sondern musikalische Strukturen hörbar zu machen. Das gelingt ihm auch im Finale der zweiten Stenhammar-Sinfonie mit ihren kunstvoll verschränkten vier Fugenthemen.

Musik: Wilhelm Stenhammar: Sinfonie Nr. 2 – Allegro vivace alla breve

Die zweite Sinfonie von Wilhelm Stenhammar dauert eine Dreiviertelstunde, da bleibt noch etwas Platz auf einer CD, die Herbert Blomstedt und die Göteborger Sinfoniker mit der F-Dur-Serenade füllen. Ein florentinisches Sommerstück wollte Stenhammar schreiben, nachdem er das Sehnsuchtsland nicht nur der Deutschen im Jahr 1907 besucht hatte. Die Entstehungsgeschichte ist kompliziert. Er skizzierte das Werk schnell, legte es beiseite, dirigierte 1914 die erfolglose Uraufführung, zog das Werk zur Überarbeitung zurück, führte es erneut auf, ließ es aber nicht drucken. Inzwischen gehört die Serenade in Schweden zum festen Konzertrepertoire und ergänzt auf der Göteborger CD die in vielen Aspekten genau entgegengesetzte zweite Sinfonie.

Musik: Wilhelm Stenhammar: Serenade F-Dur

Vor demselben Problem einer nur mit der zweiten Sinfonie etwas kurzen CD standen auch Christian Lindberg und das Antwerpener Sinfonieorchester. Sie entschieden sich für das modernere Werk, wenn es auch nicht ganz original von Wilhelm Stenhammar stammt. Hilding Rosenberg hat eine Konzertversion von Stenhammars Schauspielmusik zu August Strindbergs "Traumspiel" arrangiert, die Züge eine Tondichtung deutscher Prägung trägt. In dieser Schauspielmusik zeigt Stenhammar sich noch weniger konventionell als in seiner zweiten Sinfonie mit ihren immer wieder verblüffenden harmonischen Wendungen. Nur den Stimmungen des Schauspiels verpflichtet und nicht den formalen Anforderungen einer klassischen Sinfonie, gelingen ihm atmosphärische Schilderungen. Ebenso wie Strindberg in seinem epochemachenden "Traumspiel" die unverbundene Traumlogik abbilden wollte und dadurch gestalterische Freiheit gewann, wirkt auch Stenhammar wie befreit von den formalen Fesseln seiner Zeit.

Musik: Wilhelm Stenhammar: Musik zu August Strindbergs "Traumspiel"

So endet Wilhelm Stenhammars Schauspielmusik zu August Strindbergs "Traumspiel". Die Aufnahme findet sich auf der CD gemeinsam mit dessen zweiter Sinfonie, gespielt vom Antwerpener Sinfonieorchester unter dem Dirigenten Christian Lindberg. Auch Herbert Blomstedt hat Stenhammars zweite Sinfonie aufgenommen, und zwar mit dem Göteborger Sinfonieorchester. Beide CDs sind beim Label BIS erschienen. Beide Aufnahmen haben ihre Meriten, wenn Sie nur eine kaufen möchten, neige ich zu der Antwerpener Aufnahme mit Christian Lindberg, weil das Energielevel doch etwas höher liegt und dadurch das Zukunftsweisende von Stenhammars Kompositionsweise betont wird. Wer diese Sinfonie mit Herbert Blomstedt im Konzertsaal erleben möchte, hat dazu im kommenden Frühjahr übrigens im Leipziger Gewandhaus und in der Berliner Philharmonie die Gelegenheit.

Wilhelm Stenhammar: Symphony No. 2; Ett Drömspel
Antwerp Symphony Orchestra
Ltg.: Christian Lindberg
LC 03240, BIS-2329 SACD

Wilhelm Stenhammar: Symphony Nr. 2; Serenade
Gothenburg Symphony
Ltg.: Herbert Blomstedt
LC 03240, BIS 2424 SACD

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