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Willy Maywald
Fotograf und Kosmopolit

Er hat Künstler, Maler, Musiker und vor allem Mode fotografiert: Willy Maywald kam aus Kleve und eroberte Paris. Wie sehr er in der Tradition der Avantgarde-Kunstfotografie steht, will eine Berliner Ausstellung klären.

Von Carsten Probst | 25.04.2015

    In der Pariser Modeszene wurde Willy Maywald "Meister der Pose" genannt. Das war anerkennend gemeint – die erste große Retrospektive seines Gesamtwerkes in Deutschland zeigt in der Tat Maywalds erstaunliche Leichtigkeit und geradezu malerischen Umgang mit der Modefotografie.
    Klar und kontrastreich ausgeleuchtet, wirken die Pariser Straßenszenen, in denen er seine Modelle vor allem für Christian Dior auftreten lässt, wie avantgardistische Bühnen. Licht, Schatten und Umgebung, die Fassaden, teuren Autos, das Straßenpflaster, die Parks und Stadtansichten scheinen sich den Mustern und Falten der Stoffe anzugleichen, gewissermaßen aus ein- und demselben Gewebe zu bestehen. Die Haltungen der Modelle wirken demgegenüber aus heutiger Sicht unnatürlich. Maywald aber, der in der Tradition der modernen Avantgardefotografie stand, betonte damit ein abstraktes Element, durch das die fotografierten Damen wie "Living Sculptures" wirken – befremdlich und elegant zugleich.
    Als Maywald nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1946 aus seinem Exil in der Schweiz nach Paris zurückkehrte, hatte er jedenfalls mit seiner Art der malerisch-fotografischen Oberflächeninszenierung schnell durchschlagenden Erfolg. Für Christian Dior fotografierte er 1947 gleich dessen erste Collection, die später als "New Look" Modegeschichte schrieb. Dior kam von da an immer wieder auf Maywald zurück, Pierre Cardin, Nina Ricci, Jacques Fath oder Pierre Balmin folgten im Verlauf der nächsten Jahre und Jahrzehnte. Die Zeitschriften "Vogue" und "Harper's Bazaar" veröffentlichten seine Bilder und verschafften ihm internationale Anerkennung.
    Dasselbe gilt im Übrigen auch für seine Reportagefotografie und seine Porträts von Künstlerfreunden, einige, wie etwa von Picasso oder von Nico, der Velvet-Underground-Sängerin, gehören zu den sogenannten Ikonen, ebenso von Simone de Beauvoir an ihrem Schreibtisch oder von Henri Matisse in seinem Garten. Trotzdem blieb sein Nachruhm nach seinem Tod 1985 zunächst auf Frankreich beschränkt. Im Pariser Musée de la Mode wurde er postum mit einer großen Werkschau insbesondere seiner Modefotografie gewürdigt.
    In Maywalds Heimatstadt Kleve widmete das Stadtmuseum 2007 Maywald zu seinem 100. Geburtstag zwar eine Überblicksausstellung, aber die Ausstellung der Berliner Kunstbibliothek im Museum für Fotografie kann trotzdem für sich beanspruchen, diesen außerordentlichen Fotografen für die Rezeption in Deutschland neu zu entdecken. Zahlreiche der rund 200 gezeigten Aufnahmen wurden bislang in Deutschland noch nicht gezeigt.
    In den allermeisten Fällen gibt es zwar keine Vintage Prints mehr. Trotzdem verstärkt sich in der Zusammenschau des Gesamtwerkes der Eindruck von pittoresker Einfachheit, mit der es Maywald schon in jungen Jahren gelingt, der Schwarz-Weiß-Fotografie durch Hell-Dunkel-Kompositionen überaus poetische Tiefen und Oberflächenglanz zu entlocken. Eine seiner frühesten Aufnahmen aus Paris, entstanden bei seinem ersten Aufenthalt in der Pariser Metropole ab 1931: Sie zeigt eine nächtliche Straßenszene von magischer Simplizität, mit dem von Leuchtreklamen und Laternenlichtern erhellten Straßenpflaster, vor dem flüchtig die Konturen einer schwarzen Limousine aufleuchten. Die Vielfalt seiner Motive eröffnet früh die kompositorischen Bestandteile seiner späteren Modebilder, die so wie spielerische Variationen und Kombinationen immer wieder auftauchender Themen erscheinen: Stadtlandschaften, Gesichter, Menschen, Masken, Theater, Künstler.
    Deutlich sind seine Bezugnahmen auf das Neue Sehen, durch das er schon während seiner Berliner Ausbildung geprägt wurde. Malerische Umgebungen ziehen ihn magisch an, er fotografiert van Goghs Sterbehaus und Monets Garten, er gehört zur Pariser Künstleravantgarde. 1941 flieht er vor den deutschen Truppen nach Südfrankreich, schlägt sich mit Handwerksarbeiten und dem Verkauf von Basttaschen und -schuhen durch, flieht weiter in die Schweiz, wo er nach unsteten Monaten schließlich bei einer Pfarrersfamilie in Winterthur aufgenommen wird. Nach dem Krieg kehrt er für kurze Zeit nach Deutschland zurück, doch seine neue Heimat bleibt Paris. Unausweichlich höchste Zeit, ihn auch in die deutsche Fotografiegeschichte zurückzuholen.