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StartseiteForschung aktuellWinterschlaf nach Schlaganfall09.11.2006

Winterschlaf nach Schlaganfall

Künstliche Kälte soll Heilungschancen erhöhen

Medizin. Jährlich erleiden mehr als 160.000 Deutsche einen Hirnschlag. Um die Chancen auf ein Überleben zu erhöhen, erproben Mediziner eine neue Therapie: Sie versetzen den Patienten möglichst rasch in eine Art künstlichen Winterschlaf.

Von Frank Grotelüschen

Bei Schlaganfall-Patienten ist schnelles Handeln gefragt. (AP-Archiv)
Bei Schlaganfall-Patienten ist schnelles Handeln gefragt. (AP-Archiv)

"Es gibt Berichte aus Russland von 1806, dass Patienten nach Herz-Kreislauf-Stillstand mit Schnee abgedeckt wurden und man somit versucht hatte, die Wiederbelebungsrate zu erhöhen."

Die Idee ist alt, sagt Professor Gerhard Hamann, Neurologe an der Horst-Schmidt-Klinik in Wiesbaden. Welchen Erfolg die russische Schneetherapie einst hatte, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Doch für Hamann und seinen Fachkollegen steht fest:

"Die Hypothermie hat derzeit eine Renaissance in der Behandlung."

Hypothermie, das bedeutet, dass der Patient künstlich gekühlt wird - und zwar von der normalen Körpertemperatur von 37 Grad Celsius auf 32 bis 34 Grad. Bei diesen Temperaturen verlangsamen sich die biochemischen Prozesse im Gehirn. Wenn man so will, läuft das Leben in Zeitlupe weiter.

"Also praktisch eine Art Schutztherapie für das Gehirn."

Für die Ärzte wie Gerhard Hamann heißt das: Sie gewinnen Zeit – Zeit, um den Patienten erfolgreich zu behandeln. Bewährt hat sich dieses Verfahren bereits bei Patienten, die nach einem Herzstillstand wiederbelebt werden konnten: Die künstliche Kälte hilft, die Folgen des Sauerstoffmangels im Gehirn zu mildern.

Bei der Behandlung des Schlaganfalls hingegen steckt die Hypothermie noch in der Erprobung. Das Kalkül der Forscher: Kühlt man den Patienten möglichst schnell nach dem Hirnschlag ab, so breitet sich der Schaden langsamer aus, und die Chancen des Hirns sich zu erholen steigen. Außerdem bleibt den Ärzten mehr Zeit einzugreifen - zum Beispiel die Gerinnsel im Gehirn mit so genannten Lysemedikamenten aufzulösen. Wie aber stellt man einen Menschen effektiv und zugleich schonend kalt?

"Es gibt spezielle Kühlsysteme, wo man Katheter über die Vene des Beines einführt und die wie nach dem umgekehrten Tauchsieder-Prinzip funktionieren, die kühle Flüssigkeit in diesem Blutstrom zirkulieren lassen und damit das Blut runterkühlen. Und es gibt Kühlmatten, bei denen der Patient wie in einen Anzug kommt, mit Matten abgedeckt wird und wo mit kühler Flüssigkeit die Temperatur gesenkt wird."

Patienten, die einen schweren Schlag erlitten haben und bewusstlos sind, werden von den Ärzten regelrecht in den Winterschlaf versetzt – und zwar bis zu drei Tage. Anders ist die Situation bei Menschen, die nach einem Hirnschlag noch bei Bewusstsein sind: Sie werden allenfalls für 24 Stunden runtergekühlt. Der Grund:

"Der Patient empfindet es als unangenehm, wenn er heruntergekühlt wird. Er zittert, er regt sich auf dabei, so dass man Medikamente geben muss, einen Cocktail von Medikamenten, die zum einen das Kälteempfinden reduzieren, das Zittern unterdrücken und diese unangenehme Aufregung unterdrücken."

Im Tierversuch habe sich die Methode bestens bewährt, schwärmt Neurologe Hamann.

"Die experimentellen Daten sind exzellent. Hypothermie in experimentellen Modellen reduziert den Schlaganfallschaden um zum Teil 30 bis 50 Prozent."

Aber Studien mit Menschen gibt es bislang kaum. Die größte kommt aus Cleveland den USA und umfasst gerade mal 60 Patienten – zu wenig für eine verlässliche Aussage. Das bedeutet: Neue Studien mit mehr Patienten müssen her.

"Viele Kliniken sind hier an der Arbeit. Und ich denke, in den nächsten drei bis vier Jahren darf man neue Studien erwarten, die dann vielleicht auch eine Umsetzung in eine Therapieempfehlung geben."

Bei diesen Studien werden die Fachleute auch auf mögliche Risiken achten müssen. So besteht die Gefahr, dass sich der Patient durch die absichtlich hervorgerufene Unterkühlung eine Lungenentzündung einfängt. Und für jeden Schlaganfall-Patienten ist die neue Therapie sowieso nicht gedacht. In Frage kommen, sagt Gerhard Hamann, vor allem die schweren Fälle, also 10 bis 20 Prozent der Betroffenen.

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