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Der Mensch ist ein Einzelwesen, stets bedacht auf den eigenen Vorteil. Aber er ist auch Teil einer Gemeinschaft und ohne sie nicht überlebensfähig. Die Geistesgeschichte der Menschheit ist geprägt vom Wettstreit dieser beiden Denkrichtungen. Mal dominierte der Mensch als egoistischer Einzelkämpfer, mal als altruistischer Gutmensch.

Rezension: Michael Lange | 10.10.2010
    Seit Charles Darwins Evolutionstheorie dürfen auch Biologen bei derartigen Diskussionen mitmischen. Das Überleben des Tüchtigsten oder der Kampf egoistischer Gene sind seitdem zum Teil dieser keineswegs neuen Debatte geworden. Zoologen wie Konrad Lorenz oder Richard Dawkins haben biologische Gründe für "das sogenannte Böse" in uns gefunden und ihre Theoriegebäude darauf errichtet. Damit schien klar, dass die Biologie für die egoistische Seite des Menschen steht, während Kultur und Religion für die Zähmung der selbstsüchtigen Instinkte verantwortlich sind.

    Der Wissenschaftsjournalist Werner Siefer holt weit aus, um eine andere Seite der Biologie zu präsentieren. Demnach gehören Freundschaften, Selbstlosigkeit, Freigiebigkeit und Friedfertigkeit ebenso zur Biologie vieler Tiere und auch des Menschen wie der Kampf des einzelnen um Überleben und Fortpflanzung. Die Evolution sorgt dafür, dass sich ein Zusammenspiel von Egoismus und Altruismus einpendelt. Die Basis ist Vertrauen, das immer wieder neu geschaffen werden muss. Werner Siefer überzeugt durch einfache Sprache und sorgfältig ausgewählte Studien. Er spricht wie andere Autoren zwar auch von einer neuen Entwicklung vom "Ich" zum "Wir", er vergisst dabei aber nicht frühere Denker, die bereits in ähnlicher Weise über die Natur des Menschen philosophiert haben.

    Werner Siefer: Wir – und was uns zu Menschen macht
    ISBN: 978-3-593-39251-6
    Campus-Verlag, 291 Seiten, 22,00 Euro