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"Wir brauchen eine nüchterne Haltung gegenüber den Bedrohungen unserer Tage"

Literatur-Nobelpreis, Einsturz des Kölner Stadtarchivs, 20 Jahre Mauerfall - Nur drei Schlagworte, drei Ereignisse aus einem bewegten Kultur-Jahr 2009. 365 Tage, 364 Sendungen mit über 1500 Beiträgen - so lautet die Kultur heute-Bilanz, die Joachim Gauck zum Abschluss des Jahres aufarbeitet.

Joachim Gauck im Gespräch mit Stefan Koldehoff |
    Herta Müller: Die Angst ist ein guter Ästhetikkenner. Weil um die Angst zu bändigen, braucht es eine literarische Stärke, eine dichte, die das bietet, die das garantiert. Ich glaube, flache oder klischeehafte Texte können das nicht leisten. Also wenn ich mir heute anschaue, was ich damals als meine Gebrauchstexte für die Angst hatte, sind das für mich heute noch ganz, ganz großartige literarische Texte.

    Stefan Koldehoff: Ihr Schreiben sei immer auch ein Schreiben gegen die Angst gewesen, sagt Herta Müller, die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2009. Mit schlichten, ergreifenden Worten dankte sie für die Auszeichnung und erinnerte daran, dass auch 20 Jahre nach dem Fall der kommunistischen Regime im Osten die Aufarbeitung der Geschichte nicht zu Ende sein kann. 20 Jahre Mauerfall wird eines der zentralen Themen dieses Jahresrückblicks sein, zu dem ich Sie herzlich begrüße.365 Tage, 364 Sendungen mit über 1500 Beiträgen und Themen in einer halben Stunde Revue passieren zu lassen, das kann nicht funktionieren, also geht es in dieser letzten "Kultur heute"-Sendung des Jahres nicht ums alltägliche Geschäft, um Schauspielpremieren und Ausstellungen, Symposien und Integrationsdebatten, wir versuchen zu bündeln und über die großen Themen zu sprechen, die uns 2009 jenseits von Politik und Wirtschaft beschäftigt haben. Zu sprechen mit einem Studiogast, mit Joachim Gauck, Theologe, ehemaliger Gemeindepfarrer, Mitbegründer des Neuen Forums in Rostock, nach der ersten freien Wahl zur Volkskammer 1990 Abgeordneter für Bündnis'90 und schließlich noch im selben Jahr Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik und damit Chef dessen, was bald im Volksmund viel kürzer die Gauck-Behörde heißen sollte. Guten Tag, Herr Gauck!

    Joachim Gauck: Guten Tag!

    Koldehoff: Sie haben in einem Interview 1991 gesagt: Ich habe schon im Alter von neun Jahren gewusst, dass der Sozialismus ein Unrechtssystem war. Woher kam diese frühe Erkenntnis?

    Gauck: Erstens ist es ein Fehler, ich habe es nicht mit neun, sondern mit elf gewusst, aber Sie sind nicht der erste Journalist, der es so überliefert. Zweitens, als ich mit elf politisiert wurde, hatte ich nicht die Wahl getroffen, sondern der Staat, in dem ich lebte. Er hat meinen Vater abgeholt, verschwinden lassen, und meine Familie wusste zweieinhalb Jahre nicht, wo er ist, ob er lebt oder tot ist. Der fand sich im Gulag, von wo er 55 erst zurückkam nach Stalins Tod. Ich habe also früh in der Familie erlebt, dass das nicht Sozialismus ist, sondern dass das Diktatur ist und dass es stalinistische Diktatur ist, und dann kann man nicht anders, da wird man politisiert.

    Koldehoff: War für Sie deshalb 2009 das wichtigste Ereignis tatsächlich der 20. Jahrestag des Mauerfalls?

    Gauck: Aber selbstverständlich. Aber nicht der 20. Jahrestag des Mauerfalls, sondern der 20. Jahrestag der friedlichen Revolution. Unser Aufbegehren vom Herbst'89 ist ja dann in merkwürdiger Weise, kann man fast sagen, in einer Revolution geendet. Revolution deshalb, weil hinterher nichts mehr war wie vorher. Was vorher oben war, war dann unten. Und das alles gewaltfrei. Und deshalb ist für die Akteure des Herbstes immer der Tag der wichtigste, an dem im eigenen Bereich, also bei mir in Rostock, die erste große Demo war. So wie die Leipziger immer den 9. Oktober wichtiger nehmen als den 9. November, so mache ich es mit dem 19. Oktober, da war in Rostock die erste große Demo. Und eigentlich müssen wir uns immer wieder bewusst machen: Vor dem Symbol der Einheit sollten wir der Freiheit gedenken, dieser Freiheitsbewegung, die sich eben mit dem wunderbaren Satz "Wir sind das Volk" einen neuen politischen Raum eröffnete. Wir waren plötzlich da, wo wir nicht sein sollten, auf der Straße, und dadurch wurden wir Bürger. Vorher waren wir einfach nur Untertanen.

    Koldehoff: Darüber werden wir gleich ausführlicher noch sprechen. Lassen Sie uns gemeinsam auf das Jahr 2009 zurückblicken. Es begann mit einem Knall, mit einem Knall in der Kölner Südstadt, der in der ganzen Republik zu hören war. Am 3. März, einem sonnigen Dienstag, stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln am Heumarkt ein. Zwei Menschen kamen ums Leben und tausende Jahre Stadtgeschichte in Dokumenten, Büchern, Urkunden und Fotografien stürzten in eine 30 Meter tiefe Grube aus Trümmern, Schutt und Wasser. Wahrscheinlich war es Schlamperei beim Bau der U-Bahn, nach der genauen Ursache wird noch gesucht. Unmittelbar nach der Katastrophe beschrieb bei uns der ehemalige Abteilungsleiter des Stadtarchivs, Eberhard Illner, die bis heute noch nicht abzusehenden kulturellen Ausmaße:

    Eberhard Illner: Es ist die Herzüberlieferung der Stadt Köln, die dort gelagert war - angefangen von den Ratsprotokollen über die Hanse-Überlieferung, über die Schreinsurkunden, einem rechtshistorischen Denkmal europäischen Ranges, eine sehr, sehr wertvolle Handschriftensammlung aus den ehemaligen Klöstern und Stiftern, darunter von Albertus Magnus. Es ist ein europäisches Kulturarchiv, was hier unter Beton und Schutt begraben liegt.

    Koldehoff: Neun Monate später sind die geborgenen Bestände über Archive in ganz Europa verteilt - in unterschiedlichen Erhaltungszuständen. Sie werden auf Jahrzehnte hinaus für die Forschung nicht zugänglich sein, auch wenn es in Köln schon konkrete Planungen für einen Neubau gibt. Der allerdings muss erst finanziert werden, und das ist zurzeit alles andere als einfach. Am Ende des Jahres könnte man die Katastrophe von Köln als Menetekel für den Umgang mit Kultur in Deutschland insgesamt werten. Den Kommunen fehlt das Geld, in immer mehr Städten und Landkreisen drohen Nothaushalte, über die die Aufsichtsbehörden entscheiden. Vor den Folgen für die Kultur warnte früh schon der deutsche Kulturrat, die Dachorganisation der Kulturverbände in der Bundesrepublik. Sein Geschäftsführer, Olaf Zimmermann, sagte in "Kultur heute":

    Olaf Zimmermann: Wir wussten alle, dass das auf uns zukommen würde, weil man es ja, wenn man eins und eins zusammenzählt, schon erkennen kann, und dann passiert natürlich das, was wir immer befürchtet haben, dass man zuallererst dort versucht zu sparen, wo man es - zumindest juristisch - kann, nämlich bei den sogenannten freiwilligen Aufgaben, und da gehört die Kultur dazu.

    Koldehoff: Der Kölner Stadtkämmerer droht mit einer Kürzung des Kulturetats um ein Drittel, andere Kommunen ziehen nach. Was das konkret für eine kleinere Institution wie den Württembergischen Kunstverein in Stuttgart bedeutet, erläuterte in "Kultur heute" sein Direktor, Hans D. Christ:

    Hans D. Christ: Das wird sich in der Form niederschlagen, dass wir anstelle von sechs Ausstellungen im Jahr dann zwei bis drei machen können. Und das heißt auch, dass wir nicht mehr solche Dinge machen können, wie zum Beispiel die Unterstützung von künstlerischen Produktionen, und wir werden auch die ganzen jungen Leute, die ihre Kompetenz hier ausbilden, einfach nicht mehr in der Kontinuität absichern können - auch junge Leute, die eine Anstreicherausbildung haben und im Aufbau arbeiten, weil sie über den Markt nicht mehr beschäftigt werden, et cetera, et cetera.

    Koldehoff: In Hamburg schlossen sich Künstler zu einer Protestaktion zusammen, sie besetzten friedlich das historische Gängeviertel, das an einen Investor verkauft werden sollte, und forderten Arbeits- und Lebensraum statt schicker Wohnungen. Unterstützt wurden sie dabei von Kultursenatorin Karin von Welck.

    Karin von Welck: Für uns hat diese Besetzung des Gängeviertels auch dazu geführt, dass hier doch noch mal ein ganz intensiver Prozess des Nachdenkens in Gang gesetzt wurde, auch bei allen Teilen der Verwaltung, und man wirklich begriffen hat, dass es ganz wichtig ist, Künstlern Flächen zur Verfügung zu stellen.

    Koldehoff: Das Nachdenken half, die Politik folgte der Kultur. Tatsächlich machte die Stadt den Verkauf Mitte Dezember rückgängig. Die Hamburger Kunsthalle allerdings soll nach dem Willen ihrer Geldgeber Kunstwerke verkaufen, und die Stadt Wuppertal wird ihr Schauspielhaus schließen, weil sie die Renovierung und Unterhaltung nicht mehr bezahlen kann. Eine mögliche Alternative nannte der Kulturkritiker Stefan Keim in dieser Sendung:

    Stefan Keim: Wir haben ja in Sachsen wirklich eine Geschichte, die vorbildhaft ist: das Kulturraumgesetz. Da ist das so geregelt, dass diese ganzen Städte und Gemeinden, die um die großen Zentren herum liegen und natürlich von denen profitieren, dass die das Kulturleben mit finanzieren und das Land noch sehr viel drauf gibt. Ich denke, das ist in Anbetracht der Lage der allermeisten Städte in Deutschland inzwischen auch ein Modell, das man fast für fast jedes Land und für jede Kulturregion überdenken muss.

    Koldehoff: Nicht allein in Deutschland hat die globale Finanzkrise Auswirkungen auf die Kultur. Was generell geschehen kann, wenn man zu sehr auf die großen, teuren Prestigeprojekte setzt, beschrieb in unserer Sendung Michael Schindhelm. Der Regisseur und Kulturmanager war in Dubai für den Aufbau von Museen, Theatern und Opernhäusern zuständig - die meisten dieser Projekte wurden inzwischen eingestellt.

    Michael Schindhelm: Also man könnte ganz pauschal sagen, zunächst einmal bleibt nichts als die Konzepte, die jetzt erst einmal in einer Schublade gelandet sind. Was wirklich bleibt aber, ist der Virus für Kultur. Es gibt Ausstellungen, es gibt auch erste öffentliche Orte, es heißt also, erste Ansätze finden statt, und das ist neu.

    Koldehoff: Herr Gauck, nicht nur als ehemaliger Gemeindepastor wissen Sie, dass viele Menschen ganz andere Probleme als Kultur haben. Die Kinderarmut steigt, Schulen und Kindergärten sind in desolatem Zustand, Kirchen verfallen, Arbeitslosigkeit ist ein Problem, für das es nicht mal ansatzweise eine Lösung gibt. Darf man trotzdem Geld für die Kultur fordern oder gibt es in Zeiten wie diesen, wie es immer so schön heißt, wichtigere Dinge?

    Gauck: Nun, die Kultur ist gut beraten, wenn sie fordert. Würde man einmal die Bedürfnisse der Kultur und die Bedürfnisse der ganzen sozialen Welt an einen Tisch bringen, dann gäbe es da ein sehr lebhaftes Gespräch. Aber die Kultur muss für sich wissen: Wir sind wichtig. Und deshalb war ich sehr glücklich, jetzt die Beispiele zu hören, wo es zu einem fruchtbaren Gespräch gekommen ist, etwa in Hamburg. Und auch die Entscheidung, die wir aus Sachsen eben gehört haben in dem Beitrag, ist doch eine interessante Innovation, hier im Grunde Verantwortung auch breiter zu verteilen.

    Koldehoff: Es gibt immer mal wieder die Forderung, die Kultur doch als Staatsziel ins Grundgesetz zu schreiben. Die neue Regierung hat sich nun nach langem Hin und Her wieder dagegen entschieden. Haben Sie als Bürger, als Kulturkonsument mal drüber nachgedacht, ob Sie sich so was wünschen würden, Staatsziel Kultur?

    Gauck: Wissen Sie, die Sportler oder die Tierfreunde und alle möglichen Interessengruppen wollen ihre wichtigen Anliegen dann als Staatsziel in der Verfassung auch sehen - das ist nicht unbedingt erforderlich. Dieser Staat erkennt seine kulturelle Verpflichtung, und ich glaube, dass sich das wesentlich anders gestalten würde mit der Kultur als Staatsziel. Wenn eine Erweiterung der Staatsziele geplant wäre, würde mir das mit der Kultur eigentlich noch am ehesten schmecken, aber das ist nicht unbedingt erforderlich. Unsere Abgeordneten - sind kultivierte Menschen zum großen Teil - und unsere Regierung, die wir haben, können sich nicht einfach verabschieden von ihrer Verpflichtung, dieses Land in der Mitte Europas als einen Leuchtturm der Kultur weiter darzustellen, und das werden sie tun.

    Koldehoff: Dennoch gab es auch, das wurde in diesem Jahr sehr deutlich, einige, die die virtuelle Kultur für einen Ersatz für die reale Kultur halten. Schließlich bewegen wir uns alle mit unverminderter Geschwindigkeit in Richtung digitale Welt. Und wenn Google ganze Bibliotheken scannt, um sie anschließend ins Internet zu stellen, müssen die Stadtbibliotheken in Friedrichshafen, Meschede oder Kiel die entsprechenden Bücher ja auch gar nicht mehr kaufen - argumentieren zumindest begeistert einige Finanzpolitiker. Dass dabei neben anderen Risiken und Nebenwirkungen auch das Urheberrecht radikal verletzt wird, darauf wies in "Kultur heute" der Verleger Vittorio Klostermann hin:

    Vittorio Klostermann: Natürlich ist das ein Raubzug, denn es handelt sich hierbei nicht darum, dass die Verlage Google gestatten, über diese Rechte zu verfügen, sondern Google nimmt sich die Rechte und wartet nur ab, ob die Verlage im Einzelfall widersprechen.

    Koldehoff: Und Christian Sprang, Justiziar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, beschrieb in "Kultur heute" die handfesten Motive hinter der Google-Books-Idee:

    Christian Sprang: Google macht all dieses nicht, weil man, wie man immer wieder verlautbart, Bücher so toll findet und das alles so großartig ist, sondern Google macht das, weil man sich davon ein großes Geschäft verspricht. Und es könnte halt sein, dass diesem großen Geschäft dann auch wieder Teile der Kultur, der man zu dienen verspricht, dann sozusagen unwiederbringlich verloren gehen.

    Koldehoff: Wo nämlich das Urheberrecht nicht mehr geachtet wird und alles im Internet kostenlos zugänglich ist, verdienen die Verlage auch nichts mehr an ihren Büchern. Und irgendwann werden sie dann vielleicht auch gar nicht mehr gedruckt oder nur noch umsatzstarke Bestseller und nur noch von einigen wenigen Großverlagen, die es sich noch leisten können - und an immer weniger Orten. Darauf wies der Autor Thomas Hettche hin, als im Sommer bekannt wurde, dass der Suhrkamp-Verlag aus Frankfurt nach Berlin umzieht - auch aus Kostengründen, wie es offiziell hieß.

    Thomas Hettche: Ich finde es sehr schade, dass Frankfurt, die ja im Grunde Literaturhauptstadt dieses Landes ist mit der Buchmesse und dem Börsenverein und der Darmstädter Akademie und den Zeitungen und den anderen Verlagen, die noch da sind, dass Frankfurt es, glaube ich, sträflich vernachlässigt hat in den letzten Jahren, diese Karte zu spielen und die Kultur in der Stadt zu verbessern, und dass dieser Schritt jetzt folgerichtig ist. Ich glaube, dass einfach der Zeitpunkt gekommen ist, dass diese Gravitation in die Hauptstadt anfängt, das Land in der Breite quasi auszusaugen, dass man alles tun muss, um gerade eine Bürgerstadt wie Frankfurt zu stärken.

    Koldehoff: Man müsse, fordert Hettches Autorenkollegin Juli Zeh, über neue Regeln für den Umgang mit geistigem Eigentum nachdenken und ganz grundsätzlich auch über die Frage, ob die zunehmende Vernetzung von Computern, Datenbanken und Behörden eigentlich noch mit dem Recht auf Selbstbestimmung und mit der Würde des Menschen vereinbart sei. Juli Zeh unterstützt deshalb die Piratenpartei, die bei der Bundestagswahl im November mit beachtlichem Ergebnis antrat.

    Juli Zeh: Ich habe die Hoffnung, dass das eine Entwicklung ist, die vielleicht vergleichbar sein könnte der Entwicklung des Umweltschutzes vor einigen Jahrzehnten, nämlich eine Bewegung, die sich eines neuen Themas annimmt und irgendwann auch die Gesellschaft erfassen wird und den Menschen klarmachen wird, dass wir es damit tatsächlich mit einem ganz wichtigen, alle betreffenden Thema zu tun haben.

    Koldehoff: Freier Zugang für alle. Herr Gauck, Sie haben gerade ein neues Buch veröffentlicht. Würden Sie den Vertrag von Google unterschreiben, nach dem das Buch gescannt werden und kostenlos ins Internet gestellt werden darf?

    Gauck: Wissen Sie, meine Rolle als Autor ist so neu, ich bin da nicht besonders kompetent. Ich warne nur davor, einer solchen Truppe wie der Piratenpartei nun die Verantwortung dafür zuzuschieben, dass Recht und Gesetz auch auf diesem Gebiet erhalten bleiben. Nein, wir haben ein ausgeprägtes Rechtssystem und wir haben einen Bundesbeauftragten für Datenschutz und Landesbeauftragten, und hier wird sehr viel investiert, den Datenschutz als Bürgerschutz auch zu interpretieren. Das wird nicht einfach sich in Luft auflösen.

    Koldehoff: Sie haben lange Jahre einer Behörde vorgestanden, die mit Daten umgehen musste, mit Daten, die ein Unrechtsregime über seine Bürger, aber auch über Bürger anderer Staaten gesammelt hat. Und als dieses Regime dann zusammenbrach, da war die Frage, was geschieht damit. Man hat sehr skrupulös ein Regelwerk erarbeitet, was kann unter welchen Bedingungen überhaupt öffentlich gemacht herausgegeben werden. Heute beobachten wir, fast 20 Jahre später, eine Tendenz dazu, dass die Bürger ganz freiwillig bereit sind, im Internet auf Portalen wie StudiVZ oder MySpace - und es gibt noch viele andere - alles Mögliche über sich preiszugeben. Was ist da geschehen?

    Gauck: Sie haben vorhin schon bei dem Google-Thema ein Problem angesprochen, was noch nicht gelöst ist. Einige interpretieren jetzt diese neuen Möglichkeiten des Netzes als grundsätzlichen Zugewinn an Demokratisierung. Informationen werden breiteren Kreisen zugänglich. Andere weisen - meines Erachtens mit Recht - auf die Gefahren hin. Und diese Leichtfertigkeit der Bürger geht zusammen mit einer gewissen Interessenlosigkeit an der Rolle des Bürgers. Viele dieser Bürger gehen auch nicht mehr wählen. Das heißt, politisch gesprochen leben sie in Ohnmacht. Sie tauschen die Existenz des Bürgers in die eines Konsumenten ein. Und darum sind ihnen wesentliche Bürgerrechte auch im Moment nicht so wichtig. Sie würden wieder wichtiger werden, wenn sie negative Folgen spüren würden, wenn sich aus dieser Hergabe von Daten wieder eine Bedrohung à la Stasi entwickeln würde. Oder Unternehmen wollen ein leichtes Spiel haben oder unternehmerische Netzwerke schaffen sich Datenbanken an, die auf den ersten Blick nicht gefährlich sind. Aber für einen, der dann bösartige Ziele verfolgt, sind sie eben eine Gefahr.

    Koldehoff: Also ein Wandel von einer politischen Diktatur zu einer kommerziellen Diktatur?

    Gauck: Ja, Diktatur würde ich nicht sagen, sondern es ist eine kollektive Interessenlosigkeit.

    Koldehoff: Und ist das eine Entwicklung, die sich irgendwann auch mal wieder zurückentwickeln könnte?

    Gauck: Es wird Wellenbewegungen geben, es wird in Zeiten, wo der Bürger Bedrohung erkennt, wieder mehr Bürgeraktivitäten für Bürgerrechte geben. Die fatale Folge einer an und für sich guten Entwicklung, gesicherte Demokratie, ist die, dass dann viele meinen, sie müssten keine Demokraten mehr sein, also sich nicht mehr verantwortlich für ihr Gemeinwesen engagieren. Und da sind übrigens Kultur und Politik in einem Boot. Wir wollen Menschen, die sich ihrer Rolle als Mitmenschen bewusst sind und die gestalten wollen, die ihre Individualität nicht nur dafür einsetzen, dass sie zwischen verschiedenen Konsumartikeln wählen.

    Koldehoff: Der 9. November 2009, der Tag, an dem die Mauer zwischen Berlin-Ost und -West 20 Jahre zuvor nicht wirklich fiel, aber sich öffnete, da war in Berlin ein riesiges Volksfest mit prominentem Politbesuch, mit albernen Showeinlagen, aber auch mit nachdenklichen Momenten. Daran - wir haben vorhin darüber gesprochen -, dass alles schon früher, lange vor dem 9. November begann, erinnerte in unserem Programm der Schriftsteller Ingo Schulze, und daran, wer eigentlich den Ruf "Wir sind das Volk" provoziert hatte:

    Ingo Schulze: Dann riefen sie: Hier spricht die Volkspolizei, bitte verlassen Sie die Straße! Man konnte die gar nicht verlassen. Und da rief dann jemand: Nee, wir sind doch das Volk, ihr seid nur die Volkspolizei. Und so entstand es: Wir sind das Volk! Und da, also plötzlich begriff man es, so ist es. Und es war natürlich auch immer eine Rechtfertigung zu sagen, wir sind nicht die Rowdys, wir sind nicht irgendwelche westlichen aufgehetzten Elemente, wir sind gar nicht die, die raus wollen, wir bleiben hier, wir sind das Volk.

    Koldehoff: Bleiben oder weggehen? Nicht für jeden war diese Frage, die sich viele Intellektuelle in der DDR stellten, einfach zu beantworten. Die Autorin und Regisseurin Freya Klier erzählte über ihre Perspektive:

    Freya Klier: Im Jahr 1966 ist mein Bruder verhaftet worden, zusammen mit ein paar Freunden, sieben Jungs, die nichts weiter gemacht haben als heimlich Stones- und Beatles-Texte zu tauschen, das Pech hatten, dass der ABV, also verantwortliche Streifenpolizist, um die Ecke kam. Die haben die Texte nicht rausgerückt, der hat die Jungs mit seiner Dienstwaffe in Schach gehalten, hat das Überfallkommando der Polizei gerufen, und dann wurde allen sieben erst mal der jeweils rechte Arm ausgekugelt, eine ungeheuer schmerzhafte Angelegenheit. Es gab die Gefängnisstrafe, vier bis elf Jahre. Das war für mich eigentlich der i-Punkt auf dieses "Ich halt es nicht mehr aus".

    Koldehoff: Nach Inhaftierung und Androhung einer langen Gefängnisstrafe entschied sich Freya Klier 1988, die DDR zu verlassen. Der Künstler Via Lewandowsky, Jahrgang 1963, blieb. Er stellte sich mit seiner Kunst gegen das Regime.

    Via Lewandowsky: Ich glaube, die, die um mich herum waren, haben das vielleicht auch in einer gewissen Art und Weise gesehen und vielleicht dann auch immer gedacht, na, der ist verrückt oder was macht der, was traut der sich, warum tut er das, aber ich war dann auch irgendwann nicht mal mehr der Einzige, also ich war dann auch sozusagen mit anderen zusammen, die ähnlich agiert haben, dann im Studium. Und das, glaube ich, hat dann schon auch neben vielen anderen kleinen Tropfen zu diesem Strom geführt, der dann den Damm zum Brechen brachte.

    Koldehoff: Und die Frage, was das denn nun genau war, was wir da vor 20 Jahren erlebt haben - Wende, Evolution, Revolution -, beantwortete für sich der Schriftsteller Thomas Rosenlöcher in "Kultur heute":

    Thomas Rosenlöcher: Für mich war schon wichtig, dass man plötzlich mal auf der Straße stand und wofür sich vielleicht andere genierten, Schriftsteller vielleicht, plötzlich Dinge zu rufen, die heute sehr trivial klingen: Wir sind das Volk oder wir bleiben hier. Und dass das ein Akt der Selbstreinigung war und dabei auch ein Glücksgefühl, sozusagen jetzt mal geradegestanden zu haben eben mit dem Gefühl, dass man abgehen konnte, dass vielleicht gleich Panzer kommen könnten. Revolution klingt sehr empathisch, aber ich habe kein besseres Wort. Wende ist auch affisch.

    Koldehoff: Herr Gauck, Sie haben gerade genickt, als dieser O-Ton lief. Haben Sie auch auf der Straße gestanden und "Wir sind das Volk!" gerufen?

    Gauck: Ja, selbstverständlich. Und ich spüre auch in diesen Wortbeiträgen noch etwas von der Emotion der damaligen Zeit. Deshalb habe ich vorhin gesagt, für uns war das das Größte, als das mit uns zum ersten Mal passierte, dass wir eben nicht mehr verschreckt und ängstlich auf die Volkspolizisten starrten, immer noch mit Angst, aber unser Mut war größer als unsere Angst. Und diese Phase, als wir unseren Ängsten den Abschied geben mussten und uns wiederentdecken, die ist so meisterhaft und wunderbar kulminiert in diesem Wort "Wir sind das Volk!". Es ist der schönste Zeit der deutschen Politikgeschichte, weil er so ermächtigend ist. Und der hat diejenigen, die uns so unterdrückt haben, total demontiert, denn die Genossen fragten sich, wenn die das Volk sind, was sind wir dann. Und sie fingen an, in ihrer Partei selber dann miteinander zu streiten über diese Form von Herrschaft. Also das ist eine wunderbare Erinnerung. Und es hat sich am 9. November gezeigt, dass etwas von dieser Erinnerung noch drin ist. Hier war völlig überraschend der 9. November ein Volksfest. Das heißt, die Bevölkerung ging mit positiven Emotionen daran heran, und manche etwas zweifelhafte Inszenierung dieses Tages ist dann auch untergegangen unter dieser Art, wie die Bevölkerung den Tag angenommen hat.

    Koldehoff: Freya Klier und Via Lewandowsky haben die große Ambivalenz zwischen Gehen und Bleiben beschrieben. Haben Sie sich die Frage je gestellt?

    Gauck: Ach ja, so oft. Als Kind bin ich ihr schon begegnet. Als mein Vater zurückkam aus Sibirien 55, hat die Familie sich gefragt, sollen wir in den Westen gehen, da ist es doch leichter. Wir sind geblieben, aus Anhänglichkeit ans Land, aber wir dachten auch, wir können doch dieses Land, die Mehrheit ist doch gar nicht kommunistisch, warum sollen wir es den Kommunisten überlassen. Und jetzt auf meine alten Tage habe ich meine Erinnerungen aufgeschrieben, und da gibt es ein Kapitel "Bleiben oder Gehen?". Und da ist noch mal mir deutlich geworden, dass das ja nicht nur ein gesellschaftliches Thema war, sondern in meiner eigenen Familie: Gehen dann meine großen Kinder weg? Die konnten nicht Abi machen, die konnten nicht studieren, und der Älteste wollte unbedingt Arzt werden. Und irgendwann hat es ihm gereicht, er hat alles versucht und es ging nicht. Und so ging er weg, wie vor ihm manche Künstler und andere Arbeiter gegangen sind, Ärzte, und er musste lange warten. Und ich wollte das immer noch nicht erleiden, aber ich spürte plötzlich, die gehen weg, und ich habe versucht, jede Trauer mir zu verbieten. Ich war ein ganz mutiger Mann und habe meiner trauernden Frau dann erklärt, das ist doch ganz normal. Und jetzt, 20 Jahre später, als ich es aufgeschrieben habe, sind mir die Tränen wie Wasser aus den Augen rausgelaufen und ich habe gespürt, mein Gott, du hast überhaupt damals nicht an deinen eigenen Freiheitswillen gedacht. Und deshalb spüre ich so intensiv heute, wie die Menschen auch mit dieser Frage gerungen haben: Bleiben oder Gehen? Ich bin dann doch froh, dass so viele geblieben sind, die dann gesagt haben: Wir sind das Volk! Aber ich verstehe heute besser die, die gegangen sind.

    Koldehoff: Wenn Sie dann in diesem Jahr von einer Studie hören, nach der die Generation der nach 89 Geborenen mit der DDR vielleicht noch das Ampelmännchen verbinden und die Kinderkrippen, von denen ihnen erzählt wird, und dann doch so etwas wie Ostalgie und vielleicht war es alles doch gar nicht so schlimm zum Tenor wird, wie geht es Ihnen dann?

    Gauck: Ja, dann bin ich manchmal wütend und manchmal traurig, manchmal lache ich auch, weil es eine Mischung aus einer oberflächlichen Banalität ist und einer sehr ernsthaften Flucht. Vergangenheit anzuschauen, so, wie sie wirklich war, bedeutet ja nicht nur, Fakten wiederzuentdecken, sondern auch Gefühle. Sie haben das eben bei mir gemerkt, als ich über Freiheit und den Wunsch nach Freiheit gesprochen habe. Und die Nostalgie gibt es doppelt: Es gibt sie als politisches Programm einer bestimmten Richtung, aber es gibt sie ganz unpolitisch, einfach als das Bedürfnis von Menschen, sich so zu erinnern, dass Erinnerung nicht weh tut. Helfen tut dieses Erinnern nicht, sondern helfen tut ein Erinnern, was uns konfrontiert mit der Wirklichkeit des gelebten Lebens. Und dazu gehört die Angst, von der Herta Müller zu Beginn dieser Sendung gesprochen hat. Sie wieder aufzurufen, das Land noch mal anzuschauen, dieses von Mehltau überzogene Land mit seinem Amalgama aus Anpassung und Angst, das noch einmal zu vergegenwärtigen. Und wenn die jungen Leute das nicht vermögen, okay, die haben es nicht gelebt, aber dass die Alten so darüber schweigen, das ist nicht gut.

    Koldehoff: Andererseits kennen wir die Entwicklung von 45, oder?

    Gauck: Wir kennen es, wir Älteren haben ein Déjà-vu ...

    Koldehoff: Was können wir diesmal besser machen?

    Gauck: ... und wir haben - die Politik hat sehr entschieden reagiert nach dem Zusammenbruch dieser Diktatur - wir hatten aus den Fehlern gelernt. Wir wollten nicht diese Schlussstrich-Politik der frühen Adenauer-Ära, sondern gleich offene Augen, gleich offene Akten. Und die Hälfte der Bevölkerung geht da auch mit - oder sagen wir sogar zwei Drittel. Aber ein Teil der Bevölkerung lebt eben wie im Westen vor 1968: Nichts wissen wollen von dem alten Zeug, am liebsten einen Betondeckel drüberlegen und schweigen, schweigen, schweigen. Es war eine wichtige Phase, als im Westen die Mitscherlichs der Nation das Buch schrieben von der Unfähigkeit zu trauern. Das heißt, mit Trauer, mit genauem Hinsehen, mit diesen dunklen Gefühlen, die noch mal hochkommen, vollzieht sich auch dann so etwas wie ein echter Abschied und ein echter Neubeginn. Und dann kann man sich öffnen für die offene Gesellschaft. Sie wird dann plötzlich reizvoll und die Freiheit macht dann plötzlich nicht mehr nur Angst, was heute vielfach der Fall ist.

    Koldehoff: Und sonst: Auch 2009 gab es trotz Krise wieder großartige Premieren und Ausstellungen, fanden Kongresse und Vorträge statt, die das Bewusstsein erweiterten und zeigen konnten, dass das Leben eben nicht allein aus Arbeiten und Essen besteht. Das Dresdner Elbtal verlor wegen der Waldschlösschenbrücke seinen Status als Weltkulturerbe, Christian Thielemann, der Dirigent, verlässt München, das Stadtschloss darf gebaut werden. Und wie am Ende jedes Jahres trauert die Kulturwelt auch wieder um ihre Toten, um die Schriftsteller John Updike und Johannes Mario Simmel, um den Maler Ruprecht Geiger, den Bildhauer Alfred Hrdlicka und die Künstlerin Jeanne-Claude, um die Regisseure Jürgen Gosch, Peter Zadeck und Nicki List, die Musiker Charlie Mariano, Michael Jackson und Al Martino, um die Choreografen Merce Cunningham und Pina Bausch und um den Jahrhundertdenker Claude Lévi-Strauss. Herr Gauck, insgesamt zurückblickend, war es ein gutes Jahr?

    Gauck: Ich glaube, wir brauchen etwas mehr Abstand, aber es war nicht so schlimm wie die öffentliche Hysterie es gelegentlich dargestellt hat. Es scheint mir manchmal so, als ob diejenigen, die sich sicher fühlen dürfen, Gott sei Dank, dass die ein irgendwie quasi natürliches Bedürfnis nach Bedrohung haben, und dann werden alle Krisen gleich zu Menschheitskrisen, oder es werden kleine Bedrohungen wie Schweinegrippe plötzlich zu einer Gefahr wie die Pest im Mittelalter. Und da müssen Intellektuelle kühl bleiben und nicht zu denen gehören, die aus Gründen des besseren Verkaufs nun noch Öl in das Feuer gießen. Wir brauchen eine nüchterne Haltung gegenüber den Bedrohungen unserer Tage. Aus der Nüchternheit entsteht Entschlossenheit und schöpferischer Wille, wenig aus der Angst.

    Koldehoff: Und mit diesem Schlusswort endet der "Kultur heute"-Rückblick auf das Jahr 2009. Haben Sie herzlichen Dank, Herr Gauck.