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"Wir haben ein Gewissen und zwar in allen Teilen der Welt das gleiche Gewissen"

Edzard Reuter, geboren am 16. Februar 1929 in Berlin, Naturwissenschaftler und Jurist. Als Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG deutscher Spitzenmanager in den Jahren 1987 bis 1995. Ende September wird sein neuestes Buch erscheinen: "Stunde der Heuchler. Wie Manager und Politiker uns zum Narren halten". Im Gespräch blickt der heute 82-Jährige auf sein Leben zurück.

29.07.2010
    Edzard Reuter, geboren am 16. Februar 1929 in Berlin, Naturwissenschaftler und Jurist. Als Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG deutscher Spitzenmanager in den Jahren 1987 bis 1995. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ging Edzard Reuter 1935 mit seinen Eltern ins türkische Exil und verlebte dort seine Kindheit und Jugend. 1945, Rückkehr der Familie nach Berlin. Zunächst Studium der Mathematik und der theoretischen Physik. Von 1949 bis 1952 absolvierte Reuter ein rechtswissenschaftliches Studium an der Freien Universität Berlin. 1955 legte er die Große Juristische Staatsprüfung ab und war von 1954 bis 1956 Assistent an der Universität. Von 1957 bis 1962 war er Prokurist der UFA Berlin, danach Mitglied der Geschäftsleitung der Bertelsmann Fernsehproduktion in München. Ab 1964 Mitglied des Vorstands der Mercedes-Benz AG in Stuttgart. 1987 wurde er zum Vorsitzenden des Vorstandes berufen. Als Konzernchef wurde Edzard Reuter zu einem der einflussreichsten und umstrittensten Manager Deutschlands. Er gehörte unter anderen dem Präsidium des Bundesverbandes der Deutschen Industrie BDI an. Edzard Reuter engagierte sich auch als Senatsmitglied der Max-Planck-Gesellschaft und anderer wissenschaftlicher und kultureller Einrichtungen. 1998 wurde Reuter mit der Ehrenbürgerwürde Berlins geehrt. Ende September wird sein neuestes Buch erscheinen: "Stunde der Heuchler. Wie Manager und Politiker uns zum Narren halten". So heißt der Band, den der Verlag als Polemik bezeichnet. Edzard Reuter ist verheiratet und hat zwei Söhne.

    Im Zeitzeugengespräch der ehemalige Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter.

    Kindheit und Jugend am Bosporus
    "Ich bin in der Türkei aufgewachsen. Das ist meine zweite Heimat."

    Stephan Detjen: Herr Reuter, wenn wir dieses Gespräch im türkischen Rundfunk führen würden, könnten Sie es auf Türkisch führen?

    Reuter: Ich fürchte das kann ich nicht mehr auf Anhieb, jedenfalls, wenn ich so ein paar Tage in der Türkei bin, kommt es dann langsam wieder, aber ich bin nicht so ganz sicher, ob die Hörer in der Türkei mich noch so ganz verstehen würden, denn ich spreche ein ganz antiquiertes, altes, klassisches Türkisch. Die Sprache hat sich inzwischen so verändert wie das Deutsche auch.

    Detjen: Sie haben einen großen Teil Ihrer Kindheit in der Türkei verbracht und ich habe mal gelesen, in dieser Zeit, in der Sie dort gelebt haben, das war nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland bis 1946, haben Sie besser türkisch als deutsch gesprochen.

    Reuter: Ja, das ist wahr. Ich bin da groß geworden. Die Türkei ist meine, wenn Sie wollen, mindestens zweite Heimat, wenn nicht die erste Heimat, und ich habe natürlich von Anfang an, nachdem wir 35 nach Ankara gekommen sind, mein Vater musste emigrieren als politisch engagierter Mensch, als Oberbürgermeister von Magdeburg, im KZ gleich gewesen, musste raus aus Deutschland und wir waren seitdem immer in der Türkei. Und ich habe meinen Schulunterricht dort bekommen, ich habe meine Ausbildung dort bekommen, aber natürlich jeden Tag mit türkischen Freunden und Freundinnen Umgang gehabt und das prägt einen dann schon sehr entscheidend mit. Immerhin elf Jahre meines Lebens.

    Detjen: Sie haben es gesagt, Herr Reuter, Ihr Vater Ernst Reuter, der spätere berühmte große regierende Bürgermeister von Berlin, ist als Sozialdemokrat in die Emigration gegangen. Es waren viele Emigranten da in der Türkei in dieser Zeit. Wie hat Sie diese Erfahrung auch als politische – frühe politische Lebenserfahrung geprägt?

    Reuter: Es war in vielerlei Hinsicht für meine Eltern natürlich eine sehr schwere Zeit. Denn, anders als viele andere Emigranten, die aus rassischen Gründen Deutschland verlassen mussten, wollten meine Eltern natürlich so schnell wie möglich nach dem Ende der Naziherrschaft – sie waren der Meinung, die würde sehr viel kürzer sein, als es sich schließlich in der Realität ergeben hat –, sie wollten nach Deutschland dann zurück und das heißt, die Türkei ist für sie ein hochwillkommener, ein gastfreundlicher Aufenthaltsort gewesen. Aber nie etwas, wo sie Wurzeln geschlagen haben.

    Detjen: Sie haben gerade gesagt, ihre Eltern haben keine Wurzeln in der Türkei geschlagen. Für Sie, vielleicht hör' ich das falsch aus Ihren Schilderungen heraus, war das möglicherweise anders, Sie waren - glaube ich - nicht auf einer türkischen Schule, sondern mit anderen Emigrantenkindern wurden Sie von deutschen Lehrern auf Deutsch unterrichtet, aber Sie haben gesagt, Sie hatten türkische Freunde. Sie haben also in einer türkischen Lebenswelt auch gelebt.

    Reuter: Ja, ganz, ganz eindeutig. Es ist richtig, ich hab Schulunterricht, meine ganze Schulausbildung auf Deutsch bekommen, und Sie werden lachen, nicht etwa von mehreren Lehrern, sondern von einer einzigen Frau, einer großartigen Persönlichkeit, einer Deutschen, die mit einem türkischen Ehemann verheiratet war, die Lehrerin war und die gesamte Palette der Schulausbildung bis zur Abiturreife unterrichtet hat. Das kann man sich fast nicht mehr vorstellen heute, aber es war so. Das war Sprachen, Latein, Englisch, Französisch, es war Deutsch, Literatur, Geschichte, alles was dazugehört, aber auch die naturwissenschaftlichen Fächer, Mathematik, Physik, alles was dazugehörte, hat sie unterrichtet. Daneben aber, den Rest des Tages sozusagen, habe ich regelmäßig mit türkischen, gleichaltrigen Freunden verbracht, sei es beim Kicken auf dem Hof, sei es später auf dem Tennisplatz, beim Reiten, beim Schwimmen, wo auch immer waren wir zusammen und ein Herz und eine Seele. Und ich wiederhole deswegen noch einmal und sage das auch immer wieder gerne: Ich bin in der Türkei aufgewachsen, und das ist meine zweite Heimat.

    Detjen: Bis heute? Wie erleben Sie heute die Türkei: als ein Land zwischen der islamischen Welt und einem modernen Europa?

    Reuter: Ich glaube, man macht da einen großen Fehler, wenn man die Türkei der islamischen Welt zurechnet.

    Detjen: Zwischen Europa und der islamischen Welt?

    Reuter: Sie ist sicherlich ein – die Türkei ist ein Land, das auf der Grenze steht in der Tat zwischen Westeuropa, manche sagen dem christlichen Westeuropa, was ich bezweifle, dass das eine richtige Bezeichnung wäre, und auf der anderen Seite stärker islamisch geprägten Ländern. Aber die Türkei ist seit der Revolution, die 1923 ja ausgelöst worden ist durch Kemal Atatürk und seine Regierung, ist ein Land, das sich ganz bewusst westlich orientiert hat, nach Westen geöffnet hat, ein westliches Ausbildungssystem hat, eine westliche Verwaltung, eine westliche Rechtsprechung, was auch immer Sie wollen, inzwischen eine außerordentlich gut integrierte Wirtschaft mit vielen Unternehmen, die weltweit tätig sind. Es ist ein modernes Land. Richtig ist, statistisch gehören, ich weiß nicht, 90 Prozent der Türken dem Islam an, so ist es statistisch. Ich weiß allerdings nicht, ob ein großer Unterschied in der Realität ist zwischen dem was wir bei uns in den klassischen westeuropäischen Ländern erleben. Man ist Christ, aber ob man wirklich in die Kirche geht und wirklich diese Religion ausübt oder angenommen hat, das bezweifle ich sehr stark, und das gilt auch für die Türken.

    Detjen: Viele der Anhänger der laizistisch von Kemal Atatürk geprägten Türkei empfinden sich heute als bedroht durch die Politik von Erdogan, durch die Suche der Türkei nach einer möglicherweise neuen Stellung zwischen den Welten. Können Sie diese Sorgen nachempfinden?

    Reuter: Natürlich kann ich die nachempfinden. Aber ich glaube nicht, dass sie berechtigt sind. Ich habe natürlich zu Anfang, als die AKP, die Partei von Erdogan so eine große Mehrheit bekommen hat, und sie ist immerhin die Nachfolgepartei des Herrn Erbakan, der nun wirklich ein Islamist gewesen ist, habe ich auch meine Befürchtungen gehabt, so wie viele andere in der Türkei auch. Aber ich glaube, das hat sich in der Realität nicht so erwiesen, keine andere türkische Regierung bisher hat sich so intensiv und so entschieden um die Mitgliedschaft in der Europäischen Union bemüht und hat versucht und daran gearbeitet und tut das bis heute, die Forderungen der Europäischen Union nach einer integrativen Politik, das heißt der Herstellung gleicher Lebens- und Rechtsbedingungen der Türkei, so intensiv daran gearbeitet wie die Regierung unter Herrn Erdogan.

    Detjen: Würden Sie eine Integration der Türkei in die Europäische Union gern noch erleben oder ist das, wie Bundeskanzlerin Merkel sagt, ein Projekt für kommende Generationen?

    Reuter: Das müssen wir abwarten. Ich denke die Zeit hat sich in den letzten Jahren wieder oder die Zeitläufe haben sich in den letzten Jahren wieder geändert. Vor ein paar Jahren hat man vielleicht tatsächlich noch das so erwartet wie Frau ... wie Sie jetzt Frau Merkel zitieren, aber Frau Merkel hat auch schon öfter mal ihre Meinung geändert in ihrer Regierungszeit und ich bin ziemlich sicher, sie wird auch in Sachen Türkei ihre Meinung ändern müssen, denn man kann sich nicht herumdrücken um diese Entscheidung. Man hat der Türkei seit vielen Jahren, nicht erst seit den Kopenhagener Beschlüssen, seit vielen Jahren die Mitgliedschaft in Aussicht gestellt, wenn sie denn die Voraussetzungen erbringt, und das kann man nicht einfach auf die lange Bank schieben und sagen: Wir wollen euch nicht, ihr seit bis dahin privilegierte Partner.

    Rückkehr nach Deutschland, die Stationen Hannover und Berlin.
    "Dabei sein, wenn Deutschland wieder aufgebaut wird."

    Detjen: Gehen wir noch mal zurück: 1935 hat ein siebenjähriger Knabe, Edzard Reuter, Deutschland verlassen, 1946 ist ein junger 18-jähriger Mann, Edzard Reuter, nach Berlin zurückgekehrt. In was für ein Land sind Sie da zurückgekommen und was für ein junger Mann war das?

    Reuter: Es war ein junger Mann voller Erwartungen, voller Hoffnungen, der natürlich miterlebt hat, wie die Eltern fiebern, nach Deutschland zurückzukommen. Und dieser junge Mann hat auch den gleichen Drang vom Elternhaus mitbekommen, an der Zukunft seines eigenen Landes, seines eigenen Volkes ein bisschen mitarbeiten zu dürfen. Das heißt, der wollte anfangen zu studieren, der hat sich damals eingebildet, er könne eines Tages Nobelpreisträger für Mathematik oder Physik werden. Das hat sich später als falsch herausgestellt, diese Hoffnung, aber, er wollte einfach dabei sein, wenn Deutschland wieder aufgebaut wird, wenn Deutschland zu einem demokratischen, freien Land wieder wird und zur Gemeinschaft der freien Völker wieder gehört. Da wollte er dabei sein. Was er erlebt hat bei der Rückkehr, das war zunächst einmal ein Schock, ein furchtbarer Schock. Immerhin, die Türkei war ein friedliches Land, sie hat das Glück gehabt, nie in den Krieg hereingezogen zu sein. Wir kamen also aus einer völlig unzerstörten, normalen Umgebung mehr oder minder von einem Tag zum anderen in das zerstörte Hannover. Und bis heute gehört es zu den grausigsten Dingen, die ich nie vergessen werde. Wenn ich in Hannover am Hauptbahnhof aus dem Zug steige, steht mir das Bild heute noch vor Augen. Wenn man runterging vom Bahnsteig in den Verbindungstunnel, der die Bahnsteige verbindet miteinander, das war die Hölle, das war die wirkliche Hölle, denn es war voll mit Hunderten, ich weiß nicht, ich habe damals gemeint Tausenden von Menschen, die dort lagen, ausgehungert, ausgemergelt, viele von ihnen mit Lumpen an den Füßen ohne Schuhe, mit ihrem letzten Hab und Gut, Flüchtlinge, die dort warteten, wie es mit ihnen überhaupt je weitergehen könnte. Und wenn man dann aus diesem Tunnel rauskam auf den Vorplatz, mitten in einer Trümmerwüste stand man. Es fuhren ein paar Straßenbahnen, deren Fenster mit Pappe vernagelt waren, Trauben von Menschen hinten drin, es war alles, was man hatte. Es war also wirklich mit einem Schlag ein Bild des Grauens, und das muss man erst einmal verarbeiten. Ich habe es nie verarbeitet, weil es mir gezeigt hat, was Krieg bedeutet und was Krieg mit Menschen anfängt und aus ihnen machen kann.

    Detjen: Ihr Vater hat dann in Berlin eine große politische Karriere gemacht. Fünf Jahre nach der Rückkehr nach Deutschland war Ernst Reuter regierender Bürgermeister von Berlin. Welche Rolle hat diese politische Figur im Leben für Sie gespielt?

    Reuter: Ich bin sehr oft in meinem Leben schon gefragt worden, ob ich eigentlich immer diesem Übervater nachgelebt hätte und sozusagen unter dem Druck gestanden hätte, ihm zu beweisen, dass ich auch mit meinem eigenen Leben was anfangen kann. Ich ...

    Detjen: ... ein Übervater muss ja nicht unbedingt jemand sein, dem man nachlebt, man kann dann auch sozusagen Gegenentwürfe leben als – genau ...

    Reuter: ... es kann auch das Gegenteil sein. Da haben sie vollkommen recht. Also keines von beiden ist der Fall. Ich bin wirklich in einem vorbildlichen, glücklichen Elternhaus aufgewachsen. Mein Vater ist für mich eine faszinierende, große Persönlichkeit gewesen und ist es bis heute. Ich habe in meinem ganzen Leben eine solche Persönlichkeit ein einziges Mal vielleicht wiedererleben dürfen, das war oder ist Nelson Mandela. Sonst habe ich niemanden erlebt, den ich mit meinem Vater messen würde, aber er ist trotzdem für mich nie ein Gott gewesen oder ein Teufel, wie Sie sagen, keins von beiden. Ich habe versucht, mein Leben so zu leben, wie ich es gelernt habe, wie ich groß geworden bin, wie ich geprägt worden bin durch mein Elternhaus. Das habe ich versucht zu tun. Natürlich, richtig ist, die politische Einstellung, meine Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie ist natürlich durch das Elternhaus beeinflusst, das ist kein Zweifel.

    Detjen: Ihr Vater gehört zu den Politikern, die mit – denen es gelungen ist, mit einem Satz in die Geschichte einzugehen, in dem sich Stimmungen und Botschaften einer Zeit widerspiegeln. Das war die Rede während der Blockade Berlins, der Satz "Völker dieser Welt, schaut auf diese Stadt". Haben Sie die Rede eigentlich gehört damals?

    Reuter: Oh ja, ich habe danebengestanden, ganz nah an dem Pult vorm Reichstag, damals vorm Reichstag, der Ruine des Reichstags war es ja damals noch, natürlich.

    Detjen: Vor zwei Jahren hat der damalige Präsidentschaftskandidat aus den USA, Barack Obama, seine Rede, die er in Berlin vor der Siegessäule gehalten hat, im Grunde so als eine Art Reflexion über diesen Satz Ihres Vaters angelegt. Übertragen auf die heutige Welt, auf die globalisierte Welt, in der wir heute leben, ein Versuch Lehren zu ziehen aus der Geschichte Berlins, aus dem Blick auf diese Stadt, wie haben Sie diese Rede gehört, und was kann man heute aus dieser Haltung, die ihr Vater damals demonstriert hat, aus diesem Satz noch lernen?

    Reuter: Ich habe natürlich auch die Rede von Obama gehört und war natürlich tief beeindruckt von der Rede als solcher, nicht nur von dem Bezug auf diese Ansprache meines Vaters. Es ging wohl Obama um etwas, was in der Tat damals für Berlin und für die Politik in Berlin und auch für meinen Vater eine entscheidende Rolle gespielt hat, nämlich das Stichwort der Freiheit der Menschen und der Freiheit für die Menschen in aller Welt. Wobei man, wenn ich das in Klammern hinzufügen darf, nicht den Fehler machen darf, diese Rede oder diesen Satz aus der Rede meines Vaters falsch zu verstehen. Das war nicht etwa ein pathetischer Ausruf, zu sagen: Schaut mal auf Berlin, was das für eine tolle Stadt und für ein tolles Volk ist, sondern es war eine knallharte Aufforderung an die Völker der Welt, ihre Regierungen zu drücken, dass sie den Russen nicht nachgeben.

    Detjen: Ein Hilferuf auch.

    Reuter: Das war ein Hilferuf, ein eindeutiger Hilferuf an die Völker der Welt. Und so hat es sich dann ja schließlich auch ausgewirkt, und das besagt zugleich, dass natürlich die geschichtliche Leistung meines Vaters keineswegs nur in diesem einen Satz bestand, den er in der Rede gesagt hat. Es war vielmehr, es war natürlich die gesamte Zeit in Berlin, die ihren Höhepunkt dann in der Blockade und in der Luftbrücke gefunden hat, nämlich der Kampf um die Freiheit und die Demokratie der Berlinerinnen und Berliner. Ich bin heute noch fest davon überzeugt, dass die deutsche Nachkriegsdemokratie, die eine so wunderbare Geschichte eigentlich ist, ihren Ursprung in Berlin gefunden hat und nicht etwa in Bonn 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik.

    Reuter: Es ist eine fantastische Gelegenheit, auch in Berlin zu zeigen, was Wiederaufbau des Ostens bedeutet.

    Berlin, Potsdamer Platz, Rekonstruktion einer historischen Stadtmitte.

    Detjen: Sie sind, Herr Reuter, dann 40 Jahre später, dann schon als Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG selber noch mal in die Lage gekommen, an einem – an einer zweiten Wiederaufbau- und Selbstfindungsphase dieser Stadt mitzuwirken nach dem Fall der Mauer, nach der Wiedervereinigung, die Bebauung des Potsdamer Platzes mit in großen Teilen dem Daimler-Areal von Architekt, ist maßgeblich auf Ihre Initiative mit zurückgegangen, oder?

    Reuter: Ja, wobei es so oft im Leben, auch im unternehmerischen Leben so ist, manches klingt am Ende – sieht am Ende anders aus, als es am Anfang gewesen ist. Ursprünglich war die Idee lange vor der Wende, vor dem Zusammenbruch des kommunistischen Reiches, dass wir in Berlin ein Verwaltungsgebäude errichten wollten, das durchaus auch demonstrativ zeigen sollte Vertrauen in die Zukunft dieser Stadt, so wie das einmal Axel Springer mit dem Springerhochhaus gemacht hatte. Da haben wir ein Grundstück gesucht und das hat sich längere Zeit hingezogen, bis eines Tages, immer noch vor der Wende, der damalige regierende Bürgermeister Diepgen kam und sagte: Hier gucken Sie mal, hier ist ein Grundstück. Das ist ein bisschen größer, aber Sie können ja da mal drauf anfangen. Und das war dieses Grundstück am Potsdamer Platz.

    Detjen: Eine Wiese, auf der Schafe geweidet haben damals.

    Reuter: So ist das, so ist das. Und dann haben wir verhandelt, das Gelände mehr oder minder zu Ende verhandelt. Dann kam plötzlich die Wende. Und nun war es die Mitte Berlins, die frei war. Und nun war auf einmal die Frage: Moment mal, was geschieht denn da, ihr könnt doch das jetzt nicht aufgeben oder weglassen? Jetzt macht mal. Und da sind wir sozusagen hereingekommen in diese Rolle eines Investors, wie man das heute nennen würde, eines Immobilieninvestors. Und dann haben wir natürlich gesagt, es ist eine fantastische Gelegenheit, auch in Berlin zu zeigen, was Wiederaufbau des Ostens bedeutet. Und so ist das eigentlich gekommen, natürlich ist das kaufmännisch gut durchdacht und kaufmännisch kalkuliert gewesen.

    Detjen: Und es war natürlich viel mehr als ein Investmentprojekt, es war die Rekonstruktion einer historischen Stadtmitte. Sie haben sich - glaube ich - auch viel mit Detailfragen damals beschäftigt ...

    Reuter: ... ja, das mussten wir ja ...

    Detjen: ... des architektur- und stadtplanerischen Entwurfs?

    Reuter: Das musste man. Das musste man ganz einfach, weil natürlich eine Riesenherausforderung da war und der Stadtbaumeister, der verantwortlich war, hatte ursprünglich mal ganz andere Vorstellungen, als wir es hatten.

    Detjen: Als Stimmann damals?

    Reuter: Das war Hans Stimmann in der Tat, der sich großartige Verdienste um den Wiederaufbau Berlins erworben hat, zweifellos. Aber es war ein sehr und ist noch immer ein sehr harter, knallharter Mann mit sehr dezidierten Vorstellungen, mit dem mussten wir uns zusammenraufen. Wir hatten auf der anderen Seite den Vorteil, dass in einem Wettbewerb, den wir ausgeschrieben hatten, der von Ihnen schon erwähnte Renzo Piano den ersten Preis gewonnen hat und damit der federführende Architekt für die Bebauung war, von Anfang an aber von sich aus vorgeschlagen hat: Lass' uns doch einige andere Preisträger mit hereinnehmen in die Architektur dieses Platzes. Und so sind ja neben Renzo Piano noch vier oder fünf andere Architekten, großartige Architekten beteiligt gewesen. Aber die Handschrift, die meine ich, hat schon Renzo Piano entscheidend geprägt, und ich habe versucht, ihn zu stützen wie das auch, wo auch immer das ging, nämlich sie hieß: Urbanität erzeugen, nicht etwa anonyme Glaskästen noch so großer Höhe nebeneinandersetzen, in dem die Menschen nachher verloren auf der Straße rumlaufen oder Autos fahren, sondern ein Quartier, in dem Menschen leben sollten. Das war der entscheidende Gedanke.

    Vom Filmproduzenten zum Automobilhersteller.
    Begegnungen mit Hanns Martin Schleyer und Alfred Herrhausen.
    "Ich wollte nicht als Jurist arbeiten, ich wollte unternehmerisch tätig werden."

    Detjen: Als in Berlin die Mauer gebaut wurde, arbeitete der junge Jurist Edzard Reuter als Prokurist in München bei der Filmproduktionsfirma Universum. Sie sind dann kurz darauf zu Bertelsmann, zum Bertelsmann Verlag gegangen und haben dort als Jurist gearbeitet. Das war eigentlich ein ganz plausibler Weg für einen kunst- und kulturinteressierten jungen Mann.

    Reuter: Der war aber von Anfang an nicht als Jurist dort tätig. Das war …

    Detjen: ... als Prokurist, glaube ich ...

    Reuter: ... mein ganzes Anliegen war eigentlich, ich wollte – ich habe zwar Jura studiert und die juristische Ausbildung abgeschlossen, aber ich wollte nicht als Jurist arbeiten, ich wollte unternehmerisch tätig werden. Das war zu Anfang etwas schwierig, einen Job zu finden in Berlin, schließlich ist es dann so gelaufen, dass ich bei dieser Filmfirma UFA eine Anstellung gefunden habe in der Rechtsabteilung, aber dann ganz schnell von da in die Produktionsabteilung gekommen bin. Wenn Sie wollen, ich bin geborener Filmproduzent und nicht etwa Automobilhersteller. Das allerdings bin ich später mit großem Stolz gewesen.

    Detjen: Aber Sie wollten, wenn ich das richtig gelesen habe, schon vorher mal zu Daimler-Benz AG und haben sich dort beworben 1957, aber sind nicht angenommen worden.

    Reuter: Oh ja, na das war eine sehr hübsche Geschichte. Ich war in Stuttgart, habe mich vorgestellt bei Hanns Martin Schleyer, der damals schon Personalchef, aber noch nicht im Vorstand war. Wir haben ein wunderbares Gespräch geführt. Ich war ganz begeistert und er hat mir gesagt: Ja, ja, Herr Reuter, alles in Ordnung, Sie können bei uns anfangen. Ich habe noch gefragt, kann ich meiner Frau das sagen, dass wir umziehen nach Stuttgart. Ja, ja, können Sie machen. Ich kam also nach Berlin zurück und dachte, jetzt übermorgen geht's los – nichts dergleichen. Drei Monate nichts gehört, plötzlich kam ein lapidarer Brief: Wir danken für Ihre Bewerbung und müssen Ihnen zu unserem Bedauern mitteilen, dass wir keine Vakanz haben und hoffen, dass Sie, und so weiter und so fort. Jahre später, 1964, als ich dann tatsächlich wieder bei Daimler angekommen bin …

    Detjen: … durch Hanns Martin Schleyer auch?

    Reuter: … unter anderem durch Hanns Martin Schleyer, der dann schon im Vorstand war, hat er mir erzählt, was 1956 los gewesen war. Es war so, dass das Haus Flick damals versucht hat, eine Aktienmehrheit an Daimler Benz aufzukaufen, und der Vorstand war wohl der Überzeugung, dass dem alten Herrn Flick das gelingen würde. Und nun stand bekanntlich der alte Herr Flick nicht in dem Ruf, ein unbedingter Freund der Roten oder der Sozialdemokraten zu sein, so hat der Vorstand, man muss ich das vorstellen – der Vorstand damals sich mit dem Fall befasst, ob man den Sohn dieses roten Bürgermeisters von Berlin, von Ernst Reuter, einstellen sollte als Trainee oder nicht. Und da ist man zu dem Ergebnis gekommen, also das ist eine wacklige Angelegenheit, da kriegen wir vielleicht Ärger mit dem neuen Mehrheitsaktionär, lassen wir das lieber mal. So hat mir das Hanns Martin Schleyer, und ich schwöre, vor jedem Gericht beeide ich das, dass er mir das so erzählt hat, und ich bin auch sicher, es war wirklich so.

    Detjen: Hanns Martin Schleyer, der ja auch kein Roter war, der eine nationalsozialistische Vergangenheit hatte, zu dem Sie aber eine enge Bindung aufgebaut haben und eine große Bedeutung für Sie gehabt hat in dieser Zeit.

    Reuter: Oh ja, Hanns Martin Schleyer war zweifellos eine der Persönlichkeiten, die, mit denen ich sehr eng und fast freundschaftlich bei Daimler zusammengearbeitet habe. Er war in seiner Jugend ein in der Wolle gefärbter Nazi, gar kein Zweifel. Das hat auch gar keinen Sinn das zu leugnen, er selber hat es auch nicht geleugnet. Aber er gehörte zu dieser Generation von Menschen, die nach dem Krieg sich gewandelt haben, akzeptiert haben, dass dieses eine Demokratie ist, eine freie menschenwürdige Struktur dieses Staates hat, und er hat mitgearbeitet daran. Und das war nicht nur akzeptiert, sondern das war seine volle Überzeugung. So hat er ja auch ein unglaublich gutes Verhältnis, obwohl er Arbeitgeberpräsident war, immer zu den Gewerkschaften, insbesondere zur IG Metall und deren Leitung gehabt. Er war einer dieser – ein Angehöriger dieser ganzen Generation, die in der Tat durch den Nationalsozialismus sozialisiert waren ursprünglich mal, aber da rausgewachsen sind. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, ich selber habe in der damaligen Zeit damals nie ernsthaft über diese Zusammenhänge nachgedacht. Das ist mir erst sehr viel später aufgefallen und eingefallen einfach mit der Frage: Was wäre denn aus Deutschland geworden nach 1945, wenn man alle die Menschen, die mal durch den Nationalsozialismus gegangen sind, von ihm möglicherweise auch mal als junge Menschen geprägt worden sind, wenn man die beiseitegelassen hätte? Dann wäre das wahrscheinlich geschichtlich gar nicht möglich gewesen, dass das so gelaufen wäre. Später, auch Alfred Herrhausen, viel jünger als Hanns Martin Schleyer ...

    Detjen: ... der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Aufsichtsratschef von Daimler-Benz, der Sie dann zum Vorstandsvorsitzenden gemacht hat ...

    Reuter: ... der Deutschen Bank und mein Aufsichtsratschef bei Daimler Benz. Ja, Alfred Herrhausen, wie gesagt zehn Jahre jünger als Schleyer oder noch mehr, ich weiß gar nicht, ja noch mehr als zehn Jahre jünger, ist auch in eine Eliteschule der Nazis, in eine Adolf-Hitler-Schule gegangen, fast bis zu seinem Abitur, ist also wenn Sie wollen auch so geprägt gewesen und war trotzdem ein tadelloser demokratischer und tief davon überzeugter Mensch, dass Demokratie und Freiheit zusammengehören, nachher, nach dem Krieg. Also es sind sehr viele dieser oder jener Richtung, für die das Gleiche gilt. Aber Schleyer war eine wirklich bedeutende Persönlichkeit.

    Detjen: Sie haben jetzt zwei Namen genannt, die in besonderer Weise prägend für Sie waren, Hanns Martin Schleyer, Alfred Herrhausen, beide wurden durch die RAF-Terroristen ermordet. Sie haben 2007 in einem Buch versucht, die Lebenslinien von beiden nachzuzeichnen, zu reflektieren. Was haben Sie von den beiden als Unternehmer gelernt?

    Reuter: Das weiß ich nicht, da bin ich jetzt arrogant genug zu sagen, gelernt habe ich als Unternehmer von denen nichts, aber wir haben zusammengearbeitet als Unternehmer. Natürlich sind sie Persönlichkeiten gewesen, die andersartig geprägt waren als ich, anders im Denken, in der Ausdrucksweise, im Auftreten und, und, und. Gewiss, aber dass was beide ausgezeichnet hat, ist das, was ich eben gerade schon gesagt hatte, ihre tiefe Überzeugung, dass diese deutsche Gesellschaft, diese deutsche Nachkriegsgesellschaft sozial integriert sein muss, dass es keine Klassenunterschiede in diesem Land geben sollte – je wieder geben sollte in diesem Land. Sie waren ja durch den Krieg ohnehin eingeebnet, aber in anderen Ländern ist das eben anders gewesen, und das galt für beide, und auf der anderen Seite als Unternehmer überzeugt von den Vorzügen der Marktwirtschaft, wie ich das auch bin.

    Detjen: Ihre Karriere im Daimler-Benz-Konzern war rasant, eindrucksvoll, sie war geprägt von großen unternehmerischen Visionen, von brutalen Machtkämpfen, auch von unternehmerischem Scheitern in Teilen. Über allem stand Ihr Ziel, Daimler-Benz, die Daimler-Benz AG vom Autobauer zu einem integrierten Technologiekonzern umzuwandeln. Was war das damals für eine Vorstellung, woher kam die, was bedeutete die in dieser Zeit, in den späten 80er-, in den 90er-Jahren?

    Reuter: Es ging eigentlich um eine Vorsorge. Um die Vorsorge, wie kann man erreichen, dass Daimler als Automobilhersteller technisch führend bleibt in der Erkenntnis, dass ganz neue Techniken in den Automobilbau Eingang finden, die es früher nie gegeben hatte, die Rolle der Elektronik, der Digitalisierung, des Materials, neuen Materials und so weiter. Das war schon erkennbar, dass das ins Automobil reingehen würde. Die Idee war, dass man dieses Know-how, diese Fähigkeiten im eigenen Hause haben sollte und nicht gezwungen sein sollte wie andere Automobilhersteller, das zuzukaufen von Zulieferanten. Das war die Idee und insofern ist es nicht richtig, dass die Grundidee war, weg vom Automobil zu kommen. Der Ursprung war, die Führungsposition im Automobilbau zu sichern. Daneben aber, und das kam dazu langfristig gedacht, die Automobilmärkte würden eines Tages gesättigt sein und dann würde kein Wachstum mehr auf dem Automobilbereich möglich sein. Das heißt, die Frage, gibt es die Möglichkeit, diese Zukunftstechnologien so zu definieren, dass es gleichzeitig Wachstumsmärkte damit erreicht werden, die dazu kommen zum Beispiel im Flugzeugbau, zum Beispiel in der Weltraumtechnik. Das waren eigentlich die Grundidee für diese Definition des integrierten Technologiekonzerns, der ein bisschen wenig griffig war vielleicht, manche haben es gar nicht verstanden, warum das so war. Aber ich denke, wenn man langfristig unternehmerische Verantwortung definiert, das heißt, auf das langfristige Bestehen und die langfristigen Wachstumsmöglichkeiten eines Unternehmens schaut, dann war dieser Weg auch heute, aus heutiger Sicht nicht falsch. Falsch war er unter dem Gesichtspunkt kurzfristiger Renditen und das war eine Entscheidung, die nach meinem Ausscheiden dann durch diejenigen getroffen worden ist, die vorher den Weg mit mir gemeinsam gegangen sind. Wegzugehen von dieser Idee.

    Detjen: Es gab ja durchaus Phasen, in denen auch deutliche Erfolge zu messen waren. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung erwirtschaftete der Daimler-Benz-Konzern einen Umsatz von über 100 Milliarden Euro, die Aktien wurden als die des ersten deutschen Unternehmens an der Wall Street gehandelt, Daimler-Benz baute Luxuslimousinen, Lastkraftwagen, Flugzeuge, Satelliten, Kühlschränke. Hatten Sie 1993/94, zu dieser Zeit das Gefühl, das Ziel ist erreicht und eigentlich unumkehrbar?

    Reuter: Ich hatte damals den Eindruck, dass die Grundidee unumkehrbar gefestigt sei, übrigens hätten die Kühlschränke nicht auf Dauer dazugehört, aber zu dieser Idee ...

    Detjen: ... das war der problematische Teil der AEG, der Akquise der AEG ...

    Reuter: Das ist wahr, es gab einige problematische Teile, weil wir Unternehmen übernommen hatten, die Bestandteile hatten, die eigentlich auf Dauer nicht dazugehörten. Das war völlig klar. Aber ansonsten war ich schon der Meinung, dass das gefestigt sei, die Grundidee, weil die Personen, ich wiederhole es noch mal, sowohl im Aufsichtsrat als auch im Vorstand, die Personen alle diejenigen waren, die mit mir gemeinsam diesen Weg gegangen waren und ihn bejaht hatten, sodass ich keinerlei Anlass sah, zu meinen, das würde sich kurzfristig wieder ändern. Es ist dann ganz schnell, nach meinem Ausscheiden, die Ära des Shareholder Value ausgerufen worden. Die Ära des Shareholder Value bedeutet Quartalsergebnisse, alle drei Monate einmal gucken, ob der Ertrag gut ist und ob die Aktienkurse gestiegen sind, und danach richtet man Unternehmenspolitik. Das war für mich eine unerträgliche Einstellung und ist es bis heute geblieben.

    Detjen: Haben Sie Fehler gemacht?

    Reuter: Aber natürlich.

    Detjen: Welche?

    Reuter: Aber natürlich. Fehler, jede Menge. Ich fürchte, ein Teil davon ist unvermeidlich, ein Teil vielleicht vermeidlich gewesen. Sicher haben wir den Fehler gemacht mit der AEG, Bestandteile zu übernehmen, die wir nicht schnell genug weiterverkauft haben, was wir eigentlich hätten tun sollen. Das war aber eine Rücksichtnahme auf die Mentalität der Belegschaft und unser Gefühl, wir sollten nicht mit Brachialgewalt, wie heutzutage das manche Heuschreckenunternehmen so tun mit Brachialgewalt vorgehen. Das war ein Fehler, ganz eindeutig. Und es gab natürlich auch Personenentscheidungen, personelle Entscheidungen, die fehlerhaft waren. Da werde ich aber jetzt bestimmt nicht im Einzelnen drüber reden.

    Detjen: Sie galten als ein unternehmerischer Visionär, der für das Unternehmen weit über das eigentliche Kernprodukt Auto hinausdenkt, trotzdem Sie haben gerade gesagt, Sie haben den Glauben an dieses Produkt, an das Luxusauto nie aufgegeben. Hier zum Gespräch, zu dem wir uns im Südwestrundfunk in Stuttgart treffen, sind Sie mit einem schönen, silberfarbenen Mercedes Cabrio an einem schönen Sommertag gekommen. Was bedeutet dieses Produkt Auto eigentlich für Sie, welche Faszinationen hat das für Sie ausgeübt?

    Reuter: Es war für mich immer in der Tat ein faszinierendes Produkt, vor allem wenn es die Marke Mercedes trug. Ich bin kein Autonarr, der nun ununterbrochen mit brummenden Motoren irgendwo rumrasen muss, aber das Automobil ist für mich durchaus auch ein Ausweis für ein Stadium der Entwicklung unserer Gesellschaft, die da heißt Mobilität, die da heißt Freizügigkeit für die Menschen, für die Familien und gleichzeitig auch der Reiz des Technischen. Auch heute sind die Automobile, wenn Sie die Diskussionen verfolgen, sie fahren in der Regel alle noch entweder mit Diesel- oder mit Ottomotoren, aber jeder sagt, die Zeit dieser Art von Motoren ist vorbei, es kommt eine neue Technologie, wie die auch immer heißen mag. Es werden also ganz neue Techniken kommen, neue Materialien in das Auto reinkommen. Es ist eine, sozusagen ein faszinierendes, ein fast in einem Brennpunkt zusammengefasst, was Menschen technisch leisten können, so wie das auch eine Rakete oder auch ein Weltraumfahrzeug oder ein Flugzeug kann.

    Detjen: Sie sagten gerade, Sie sind kein Autonarr. Hat Sie das eigentlich in diesem Konzern entfremdet, in einer Welt, die ja doch geprägt ist von Ingenieuren, von Autonarren? Hat sie zu einem Außenseiter gemacht?

    Reuter: Nein, das ist richtig, aber natürlich ist das Unternehmen sehr stark durch Ingenieure geprägt und das ist gut so. Aber es war schon damals ganz klar, dass die kaufmännische Seite, die Organisationsseite, die Personalseite für ein Unternehmen genauso wichtig ist wie die reine Technik. Beides muss zusammen kommen. Und deswegen ist man auch bestimmt kein Außenseiter, wenn man nicht Techniker ist, auch bis heute nicht in dem Hause. Im Augenblick ist der Vorstand anders zusammengesetzt, aber das kann sich jederzeit wieder wandeln. Das glaube ich nicht, dass das der Fall ist.

    Machtkämpfe, Enttäuschungen und Träume vom Fortschritt.
    "Ich war extrem verletzt."

    Detjen: Sie haben Ihre Erfahrungen in dieser Zeit beim Daimler-Benz-Konzern 1998 in einem Buch reflektiert, aufgeschrieben: "Schein und Wirklichkeit" hieß das. Das war eine in Teilen bittere auch Abrechnung mit Ihren Nachfolgern, mit Jörg Schrempp, mit Hilmar Kopper, dem Aufsichtsratschef der Deutschen Bank. War das ein therapeutisches Schreiben damals?

    Reuter: Nö, eigentlich nicht. Nö, so habe ich es nicht empfunden, ich habe ganz simpel niedergeschrieben, wie ich mein Leben empfunden habe, sind ja Memoiren und ich habe versucht, die Dinge so zu beschreiben, wie ich sie erlebt habe. Therapie war da nicht, glaube ich nicht. Ich hätte, ehrlich gesagt, sind mir also solche Persönlichkeiten wie die, die Sie eben benannt haben, sind mir eigentlich auch nicht wert, deswegen zum Therapeuten zu gehen.

    Detjen: Das Buch ist umstritten gewesen. In einer Rezension, im "Handelsblatt" hieß es, das sei ein erschütterndes Dokument quälender Selbstgerechtigkeit. Würden Sie das wieder so schreiben oder haben Sie diese Reaktionen verletzt?

    Reuter: Nein, nein, also ich habe diese Reaktionen natürlich erwartet. Das ist ja auch klar. Vor allem von manchen, die das Buch offensichtlich gar nicht gelesen hatten, aber macht ja nix.

    Detjen: Umfangreiches Buch, 480 Seiten, glaube ich.

    Reuter: Ja, ja, ja eben! Und aber nee, ich würde das Buch heute Buchstabe um Buchstabe wieder genauso schreiben.

    Detjen: Waren Sie verletzt im Nachhinein, als Sie gesehen haben, was ihre Nachfolger gemacht haben, wie Ihre Politik des integrierten Konzerns aufgegeben wurde, neue Wege gegangen wurden?

    Reuter: Ja, natürlich. Ich war extrem verletzt. Das war eine, wenn Sie wollen, der schlimmen Verletzungen meines Lebens, ganz klar und das ist auch nicht einfach gewesen, darüber hinwegzukommen. Vor allem aber, weil es eine Enttäuschung war, wie das geschehen ist. Ich bin als Unternehmer gewöhnt, das ist unsere Verpflichtung als Unternehmer, zu reagieren. Wir können nicht sagen, wenn wir einmal was angefangen haben, ist das auf Ewigkeiten richtig. Wir müssen uns anpassen an die Entwicklung des Umfeldes, an die wirtschaftlichen Gegebenheiten, an die neuen Märkte, die sich eröffnet haben, alles in Ordnung. Aber wie es geschehen ist, das war eine schwere Kränkung, und das war nicht einfach, dass zu verkraften.

    Detjen: Wie haben diese Machtkämpfe, die Sie erlebt haben, auch die Enttäuschungen, die Verletzungen, von denen Sie jetzt gerade berichtet haben, wie haben die Sie persönlich geprägt, vielleicht auch verändert?

    Reuter: Ich bin vielleicht etwas misstrauischer geworden, wenn man das Wort misstrauisch nicht falsch interpretiert, gegenüber Beteuerungen anderer Menschen. Ich bin vorsichtiger, das ist glaube ich das richtige Wort. Ich habe früher sehr schnell dazu geneigt zu sagen, okay der Mensch, der ist in Ordnung, so wie ich den beurteile im Augenblick, auf den kann man sich verlassen und und und, oder auf die kann man sich verlassen, je nachdem. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich nicht mehr ganz so freimütig meine Arme aufmache und jeden umfasse und umschließe.

    Detjen: Jemand, der Sie gut kennt, hat Sie mal beschrieben als einen Menschen mit einer Neigung zum Träumen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber wenn es stimmt, wovon träumt der 82-jährige Edzard Reuter?

    Reuter: Also ich weiß es gar nicht, ich gehöre nicht zu denjenigen, die meine eigenen Träume analysieren. Ich träume allerdings immer noch davon, dass die Vernunft in der Welt weiter fortschreitet. Vernunft, das heißt nicht nur der reine logische Verstand, sondern auch die Bereitschaft, Wahrheiten zu akzeptieren und zu handeln auf der Grundlage von ethischen, moralischen Standards, von denen ich überzeugt bin, dass sie allen Menschen eigentlich angeboren, gemeinsam sind. Wir wissen alle eigentlich, was man tut und was man nicht tut. Wir haben ein Gewissen und zwar in allen Teilen der Welt das gleiche Gewissen, nur wir lassen uns allzu leicht davon ablenken, und ich träume immer noch davon, dass das langsam Fortschritte macht, langsam.