Donnerstag, 01. Dezember 2022

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"Wir haben mal einen ganz anderen Bildungsansatz gewählt"

Für die "MDR-Bildungsstudie für Mitteldeutschland" haben Redakteure der öffentlich-rechtlichen Anstalt Daten von 2000 bis 2011 aus den Bereichen Schule, Hochschule und Arbeitsmarkt zusammengetragen. Die Studie befasst sich damit, wie Innovation an Schulen gefördert werde, erklärt Georg Schmolz, Leiter der Rechercheredaktion.

Georg Schmolz im Gespräch mit Regina Brinkmann | 08.07.2013

    Auf der Website des MDR kann man feststellen, wo zum Beispiel die meisten Jugend-forscht-Gewinner zu Hause sind.
    Auf der Website des MDR kann man feststellen, wo zum Beispiel die meisten Jugend-forscht-Gewinner zu Hause sind. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
    Regina Brinkmann: Redakteure des MDR haben aus unterschiedlichen Quellen Daten aus den Bereichen Schule, Hochschule und Arbeitsmarkt zusammengetragen und daraus unter anderem eine interaktive Deutschlandkarte erstellt. Besucher der Website können ab heute mit ihrer Maus von Sachsen nach Bayern und feststellen, wo zum Beispiel die meisten Jugend-forscht-Gewinner zu Hause sind. Georg Schmolz hat das Bildungsprojekt als Leiter der MDR-Rechercheredaktion koordiniert. Herr Schmolz, bleiben wir gleich mal bei diesem Beispiel Jugend forscht: Warum haben sie die Ergebnisse von Schülerwettbewerben in ihrer Studie gegenübergestellt?

    Georg Schmolz: Wir haben mal einen ganz anderen Bildungsansatz gewählt, der sicherlich nicht dem klassischen Ansatz entspricht. Aber für uns war die Ausgangsfrage: Wie innovativ ist eigentlich das Sendegebiet? Man muss vielleicht dazu wissen, dass in der Geschichte viele kluge Ideen, Entwicklungen, Erfindungen im Sendgebiet des Mitteldeutschen Rundfunks entstanden sind, und wir wollten gerne wissen, gibt es noch ein innovatives Potenzial. Und wenn man sich die Frage stellt, wie innovationsfähig ist eine Gesellschaft, kommt man relativ schnell auf die Frage, welchen Bildungsgrad hat eine Gesellschaft. Und so ist letztendlich dann auch die Frage entstanden, wie sieht das eigentlich in den Schulen aus, was wird in Schulen getan, um Innovation zu fördern.

    Brinkmann: Und da haben wir, um das mal aufzulösen: Bei Jugend forscht schneiden die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, das sind ja Ihre Berichtsgebiete sozusagen des MDR, nicht so gut ab. Können Sie denn auch was zu den Gründen sagen? Oder was sagt Ihnen das, wenn die da jetzt nicht gut abschneiden, und in anderen Wettbewerben wie Mathe-Olympiade zum Beispiel super?

    Schmolz: Also, unsere Idee war natürlich nicht nur, Daten zu sammeln, sondern sie auch journalistisch aufzuarbeiten. Und dazugehört natürlich, wenn einem etwas auffällt, dass man dann nachfragt, bei den entsprechenden Experten, Politikern, Fachleuten oder auch den Schülern: Woran könnte es liegen? Und da gibt es unterschiedliche Erklärungen. Die eine Erklärung ist, ja, wissen Sie, Mathe-Olympiade, das ist eigentlich noch eine Tradition aus DDR-Tagen, da war man traditionell gut. Bei Jugend forscht war man damals nicht so gut, kannte man auch in weiten Teilen ja in der Form gar nicht.

    Wenn man mit manchem Schuldirektor ohne Mikrofon spricht, wenn ich das so sagen darf, dann werden da auch andere Gründe genannt, die dann einfach damit zu tun haben, mit Lehrplänen, die eigentlich keine Freiräume lassen, mit zu wenig finanzieller Ausstattung, denn natürlich ist Jugend forscht ja ein ganz praktischer Wettbewerb. Ich muss zusätzlich Zeit aufwenden, ich muss etwas bauen. Ich brauche auch einen Lehrer, der mir vielleicht mit Interesse auch Ratschläge geben kann, der vielleicht auch selbst eine gewisse Kompetenz hat in solchen Dingen, und da haben manche Schuldirektoren gesagt, da kriegen wir halt nun zu wenig Unterstützung. Oder wir finden auch die Lehrer nicht, die bereit sind, zusätzlich Zeit aufzuwenden. Weil, es ist natürlich immer auch ein freiwilliges Engagement, das muss man ganz klar sagen.

    Brinkmann: Mit welchen Fragen sind Sie denn an die anderen Bildungsbereiche herangegangen, Stichwort Abitur und Hochschulbildung?

    Schmolz: Wir wollten einfach mal wissen, wie steht denn dann letztendlich die Bildung von der Schulbank bis hin zu den Arbeitsmarktmöglichkeiten der Akademiker, wie sieht das im Sendegebiet aus. Und dann muss man sich natürlich die Frage stellen, hat sich die Zahl der Abiturienten verändert. Und das für uns Interessante ist ja eigentlich eine Studie, die über zwölf Jahre geht, das heißt, Zahlen von 2000 bis 2011, die es dann auch erlauben, zu vergleichen, hat sich da etwas verändert? Und auch dann wieder die Frage zu stellen, warum hat sich eventuell etwas verändert. So konnten wir zum Beispiel feststellen, dass die Abiturientenzahlen sich verändert haben in der Gestalt: Im Jahr 2000 lag das Sendegebiet – mal ganz grob und verkürzt ausgedrückt – lag das Sendegebiet über dem Bundesdurchschnitt. Und in diesen zwölf Jahren ist aber die Zahl der Abiturienten - statistisch - unter diesen Wert gesunken. Das hat sicher unterschiedliche Erklärungen.

    Dazu gehört zum Beispiel, dass natürlich auch der Bundesdurchschnitt im Lauf der letzten zwölf Jahre gewachsen ist, also es gab mehr Abiturienten pro Schülerzahl eines Jahrgangs, aber es gibt auch inhaltliche Gründe, wie zum Beispiel, dass Anforderungen in Bundesländern verschärft worden sind, Zugangsvoraussetzungen zum Abitur zum Beispiel. Neben dem Abitur wird es dann natürlich insofern interessant, zu schauen, wie viele Akademiker werden denn eigentlich hier ausgebildet und wie ist deren finanzielle Ausstattung. Ist diese finanzielle Ausstattung besonders gut oder besonders schlecht.

    Wir hätten zum Beispiel gerne, das kann die Studie aus inhaltlichen Gründen, muss man sagen, nicht leisten, wir hätten zum Beispiel gerne geschaut, die innovativen Studiengänge auch miteinander verglichen. Das war leider nicht möglich, weil zum Beispiel der Studiengang Informatik nicht an allen Universitäten an derselben Fakultät angeschlossen ist. Und dann kann man eigentlich nur noch bedingt miteinander vergleichen. Das ist ein bisschen schade. Deshalb mussten wir aber trotzdem sagen, dann lass uns einfach mal die Absolventen insgesamt anschauen. Wie sieht das aus, und insbesondere, wenn sie dann fertig sind, was passiert denn dann? Wie sind die Arbeitsmarktchancen, zum Beispiel.

    Brinkmann: Für wen ist denn dieses Projekt jetzt gedacht? Ist es zum einen jemand, der vielleicht nur mal wissen will, was ein Student eigentlich in Sachsen kostet, oder ist es der Politiker, der sich vielleicht damit brüstet, dass wir in der Mathe-Olympiade immer noch spitze sind?

    Schmolz: Also, aus meiner Sicht ist es so, dass wir hoffen, dass es ein Projekt ist, das ganz unterschiedliche Leute, ganz unterschiedliche Menschen auch sich einfach mal anschauen. Das können Politiker sein, natürlich, gerne. Das können Fachleute sein, Erziehungswissenschaftler, das können Schüler und Studenten sein, es können aber auch Eltern sein, die einfach mal wissen wollen, wie kann ich – vielleicht auch leicht verständlicher, als das sonst in dem Politiker-Kauderwelsch oder auch Behörden-Kauderwelsch daher kommt, wie kann ich einfach mal schauen, wie sieht es denn aus in der Bildungslandschaft? Und dadurch, dass wir ja nicht nur sozusagen die Zahlen für das Sendegebiet erhoben haben, sondern es immer in Relation gesetzt haben zu anderen Bundesländern beziehungsweise zum Bundesdurchschnitt, lässt sich da auch eine Aussage treffen, was hat sich verändert oder was sollte sich verändern. Man muss vielleicht auch einfach im Hintergrund wissen, dass manches Bundesland mehrere Schulreformen durchgeführt hat, innerhalb von zwölf Jahren, was natürlich auch Schule und damit auch Bildung sozusagen das Leben nicht leichter macht.



    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.