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"Wir müssen siegen oder sterben"

Er träumte davon, die Welt zu beherrschen. Der Franzose Karl I. von Anjou beendete im 13. Jahrhundert zunächst die Herrschaft der deutschen Staufer in Italien und wurde König von Sizilien. Mit der sizilianischen Vesper 1282 begann sein Abstieg.

Von Helge Buttkereit | 07.01.2010

"Herrgott, so wahrhaftig ich glaube, dass Du mein Erlöser bist, bitte ich Dich um Barmherzigkeit für meine Seele. Du weißt, dass ich das Königreich Sizilien zum Wohl der Heiligen Kirche nahm und nicht zu meinem eigenen Vorteil und Gewinn. So wollest Du mir denn meine Sünden verzeihen."

Mit diesem Gebet auf den Lippen stirbt Karl I. von Anjou am 7. Januar 1285 im Alter von 57 Jahren. Für eine solche Klarstellung vor seinem Schöpfer hat er allen Anlass. Denn gerade mit Sizilien sind sowohl sein Ruhm als auch sein Misserfolg aufs Engste verknüpft.

Seine Jugend verbrachte der Sohn des französischen Königs Ludwig VIII. am Hof in Paris. Durch Heirat wurde er Graf der einflussreichen Provence, die gemeinsam mit den Grafschaften Maine und Anjou im Westen Frankreichs die Machtbasis für höhere Ziele bilden sollte. Karl war von Ehrgeiz besessen, seine Politik zielte zeitlebens auf die Ausdehnung seines Herrschaftsbereiches. Die größte Chance dafür bot sich ihm in Sizilien. Das Königreich war in der Hand von Manfred, dem unehelichen Sohn Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen. Dessen weltliche Machtpolitik hatte die Kirche so stark angegriffen, dass die Päpste sein Geschlecht ausrotten wollten. In Karl suchten sie einen Verbündeten. Papst Klemens IV. krönte ihn 1265 zum König von Sizilien. Ein Jahr später zog Karl gegen Manfred ins Feld. Als beide sich vor Bennevent gegenüberstanden, verkündete Karl:

"Wir müssen siegen oder sterben! Denn nur um unserer Siege willen haben uns die Italiener so gut aufgenommen; werden wir besiegt, so bricht unfehlbar ihr innerer Hass und ihre gewohnte Treulosigkeit hervor."

Manfred fiel und für Karl blieb zunächst nur noch ein Gegner: Konradin. Der Enkel Friedrichs II. zog 1267 aus Deutschland gen Italien. Der Troubadour Aicart del Fossat dichtete:

"Konrad kömmt, der sich aus Deutschland erhoben,
und will wieder gewinnen, ohne erst Schriften zu wechseln,
was Karl in Apulien erobert hat; aber es geht nicht ab ohne Schwert und Speer
Köpfe und Arme zerschlagen, bevor der Zwist beigelegt werde."


Karl siegte bei Tagliacozzo und ließ den jungen Konradin Ende Oktober 1268 öffentlich enthaupten. Nun war er der mächtigste Herrscher Westeuropas. Aber mit der Hinrichtung des letzten Staufers und der straffen Konsolidierung des Königreichs zog er sich den Hass vieler Sizilianer zu. Und Sizilien mit dem dazugehörigen Süditalien reichte ihm nicht. Karl strebte gen Osten. Dort war 1261 das vom Papst unterstützte Lateinische Kaiserreich im Kampf gegen die orthodoxen Byzantiner gefallen. Karl versuchte zunächst vergeblich, die Päpste der 1270er-Jahre für einen Kreuzzug zu gewinnen. 1282 schien er am Ziel. Aber Karl hatte die Rechnung ohne die Sizilianer gemacht. Mit Unterstützung aus Byzanz und Spanien erhoben sich die Insulaner. Als die Glocken am 29. März 1282 zur Vespermesse läuteten, brach der Volksaufstand los, der als Sizilianische Vesper in die Geschichte einging und viele Künstler inspirierte.

Der Hass entlud sich im massenhaften Töten. Die Sizilianer machten die Franzosen nieder. Selbst Sizilianerinnen, die mit Franzosen verheiratet waren, wurden zu Opfern. Den Feldzug gen Osten konnte Karl nun nicht mehr führen. Byzanz war für die nächsten 170 Jahre gerettet. In Sizilien hingegen konnten die rasch nach dem Vorbild Norditaliens gegründeten Kommunen nicht alleine Widerstand leisten. König Peter von Aragón kam zu Hilfe. Karl war erschüttert.

"Herr Gott, da es dir gefallen hat, mich zugrunde zu richten, lass mich mählich und mit kleinen Schritten niedergehen."

Ein Duell in Bordeaux zwischen den verfeindeten Parteien sollte 1283 die Wende bringen. Es fand nicht statt. Die jeweils 100 Ritter zogen wieder ab, und jede Seite erklärte sich zum Sieger. Es war wohl mit Absicht keine Uhrzeit ausgemacht worden. In Italien blieb Karl das Königreich Neapel, Peter von Aragón begründete die spanische Herrschaft über die Insel Sizilien. Als Karl I. von Anjou starb, hinterließ er ein gespaltenes Italien, das sich erst im 19. Jahrhundert wieder vereinigen sollte.