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Wir sind alle ein bisschen Disco

Disco, das ist der Kitsch im weißen Anzug. Lange her, doch diese Musik gebar den House und eroberte so die Dancefloors der Welt. Nicht umsonst bezeugten zeitgenössische Popstars nach dem Tod von Donna Summer und Robin Gibb ihren tiefen Respekt.

Von Bernd Lechler | 07.07.2012

    Ist diese Musik nicht schrecklich banal? Und weckt sie nicht trotzdem sofort Sehnsucht, fast Neid? Ah die Dekadenz, die Naivität! Ein Tropf, wer da Tiefgang vermisst, befand Starproduzent Giorgio Moroder:

    "Die ganzen Pressekritiker hatten eines nicht kapiert: Disco ist keine Kunst, oder sonstwas ernstes. Disco ist Tanzmusik. Und tanzen werden die Leute immer wollen."

    Ob man Manu Dibango zum Startpunkt erklärt oder eher den Nummer-Eins-Hit von George McCrae zwei Jahre später. Fest steht, dass James Brown und Motown und der Philadelphia-Soul vorgelegt hatten, und dass dann eins zum anderen kam: Sixties-Kater und Rezession, billiges Kokain, die Pille, die Schwulenbewegung. AIDS war nah, doch noch nicht da: Let’s party. Das Zentrum: New York. Legendär die exzessiven Nächte im Privatclub The Loft, später im Studio 54, mit strenger Tür und doch gemischtem Publikum, in dem der Tänzer neben dir mit der U-Bahn gekommen sein konnte oder mit der Stretchlimo, ein junger Habenichts oder ein Banker, wenn nicht gleich Mick Jagger oder Grace Jones.

    Disco war bei allem Glamour demokratisch - und als schwuler Befreiungssoundtrack eben doch inhaltlich aufgeladen. Damit der Traum von Freiheit und Gleichheit nicht abriss, mischte zuerst der Produzent Tom Moulton mehrere Albumtracks ineinander oder verlängerte sie mit Instrumentalparts: die Geburt der Maxisingle. Die Industrie hatte einen neuen Markt, nicht nur in New York: Aus Deutschland kamen Silver Convention, Frank Farians Boney M und natürlich der Südtiroler Wahlmüncher Giorgio Moroder, der mit Donna Summer und einer orgasmischen Soulnummer berühmt wurde und mit dem nächsten Hit Elektropopgeschichte schrieb. Der stetige Discobeat vertrug eben alles Mögliche: Streicher und Bläser genauso wie die neuen Synthesizer; die Opulenz von Barry White wie den Minimalismus von Chic.

    "Wir schrieben ‚Le Freak’ aus Frust, weil wir an Silvester ’77 nicht ins Studio 54 reingelassen wurden. Grace Jones hatte uns eingeladen, aber dem Türsteher nicht Bescheid gesagt, und dann war’s eben zu voll. Entsprechend hieß unser Text zuerst: ‚Fuck off’, aber damit kommt man nicht ins Radio. Also ‚Freak Out’."

    Derweil im Kino: "Saturday Night Fever" mit Songs von den Bee Gees, die, sagte Robin Gibb, nie als Disco geplant waren.

    "Wir kannten das Wort kaum. Für unser Gefühl machten wir R&B, oder Blue-Eyed Soul. Niemand dachte, dass dieser Soundtrack Geschichte schreiben würde."

    Doch in den Posen von John Travolta kamen der Discosound und der Traum vom Star für eine Nacht perfekt zusammen. Und spätestens ab da machten alle Disco: Kiss und Rod Stewart, Popstars und Schlagersänger und Schauspieler, Frank Sinatra und äh das Krümel¬mon¬ster aus der Sesamstraße. Es war eine Plage, und die Gegner witterten ihre Chance. Disco Sucks, hieß der Slogan. Im Juli 1979 jagte ein Rock-DJ in einem Baseballstadion in Chicago Discoplatten in die Luft. Und als an der Spitze der US-Charts dieser Song von diesem Song gestürzt wurde galt Disco als besiegt. Ein Irrtum.

    Kaum waren die Tänzer in die Aerobic-Stunde ausgewichen, werkelten die DJs im Underground schon am Disco-Erbe namens House. Und während "My Sharona" der einzige Hit von The Knack blieb, bedienten sich an Chics "Good Times" von Blondie über Queen bis Daft Punk ganze Pop-Generationen. Selbst als Anfang der 80er das Wort tabu war: Was ist Michael Jacksons "Thriller" anderes als Disco mit großen Kino? Jamiroquai, Pet Shop Boys und die Scissor Sisters: Disco! Was sampelte Madonna für ihren letzten großen Hit? Abba-Disco! Mit welchem Rhythmus frischten Franz Ferdinand den Rock auf? Eben. Es ist lange her, und klar wäre Travolta im weißen Azug heute albern. Aber genauso klar ist: Ein bisschen Disco sind wir alle.