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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Wir stehen vor Ruinen"27.03.2013

"Wir stehen vor Ruinen"

Zyprischer Ökonom kritisiert Rettungsplan für sein Land

Die EU gewährt Zypern einen Kredit und fordert dafür die Abwicklung einiger Banken. "Wie hoch sind die Chancen, das Geld wiederzukriegen, wenn du den wichtigsten Zweig des Landes zerstörst", fragt Wirtschaftswissenschaftler Louis Christofides von der Universität Zypern. Sein Land hätte mehr Zeit gebraucht, findet er.

Louis Christofides im Gespräch mit Benjamin Hammer

Angestellte der Popular Bank demonstrieren vor dem Parlament. "Ja, die Leute sind wütend", sagt Christofides. (picture alliance / dpa / Katia Christodoulou)
Angestellte der Popular Bank demonstrieren vor dem Parlament. "Ja, die Leute sind wütend", sagt Christofides. (picture alliance / dpa / Katia Christodoulou)

Benjamin Hammer: Das Geld wird knapp in Zypern – nicht nur gesamtwirtschaftlich gesehen, sondern auch im Alltag. Die Limits an Bankautomaten bleiben bestehen, erst morgen sollen die ersten Banken wieder öffnen. Wenn man in diesen Tagen deutsche Ökonomen fragt, ob die harte Haltung der EU gegenüber Zypern richtig war, dann lautet die Antwort in der Regel: Ja, es ging nicht anders. Bei den Kollegen auf der Insel stößt diese Ansicht auf Unverständnis.

Auch der Wirtschaftswissenschaftler Louis Christofides sieht das so. Er lehrt und forscht an der Universität Zypern. Ich habe vor der Sendung mit ihm gesprochen. Meine erste Frage: Wäre es eine gute Idee, wenn Angela Merkel momentan Urlaub auf Zypern macht? Die Wut auf Deutschland ist doch sehr groß!

Louis Christofides: Ja, die Leute sind wütend. Und vielleicht muss ich erklären, warum das so ist. Es gibt ohne Zweifel Probleme, die das zyprische Bankensystem lösen muss. Unsere alte Regierung konnte das nicht leisten, sie war schon fast tot. Seit Anfang März haben wir nun eine neue. Und diese Regierung hat gezeigt, dass sie das besser kann. Die Regierung war gerade einmal zwei Wochen alt, da musste sie zum ersten Mal nach Brüssel. Schon damals gab es Äußerungen aus der Eurogruppe, die zu einem Sturm auf die Banken führten. Milliarden Euro verließen das Land. Da wurde nicht wirklich rücksichtsvoll mit uns Zyprern umgegangen. Und dann wurden unserer Regierung schwierige Entscheidungen vorgelegt und immer mussten die in nur zwölf Stunden entschieden werden.

Hammer: Was wäre denn ein besserer Weg gewesen, um das zu lösen?

Christofides: Man hätte die zyprische Regierung in Ruhe zur Seite nehmen müssen. Wir hätten mit etwas mehr Zeit einen Dialog ohne Öffentlichkeit gebraucht, denn Informationen in der Bankenwelt müssen sehr vertraulich behandelt werden. Es kann schnell zu einem Bankensturm kommen, der sehr, sehr teuer wird.

Hammer: Sagen Sie, dass zum Beispiel Äußerungen des deutschen Finanzministers für Schäden gesorgt haben?

Christofides: Ja, das sage ich. Mehr aber noch von Herrn Dijsselbloem. Diese Äußerungen gehen doch noch weiter. Ich sehe, dass wir jetzt vor Ruinen stehen, vor Ruinen. Wenn ich ein deutscher Steuerzahler wäre, dann würde mir das Sorgen machen. Da wurde ein Kredit an Zypern vergeben und die Frage ist doch, wie hoch sind die Chancen, das Geld wiederzukriegen, wenn du den wichtigsten Zweig des Landes zerstörst.

Hammer: Sie sprechen von Ruinen. Wohin wird sich die zyprische Wirtschaft in den nächsten Monaten entwickeln?

Christofides: Das wird sehr schwierig. Das Vertrauen in die Banken ist erschüttert, und das Schlimmste kommt noch. Die Banken haben noch nicht geöffnet. Morgen sollen sie öffnen. Dann wird vielleicht noch mehr Geld das Land verlassen. Viele Unternehmen werden ihr Kapital verlieren, wenn man etwa eine Million auf einem Konto für eine Firma hatte. Wie soll eine Firma da im Moment überhaupt arbeiten? Es geht also nicht nur um den Bankensektor, es geht auch um den Rest der Wirtschaft, die nun kein Geld mehr hat.

Hammer: Herr Christofides, es gibt Meldungen, dass Anleger ihr Geld von der Insel abziehen konnten, auch dann, als das Geld eigentlich schon geblockt war. Wie konnte das passieren?

Christofides: Dazu kann ich nichts sagen. Ich weiß nicht, ob das passiert ist. Es gibt auch viele Fehlaussagen zu unserer Insel, zum Beispiel die des französischen Finanzministers. Der hat über uns von einer Casino-Wirtschaft gesprochen. Es ist absolut nicht so und ich würde mich freuen, wenn uns Angela Merkel besuchen kommt. Wir würden sie mit Höflichkeit empfangen und ihr die zyprische Wirtschaft erklären.

Hammer: Aber stimmen Sie nicht zu, dass die zyprische Wirtschaft zu sehr von den Banken abhängig war?

Christofides: Also das muss man nicht so sehen, denke ich. Luxemburg hat einen noch höheren Bankenanteil an seiner Wirtschaftsleistung. Es geht darum, wie man mit dem Bankengeschäft umgeht, und ich stimme zu, dass wir hier vielleicht nicht genug Erfahrung hatten.

Hammer: Unterm Strich, sind die Zyprer noch froh darüber, Teil der EU zu sein, teil der Eurostaaten?

Christofides: Absolut! Die Leute sind sehr glücklich darüber. Es gab eine Menge Idealismus. Dazu kommt Pragmatismus, etwa dass wir uns durch die EU-Mitgliedschaft vor möglichen türkischen Aggressionen schützen können. Und der Euro wurde natürlich willkommen geheißen. Alles lief gut. Vergessen Sie nicht: Bis vor zwei, drei Jahren war Zypern eines der leistungsfähigsten Länder der EU.

Hammer: Ein etwas wehmütiger Blick vom zyprischen Wirtschaftswissenschaftler Louis Christofides war das auf eine Zeit, in der es der zyprischen Wirtschaft noch sehr gut ging. Ein Zustand, der wohl lange nicht mehr erreicht wird.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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