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"Wir überleben, indem wir arbeiten, nicht indem wir jammern"

Das Leben der Kaffeepflanzer ist alles andere als idyllisch. Wir können uns kaum vorstellen, wie viel Arbeit und Entbehrung in einer Tasse Kaffee stecken kann. In Guatemala betreiben ehemalige Guerillakämpfer heute mit ihren Familien eine Kaffeefarm - gegen alle Widrigkeiten.

Von Darius Ossami |
    Sergio ist ein untersetzter Mann, dessen Optimismus unerschütterlich scheint. Bereits in den 60er-Jahren schloss er sich der Guerilla an und kämpfte gegen die Armee und die soziale Ungerechtigkeit, bis 1996 endlich Frieden herrschte:

    "Wir waren eine Gruppe von Kämpfern, die nicht wussten, wo sie hin sollten. Es war sehr gefährlich, dahin zurückzukehren, wo man herkam. Unsere Gemeinden waren zudem vom Militär zerstört worden. Deswegen begannen wir einen neuen Lebensabschnitt. Der Weg des bewaffneten Kampfes lag hinter uns, die Waffen wurden abgegeben und der Friedensvertrag unterzeichnet."

    Nun ist Sergio selbst Landbesitzer – jedenfalls fast. Denn die Ex-Guerilleros erhielten einen Kredit von der Regierung, mit dem sie eine verlassene Kaffeefarm kaufen konnten. Zwei Jahre lang wurde die Farm wieder hergerichtet, dann konnten sie den ersten Kaffee ernten, der ohne Zusatz von Dünger und Chemikalien erstklassige Öko-Qualität besitzt. Doch die alten Kaffeepflanzen waren nicht mehr sehr ergiebig, für neue fehlte das Geld. Zudem vernichtete der Hurrikan "Stan" im Herbst 2005 einen großen Teil der Pflanzen.

    "Wir sind Bauern die von technischen Dingen nicht so viel wissen. Wir können nicht lesen und haben von administrativen Aufgaben keine Ahnung. Wir sind ohne Geldmittel, und das Land produziert nicht so viel, wie es sollte. Wir hatten 375 Zentner Exportkaffee. Aber als der Hurrikan kam, haben wir fast 70 Prozent der Produktion verloren. Es regnete 12 Tage. Am Ende konnten wir nur 97,5 Zentner ernten. Das ist nichts, verglichen mit unseren großen Ausgaben. Wir arbeiten vom Morgen bis zum Abend. Wir sind immer noch in der Überlebensphase. Aber wir überleben, indem wir arbeiten, nicht indem wir jammern."

    Bis jetzt reichen die Ernteerträge gerade mal, um die laufenden Kosten zu decken. So war die geplante Rückzahlung des Kredites bisher nicht möglich und solange die Schulden nicht bezahlt sind, kann die kleine Gemeinde auch keinen neuen Kredit für notwendige Anschaffungen aufnehmen. Inzwischen besteht die Gefahr, dass die Plantagen zwangsversteigert werden. Um den drohenden Zwangsverkauf abzuwenden, suchen die Bewohner nach weiteren Geldquellen. Vor vier Jahren öffneten sie ihre Farm für Öko-Touristen. Aus dem ehemaligen Herrenhaus wurde ein Hostel, Touren führen über das malerische Gelände zu den einzelnen Stationen der Kaffeeproduktion, bis hinunter zu den Wasserfällen. Gegessen wird bei den Familien.

    "Es ist ein Projekt von dem wir hoffen, dass es größer wird. Wir wollen einen solidarischen Gemeindetourismus. Studenten und Touristen können kommen und lernen, Kaffee zu säen und zu pflücken und das Landleben kennen zu lernen. Sie sollen herkommen, um die Problematik kennenzulernen, in der unsere Gemeinden leben. Sie sehen die Anstrengung, Mühe und Arbeit, die es bedeutet, eine Tasse Kaffee zu produzieren. So können sie soziales Gewissen erlangen und diese Welt zu einem besseren Ort machen, anstatt nur zuzuschauen."

    Zwar ist inzwischen Ernüchterung eingekehrt, denn die Finca liegt abseits der ausgetretenen Traveller-Pfade in Guatemala. Die Besucherzahlen stagnieren, der erhoffte Geldsegen blieb aus. Dennoch möchte Sergio das Tourismusprojekt weiter führen. Investitionen wie das Gästehaus und die Rösterei haben den Wert der Finca um ein Vielfaches erhöht. Im vergangenen Jahr waren Filmemacher aus den USA gekommen und drehten den Dokumentarfilm "Voice of a mountain". Die größten Hoffnungen ruhen neuerdings auf "Corporate Coffee", die den handverlesenen Ökokaffee in den USA vertreiben und auch Kredite für notwendige Investitionen vorstrecken wollen. Auf diese Weise würden Sergio und die anderen Familien einen wesentlich besseren Preis für ihre Arbeit erzielen. Auch Vilma hat in den Bergen Guatemalas für mehr Gerechtigkeit gekämpft. Als sie schwanger wurde, flüchtete sie nach Mexiko. Auch sie wird Santa Anita La Unión nicht einfach aufgeben:

    "Wir hatten keine Arbeit und keine Bildung. Ich zum Beispiel war nie in der Schule, weil meine Eltern kein Geld dafür hatten. Als wir im Krieg waren, hatte niemand Kinder. Aber jetzt haben wir ein legales Leben, wir leben nicht mehr versteckt wie zuvor. Wir sind in der Zukunft angekommen und müssen für unsere Kinder kämpfen, damit sie besser lernen als wir, damit sie ein besseres Leben haben."

    Links:
    www.voiceofamountain.com
    www.santaanitafinca.com