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StartseiteSport am Wochenende"Wir waren jung und unbekümmert"22.08.2010

"Wir waren jung und unbekümmert"

Rezension von Laurent Fignons neuem Buch

Laurent Fignon war ein berühmter französischer Radrennfahrer. Er gewann 1983 und 1984 die Tour de France und 1989 den Giro d’Italia. Fignon, dessen Markenzeichen seine intellektuell anmutende Brille und sein Pferdeschwanz waren, begann seine Karriere 1982. Der 50-Jährige aus Paris kam naturgemäß häufig mit Doping und unerlaubten Hilfsmitteln in Kontakt. Er wurde in seiner Karriere zweimal positiv getestet. Nun hat die Radsport-Legende sein Leben in einem Buch festgehalten.

Von Ralf Meutgens

Bild aus der Vergangenheit: Der französische Radfahrer Laurent Fignon (links) im Gespräch mit seinem amerikanischen Konkurrenten Greg LeMond. (AP)
Bild aus der Vergangenheit: Der französische Radfahrer Laurent Fignon (links) im Gespräch mit seinem amerikanischen Konkurrenten Greg LeMond. (AP)
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Der frühere französische Radprofi Laurent Fignon will nicht auf die acht Sekunden reduziert werden, die er 1989 die Tour de France gegen Greg LeMond verloren hat. Nicht nur, weil er dieses wichtigste Radrennen der Welt 1983 mit gerade erst 22 Jahren völlig überraschend gewinnen und ein Jahr später diesen Triumph wiederholen konnte. Entsprechend ist das erste Kapitel, übertitelt mit "Acht Sekunden", auch das längste in seiner Autobiographie. Wir waren jung und unbekümmert hat er sie genannt und sich dabei der Hilfe von Jean-Emmanuel Ducoin bedient.

Jung und unbekümmert gewinnt er in der Klasse der unter 17-Jährigen, fast ohne Training, spielerisch sein erstes Radrennen. Schon damals ist die Brille sein Markenzeichen. Trotz des immer zeitaufwändigeren Radsports schafft Fignon das Abitur. Mit reichlich Glück, wie er sich eingesteht. Und beginnt ein Studium mit dem Titel "Die Wissenschaft von der Struktur der Materie". Doch das ist nicht sein Leben. Die Freiheit des Studierens führt dazu, dass er den Vorlesungen fern bleiben kann, ohne, dass es jemanden interessiert. Fignon denkt zudem nur noch an eines: An den Radsport. Scheitert er im Studium, weil ihn der Radsport ruft? Oder ruft ihn der Radsport, weil er an der Selbstorganisation des Studiums scheitert? Seine Eltern stellen ihn vor die Wahl: Arbeit oder Armee. Fignon bewirbt sich beim Sportbataillon und wird genommen. Ein Jahr beim Militär mit optimaler Sportförderung ebnet ihm den Weg zum Radsport als Beruf. Nach der Wehrzeit arbeitet er halbtags auf dem Rathaus und unterschreibt seinen ersten Vertrag bei einem Radsportverein. 1981 wird er in die französische Nationalmannschaft aufgenommen. Der Radsport ist zu seinem Lebensmittelpunkt geworden.

Der junge Amateur Fignon trifft nun auch auf alte Hasen. Und er muss erfahren, dass es Spielregeln gibt. Zu denen auch der Ausgang eines Rennens gehört. Rennabsprachen gehören zum Radsport dazu. Fignon lernt und wird 1982 Radprofi beim Team Renault-Elf-Gitane. Doch die alten Hasen, unter ihnen Bernard Hinault, verschließen sich gegenüber den Jungen. Erstmals macht das Thema Doping die Runde. Wabert wie Nebel durch das Peloton. Amphetamine gehören dazu, wenn bekannt ist, dass es keine Kontrollen gibt. Wie bei Kriterien, wo Aufputschmittel Tradition haben. Und auch auf Feiern und Partys werden sie genommen. Anabolika sind auf dem Rückzug, dafür ist Kortison die beliebteste Substanz. Sie ist nicht nachweisbar, was auch den Effekt hat, dass sich niemand als Betrüger fühlt. Radsportlogik. Aber auch bei Kontrollen wird getrickst. Der "poire à urine", der Pipibeutel, ist weit verbreitet.

Fignon wird im ersten Jahr als Radprofi 15. beim Giro d`Italia und widersetzt sich Rennabsprachen, was ihn im Feld nicht beliebt macht. 1983 fehlt der Kapitän Hinault bei der Tour de France wegen einer Verletzung und Fignon startet zum ersten Mal beim wichtigsten Radrennen der Welt. Während der 17. Etappe erobert er das Gelbe Trikot und gibt es bis Paris nicht mehr ab.

Im nächsten Jahr erlebt Fignon die Geflogenheiten der Kolumbien-Rundfahrt und erkennt, dass man in Frankreich doch sehr gesittet als Radprofi lebt. Denn dort ersetzt Kokain alle bisher bekannten "Leckereien". Fignon kann nicht widerstehen, fährt wie entfesselt, auch nach einer Nacht, in der er nicht schlafen kann. Die anschließende Dopingkontrolle übersteht er unbeschadet. Wie auch die kolumbianischen Radprofis, die ausnahmslos koksen. Die kolumbianischen Kontrolleure sind Teil des mafiösen Systems. Und Zimmergenosse von Fignon niemand anderes als Greg LeMond.

Zur Tour de France 1984 ist auch Hinault wieder fit und es kommt zum Duell. Gewinner wie schon ein Jahr zuvor ist erneut Laurent Fignon.

1985 muss er mehrfach an der Achillessehne operiert werden, Renault beendet das Radsport-Sponsoring. Im April 1986 gewinnt Fignon im Trikot von Team Système U erstmals wieder ein Radrennen. Doch es dauert bis 1989, um an die alte Leistungsstärke anknüpfen zu können. Die Tour de France verliert er jedoch gegen seinen früheren Zimmergenossen LeMond mit dem geringsten Zeitabstand, den es je zwischen dem ersten und zweiten Platz gab: Jene legendären acht Sekunden. Sie waren der Beginn vom Ende.

Zu Fignons Zeit waren die Dopingmethoden lächerlich und die Leistungen beträchtlich. Er selbst wurde zweimal positiv getestet. Seit 15 Jahren sind die Dopingmethoden beeindruckend und die Leistungen fragwürdig. Wie die der rund 30 Fahrer am Télégraphe, einem Gipfel der Tour 1993, die das endgültige Aus von Fignons Radkarriere einläuteten. Bei seinem Team Gatorate war Fignon nach eigenen Angaben einer der wenigen, die EPO und Wachstumshormon, die neuen Dopingmittel, nicht anrührten. Und trotzdem fühlte er sich beim Anstieg auf den Télégraphe so hervorragend, dass er einen Ausreißversuch startete. Doch es kam zu einer furchterregenden Episode. 30 oder 40 Fahrer fuhren mit einer verstörenden Leichtigkeit zu Fignon auf. Darunter auch Fahrer seiner Generation, die ihm bislang im Gebirge das Wasser nicht reichen konnten. Sie raubten ihm an diesem Tag sein früheres Ich. Der Radprofi Fignon war vernichtet. Zerstört. Ein kleiner Tod.

Heute ist Fignon an Bauchspeicheldrüsenkrebs im fortgeschrittenen Stadium erkrankt. Im Gegensatz zu seinen Ärzten schließt er einen Zusammenhang mit Doping nicht aus. Fignon galt als ein Freigeist und Querdenker im Peloton. Wenn schon jemand mit dieser Persönlichkeitsstruktur sich dem Dopingzwang nicht widersetzen konnte, macht das wenig Hoffung auf eine mögliche Änderung im Radsport. Fignon hofft, dass die Medikamente anschlagen und er nicht mit 50 sterben muss.

Unter Mitarbeit von Jean-Emmanuel Ducoin
Covadonga Verlag Bielefeld
Aus dem Französischen übersetzt von Bettina Blume und Stefan Rodecurt
366 Seiten, erschienen Juli 2010 und kostet 16,80 Euro.

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