Dienstag, 24. Mai 2022

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Wirbel um Rechte an Edgar Hilsenraths Werk

Seit 1. Januar hat der Verleger Volker Dittrich nicht mehr die Rechte am Werk von Edgar Hilsenrath - der mit "Der Nazi und der Friseur" weltbekannt wurde. Die vom Dittrich-Verlag herausgegebene Werksausgabe sei "über den Autor bzw. über den von ihm beauftragten Dritten zu beziehen". Martin Sander erklärt die Umstände des Rechtewechsels.

Das Gespräch führte Beatrix Novy | 15.04.2012

Beatrix Novy: Der Held dieses Films war übrigens gebürtig aus Halle, und das verbindet, wenn auch über die Jahrhunderte, ihn mit dem Schriftsteller Edgar Hilsenrath. Der wurde 1926 geboren, eben in Halle, als Kind eines jüdischen Kaufmanns. Ein Holocaust-Überlebender, der 1977 aus den USA zurückkehrte und mit einem satirischen Roman berühmt wurde: "Der Nazi und der Friseur". Hilsenrath war ein produktiver Schriftsteller, auch sonst, es gibt eine große Werkausgabe, aber die läuft aus, wie jetzt sein früherer Verleger Volker Dittrich erklärt.

O-Ton Volker Dittrich: "Seit 1. Januar dieses Jahres haben wir nicht mehr die Rechte am Werk von Edgar Hilsenrath. Edgar Hilsenrath hat im Februar 2009 wieder geheiratet und hat seinen ersten Verleger und den Herausgeber der Werkausgabe, Helmut Braun, abgesetzt als seinen Bevollmächtigten - der hat viel für ihn getan und alles organisiert und seine Abrechnungen kontrolliert, also uns kontrolliert -, und dann hat er einen jungen Freund seiner Frau zum Generalbevollmächtigten gemacht und hat damit praktisch sein ganzes Leben abgegeben."

Novy: Der Verleger Volker Dittrich erzählt da in groben Zügen, wie ihm die Rechte an Edgar Hilsenraths Werk verloren gingen. - Martin Sander kennt den Fall, Frage an ihn: Wieso kommt das jetzt erst an die Öffentlichkeit?

Martin Sander: Es gab eine kleine Zeitverzögerung, im Internet konnte man schon einiges nachlesen. Aber in die Öffentlichkeit ist es durch ein neues Buch gekommen. Und zwar hat der Verleger Volker Dittrich ein Buch veröffentlicht, und in den letzten Wochen auch verschiedentlich präsentiert, ein Buch, wo er die literarische Erinnerung von Edgar Hilsenrath gegenüberstellt der persönlichen Erinnerung seines Bruders Manfred, und dieses Buch hat er vorgestellt, und auf Nachfragen des Publikums, was natürlich etwas ahnte – zumindest war ja dann die Frage, warum ist eigentlich der Edgar Hilsenrath hier nicht auf der Veranstaltung -, dadurch ist das eigentlich an die Öffentlichkeit gekommen.

Novy: Es gibt da also einen Streit im Hintergrund, einen Konflikt. Ziehen Sie doch mal eben ein bisschen Bilanz, worum es da eigentlich die ganze Zeit gegangen ist.

Sander: Edgar Hilsenrath, Witwer geworden vor etlichen Jahren, hatte wieder geheiratet im Jahr 2009 und seine Frau Marlene hat einen jungen Mann, einen Philologen, als Generalbevollmächtigten installiert, und seitdem ist der Kontakt von Edgar Hilsenrath zur Außenwelt etwas gestört. Das betrifft nicht nur den literarischen Betrieb, sondern sogar seinen Bruder Manfred, den ich schon erwähnte. Die Ehefrau und der Generalbevollmächtigte wollten andere Bedingungen für den Dittrich-Verlag stellen, sie wollten kurz gesagt mehr Geld, sie wollten vor allen Dingen auch stärker an Filmrechten, habe ich gehört, beteiligt werden, und Volker Dittrich hat sich damit nicht einverstanden erklärt. Er meinte, dass er die zehnbändige Werkausgabe nur so fortsetzen kann unter den Bedingungen, die sie mal eingegangen sind.

Novy: Ist diese Forderung nach mehr Geld nicht etwas merkwürdig, wenn der Pieper-Verlag doch aus finanziellen Gründen, weil eben weniger Geld rauskam, das ganze dem Dittrich-Verlag damals überlassen hat?

Sander: Ja, das muss man natürlich so sehen, denn Edgar Hilsenrath mit dem Buch "Der Nazi und der Friseur", das war ein Weltbestseller und der war bekannt in den 70er- und 80er-Jahren auch in Deutschland. Aber aus verschiedenen Gründen, die gar nicht mit dem Werk zusammenhängen, sondern mit dem Literaturbetrieb, ist er in Vergessenheit geraten und Pieper hat 2003 die Rechte zurückgegeben, weil sie nicht mehr genügend Bücher verkauft haben. Dann erst hat sich Volker Dittrich entschlossen, diese Werkausgabe zu machen, und zwar mit dem ersten Herausgeber von Hilsenraths Werken, Helmut Braun. Es sind also auch zwei Persönlichkeiten daran beteiligt. Ich habe sie selber gesehen und etliches davon auch studiert, das ist wirklich eine tolle Ausgabe. Dadurch ist Edgar Hilsenrath noch mal ins Gespräch gekommen und er hat insgesamt trotz seiner Schlaganfälle und seines schwierigen gesundheitlichen Zustands zusammen mit Volker Dittrich 60 Lesungen in Deutschland und sogar außerhalb Deutschlands absolviert. Das heißt, er war als Autor wieder präsent. Insofern haben Sie vollkommen recht, ist das, was da geschehen ist, ein Kuriosum. Aber nichtsdestotrotz haben nun die Ehefrau und der Generalbevollmächtigte das Sagen. Es kam auch zu einem Prozess und Volker Dittrich hat da nicht Recht bekommen. Da gab es wohl Probleme, ob er eigentlich ursprünglich den Verlag mit Hilsenrath als Volker Dittrich und Verleger, oder im Rahmen einer später gegründeten GmbH abgeschlossen hat, also eine Formalie. Aber das alles hat dazu geführt, dass er nicht mehr der Verleger ist und dass diese Gesamtausgabe, wenn der Rest dieser Werkausgabe verkauft ist, nicht weiter bestehen wird.

Novy: Und wie wird es dann wohl weitergehen? Was sind denn die Absichten der Ehefrau von Hilsenrath und des Generalbevollmächtigten?

Sander: Man muss leider davon ausgehen, dass nach allem, auch wenn die Ehefrau und der Generalbevollmächtigte glauben, sie könnten Edgar Hilsenrath da vielleicht eine bessere Stellung im Literaturbetrieb verschaffen, das ganz bestimmt nicht so sein wird. Er wird in Vergessenheit geraten und es wird diese schöne Gesamtausgabe nicht geben, die eigentlich doch etliche Jahre im Gespräch gewesen ist, vollkommen zurecht. Natürlich wird das Edgar Hilsenrath sicher über die Jahrzehnte oder längere Zeit nicht schaden, denn er ist ein hervorragender Autor, er wird wieder entdeckt werden. Aber es ist doch sehr, sehr schade um die Arbeit dieses Dittrich-Verlages der letzten Jahre und es ist sehr schade für die Leser, denen er da noch mal auf neue Weise überhaupt zugänglich gemacht wurde.

Novy: Martin Sander war das über den Konflikt um das Werk Edgar Hilsenraths.