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StartseiteHintergrundWirrwarr der Feindschaften und Bündnisse31.07.2011

Wirrwarr der Feindschaften und Bündnisse

Jemens Weg von der Revolution zum Stammeskrieg

In Sanaa tut sich nun schon seit Wochen ein Machtvakuum auf, das im wahrsten Sinne des Wortes hochexplosiv ist. Das Ringen um die Macht im Jemen wird längst nicht mehr zwischen dem Regime und der Opposition ausgetragen, sondern ist zu einem Stammeskonflikt degeneriert.

Von Martin Durm

Tausende Menschen feierten die Ausreise von Präsident Saleh in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. (picture alliance / dpa / Yahya Arhab)
Tausende Menschen feierten die Ausreise von Präsident Saleh in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. (picture alliance / dpa / Yahya Arhab)
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Schwer zu sagen, wer das Gerücht zuerst in die Welt gesetzt hat. Vielleicht kam es aus den Kasernen. Oder der Präsidentenpalast hat es auf die schlafende Stadt losgelassen. Oder es ist irgendwo in der Altstadt entsprungen. Zögernd kommt es in Gang, mit einigen Detonationen im Süden, zieht dann weiter in nördlich Richtung, um schließlich nach Mitternacht kreuz und quer durch die jemenitische Hauptstadt zu toben. Das Gerücht entlädt sich mit solcher Gewalt, da wir uns im Talkessel Sanaas nur noch die Ohren zuhalten können.
Sanaa.

Ein Querschläger fegt vorbei, die Straßen leeren sich innerhalb von Sekunden. Was ist das hier? Der Bürgerkrieg, den so viele fürchten? Oder so etwas wie Silvester auf Jemenitisch, weil zwischen dem Mündungsfeuer und der grünen Leuchtspurmunition von Luftabwehrgeschützen auch noch rote und gelbe Lichtergirlanden vom Nachthimmel regnen? Jetzt sind Saleh, Saleh-Rufe zu hören - und mit einem Mal wird uns klar, was hier gespielt wird. Freudenfeuer. Das sind Freudenfeuer. Sanaa soll glauben, der verwundete Potentat kehre endlich aus Saudi-Arabien zurück. Das also war das Gerücht: ein martialischer Probelauf, der Salehs Gegner einschüchtern sollte.

Am nächsten Morgen werden im Süden der Stadt über hundert Leute gezählt, die von herunterfallenden Kugeln verletzt worden sind. Und im Norden, beim Stadtviertel Hassaba, liegen zehn tote Männer auf der Straße. Sind es die Opfer von Scharfschützen des Regimes? Oder wurden sie von Stammeskriegern erschossen? Niemand scheint das zu wissen. Oder wissen zu wollen. Schüssen und Detonationen gehören mittlerweile fast schon zur städtischen Geräuschkulisse in Sanaa. Anfang Juni wurde Ali Abdallah Saleh in seinem Palast selbst Opfer eines Raketenangriffs, den Aufständische auf ihn verübten. Beim Weg zum Freitagsgebet schlugen in seiner unmittelbaren Nähe zwei Geschosse ein und verletzten den jemenitischen Staatschef so schwer, dass er zur medizinischen Notbehandlung ausgeflogen wurde nach Saudi-Arabien. Angeblich steckt der mächtige Ahmar-Clan hinter dem Anschlag, der Saleh gewaltsam aus dem Amt jagen will. Gelungen ist das noch nicht. Aber zumindest ist der Präsident nun nicht mehr im Land. Und in Sanaa tut sich nun schon seit Wochen ein Machtvakuum auf, das im wahrsten Sinne des Wortes hochexplosiv ist.

Präsident Ali Abdallah Saleh hat zweifellos viele Feinde. Todfeinde. Er hat aber auch noch treue Gefolgsleute in dieser Stadt. Zu denen gehört Yehia al Saleh, ein Neffe des verwundeten Machthabers. Jehia Saleh kommandiert die 6000 Mann der sogenannten Nationalen Sicherheitskräfte. Diese Truppe ist in einem abgeriegelten Kasernenkomplex stationiert. Neffe General kommt mit großem uniformiertem Gefolge in den Empfangssaal. Ein kleiner, harter Mann, der ein grünes Barett und abfälliges Lächeln mit sich herumträgt. Er setzt sich in einen sanft gepolsterten Sessel und spricht dann so leise, dass man ihm jedes Wort von den Lippen ablesen muss.

"Wir hoffen, dass der Präsident, auf den die Terroristen einen so feigen Anschlag verübt haben, möglichst bald wieder zurückkommen wird. Er muss zurückkommen, um das Vaterland zu führen. Ganz Jemen wartet auf ihn. Ich weiß nicht genau, wann es soweit sein wird. Aber sicherlich kommt er irgendwann in den kommenden Wochen"

Anfang Juli zeigte sich der Präsident erstmals im jemenitischen Fernsehen. Besser gesagt: Er wurde gezeigt.

Der Mann, da schlecht ausgeleuchtet und stockend zu reden begann, hatte nichts mehr mit dem kraftstrotzenden Potentaten zu tun, der 33 Jahre lang den Jemen regiert hat: Das war nur noch sein Schatten, eine von Verbänden und Schienen zusammengehaltene Mumie, steif, ausdruckslos, unfähig sich zu bewegen. Das Attentat auf ihn sei furchtbar gewesen, sagt Saleh, 82 treue Männer seien verletzt worden, einige zu Märtyrern geworden. Er selbst habe inzwischen acht Operationen hinter sich und hoffe nun, möglichst bald wieder zuhause zu sein. Man könne dann über alles reden, über Reformen, über eine Aufteilung der Macht. Nur: Alles müsse im Rahmen der Verfassung geschehen. Der jemenitische Rundfunk hat diesen Auftritt in schlechter Tonqualität übertragen, die eigentliche Botschaft war aber trotzdem gut zu verstehen: Saleh klebt nach wie vor an der Macht, so entstellt und geschwächt er auch sein mag. Er danke dem saudischen König Abdallah für dessen Gastfreundschaft, sagte der jemenitische Präsident.

Vermutlich war das ein verbitterter Dank an die Saudis, die Ali Abdallah Saleh nun schon seit Wochen unter einer Art medizinisch legitimiertem Krankhausarrest halten. Nichts geschieht im Jemen ohne Wissen und Duldung Saudi-Arabiens. Das reichste Land der arabischen Welt ist ängstlich darauf bedacht, dass der bettelarme südliche Nachbar nicht völlig außer Kontrolle gerät. Die Saudis finanzieren die Spitzenpolitiker des Regimes. Sie finanzieren aber auch den Ahmar-Clan und sämtliche lokale Stammesscheichs im nordjemenitischen Bergland. Auf diese Weise verschaffen sich die Ölprinzen in Riad einen für alle Eventualitäten gesicherten Einfluss im Jemen. Derzeit scheinen sie der Meinung zu sein, dass eine Rückkehr der verwundeten Potentaten nicht opportun ist. Wahrscheinlich rechnet nicht einmal mehr der Neffe mit der Rückkehr des Onkels. Sollte es dennoch geschehen, könnte im Jemen der offene Bürgerkrieg drohen.

"Es muss nicht gleich einen Bürgerkrieg geben. Aber selbstverständlich besteht da immer ein gewisses Risiko. Jetzt kommt es erst einmal darauf an, die Hintermänner zu finden, die den feigen Anschlag auf den Präsidenten in Auftrag gegeben haben. Die Verantwortung des Ahmar Clans muss geklärt werden. Aber gleichzeitig müssen nun alle politischen Parteien ihre Position neu überdenken und so etwas wie ein nationaler Dialog beginnen."

Hawar – Dialog. Ein abgenutztes, wertloses Wort ist das geworden in dieser Stadt, die mittlerweile in drei Teile zerfällt: Die regimetreuen Bürger leben im Süden und schützen ihren Besitz mit schweren Eisentüren und bewaffneten Wächtern. Die politische Opposition sammelt sich seit Monaten im Zentrum von Sanaa am Midan al Tairir und wird von einer fragwürdigen Miliz abgeschirmt. Die rebellischen Stammeskrieger wiederum beherrschen den Norden der Stadt. Und überall gilt nur noch die Straßenverkehrsordnung der Gewalt: Sperren, Panzer, Stacheldraht, Sandsäcke. Wir verlassen das abgeriegelte Terrain der sogenannten Nationalen Sicherheitskräfte und fahren über die breite Ringstraße Richtung Altstadt. Vor jeder Tankstelle stauen sich kilometerlang Autos, jede Zapfsäule ist umringt von einem Pulk streitender, wütender Männer:

"Seit zwei Tagen stehe er hier", klagt einer von ihnen, "hier herrscht nur noch Chaos, nichts als Chaos. Lebensmittel gibt es noch in der Stadt, aber das Benzin wird knapp und von Tag zu Tag teurer."

Wer schuld daran sei, wollen wir wissen?

"Die Aufständischen", sagt er, "die hätten das Land ins Unglück gestürzt. Nicht Saleh. Die meisten hier seien für Saleh."

Das Saleh–Gebiet reicht bis tief hinein in Sanaas Altstadt, wo in jeder Gasse Präsidentenporträts an den Hauswänden kleben. Diejenigen, die noch etwas zu verlieren haben – die Händler und Geschäftemacher auf dem Bazar - schrecken offenbar vor dem Wagnis der großen Revolte zurück.

"Wir lieben Ali Abdallah Saleh", sagen sie, "er ist ein guter, ein starker Führer, nur er kann den Jemen zusammenhalten. Wenn Saleh nicht mehr da ist, bricht hier alles auseinander."

Die Männer sind nicht gekauft und auch nicht von Salehs Regime eingeschüchtert. Sie meinen es ernst, reden aus Überzeugung. Und was sie sagen, lässt ahnen, welch tiefer Riss die jemenitische Gesellschaft in diesen Tagen durchzieht. Jeden Freitag fordern Zehntausende Demonstranten im Süden Sanaas den Erhalt des Regimes. Und jeden Freitag fordern Zehntausende im Zentrum sein Ende.

Dort wollen wir hin, ins Zentrum. Und weil es relativ ruhig ist an diesem Morgen, lassen die Regierungssoldaten an den Checkpoints noch mit sich reden:

"Das sind deutsche Journalisten", sagt unser Fahrer.

"Lasst uns durch."

Dann kommt die nächste Straßensperre, die aus ein paar in den Weg gestellten Benzinfässern besteht. Hier kontrollieren die Männer des Armeegenerals Ali Mohseen, der mit Präsident Saleh gebrochen hat; angeblich, um die Demokratie zu unterstützen. Allerdings steht der abtrünnige General in dem Ruf, weniger ein Demokrat, sondern einer der korruptesten Militärs der jüngeren jemenitischen Geschichte zu sein. Seine abgerissenen Milizionäre lagern zwischen Sandsäcken und Munitionskisten und stopfen sich schon am frühen Nachmittag bündelweise Kat in den Mund. Der zerkaute Drogenbrei in ihren geschwollenen Backen macht sie gesprächig:

"Ohne Kat keine Revolution", sagen sie, "das sei nun mal so üblich im Jemen. Ohne Kat geht hier gar nichts."

Kat, die leicht euphorisierende Volksdroge, ist wohl das Einzige, was alle Jemeniten miteinander verbindet. Kat – so sagt der kauende Volksmund – lasse selbst komplizierteste Verhältnisse spätestens am Nachmittag zur blauen Stunde verständlich und logisch erscheinen. Im Grunde sei doch alles ganz einfach, sagen die Milizionäre:

"Es geht immer nur um Stammesprobleme."

Die eher regimetreuen Baqueel gegen die eher rebellischen Haschid. Der schwache Haschid-Unterstamm der Sanhan gegen den mächtigen Clan der Ahmar. Präsident Saleh, der ein Sanhan ist, gegen Stammesführer Sadeq al Ahmar, der die Haschid führt. Und irgendwo dazwischen: General Mohseen, übrigens ein Halbbruder des Präsidenten, den er nun mit 3000 Milizionären bekämpft.

"Saleh – der soll nur zurückkommen", sagen sie. "Wir würden ihm gleich am Flughafen eine Kugel in den Bauch jagen, dem Hund."

Im Wirrwarr der jemenitischen Feindschaften und Bündnisse scheint es nur noch eine halbwegs verlässliche Größe zu geben: die Demokratiebewegung auf dem Midan al Tairir – dem Platz des Wandels. Seit Februar campieren Tausende Demonstranten in Unterständen und Zelten auf dem Midan al Taiirir. Studentinnen und Studenten, Angestellte, Arbeitslose, Politiker all jener Parteien der Opposition, die das alte Regime nach drei Jahrzehnten endlich loswerden wollen:

Ihr Widerstand gegen das Regime ist lebensgefährlich. Mindestens 250 von ihnen wurden in den vergangenen Wochen von Scharfschützen niedergestreckt:

"Das war mein Bruder", sagt eine junge Frau und hält uns das Foto eines lachenden Jugendlichen entgegen.

"Er wurde hier auf diesem Platz erschossen. Die Scharfschützen waren auf den Dächern. Sie haben die Leute wie Tiere abgeknallt."

Der sternförmige Platz ist zu klein geworden für die protestierender Masse. Die Seitenstraßen sind zugestellt mit Verschlägen aus Plastikplanen und Zelten, in denen die Führer der Demokratiebewegung ihre Gäste empfangen.

"Wir werden alle unsere Ziele erreichen. Wir haben keine Angst. Wir haben genug Selbstvertrauen für diesen Kampf. Am Ende wird der Jemen frei und demokratisch sein."

Tawakul Korman, eine der bekanntesten Stimmen der Opposition. Niemand versteht sich so gut darauf, sanfte Durchhalteparolen zu verbreiten wie diese schwarz verschleierte Frau. Dass die Macht der alten Männer gebrochen werde, verspricht sie. Dass am Ende nicht Soldaten und Stammeskrieger entscheiden, sondern der Glaube an eine bessere Zukunft:

"All die Gewehre, die in unseren Häusern liegen, die vielen Waffen, die unsere Männer besitzen ... wohin hat uns das geführt? Wir wissen, dass wir nur mit friedlichen Mitteln gewinnen können."

Die Frage ist nur, ob es ihnen gelingt. Der Machtkampf im Jemen wird nicht mehr zwischen dem autokratischen Regime und der demokratischen Opposition ausgetragen. Er ist zu einem Stammeskonflikt degeneriert, anfangs noch von Saleh gewollt und gesteuert, inzwischen aber völlig außer Kontrolle geraten. Es geht nicht mehr um Reformen und Demokratie. Es geht jetzt nur noch um die Nachfolge des 69-jährigen Potentaten: Wird am Ende Salehs Sohn Ahmed die Erbfolge antreten können, der die schlagkräftige Republikanische Garde befiehlt? Oder der rebellierende Ahmar-Clan, dem Zehntausende Stammeskrieger der Haschid unterstehen? Oder womöglich der abtrünnige General Mohseen, der seine ganz eigene Agenda da verfolgt?

Die Männer und Frauen auf dem Midan al Taiirir sind zu Randfiguren geworden. Sie müssen mit ansehen, wie ein blutig ausgetragener Konflikt um die Nachfolge ihre politischen Forderungen immer weiter verdrängt.

Die Gefechte zwischen den Regierungstruppen und den Stammeskriegern des Ahmar-Clans konzentrieren sich auf den Stadtteil Hassaba im Norden der Stadt. Hassaba ist so etwas wie das Epizentrum des jemenitischen Machtkampfs geworden. Der Weg dorthin ist eine Hindernisfahrt, vorbei an Autowracks und aus Bauschutt und Sandsäcken aufgeworfen Stellungen. Rechts an der Straße steckt ein Mörsergeschoss im Asphalt. Ein paar Soldaten machen sich mit Hammer und Schraubenzieher an dem Blindgänger zu schaffen. Zwischen den Hausruinen wird gerade wieder geschossen. Sie arbeiten, sagt unser Fahrer.

Ein Mann rennt über die Straße und hält eine aufgerissene Granathülse in der Hand:

"Sechs von denen sind bei uns im Haus eingeschlagen", sagt er.

"Ich bin nur noch raus und ins Freie gerannt. Ich weiß nicht einmal, wie viele zuhause jetzt tot sind oder verletzt."

Es gibt keinerlei Informationen darüber, wie viele Menschen hier in den vergangenen Wochen uns Leben kamen. Die Märkte sind geplündert, die Holztische der Händler in Stücke geschlagen.

In einem zerschossenen Hinterhof hat sich ein vorgeschobener Trupp des Regimes verbarrikadiert, blutjunge Soldaten, mit zu großen oder zu kleinen Stahlhelmen auf den Köpfen.

Ein Offizier schreit sie an, um ihre Angst zu verjagen. Es hilft aber wenig, die meisten von ihnen kauern sich in der Deckung einer geborstenen Mauer zusammen, statt kampfbereit in Stellung zu gehen. Ausländer haben hier nichts verloren, sagt der Offizier und scheucht uns davon:

Nur zwei Straßenblocks weiter haben sich seine Feinde verschanzt, alt gediente Stammeskrieger, die den ausgebombten Wohnsitz des Ahmar-Clans nicht aufgeben wollen. Der Familienpalast wurde Ende Mai von Regierungstruppen in Stücke geschossen. Anfang Juni schlugen dann Raketen im Präsidentenpalast ein.

Selbstverständlich hätten sie nicht das Geringste damit zu tun, sagen Ahmars Stammeskrieger in ihrem Unterstand. Und zeigen sich sehr daran interessiert, sich mit ihren Handgranaten und Maschinenpistolen fotografieren zu lassen.

"Welcome to Jemen",

sagt einer von ihnen und nutzt die Gelegenheit, seinen Stammesbrüdern seine Englischkenntnisse zu demonstrieren.

Wir versichern ihm, weder "teacher" noch "student" zu sein, er versichert uns "für Scheich Sadeq al Ahmar den Märtyrertod sterben zu wollen."

Dann klettert der Autor des mächtigen Scheichs auf eine Schutthalde:

"Gott", sagt er, "möge den verfluchten Abdallah Saleh nicht nur im Gesicht und an den Händen verbrennen. Saleh möge ganz und gar in der Hölle verbrennen."

Wir haben dann sicherheitshalber noch ein bisschen herum fotografiert, um die Stammeskrieger nicht zu verärgern. Und uns dann möglichst schnell aus dem Staub von Hassaba gemacht.

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