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Wirtschaft im Dritten Reich

Was hat den nationalsozialistischen Staat im Innersten zusammengehalten? Auf diese Frage hat der Historiker Götz Aly vor zwei Jahren eine viel beachtete Antwort gegeben: Das NS-Regime habe sich die Gefolgschaft der Deutschen mit sozialpolitischen Wohltaten erkauft. Ein gänzlich anderes Bild der NS-Herrschaft zeichnet jetzt der in Cambridge lehrende Wirtschaftshistoriker Adam Tooze. Er entwirft das Bild eines Regimes, das erst durch eine beispiellose volkswirtschaftliche Mobilisierung der Bevölkerung die Voraussetzung schuf für Krieg und Völkermord.

Von Jasper Barenberg | 11.06.2007

    Geschichtsbücher über die Zeit des Nationalsozialismus füllen längst ganze Bibliotheken. Warum also sollte man sich ein weiteres, zudem fast 800 Seiten dickes Buch zum Thema anschaffen? Zumal eines, das sich mit der Wirtschaft beschäftigt, also mit einem vermeintlichen Randaspekt der Geschichte zwischen 1933 und 1945? Im Fall von Adam Tooze gibt es dafür zwei gute Gründe, mindestens. Zum einen: Man mag es kaum glauben, aber eine Gesamtdarstellung der Wirtschaftsgeschichte der nationalsozialistischen Zeit liegt bis heute nicht vor, trotz einer Unzahl von Arbeiten zu Detailproblemen, ausgewählten Aspekten oder einzelnen Phasen. Eine ebenso monumentale wie kritische Gesamtschau, wie sie Tooze liefert, ist da an sich schon verdienstvoll. Zudem, wenn sie so lebendig und verständlich geschrieben ist. Zum anderen aber zielt der britische Historiker auf weit mehr als auf eine reine Wirtschaftsgeschichte: Seine "Ökonomie der Zerstörung" ist auch der Versuch, das NS-Regime, Weltkrieg und Völkermord aus wirtschaftlicher Perspektive grundsätzlich neu zu interpretieren.

    Das primäre Ziel dieses Buches ist es also, den Wirtschaftskomplex vom Rand in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit dem Hitlerregime zu rücken (...). Die Wirtschaftsgeschichte des 'Dritten Reichs' wirft nicht nur ein neues Licht auf die Motive für Hitlers Aggression, sondern auch auf die Gründe für ihre letztendliche Erfolglosigkeit und auf die Frage, warum sie unweigerlich zum Scheitern verurteilt war.

    Dabei fasst Adam Tooze nicht nur Fachliteratur und Forschungsstand souverän zusammen. Er räumt auch mit so manchem Vorurteil auf, das sich in der Öffentlichkeit mehr noch als in der Fachwelt bis heute gehalten hat. So hat die NS-Führung den wirtschaftlichen Aufschwung nach 1933 keineswegs dazu genutzt, die Lebensverhältnisse der kleinen "Volksgenossen" zu verbessern. Ganz im Gegenteil. Die Aufrüstung zum Krieg stand für das Regime von Beginn an ganz im Vordergrund. Demgegenüber musste der private Konsum zurückstehen, allen Mythen über Arbeitsbeschaffung und Autobahnbau zum Trotz. Anschaulich schildert Tooze etwa den gigantischen bürokratischen Apparat, geschaffen, um Agrarwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion zu reglementieren - im Dienste der angestrebten Kriegsfähigkeit und auf Kosten einer beispiellosen Mobilisierung der Bevölkerung. Exekutiert wurde diese Politik von Bürokraten wie dem Staatssekretär im Reichsernährungsministerium, Backe.

    Weil wir von Anfang an unsere ganze Ernährungswirtschaft darauf abgestellt haben, in einer kriegerischen Auseinandersetzung das Volk im Wesentlichen aus der deutschen Scholle zu ernähren, sind alle Maßnahmen seit 1934 praktisch als Maßnahmen für den totalen Krieg anzusehen.

    Insgesamt aber manövrierte sich das Regime im Fahrwasser einer überhitzten Konjunktur mehr und mehr in eine Zwangslage. Verwundbar durch seine außenwirtschaftliche Abhängigkeit, belastet von einer enormen Auslandsverschuldung, strategisch angewiesen auf ausländische Rohstoffe und Nahrungsmittel, im Bewusstsein schließlich der wachsenden strukturellen Übermacht des Westens flüchteten sich Hitler und die Seinen 1939 Tooze zufolge in den Krieg. Ein gefährliches Vabanque-Spiel, weit entfernt von der lange behaupteten Überlegenheit der deutschen Wirtschaft als Motor der kriegerischen Aggression.

    Wenn man fragt, ob die Mobilmachung Teil einer kohärenten strategischen Synthese war oder ob die Diplomatie, die militärische Planung und die Mobilisierung der Wirtschaft nach 1933 in eine kohärente Kriegsplanung mündeten, dann kann dieses Buch darauf nur eine negative Antwort erteilen (...) Deutschland begann den Krieg im September 1939, ohne über substanzielle materielle oder technische Vorteile gegenüber den etablierten Militärmächten des Westens zu verfügen.

    Besonders eindrücklich ist die Studie von Adam Tooze dort, wo es um die Ausweitung des Krieges geht, genauer: um den Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941. Auch hier spielen wirtschaftliche Motive eine kaum zu unterschätzende Rolle. Der mögliche Kriegseintritt der USA verschärfte in der NS-Führung noch das Bewusstsein der strategischen und wirtschaftlichen Unterlegenheit. Von der Zerschlagung Russlands versprach man sich dagegen eine riesige Beute an Rohstoffen und Nahrungsmitteln, ausreichend, um die notorischen Engpässe in der deutschen Kriegswirtschaft ein für alle Mal zu überwinden und das Wettrüsten mit Großbritannien und den USA aufnehmen zu können. Um dieses Ziel aber erreichen zu können, entwarfen Hitlers Agrarexperten schon in der Planungsphase des Krieges im Osten eine radikale Aushungerungspolitik gegenüber der sowjetischen Bevölkerung. Und wieder war es Herbert Backe im Ernährungsministerium in Berlin, der mit seinem Stab diese "Geopolitik des Hungers" entwarf. Sie zielte darauf, ein Höchstmaß an Nahrungsmitteln aus dem Land zu pressen - ohne Rücksicht auf die Belange der dortigen Bevölkerung. So geht es aus den von Backe formulierten wirtschaftspolitischen Richtlinien hervor:

    Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im dritten Kriegsjahr aus Russland ernährt wird. Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Land herausgeholt wird.

    Schon vor Jahren hat der Historiker Rolf-Dieter Müller geurteilt, dass es sich bei dem Krieg gegen die Sowjetunion weder um einen "Mord aus reiner Leidenschaft", noch um einen "Totschlag aus Notwehr" gehandelt hat, sondern um den "nüchtern kalkulierten Versuch eines Raubmordes." In der Strategie der Ausplünderung und der Vernichtung kulminierten kriegswirtschaftliche Sachzwänge, ideologische Prämissen und wirtschaftsimperialistische Ziele gleichermaßen. Sie korrespondierte zudem mit der Skrupellosigkeit, mit der später Hunderttausende sowjetische Kriegsgefangene dem Hungertod preisgegeben, mit der Millionen verschleppter Zwangsarbeiter ihres Lebens beraubt wurden. Diese Kopplung wirtschaftlicher Kalkulation mit rassistischem Gedankengut als ein Grundprinzip der NS-Herrschaft herauszuarbeiten, gehört zu den großen Verdiensten von Adam Tooze. In den Mittelpunkt seiner Interpretation stellt er dabei die Ideologie Hitlers - vor allem mit Blick auf die wachsende ökonomische und politische Macht der USA.

    Amerika ist unser Dreh- und Angelpunkt. (...) Mit einem letzten gewaltigen Griff nach Land im Osten sollte sich das Reich die Grundlagen für die wirtschaftliche Unabhängigkeit und Wohlstand verschaffen und die notwendige Plattform erwerben, um im bevorstehenden Wettkampf der Großmächte mit den Vereinigten Staaten obsiegen zu können. (...) Hitler sah sein Reich durch die Vereinigten Staaten bedroht (...) Für ihn war es eine existenzielle Bedrohung, die untrennbar mit seiner anhaltenden Furcht vor einer Verschwörung des 'Weltjudentums' verknüpft war.

    So wichtig es ist, die Wirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus in die Entwicklung der Weltwirtschaft einzubetten: Ein Unbehagen bleibt mit Blick auf die Art, wie Tooze Hitlers Einschätzung der geopolitischen wirtschaftlichen Lage von 1927 umstandslos mit der Eskalation der Gewalt im Weltkrieg kurzschließt, mit der Ausplünderung Russlands ebenso, wie mit der Vernichtung der europäischen Juden. Tooze räumt der Ideologie den größten Stellenwert ein. Dabei wissen wir schon lange schon, dass die nationalsozialistische Weltanschauung kaum mehr war als eine wirre Ansammlung kruder Elemente der Zeit. Dass ideologischer Fanatismus zudem erst im Zwielicht unklarer Befehle und örtlicher Initiativen Wirklichkeit wurde - und letztlich nur im Kontext der völligen Auflösung staatlicher Strukturen, im Schatten des permanenten Ausnahmezustands. Das mindert allerdings nicht den Stellenwert des Buches. Ganz im Gegenteil. Es regt dazu an, sich damit auseinander zu setzten.

    Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung. Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus
    Aus dem Englischen von Yvonne Badal. Siedler. München 2007
    927 Seiten. 44,00 Euro.