Wissenschaft und Pandemie"Politik kann keine reine Vollzugsinstanz der Wissenschaft sein"

Der Sachverständige nimmt in der Pandemie eine besondere Rolle ein. Mit wissenschaftlicher Expertise berät er oder sie auch Regierungen. Die Grenze zum Aktivisten könne dann verschwimmen, kritisiert der Historiker Caspar Hirschi im Dlf. Wissenschaft und Politik seien nicht mehr trennscharf geschieden.

Caspar Hirschi im Gespräch mit Michael Köhler | 04.04.2021

(R-L) Jens Spahn, Bundesminister fuer Gesundheit, und Lothar Wieler, Praesident des Robert Koch-Instituts (RKI), aufgenommen im Rahmen einer Pressekonferenz zur aktuellen Corona-Situation in Berlin, 12.03.2021.
Pressekonferenz in der Corona-Pandemie: RKI-Präsident Lothar Wieler (l) und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (r) (IMAGO / Florian Gaertner / photothek.net)
Ein Experte für Experten ist der Schweizer Historiker Caspar Hirschi. Er lehrt in Sankt Gallen Allgemeine Geschichte und befasst sich mit der Geschichte des Intellektuellen und Sachverständigen in der Wissenschaftsgeschichte. Er hat unter anderem ein Buch über Skandalexperten geschrieben und in der F.A.Z. dazu einen ganzseitigen Beitrag verfasst, der eine Debatte auslöste.
Der Intellektuelle als moralische Autorität beginnt seine Karriere spätestens an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Der französische Schriftsteller Émile Zola kritisierte öffentlich die Verurteilung des elsässischen Hauptmanns Alfred Dreyfus. Mutig ergriff er das Wort. Heute stünden Experten allerdings nicht mehr am Rande der Gesellschaft, sagt Historiker Hirschi.
Wissenschaftler in weißen Kitteln stehen um einen aufgeklappten Globus herum.
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Allgegenwärtige Experten
"Sicher nicht mehr, wenn wir sehen, wie omnipräsent Experten heute sind in der Gesellschaft. Experten haben tatsächlich ein Anspruch auf eine privilegierte Mitsprache in einem ganz beschränkten Gebiet, nämlich ihrem Spezialgebiet. Und da treten sie dann auch gegenüber der Politik und den Medien natürlich schon auf mit einem besonderen Gefühl für privilegierte Mitsprache. (…) Was wir in den letzten Jahrzehnten tatsächlich gesehen haben, ist die Rolle der Experten, dass Experten sich immer stärker durchgesetzt haben, vor allem in den Medien, wenn es darum ging, Zeitgeschehen zu deuten und auch Handlungsanleitungen gerade in Krisensituationen daraus zu entwickeln."
Hirschi räumt ein, dass in unsicheren Situationen die wissenschaftliche Expertise unerlässlich ist, ohne sie könnten wir nicht verantwortungsvoll handeln.
Probleme der Legitimation
"Daran ist überhaupt kein Problem. Ich sehe ein Problem nur in einem sehr beschränkten Maße eben dort, wo sich die Rollen und vermischen. (…) Schwierig wird es meines Erachtens erst dann eben, wenn sie die Rolle von wissenschaftlichen Regierungsberatern, die ein privilegiertes Ohr der Herrschenden oder der Verwaltungen haben. Wenn Sie diese kombinieren mit öffentlicher Kritik an der Politik, dann üben Sie eigentlich von zwei Seiten Druck auf die politischen Verantwortliche aus, die Volksvertreterinnen und -vertreter aus. Und da glaube ich, gibt es dann von der Legitimation der Rolle her, gerade in liberalen Demokratien, da gibt es tatsächlich Probleme, über die man diskutieren muss."
Caspar Hirschis Einwand lautet: aus der passiven Vorsicht des Wissenschaftlers ist ein aktiver Eingriff geworden. Er kritisiert das, was er den "engagierten Experten" nennt.
"Problematisch wird es erst in dem Moment, wo eine Institution oder ein Gremium einen inoffiziellen Beratungsauftrag hat, auf Fragen der Politik reagieren muss. Und wenn dann Experten eben in den Medien zugleich auftreten als Warnung an die Politik oder als Unterstützer der Politik, dann erfüllen sie zwei Rollen. Also zum einen eben sind Sie immer noch offiziell Berater, aber zum anderen sind sie eigentlich schon legitimatorisch in Regierungspolitik verwickelt."
Illustration eines Wissenschaftlers, der im Labor durch ein Mikroskop auf die Sonne und eine Wolke schaut.
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Politik ist keine Vollzugsinstanz der Wissenschaft
Neben der Wissenschaft gebe es aber noch hinreichend andere legitime Gründe politische Entscheidungen zu fällen. Es lasse sich nicht mehr rein trennen zwischen einer Sphäre der wertfreien Wissenschaft auf der einen Seite und der entscheidenden Politik auf der anderen Seite. "Und das ist tatsächlich ein Modell, das der heutigen Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik nicht mehr gerecht wird." Hirschi beharrt auf der Funktionsbeschreibung von Wissenschaft in der modernen Demokratie, die für ihren Bestand wichtig ist.
"Wissenschaftliche Expertise ist enorm wichtig. Wir würden ohne sie nicht durch eine Krise kommen, aber es gibt immer auch andere legitim normative oder interessengebundene Überlegungen, die wir einbeziehen müssen und die deutlich machen eben, dass Politik keine reine Vollzugsinstanz der Wissenschaft sein kann. Und wenn das Politikerinnen und Politiker in der argumentativen Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Expertise leisten können, ich glaube, dann gerät die Wissenschaft auch viel weniger in Verdacht, expertokratisch durchgreifen zu wollen."
Hirschi wünscht sich, die Rollen klarer zu trennen. Auf eine Formel gebracht: Soviel wissenschaftliche Expertise wie möglich, aber so wenig politische Legitimation dadurch wie nötig. "Die Wissenschaft kann keine alleinige Legitimationsinstanz für politische Entscheidungen sein. Da wird sie überfrachtet, und Experten werden dann auch zu Zielscheiben von kritischen bis populistischen Abwehrreaktionen. Also sie ist für die Wissenschaft tatsächlich gefährlich, wenn sie sich zur einzigen Legitimationsinstanz von Politik selber macht oder dieses Spiel mitspielt. Wissenschaft kann da auch instrumentalisiert werden durch die Politik."
Vom kritischen Schriftsteller zum zeitdiagnostischen Soziologen
Historiker Hirschis sieht einen anderen Typus auf dem Vormarsch. Die Vertreter der Gesellschaftslehre gewinnen zunehmend an Bedeutung. "Was mir auffällt, gerade in der Pandemie, ist, dass eigentlich diese sehr generalistische Sicht auf die Dinge sehr stark aus der Soziologie kommen und diese als Zeitdiagnostiker irgendwie in die Rolle schlüpfen, die früher Schriftsteller, also wirklich Intellektuelle hatten."