Mittwoch, 29. Juni 2022

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Wissenschaftliches Fehlverhalten
Die Forschungs-Flops 2014

Zahlreiche Forscher veröffentlichten 2014 ihre Studien in Fachmagazinen. Darunter waren einige bahnbrechende Ergebnisse. Leider stellten sich einige später als falsch heraus - die Verfasser hatten es mit den wissenschaftlichen Standards nicht so genau genommen. Wir blicken auf die spektakulärsten Fälle zurück.

Von Anneke Meyer | 05.01.2015

Zwei Hände fassen eine Petrischale mit Bakterienkulturen zur Genvermehrung.
Ob Impfstoff gegen HIV oder Stammzellen aus dem Säurebad - diese Entdeckungen gab es nie. (dpa / picture alliance / Michael Rosenfeld)
Stammzellen aus dem Säurebad: die japanische Wissenschaftlerin Haruko Obokata beschreibt ein Verfahren, dass es unglaublich einfach machen soll, die heilsversprechenden Urzellen aus normalen Körperzellen zu produzieren.
"Die Idee kam mir in der Badewanne."
Die schöne Geschichte mit der hübschen, jungen Frau in der Hauptrolle nimmt schnell eine hässliche Wendung. Bereits kurz nach der Veröffentlichung im Januar 2014 werden Zweifel an dem STAP genannten Verfahren laut. Ivan Oransky ist Mitbegründer des Blogs "retraction watch". Seit Jahren verfolgt er Fälle von Betrug und Fehlverhalten in der Wissenschaft.
"Es wäre schwierig, über wissenschaftliches Fehlverhalten und Betrug in 2014 zu sprechen, ohne diesen Fall zu erwähnen."
Das liegt nicht zuletzt daran, dass der wissenschaftliche Skandal sich zu einer menschlichen Tragödie auswächst: Obokatas Mentor und Koautor Yoshiki Sasai begeht Selbstmord.
Nach dem Rückzug der in "Nature" publizierten Studien soll ein Untersuchungsausschuss die Frage klären, die Stammzellforscher weltweit bewegt: Gibt es STAP-Zellen oder nicht? Ende Dezember gibt der Leiter des Ausschusses Shinichi Aizawa die Antwort:
Haruko Obokata erklärt in einer schriftlichen Stellungnahme, sie sei über das Ergebnis "verwundert". Ihren Posten am RIKEN-Institut im japanischen Kobe gibt sie trotzdem auf.
Durchbruch im Kampf gegen Aids: Der Wissenschaftler Dong-Pyou Han von der Iowa State University, berichtet, er habe einen Impfstoff gegen HIV entwickelt.
In Wirklichkeit täuschte der Forscher ein wirksames Impfserum vor, indem er das Blut von "geimpften" Kaninchen mit isolierten HIV-Antikörpern versetzte. Ein Fall, dessen Dreistigkeit sogar "retraction watch"-Blogger Ivan Oransky überrascht hat.
"Wir haben schon einige Fälle von gefälschten Ergebnissen gesehen, aber das war wirklich unverfroren. Für seinen Betrug hat er staatliche Gelder missbraucht und er wird sich vor Gericht verantworten müssen. Wie es aussieht könnte er tatsächlich ins Gefängnis gehen. Das ist ungewöhnlich."
In den USA hat der Fall eine Diskussion darüber ausgelöst, ob wissenschaftlicher Betrug generell als strafbares Verbrechen behandelt werden soll. Bisher droht den Schwindlern schlimmstenfalls der Entzug von Fördermitteln oder der Verlust ihres Arbeitsplatzes.
Emotionen sind ansteckend: Positive Nachrichten auf Facebook führen zu mehr gut gelaunten Posts.
Die in PNAS veröffentlichte Studie vom Juni 2014 hat nur einen Haken: Die Versuchspersonen nahmen an den Experimenten teil, ohne davon zu wissen. Ein Vorgehen, das zwar im Einklang mit den Nutzerbedingungen von Facebook steht, nicht aber mit den allgemeinen Grundsätzen der Forschungsethik. Entsprechend groß war die öffentliche Empörung, als die Sache publik wurde.
Bedenken gegenüber der Methode wären zwar angebracht, stünden aber im gegebenen Fall einer Veröffentlichung nicht im Wege, erklärt PNAS in einer Korrektur zum Artikel:
"Als privates Unternehmen war Facebook nicht an die allgemeinen Grundsätze der Forschungsethik gebunden, als es die Daten sammelte. Das Nutzen der Daten durch Autoren wird durch die allgemeinen Grundsätze nicht ausgeschlossen."
Da ist es beruhigend zu wissen, das Facebook ethische Grundsätze sehr ernst nimmt, wie Erstautor Adam Kramer in einem Post versichert:
"Wir (nicht nur ich, sondern zahlreiche Wissenschaftler bei Facebook) arbeiten ständig daran, unsere selbstgesetzten Richtlinien zu verbessern."
Angriff auf wissenschaftliche Qualitätsstandards: Peter Chen, Wissenschaftler an der Pingtun Universität in Taiwan, manipuliert das Peer-Review-Verfahren. Als vermeintlich unabhängiger Gutachter beurteilt er seine eigenen Arbeiten.
Als die Sache auffliegt, zieht der Verleger SAGE 60 Publikationen auf einmal zurück. Großes Geschick war in diesem Fall nicht einmal nötig, um das Prinzip unabhängiges Gutachten zu umschiffen, erklärt Ivan Oransky:
"Man macht das so: Wenn man als Autor gebeten wird, geeignete Gutachter vorzuschlagen, schickt man einfach die Namen von renommierten Wissenschaftlern, gibt aber falsche E-Mail-Adressen an. Wenn ein Redakteur dann sagt ‚Ja, das hier ist ein geeigneter Gutachter' geht die Einladung zum Review an diese Fake-Adresse. Ich bin kein kriminelles Genie, aber das einzufädeln, ist nicht besonders schwierig."
Ivan Oransky zufolge ist Peter Chen nicht der Erste, der das Schlupfloch im Begutachtungsprozess entdeckt hat, aber wahrscheinlich der Letzte, der es nutzen konnte.
"Hinter den Kulissen haben Verleger sich schon länger damit beschäftigt. Aber jetzt haben sie offiziell bekannt gegeben, dass sie das Problem in Zusammenarbeit mit dem Komitee für Publikationsethik beseitigen wollen."
Maggie Simpson wird Wissenschaftlerin: Das jüngste Mitglied Zeichentrickfamilie "Simpsons" hat ihre erste Arbeit verfasst. Gleich zwei Fachmagazine wollen das Manuskript veröffentlichen. Sein Titel: "Fuzzy Homogeneous Configurations".
"Es geht darin um gar nichts. Es wurde von einem Computer generiert, der Wörter zufällig mischt und daraus einen Text macht. Ich glaube nicht, dass es jemand gelesen hat."
Alex Smolyanitzky ist der tatsächliche Urheber des Nonsens-Manuskripts. Wie viele seiner Kollegen ärgert er sich über eine Flut von E-Mails dubioser Verleger. Angebliche Fachjournale behaupten, Studien aller Art nach wissenschaftlichen Qualitätsstandards zu veröffentlichen. In Wirklichkeit publizieren sie jeden Mist, solange der Autor dafür zahlt.
"Mir ging es darum zu zeigen, dass es einen Begutachtungsprozess hier gar nicht gibt."
Erst kürzlich hatten Computerwissenschaftler in einem Magazin mit dem gleichen Geschäftsmodell ähnlich deutliche Kritik geäußert: "Nehmt mich von eurem verdammten E-Mail-Verteiler" lautete der Titel ihrer Publikation. Zu hoffen ist, dass solche Wünsche 2015 in Erfüllung gehen.