Montag, 16. Mai 2022

Archiv

WM 2014
Stadien statt Krankenhäuser

Warum ist so viel Geld da für Stadien und Straßen, aber viel zu wenig für Gesundheit und Bildung? Das fragen sich selbst überzeugte Fußballfans im WM-Gastgeberland Brasilien. Protestgruppen kündigen Demonstrationen an wie vor einem Jahr beim Confederationscup.

Von Burkhard Schäfers | 04.05.2014

Im Sonnenuntergang hält ein Mann die Flagge von Brasilien.
Die Flagge von Brasilien (picture alliance / dpa / Antonio Lacerda)
Noch immer ist die WM-Arena in Sao Paulo eine Großbaustelle – obwohl sie eigentlich längst hätte fertig sein sollen. Aber mehrere Unfälle verzögerten den Stadionbau. Allen Lippenbekenntnissen der Offiziellen zum Trotz: Die Spiele hier werden wohl auf einer Baustelle stattfinden. Auch die WM-Eröffnung am 12. Juni, wenn Gastgeber Brasilien gegen Kroatien antritt. Anajuto Santo di Sousa sitzt auf einem weißen Plastikstuhl an der Einfahrt, vor sich einen Handwagen mit Kühlbox:
"Ich bin schon seit der Grundsteinlegung hier und verkaufe Eis an die Arbeiter."
Der 42-Jährige wohnt gleich um die Ecke, seinen kleinen Verkaufsstand betreibt er seit der Grundsteinlegung für die WM-Arena vor drei Jahren. Aber sobald das Turnier losgeht, muss Anajuto weichen.
"Leider kann ich dann gar nicht hier bleiben, obwohl ich schon immer hier verkauft habe. Das ist ein super Platz, aber wir müssen zwei Kilometer vom Stadion wegbleiben, das sind die Auflagen der FIFA."
Das Stadion von Sao Paulo liegt in einem ärmeren Viertel, ganz im Osten der Zwölf-Millionen-Metropole. Brasiliens Politiker hatten der Bevölkerung versprochen, viele würden von der WM profitieren.
"Eigentlich ist die WM für uns alle da, in erster Linie für uns alle Brasilianer. Da kann man ja nicht einen großen Teil von ausschließen. Aber ich denke, die WM ist nur was für die Reichen. Die Karten sind so teuer, die einfachen Leute werden da kaum ins Stadion gehen können."
Hohe Ticketpreise, Kostenexplosionen beim Bau der WM-Arenen und der Zufahrtsstraßen: Das ist es, was die Brasilianer erbost. Selbst eingefleischte Fußballfans wie Renan aus Rio de Janeiro.
"99 Prozent, nein, ich sage 100 Prozent der Brasilianer wollten die WM hier im Land haben. Aber was ist passiert? Es ist zugesagt worden, dass 90 Prozent private Investitionen sind, dass kein Steuergeld in die Hand genommen wird. In Wirklichkeit hat sich schnell rausgestellt, dass es genau umgekehrt war, und das hat natürlich zum Umschwung in der Meinung beigetragen. Viele Leute haben gesagt, das ist nicht richtig, wenn so viel Geld, was anderer Stelle dringend gebraucht wird, nur in den Fußball investiert wird."
Die Schere zwischen arm und reich ist in Brasilien besonders groß. Millionen Menschen leben in Elendsvierteln, wo es viel zu wenige Krankenhäuser gibt. Manche brauchen Stunden zur Schule oder zur Arbeit. Aber immer wenn es um die WM geht, scheint Geld da zu sein. Diese Zweiklassen-Gesellschaft wird es auch beim Turnier geben, sagt Renan:
"Wer sonst in die Stadien geht, wer den Fußball lebt, wer mit fiebert und sich begeistern lässt – dass sind Menschen, die nicht viel Einkommen haben. Aber die können die Eintrittskarten zur WM nicht bezahlen, das ist zu teuer."
Solche Widersprüche sind es, die die Brasilianer auf die Straßen treiben. Schon vor einem Jahr gab es rund um den Confederationscup Proteste in verschiedenen Städten. Organisiert von so genannten WM-Bürgerkomitees, in denen sich mehrere Interessengruppen zusammenschließen. Rosilene Wensetto vom Comitê Popular da Copa in Sao Paulo:
"Ich sehe kaum Positives bei der WM, es überwiegen die negativen Folgen: Enteignungen, Prostitution, in welcher Form das Geld investiert wird. Alles, was vorteilhaft gewesen wäre, findet kaum statt. So hätte der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs vielen genützt. Aber das ganze Geld wird davon abgezogen und in die Stadien investiert."
Umgerechnet soll die WM-Arena von Sao Paulo über 250 Millionen Euro kosten, mehr als dreimal so viel wie geplant. Finanziert wird der Bau großteils mit öffentlichem Geld – obwohl die Arena nach der WM in den Besitz des Vereins Corinthians übergeht, FIFA-Klub-Weltmeister im Jahr 2012.
"Als Schuldige mache ich unsere Regierung aus. Sie hat immer von den Vorteilen der WM für die Öffentlichkeit gesprochen. Das Resultat war aber leider ein ganz anderes: Plötzlich flossen immer mehr staatliche Hilfen in Bereiche, die hätten privat finanziert werden können: Häfen, Busbahnhöfe, Flughäfen. Dafür sind Gesundheit und Bildung quasi unberücksichtigt geblieben."
Die Proteste vor einem Jahr entzündeten sich an höheren Preisen für Bus- und U-Bahn-Tickets. Sie dauerten wochenlang an, verliefen dann aber im Sande. Politiker versprachen, sich um die Probleme zu kümmern. Doch die Situation hat sich in den vergangenen Monaten kaum verändert. Also werden zur WM wieder Demonstrationen stattfinden, kündigt Rosilene Wensetto vom Bürgerkomitee an:
"Wir als Comitês sind dabei Proteste vorzubereiten, das wird im Juni losgehen. Wir organisieren einen Protestmarsch nach dem Motto 'Weltmeisterschaft – aber für wen? ' Ich kann jetzt natürlich noch keine Zeiten und Orte verraten, aber es wird Proteste geben."