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StartseiteCampus & KarriereWo "Doktor Vattenfall" abgewatscht wurde24.05.2013

Wo "Doktor Vattenfall" abgewatscht wurde

Das Portal hochschulwatch.de zieht erste Bilanz

Den Einfluss der Wirtschaft auf die Hochschulen transparent machen, das ist das Ziel von hochschulwatch.de. Seit vier Monaten kann jeder auf dem Internetportal anonym Dokumente und Informationen einstellen. Die erste Bilanz kann sich sehen lassen.

Von Claudia van Laak

Screenshot von "hochschulwatch.de": Die Macher wollen das Portal optisch noch aufpeppen (hochschulwatch.de)
Screenshot von "hochschulwatch.de": Die Macher wollen das Portal optisch noch aufpeppen (hochschulwatch.de)
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Hochschulwatch.de ist gestartet

"Doktor Vattenfall" hat die "taz" den Artikel überschrieben. Ein Manager des Energieriesen Vattenfall soll seine Doktorarbeit zum Teil abgeschrieben haben. Doch die Technische Universität Cottbus will ihm den Titel nicht entziehen. Vielleicht weil Vattenfall jährlich Drittmittel in sechsstelliger Höhe an die TU Cottbus vergibt? "Doktor Vattenfall" – diese Geschichte ist ein Ergebnis von hochschulwatch.de. Christian Humborg, Geschäftsführer von Transparency International:

"Ich glaube, wir haben da schon genau zum richtigen Zeitpunkt diese Website gestartet, weil diese Debatte 'Einflussnahme von Unternehmen, von Industrie auf Universitäten' ein gesellschaftliches Thema geworden ist. Wir hatten gerade erst im vergangenen Monat auch im Bundestagsausschuss für Bildung und Forschung verschiedene Anträge der drei Oppositionsfraktionen, die sich auch genau mit dieser Frage befasst haben, nämlich, wie kann das transparenter werden mit den Kooperationen von Hochschulen mit Unternehmen."

Die Hochschulen selber täten zu wenig für die Transparenz, meint Christian Humborg, deshalb sei hochschulwatch.de nötig. Doch das Projekt hat mit Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen. So ist die Internetseite optisch wenig ansprechend und wenig nutzerfreundlich gestaltet, gibt Christian Humborg zu.

"Im Moment ist die Webseite noch sehr stark für Personen konzipiert, die etwas eintragen wollen. Wir müssen sie noch lesefreundlicher machen, damit auch Leser sie interessant finden, für jemanden, der einfach nur einmal reinschauen will oder sich einen Überblick verschaffen will. Denn de facto ist es so, wenn man einzelne Hochschulen anklickt, gibt es immer noch sehr viele, wo dann ein leeres Feld steht."

Derzeit kann nur nach einzelnen Hochschulen gesucht werden. Wer wissen will, wo und in welcher Form sich zum Beispiel die Deutsche Bank an Universitäten und Fachhochschulen engagiert, wird nicht fündig. Das soll sich demnächst ändern. Auch die Beteiligung der Studierenden könnte besser sein, gibt Erik Marquardt vom fzs zu, dem Zusammenschluss Freier Studentenschaften. Er ist der Ansicht:

"Dass wir auf jeden Fall auf noch mehr Beteiligung am Portal angewiesen sind. Dazu wollen wir das jetzt noch einmal ein bisschen umbauen. Ich denke, dass wir dann, wenn sich mehr Studierendenschaften, aber auch mehr wissenschaftliche Mitarbeiter daran beteiligen, dass wir dann auch mehr Ergebnisse zu den einzelnen Hochschulen vorweisen können. Da müssen wir schon noch ein bisschen arbeiten momentan. "

Der Freie Zusammenschluss der Studentenschaften fzs, Transparency International und die "taz" wollen sich in den nächsten Monaten stärker um die Themen Stiftungsprofessuren und Deutschlandstipendien kümmern. Auch hier gibt es Hinweise darauf, dass Unternehmen unzulässigen Einfluss nehmen, sagt Erik Marquardt.

"Das ist ja eigentlich so, dass die Förderer der Deutschlandstipendien keinen Einfluss auf die Personen haben sollen, die dann das Stipendium bekommen. In Wahrheit ist es jedoch so, dass oft eigentlich die Leute direkt entscheiden, wen sie dann fördern und wer wahrscheinlich im späteren Verlauf dann auch bei ihnen in der Firma anfängt. So war das eigentlich nicht gedacht."

Hochschulwatch.de will mehr Transparenz in die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft bringen. Erik Marquardt erzählt: An seiner Hochschule habe das Internetportal zunächst für das Gegenteil gesorgt. Als Mitglied des Kuratoriums der TU Berlin bekomme er weniger Informationen als zuvor.

"Hier werden einzelne Vorlagen für die Gremiensitzung mir jetzt nicht mehr schriftlich zugestellt, sondern nur noch mit dem Beamer an die Wand geworfen und ich bekomme bestimmte Unterlagen nur noch mit dem Vermerk, dass sie auch persönlich und vertraulich an mich gerichtet sind, weil man eben befürchtet, dass Dinge hochgeladen werden auf dieses Portal, die dafür aus Sicht der Hochschulleitung nicht gedacht sind. "

Das Projekt hochschulwatch.de ist zunächst auf ein Jahr angelegt – ob es dauerhaft weitergeführt wird, entscheidet nicht zuletzt die Beteiligung von Studierenden, wissenschaftlichen Mitarbeitern und anonymen Tippgebern.

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