Dienstag, 17. Mai 2022

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Wolfgang Büscher: Berlin-Moskau. Eine Reise zu Fuß

In Beliza ging ich zum zweiten Mal über die Memel, die dort weite, wilde Auen hat. Es war ein wolkenloser Tag, schon der Morgen war heiß, und von Zeit zu Zeit zweigten Abfahrten ab zu Kolchosen, die Oktjabr hießen oder Wostok. Oktober und Osten. Irgendwann einmal, als die Zeit noch groß und die Zukunft noch hell war, hatte sich jede Kolchose an der Landstraße ein gewaltiges gezacktes Monument errichtet, es stellte entweder etwas Abstraktes dar oder den Kolchosnamen in Beton oder beides. Und das war nicht alles. Irgendwo auf freiem Feld oder im Wald standen weitere Monumente in Form einer Sowjetfahne oder abstrakter Zacken, sie riefen den Arbeitern und Bauern zu: Slawa truda! Es lebe die Arbeit! Oder: Wald ist Leben! Oder sie erinnerten an den Sieg im letzten Krieg. Lauter Riesenausrufezeichen. Wenn das Land etwas im Überfluss hatte, waren es Monumente, die Erinnerung wog nach Tonnen. Oft waren diese viel zu gewaltigen, viel zu klobigen, viel zu gezackten Propagandawerke das Einzige weit und breit, was gepflegt wurde. So überanstrengt stand die Erinnerung in diesem staubflachen, immer wieder in Leeren und Fernen sich verlierenden Land, so überschwer, dass man fürchten musste, sie werde einfach in seinem weichen, sumpfigen Boden versinken - so heillos hilflos, dass ich plötzlich etwas wie Mitleid mit dem Kommunismus empfand.

Ulla Lachauer | 15.09.2003

Er nahm menschliche Züge an. Alt war er. Er konnte nicht mehr. Ich ging durch sein gefallenes Reich, durch die Hallen wehte der Wind, Unkraut wuchs in seinen Sälen, ich traf ihn in seinem letzten Stadium an und betrachtete ihn mit der etwas angeekelten Neugier, mit der man einen alten Wüstling und Familientyrannen ungeniert anschaut, jetzt, wo er nur noch die Ruine seiner lebenslangen Raserei ist, einer Empörung gegen Gott und die Welt, wie sie war, wie sie ist, wie sie sein wird. Ein vor Vergeblichkeit zitternder kleiner Mann, der wütend versucht, eine gewaltige Frau zu besteigen und ihr unentwegt zuflüstert, aber ich liebe dich doch, ich liebe dich doch, folge mir, ich erlöse dich von deinen falschen Träumen, und der, während er auf ihr predigt und predigt, alles zerstört, was er berührt und am Ende sich selbst. Die Riesin leidet schrecklich unter ihm, er misshandelt sie, wo er kann, und bringt sie fast um, aber eines Tages ist er alt und schwach, und sie spürt es und wirft ihn einfach ab und zertritt ihn mit ihren großen Füßen.

Eine Momentaufnahme aus dem Kompliziertesten Land der Welt, wie Wolfgang Büscher schreibt. Büscher nahm sich drei Monate Zeit, um von der Spree an die Moskwa zu gelangen. Er ging zu Fuß. Und er notierte, was er sah links und rechts des Weges. Das Ergebnis der Wanderung: eine ungemein faszinierende Darstellung der Welt zwischen Berlin und Moskau - einer von der Geschichte geschundenen Region unseres Kontinents, weit weg von Europa - und doch ganz nah.

Lachauer: "Eines Nachts, als der Sommer am tiefsten war, zog ich die Tür hinter mir zu und ging los, so geradeaus wie möglich nach Osten." So beginnt das Buch. Erste Sätze, die Skizze eines Plans. Entschlossenheit, Zweifel:

Die Tür zu, morgen früh eine andere und wieder eine andere und noch eine und weiter, weiter. Über die Oder, die Weichsel, die Memel. Über die Beresina, über den Dnjepr. Bis in die Nacht. Bis in den Tag. Bis es gut ist. Etwas wie Scham fiel auf mich angesichts der Ungeheuerlichkeit des Satzes, ich gehe heute nach Moskau. Ich war froh über die Stille von Berlin. Blicke hätte ich nicht ertragen können.

Man liest, und unversehens geht man in Gedanken mit. Über Werder, die Seelower Höhen, man ist schon fast in Polen, und immer noch weiß der Leser nicht: Warum eigentlich Moskau? 2500 Kilometer ostwärts, was um Himmels Willen treibt Wolfgang Büscher dorthin?

Wolfgang Büscher: Das weiß ich nicht (lacht). Also, sagen wir so: Wenn man ein bisschen abenteuerlich gesonnen ist, und wenn man das Beobachten liebt, und wenn man das Auffinden von Geschichten liebt, und wenn man auch noch gerne zu Fuß geht, und dann bleibt, wenn man in Berlin lebt, nicht sehr viel anderes übrig.

Lachauer: Nicht gerade zwingend logisch, ganz so nahe liegend war der Gedanke nicht. Ein anderer hat ihn aufgebracht, es war der Verleger Alexander Fest, der den begabten, erfahrenen Reporter Büscher dazu drängte. Dieser allerdings sah sein Abenteuer woanders, ihn verlockte Fern-Ost, er wollte lieber den Jangtse hochfahren. Doch wie das Leben so spielt, ein englischer Kollege hatte diese Flussreise durch China soeben unternommen, und sein Buch darüber war gut. Also Moskau...

Wolfgang Büscher: Und ich hab dann sozusagen vor der Idee kapituliert und hab gesagt: Okay. Es soll so sein, ich mach das. Und war dann auch innerlich damit einverstanden, weil ich mir sagte, das ist wahrscheinlich die poetischste Idee von allen, es ist die freieste Idee von allen, die freieste deswegen, weil es einerseits zwar ein Land mit einer grausamen Vorgeschichte ist, durch das ich gehen werde, andererseits aber auch ein unbeschriebenes Land ist.

Lachauer: Warum hat das nicht schon längst jemand getan? Weil die meisten von uns immerzu nach Westen blicken? Westeuropas Interesse am Osten, das sich 1989 entzündete, ist flüchtig gewesen. Das Projekt "Berlin-Moskau" lebt von der Lust, gegen den Zeitgeist anzugehen - zu gehen, das ist wesentlich, nicht zu fahren. Persönliche Motive sind mit im Spiel, es ist der Weg seines im Krieg gefallenen Großvaters. Der Gang des Journalisten gen Osten ist auch ein "Bußgang" - für linke Jugendsünden. Aber das nur am Rande, Wolfgang Büscher hält sich und seine Person bewusst im Hintergrund. Im Zentrum stehen die Begegnungen unterwegs, er lässt uns daran teilhaben, an dem, was er sieht, hört, riecht - ein sinnenfreudiges Buch, ebenso reich an Erkenntnissen. Anfangs hat der Wanderer noch viel Ballast im Gepäck, sein Rucksack ist zu voll, sein Kopf wohl auch. In Polen fühlt er sich noch unbehaglich.

Wolfgang Büscher: In den ersten Tagen oder ersten zwei Wochen war ich sehr vorsichtig, hatte ein ungutes Gefühl. Mein Gott, geht das gut? Dazu kommt zweitens, dass Polen einfach, dieses ganze Land ist vollkommen auf dem Weg nach Westen, was ich diesem Land absolut gönne, ... was es bitte tun soll, da gehört es ja auch irgendwie hin, wenigstens mit seiner Vorderseite. Ich aber war auf dem Weg nach Osten, das war nun mal so, wir sind in gewisser Weise aneinander vorbei gelaufen. Und es war in Polen immer noch das Gefühl bei mir da, was du tust, ist komisch. Ich meine, warum nimmst du dir nicht ein Auto, warum gehst du nicht zum Bahnhof und nimmst nen Zug, das ist doch Quatsch, das tun doch hier alle, das ist irgendwie albern.

Lachauer: Erst in Weißrussland, als er das dynamische, westwärts rasende Polen hinter sich hat - "Fliesenmärkte, Möbelmärkte, Automärkte", die Warenwelten am Rande der Straße, die stinkende Blechkarawane, findet der Wanderer zu sich.

Wolfgang Büscher: Je weiter ich nach Osten gekommen bin, ... , ist das, was ich getan ab und wie ich es getan hab, Teil des Landes und der Normalität dort geworden. Es gehen einfach im Osten mehr Leute zu Fuß. Wenn Sie die Strasse, selbst die Autobahn entlang gehen, gehen Leute zu Fuß. An der großen Autobahn von Minsk nach Moskau sitzen Leute: Kinder, ältere Leute, Frauen und Männer, die Pilze, Waldbeeren, getrocknete Fische zum Kauf anbieten. ... Also es ist ein völlig normaler Vorgang, ein völlig normaler Anblick, dass da ein Mensch mit dem Rucksack langgeht.

Lachauer: Jemand, der sich einlassen kann. Er liefert sich geradezu aus - der Hitze, weiten Landschaften, Zufällen, wildfremden Leuten. Er nächtigt in primitiven, dreckigen Gasthäusern und schläft doch gut. An manchen Tagen kommt er mit etwas Bitterschokolade und Wasser, dem dort üblichen salzigen Mineralwasser, aus. An der Grenze zu Weißrussland, wo er sich von einem Bus ein Stück mitnehmen lässt, steckt er plötzlich mitten in einem Pulk von Schmugglerinnen. Impressionen, die der Autor Büscher später zu eindringlichen Szenen, emblematischen Bildern verwandelt. Ein "müdes Land", nennt er Belarus, müde und arm, in einer hochkomplizierten Geschichte gefangen. Von Minsk aus macht er einen Abstecher in die "Zone" von Tschernobyl - eine Wildnis heute, die Menschen, die darin leben, oh Wunder, haben sich mit ihr arrangiert oder sogar angefreundet. In Minsk ist er der tollkühnen Liebestat eines gewissen Schulz auf der Spur, Hauptmann der Wehrmacht, der mit einem jüdischen Mädchen floh. In Minsk hat er eine Audienz bei einem sibirischen Yogi, es ergibt sich, dass man einen Tag zusammen in der Banja verbringt. Dabei findet Wolfgang Büscher Erstaunliches heraus: Der Yogi mit der olivfarbenen Haut ist Assyrier, Nachfahre der Nestorianer, einer frühen christlichen Gruppe, die im Zweistromland zuhause war. Von dort stammt seine Heilkunst. Sie ist tradiert über Jahrhunderte und schließlich, am Ende des Ersten Weltkriegs, in die Sowjetunion geraten, als die Assyrier vor der Verfolgung der Türken flohen.

Wolfgang Büscher: Das ist auf jeden Fall eine meiner liebsten Begegnungen gewesen, einfach auch deswegen, weil ich das Gefühl hatte, es wird ein Fenster aufgestoßen in eine unglaubliche Geschichtstiefe. In diesem Mann kommt was zum Vorschein, was 1000 oder 1500 Jahre alt ist oder noch älter, und er weiß es selbst eigentlich gar nicht so richtig. Aber es ist trotzdem da. Russland ist nun mal ein Land der Übergänge zu Asien, der Übergänge zum Orient, und dieser Mann verkörpert das. Und das ist einfach für mich faszinierend.

Lachauer: Biografien, die in historische Tiefen führen. Dann wieder Geschichten aus der Gegenwart. Weitergehen. Es regnet. Landregen, der nicht aufhören will, den Wanderer schier zur Verzweiflung treibt, trotzdem hat er einen Blick für die Frösche, zu Tausenden hüpfen sie - in heller Freude - auf der Straße herum. Banales und Erhabenes, Situatives und Reflexives in raschem Wechsel, stilistisch knapp. Anderthalb Seiten hat die einfühlsame Beschreibung sowjetischer Denkmäler, wie traurig, wie mitleiderregend sie dastehen nach der Niederlage des Sozialismus. Von der Tristesse eilends durchquerter militärischer Sperrgebiete erzählt Büscher, vom Verweilen in Dörfern, bei Säufern, und er weckt im Leser Erbarmen mit den Trunksüchtigen. Wolfgang Büscher kommt der fremden Welt nahe oder diese ihm; aber nicht zu sehr. Vom Naturell her zurückhaltend, dem Journalismus der zudringlichen Art abhold, schafft er es, Nähe und Distanz wunderbar auszubalancieren. Einmal, im September, kommt er beim Wandern aus dem Tritt, im Kulturpalast von Vitebsk.

Wolfgang Büscher: "Ich weiß nicht, warum ich da rein gegangen bin. Ich ging rein, ich ging immer tiefer rein, kam irgendwann in so ne Bar, wo niemand war außer dem Barman, und auf der Theke stand der Fernseher und da lief das. Und ich hab das zuerst nicht begriffen, ich dachte, Oh Gott!, da brennt nen Haus, nen Hochhaus in New York offensichtlich. ... Es war für mich, als ob die Welt, die ich verlassen hatte, mich an einem ganz langen Arm fasst, packt und wieder zu sich holt. Ich lebte ja in der Vorstellung, dass ich weit, weit weg bin. ... Ich war nicht mehr da, wo ich herkam, ich war da, wo ich ging, und plötzlich macht es "klick", als ob ein Satellit, der die ganze Zeit über mir kreiste, den ich aber nie wahrgenommen hatte, der mich aber die ganze Zeit geortet hat, dieser Satellit findet mich innerhalb einer Sekunde und zieht mich wieder zurück in die Welt, aus der ich komme, in dieses Nachrichtengeschehen, in dieses politische Geschehen, in dieses Weltbürgerkriegsgeschehen."

Lachauer: Er entzieht sich diesem 11. September - und geht weiter. Gehen hilft, es entfaltet einen seltsamen Sog. Je näher Moskau rückt, desto schneller kommt er voran. Er wird noch das dritte und letzte Notizbuch vollschreiben, bald wird der erste Schnee fallen. Wieder mal findet er kein Quartier, in der Nacht springt ihn ein Tier an, ein Fuchs oder wilder Hund, so blitzschnell, wie es geschieht, kann er es nicht erkennen. Angst? hat er angeblich nicht.

Wolfgang Büscher: "Wenn man mittendrin ist, wenn man Teil ist, wenn man einfach läuft, die Gerüche in der Nase hat, man den Staub auf der Zunge hat, wenn man schwitzt, ... wenn man Durst hat, wenn man sich die Bäume anguckt, wenn man sich die Straße anguckt, wenn man darauf achtet, hab ich hier jetzt Rasen unterm Stiefel und läuft es sich angenehm, ... man ist so erfüllt von diesen ganz praktischen Dingen. Und da ist eigentlich wenig Platz für Angst. Die Realität, die einen umgibt, ist so stark, man ist Teil davon, und ist auch ziemlich gut durchblutet. ... Also, die Fingerkuppen sind ganz fest, die sind vollkommen durchblutet, die Zehenspitzen sind ganz fest, die sind vollkommen durchblutet. Und so durchblutet wie man sich fühlt, so kraftvoll fühlt man sich auch."

Lachauer: Eine elementare Erfahrung, unprätentiös erklärt. 50 war Wolfgang Büscher in jener Sommernacht, als er zu dem entbehrungsreichen dreimonatigen Fußmarsch aufbrach - Kompliment für die sportliche Leistung. Meine eigentliche Bewunderung aber gilt dem Beobachter, der Zugang zur Wirklichkeit öffnet, zu Landschaften und Städten zwischen Berlin und Moskau, das Erlebte in eine dichterische Sprache gefasst hat. Über dies hinaus ist das Buch beglückend, weil es etwas über verschüttete Möglichkeiten menschlichen Seins lehrt. Zu Fuß gehen, Blicke schweifen lassen, Selbst-Denken, Eigen-Sinn. Die Einbildungskraft üben, eine der, wie Immanuel Kant meinte, wesentlichen Talente und Tugenden des Individuums. Was gibt es Schöneres als die unmittelbare Wahrnehmung, eigene Weltsicht! In diesem Sinne ist Wolfgang Büschers Buch eine Version von "Hans im Glück", des Märchens vom Verlust, der Bereicherung ist. Zum Abschluss gehen wir noch einmal auf Wanderschaft mit Wolfgang Büscher. Auf seinem Fußmarsch gen Osten kam er auch in einen Ort namens Gagarin:

Gagarin sah sehr kosmisch aus und roch sehr irdisch. Ich war durch halb verlassene Dörfer gekommen, durch Steppen, in denen Reiter um Herden kreisten im mürben Herbstlicht. Nun hing eine rote Riesensonne hinter dem Gagarinplatz, sie färbte die ganze graue Straße rot, Krähen schrien, Feuer rauchten, und die Sonne entzündete das Gold aller sieben Kuppeln der Kirche, Bässe zuckten vom Hip-Hop-Club her durch die Luft, und junge Männer in Schwarz standen herum wie Darsteller junger Männer in Schwarz, so nah war Moskau. An einem Tag im April 1961 hatte sich Jurij Gagarin als erster Mensch in den Kosmos schießen lassen, daraufhin war seine Heimatstadt, die bis dahin Gjatsk hieß, umgetauft worden, sie hatte den Namen ihres stolzesten Sohnes angenommen und sich seinem Kult verschrieben. Ich war neugierig zu sehen, ob es etwas gab, das mit ihm zu tun gehabt hatte, sein Haus vielleicht, aber ich gab es bald auf. Es war zu viel. Jedes zweite, dritte, vierte Haus trug eine Tafel, auf der zu lesen war, auch hier sei Gagarin einmal gewesen, hier habe er dies und dort jenes getan. Seltsamerweise hatten sie in dieser Stadt, in der alles Gagarin hieß, das Hotel am Gagarinplatz nicht Gagarin genannt. Es hieß Wostok. Osten. Ich drückte die Holztür auf, trat ein und war im Osten.