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Wuchernde Giftpflanze

Botanik. - Auf deutschen Weiden scheint sich eine bislang unproblematische Giftpflanze bemerkbar zu machen. Das Jakobskreuzkraut kann bei Pferden und Rindern zu Lebervergiftungen führen. Das einheimische Kraut macht sich offenbar deshalb verstärkt breit, weil es auf Bahndämmen, Böschungen oder Brachflächen nicht mehr mit Herbiziden bekämpft wird. Bonner Botaniker untersuchen das Kraut und tüfteln an Gegenmaßnahmen.

Von Volker Mrasek | 28.05.2009

Raum 210a im Pharmazeutischen Institut der Universität Bonn. Er gehört zum Labor für Phyto- oder Pflanzenchemie. Unter dem Luftabzug ein Wasserbad von der Größe einer Friteuse. Darin abgesenkt: mehrere gläserne Rundkolben.

"Das siedet noch ganz schön, blubbert ordentlich. Schöne grüne Chemie."

Pharmazie-Student Markus Kuschak schaut mal wieder nach dem Rechten im sogenannten Extraktionslabor. Kuschak:

"Hier werden die Jakobskreuzkräuter extrahiert, um die Wirkstoffe zu gewinnen."

Jakobskreuzkraut. Eine bis zu 1,5 Meter hohe Pflanze der Wiesen, Weiden und Brachflächen mit leuchtend-gelben Strahlenblüten, die denen von Astern ähneln.

Dieses Gewächs hat es vor allem einem Forscher in Bonn angetan: dem Pharmazeuten und Leiter der Arbeitsgruppe für Phytochemie, Helmut Wiedenfeld. Warum? Weil sich Jakobskreuzkraut immer mehr zu einem Problemfall in der heimischen Flora entwickelt. Die Pflanze enthält potente Giftstoffe, und sie breitet sich zum Teil massenhaft aus. Wiedenfeld:

"Diese massive Verbreitung ist zum ersten Mal in Niedersachsen beobachtet worden. Und hat auch da zu den ersten Vergiftungsfällen bei Pferden geführt."

Inzwischen gibt es sogar einen eigenen Arbeitskreis Jakobskreuzkraut, gegründet von betroffenen Pferdehaltern. Wiedenfeld:

"Und die gehen davon aus, dass sie über 100 klar belegte Fälle von toten Pferden haben, hervorgerufen durch Jakobskreuzkraut, bundesweit. Normalerweise, wenn eine Pflanze blüht auf der Weide, machen alle Tiere einen Bogen um die Pflanze herum. Die werden sie nicht fressen. Problematisch ist aber, wenn die Pflanze jung ist, klein ist und gerade erst aus dem Boden raussprießt. Dann besteht die Gefahr, dass das Vieh das aufnimmt. Und die Beobachtung ist, dass auch Rinder die jungen Pflanzen, Jakobskreuzkraut-Pflanzen, fressen."

Kuschak:

"Wir haben jetzt unser Extrakt gewonnen. Und das ist noch relativ dünnflüssig. Wir wollen jetzt das etwas eindicken. Dazu verdampfen wir das überschüssige Lösungsmittel und erhalten ein Reinextrakt."

Markus Kuschak bedient inzwischen einen Rotationsverdampfer - der nächste Schritt auf dem Weg zur Isolierung der reinen Pflanzenwirkstoffe. Das Jakobskreuzkraut enthält sogenannte Pyrrolizidin-Alkaloide. Diese Substanzen sind zunächst einmal gar nicht giftig, wie Helmut Wiedenfeld sagt:

"Das Tückische daran ist aber, dass diese Stoffe in der tierischen oder menschlichen Leber zu toxischen Stoffen metabolisiert, also verstoffwechselt, werden. Und diese Stoffe können dann zu starken Lebervergiftungen führen, bis hin zum Leberkrebs."

In Kooperation mit der nordrhein-westfälischen Landwirtschaftskammer gehen die Bonner Pharmazeuten der Sache jetzt genauer auf den Grund. Wiedenfeld:

"Wir wollen ermitteln: Wann ist wie viel Gift, wie viel Toxin, in der Pflanze über die Vegetationsperiode, von verschiedenen Standorten? Und da hat die Landwirtschaftskammer eben Proben genommen im letzten Jahr, und die analysieren wir gerade. Damit wir mal ein vernünftiges Raster haben und auch abschätzen können. Wann ist die Pflanze wie toxisch? Bis jetzt haben wir nur Anhaltspunkte, aber keine konkreten Zahlen."

Klar ist dagegen, warum sich das missliebige Kreuzkraut so massiv ausbreitet: weil an Straßenrändern und Bahnlinien, auf Böschungen und Brachflächen schon länger keine Herbizide mehr zur Unkrautbekämpfung versprüht werden. Davon profitiert insbesondere das Jakobskreuzkraut als sehr konkurrenzkräftige Art: Jede einzelne Pflanze kann laut Helmut Wiedenfeld bis zu 150.000 Samen pro Saison produzieren:

"Ich plädiere unbedingt dafür, dass wir über das Herbizid-Tabu nachdenken. Denn ich befürchte, das ist meine persönliche Einschätzung – nicht nur meine, andere teilen diese Einschätzung -, dass wir möglicherweise ohne Herbizide die Sache nicht in den Griff kriegen."

Pyrrolizidin-Alkaloide wurden auch schon in Honig sowie in Kuh- und Ziegenmilch nachgewiesen. Allerdings nur in Spuren. Das Bonner Pharmazeutische Institut ist auch hier am Ball. Wiedenfeld:

"Wir werden jetzt im Sommer in Zusammenarbeit mit dem Institut für Tierernährung hier der Uni Bonn einen Verfütterungsversuch mit Jakobskreuzkraut durchführen, um nachzusehen: Wie viel geht in die Milch? Und ist dann ein toxisches Potential vorhanden? Zurzeit sehe ich keinen Grund zur Panik. Aber wir müssen der Sache nachgehen."