Dienstag, 28. Juni 2022

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Wüstenimpressionen im Süd-Sinai
Malerische Stille

Das Sinai-Gebirge ist die Brücke zwischen Afrika und Asien. Rund 1,3 Mio. Menschen leben auf der Halbinsel und rund die Hälfte davon sind Beduinen. Unbedingt lohnenswert ist ein Wanderausflug geführt von Beduinen, vorbei an bizarren Felsformationen und durch wunderschöne Wüstentäler.

Von Bettina Köster | 17.04.2017

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Wadi Arada: Wüstentour mit Beduinen (Deutschlandradio/Ursula Rohde)
"Die Weite und die Stille und es gibt einfach Energie, wenn man spazieren geht. Und wie die Kinder hier sein können, so frei und so unbeschwert. Das sieht man an den Kindern, wie sie sich hier bewegen und wie frei es ist und auch die gute Luft. Die sind dann ganz müde am Abend. Das ist ja der schönste Platz hier, es ist sicher, es ist warm, es ist frei, es ist gute Luft."
"Was magst Du denn gern an der Wüste? Dass man seine Ruhe hat. Und dass man rennen kann und das es groß ist und dass man rennen kann und Spaß hat. Rumklettern, rumspringen, rennen hüpfen. Findest Du es gar nicht gefährlich in der Wüste? Ja, aber wenn man nicht nachdenkt, dann ist es besser. Ja heute der Hase, der war so schnell und ist da oben vorbeigerast. - Schön."
Wir wandern durch das Wadi Arada im südlichen Sinai. Kinder, Eltern und andere Wüstenliebhaber aus England, Ägypten und Deutschland. Geführt werden wir von Maruan, ein Ägypter mit britischen Wurzeln und seinem Beduinenfreund Salaa.
Authentische Form des Tourismus
"Wadi Arada heißt das Tal, weil es nach einer Person benannt wurde, die hier gelebt hat. So habe ich es zumindest gehört. Andere Leute sagen dagegen, dass Arada der Name einer Pflanze ist. Aber ich habe nach der Pflanze gesucht und sie nicht gefunden. Vielleicht ist die Pflanze aber auch verschwunden, weil man die Samen einfach nicht mehr findet. Ich bin mir da nicht sicher.”
"Wir machen hier glaube ich die authentischste Form von Tourismus, weil wir hier an einem Ort sind, an dem wir nicht nur die Natur sehen und genießen können, sondern auch von den hier lebenden Menschen die Natur erklärt bekommen. Ich mache das jetzt mit Salaa seit 15 Jahren."
Wir laufen langsam auf dem hellen Sand durch einen riesigen Skulpturenpark – so wirkt es. Die Künstler sind seit Jahrhunderten Wind, Sonne und Regen. Rosa rot, gelb, braun oder orange sind die Felsen von den unterschiedlichen Mineralien gefärbt. Manche Formationen erinnern an archaische Tiere wie Drachen oder man erkennt versteinerte Gesichter. Zwischen zwei massiven Felswänden scheint hellgelber Sand zu fließen – fast wie ein ausgetrockneter Wasserfall. Hier können Körper und Seele langsam ruhiger werden und den Alltag der Zivilisation hinter sich lassen.
"Also dieses Gefühl, wenn die Haut den Sand berührt oder die Steine. Alle Sinne werden hier so stark angesprochen, weil man einfach so weit weg ist von anderen Beeinträchtigungen und Spannungen, wie Elektrizität oder Geräusche, die uns Stress machen. Der Körper drückt das ziemlich schnell in einem Wohlgefühl aus. Und ich habe bemerkt und ich glaube vielen Menschen geht es so: Wenn man in die Wüste kommt, braucht man nur wenige Minuten und man fühlt sich ganz glücklich."
"Die Wüste atmet Freiheit." Isabel Burton 1832
Maruan macht uns auf die kleinen grünen Grasbüschel aufmerksam, die vom letzten Regen spriessen konnten. Wenn die längeren Grasstengel vom Wind bewegt werden, zeichnen sie Kreise um sich selbst in den Sand. Wir haben an diesem Tag fast gar keinen Wind, deshalb sehen wir nur Halbkreise, die aussehen, als wären sie in den Sand gemalt. Wie viele kleine Halbmonde zieren sie die Gräser.
Hausapotheke am Wegesrand
Dann zeigen uns Maruan und Salaa verschiedene Heilkräuter, die auch auf unserem Weg wachsen. Zum Beispiel Bataran, das hilft gegen Übelkeit und lindert Leber- und Gallenbeschwerden, sagen die beiden. Wir kosten die Pflanze und spülen ihren bitteren Geschmack mit etwas Wasser herunter. Einige nehmen sich ein paar Zweige mit für die Hausapotheke. Dann schlendern wir weiter durch den Sand, der hier sehr fest unter unseren Füssen ist. Wir sind fasziniert von den Schatten einiger Felsen und Akazienbäume, die in der hellen Wüste viel deutlicher zu sehen sind und entdecken immer wieder Tierspuren. Die meisten stammen von Hasen und Mäusen, erklärt der Beduine Salaa. Dann setzen wir uns unter einen okkafarbenen Felsvorsprung auf den hellen Sand und blicken in die Ferne: Dort scheinen fliegende Untertassen unterwegs gewesen zu sein, denken wir alle schmunzelnd. Es sind natürlich Felsen, die von weitem so aussehen, als wären dort Raumschiffe gelandet.
"Einen Augenblick der Seelenruhe ist besser als alles, was Du sonst erstreben magst."
Maruan ist an orangefarbenen Steinterrassen stehen geblieben, die aus einem Felsen herausragen und trommelt auf ihnen. Wie eine Tabla, sagt er und ist begeistert von dem Musikinstrument, das die Natur ihm schenkt.
Wir ziehen langsam weiter. Die Kinder sind schon voraus gelaufen – sie genießen sichtlich das grenzenlose Toben in der Wüste.
"Ich suche jetzt meinen Freund und wir gehen die Sanddüne runter. Ich geh auch mit ihm wir suchen die Freunde und dann gehen wir zusammen zu einer Sanddüne und rollen runter. Das macht dann Spaß, haben wir schon vorher gespielt. Vielleicht ist auch dahinten noch eine große Sanddüne und vielleicht auch nicht, wir suchen dann mal. Aber in der Wüste gibt es viele, also suchen wir mal ja. Habt ihr keine Angst, dass ihr euch verlauft? Nein wir kennen den Weg schon. Schrei: Da oben!"
"Ein schönes Leben ist das hier in der Wüste. Ich möchte gar nicht reich sein. Ich brauche nur genug für meine Kinder und dann läuft das Leben schon. Ich habe einen Engländer als Freund, den kenne ich schon aus den 90iger Jahren und der kommt im Winter immer drei bis vier Monate zu uns auf den Südsinai. Er sagt immer Salaa, wenn Du reich werden möchtest, bist du nicht mehr frei. Wenn Du arm bist, genug zu essen und für dein Haus hast, dann hast Du sehr viel Freiheit. Und ich habe mich für die Freiheit entschieden."
"Ich brauche dir nur eine einzige Durchquerung der Wüste aufzuerlegen, damit der Mensch in Dir zum Vorschein kommt – wie ein Samenkorn, das aus seiner Hülle bricht – und damit sich der Geist und das Herz entfalten." (Antoine de Saint-Exupéry)
Frisch zubereitetes Essen in der Wüste
Die Beduinenpizza, das ist das selbstgeknetete und in der heißen Asche gebackene Brot, das nicht nur köstlich schmeckt, sondern auch sehr nährend ist. – Das Feuer haben einige Beduinen für uns vorbereitet und darauf wurden in einem großen Topf Kartoffeln, Tomaten, anderes Gemüse und Hühnchen gar gekocht. Für uns haben sie Teppiche ausgelegt und so einen Lagerplatz vorbereitet.
Sie verteilen jetzt Reis, Gemüse und Hühnchen auf drei riesige Tabletts und geben uns allen einen Löffel. Salaa gießt noch etwas Sesamsauce-Tahina über das Essen und dann setzen wir uns um die Tabletts herum und genießen das frisch zubereitete Essen.
Gibt es eigentlich Essensregeln bei den Beduinen, frage ich Salaa? Können wir Wüstenbesucher wohlmöglich auch etwas falsch machen?
"Nein, da kann man nichts falsch machen. Selbst, wenn einige Gäste ein bisschen Alkohol dabei haben, dann fragen sie meist. Ist es in Ordnung, wenn wir ein Bier trinken. Und ich sage dann, hey das ist doch dein Leben und deine Freiheit. Sie werden auch nie betrunken. Sie freuen sich nur, dass sie etwas Wein oder Bier dabei haben."
Zu den regelmäßigen Wüstenbesuchern gehört Peter. Er kehrt Großbritannien schon seit Jahren im Winter den Rücken zu und lebt dann auf dem Südsinai. Er kennt Salaa schon lange und hat ihm dieses Mal Treckingsandalen mitgebracht.
"Sag mal Peter hast Du da so ungefähr 25 englische Pfund für ausgegeben?"
"Du kannst die natürlich so haben."
"Das ist ja wirklich eine gute Qualität. Weißt Du Peter Ich habe für meine Frau Sandalen gekauft und nach drei oder vier Wochen waren die kaputt. Deshalb habe ich mich entschieden ihr Birkenstock zu kaufen. Die kosten 70 oder 50 Euro. Ich habe ja selbst auch welche und die habe ich jetzt seit drei Jahren. Das ist sehr teuer für einen Beduinen, aber es ist etwas sehr Schönes. Mir gefallen sie, sie sind auf jeden Fall viel besser als die chinesischen Schuhe, die man nach zwei Monaten in den Müll schmeißen kann. Nach dem Motto: Kauf mich und schmeiß mich weg."
Viele Teilnehmer sind echte Wüstenfans
Maruan erzählt uns, dass seine Mutter ihn schon mit fünf Jahren in die Wüste mitgenommen hat. Sie ist heute auch mit dabei und immer noch ein großer Wüstenfan.
"Wir waren hier wohl die erste ägyptische Familie 1982, das war kurz nachdem die ägyptische Regierung den Sinai von Israel zurückbekommen hat. Und wir lieben die Wüste. Ja, ich komme gern in die Wüste, um der Stille zu lauschen. Es ist so ruhig, so friedlich hier. Ich mag die Felsformationen, die vielen verschiedenen Farben. Ich liebe einfach alles hier."
Natürlich ist sie auch gern mit Beduinen unterwegs, genießt das ganz einfache Leben und hat schon viele nützliche Dinge von ihnen gelernt. Zum Beispiel:
"Ich habe gelernt, dass man immer einen kleinen Stein in der Tasche haben sollte. Wenn man Durst bekommt und kein Wasser hat, dann steckt man ihn einfach unter die Zunge und man spürt keinen Durst mehr, weil man kontinuierlich Speichel produziert."
Die gebürtige Engländerin, die wahlweise in Frankreich und auf dem Sinai lebt, kam auch schon in den Genuss eines eigenen Wärmelagers, das die Beduinen in einer sehr kalten Winternacht für sie bauten.
"Es gab mal eine Situation, da war es ziemlich kalt. Die Beduinen haben gut für uns gesorgt und einen geschützten Lagerplatz gesucht und ein Feuer gemacht. Für mich haben sie dann heiße Steine im Sand vergraben, so dass ich wie auf einer Wärmedecke liegen konnte. Das haben sie extra für mich gemacht, weil ich die älteste in der Gruppe war."
Beim gemeinsamen Essen und gemeinsamen Geniessen entstehen dann auch immer mehr Gespräche und Salaa erzählt uns einiges über den Beduinenalltag. Zum Beispiel über die Rolle des Sheikhs, der sie regelmäßig besucht.
"Unser Sheikh lebt in Dahab, einem Fischerdorf an der Küste des roten Meers und er kommt uns alle paar Monate besuchen. Sheikh Duella ist sein Name. Und wenn zum Beispiel jemand krank ist und er nach Kairo muss, aber soll nicht in einem staatlichen, sondern privaten Krankenhaus behandelt werden, dann hilft er. Denn die Menschen sind oft sehr arm hier. Er kann dann sein Apartment in Kairo zur Verfügung stellen und wenn das Krankenhaus zum Beispiel 1000 Euro fordert, gibt er die Hälfte dazu. Und für die andere Hälfte sorgt dann die ganze Familie und der ganze Stamm. Alle legen zusammen. Man hilft sich hier immer gegenseitig."
Der Sheikh kommt auch in die Sippe, wenn es andere Probleme gibt, erzählt Salaa weiter. Manchmal streiten beispielsweise junge Männer unterschiedlicher Stämme über ein Stück Land. Dann ist der Kadi, also der Richter gefragt.
"Wenn zum Beispiel ein Beduine Ärger mit einem Beduinen von einem anderen Stamm hat, dann kommt der Sheikh und wir haben einen Richter, einen Kadi und sie sitzen dann zusammen und schauen, wer die Wahrheit sagt und wer lügt. Sie versuchen das herauszufinden. Und das geht in der Regel relativ schnell und es dauert nicht Jahre, wie bei den Gerichten des Staates."
Wir hören Sallaa gern zu, wenn er über das Zusammenleben der Beduinenstämme erzählt. Es gibt immerhin rund zehn verschiedene Stämme im Südsinai. Salaa gehört zum Stamm der Museina, die vor rund 700 Jahren von Saudi-Arabien zum Sinai gewandert sind. Inzwischen leben sie schon lange nicht mehr als Nomaden, sondern haben sich im Sinaigebirge oder am roten Meer niedergelassen.
Und viele von ihnen zeigen ihren Gästen gern ihren Lebensraum: die Wüste. Und auch wir spüren nach unseren ersten Eindrücken und Erzählungen ganz deutlich, dass man tatsächlich ganz wenig braucht, um zufrieden zu sein. Wir genießen noch den Sonnenuntergang mit seinem warmen Schmeichellicht und freuen uns über die Gelassenheit, die sich in uns allen ausgebreitet hat.
"Die Ruhe, die Landschaft, die Farben. Ich fühle mich nach einem Tag in der Wüste wie nach drei Wochen Urlaub sonst. Das funktioniert ganz toll. Und irgendwie das Wissen, das hier wahrscheinlich irgendwann mal mehr war. Dass das alles ewig alt ist. Ich bin ein Wüstentyp, mich beruhigt das total. Wenn dann am liebsten auch mit Beduinen, weil man das Gefühl hat, sie wissen auch, was sie tun und sie teilen auch gern einen Teil von ihrer Kultur und das ist schön mit denen unterwegs zu sein. Das macht total Spaß. Du bist noch weiter weg. Dieses Archaische, dieses in die Wüste gehen und der Sinai ist noch mal noch mehr. Da hast Du wirklich das Gefühl es ist ein magischer Ort."
"Wer in die Wüste geht und wiederkehrt, ist nicht mehr derselbe." (Arabische Weisheit)