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StartseiteKultur heuteWütende persönliche Attacken auf unliebsame Kritikerin27.08.2005

Wütende persönliche Attacken auf unliebsame Kritikerin

Die Friedensaktivistin und Soldatenmutter Cindy Sheehan, deren Sohn im Irak fiel, macht Präsident Bush und dessen Politik das Leben schwer. Sie campt beachtet von der Weltöffentlichkeit vor seiner Ranch in Texas und meldet sich mit Fernseh-Werbespots zu Wort. Dabei wird sie zum Gegenstand politischer Hetzkampagnen.

Von Gregor Schmitz

US-Präsident Bush in Texas: Cindy Sheehan wird so lange vor seiner Ranch campen, bis er erklärt, warum ihr Sohn sterben musste.  (AP)
US-Präsident Bush in Texas: Cindy Sheehan wird so lange vor seiner Ranch campen, bis er erklärt, warum ihr Sohn sterben musste. (AP)

Die Geschichte der Cindy Sheehan ist auf den ersten Blick eine Geschichte starker Bilder. Die wütende und traurige Soldatenmutter, campend vor der Urlaubsranch des US-Präsidenten im sonnig verdorrten Crawford, Texas - entschlossen, erst dann ihr Zelt zu räumen, wenn der mächtigste Mann der Welt sich persönlich der Frage stellt, für welches noble Anliegen ihr Sohn Casey vor vier Monaten im Irak gestorben sein soll.

Aber es ist längst eine Geschichte geworden, in der Blogger, Spin-Doktoren und Talk-Show-Gastgeber die Bilder überlagern. Die weltweit beachtete Kontroverse um die trauernde Soldatenmutter aus Vacaville, Kalifornien, wird zum Testfall für die Schamgrenzen im erbitterten Medienkampf zwischen Rechten und Linken in Amerika.

Denn die Privatperson Sheehan - Mutter eines "Helden", der sich für den Einsatz im Irak freiwillig meldete und starb, als er Kameraden zur Hilfe eilen wollte - ist wegen ihrer Bush-Kritik auf rechten Webblogs und Kabelsendern ins Kreuzfeuer geraten wie bislang nur politische Akteure. Die erzkonservative Bloggerin Michelle Malin unterstellt ihr die Nähe zu Terroristen, der TV-Moderator Ruth Limbaugh suggeriert, Sheehans Trauergeschichte beruhe auf gefälschten Dokumenten. Ein "Fox News"-Moderator nannte sie durchgedreht und eine Marionette von Kommunisten und Amerikahassern.

Wütende persönliche Attacken auf unliebsame Kritiker sind gerade unter der Bush-Administration Routine geworden. Bislang haben sie sich aber meist gegen andere Politiker gerichtet: gegen Bushs innerparteilichen Herausforderer John McCain etwa (dem das Bush-Camp während der republikanischen Vorwahlen 2000 ein uneheliches schwarzes Kind andichtete) oder den Karrierediplomaten Joseph Wilson, der die Übertreibungen des Weißen Hauses vor dem Irakkrieg anprangerte und dessen Ehefrau darauf unter nie ganz geklärten Umständen als CIA-Agentin enttarnt wurde. Orchestriert werden derlei Attacken von republikanerfreundlichen Kabelsendern wie "Fox News" und Webblogs - oder sympathisierenden Gruppierungen wie den "Swift Boat Veterans for Truth", die John Kerry 2004 wahrheitswidrig aber medienwirksam vorwarfen, er habe seine Vietnam-Medaillen nicht verdient.

Die Strategie ist immer gleich: vom eigentlichen Thema ablenken. Wer Kerrys Medaillen diskutiert, vergisst, dass Bush sich gedrückt hat vor dem Kriegsdienst. Und wenn Cindy Sheehan ein kommunistischer Wirrkopf ist, muss niemand über den Sinn des Irakkrieges reden. Zwar hält sich das Weiße Haus bei ihr offiziell zurück, denn man muss so eine Soldatenmutter "vorsichtig handhaben", wie ein Regierungsmitarbeiter dem Time-Magazin anvertraut hat. Rechte Kabelsender und Blogger springen aber gerne ein - und beschränken sich keineswegs darauf, einfach fragwürdige Aussagen der zornigen Sheehan zu debattieren (die fordert etwa den sofortigen Abzug aller US-Truppen aus Irak oder nennt die USA einen Staat, für den sich zu sterben nicht lohne). Sie zielen direkt auf den Charaktermord. Der konservative TV-Haudegen Bill O’Reilly kommentierte: "Ihr Ehemann reichte die Scheidung ein. Das sagt, mit was für einer Frau wir es zu tun haben." In rechten Blogs wird lanciert, Sheehan vernachlässige ihre Familie, sei psychisch labil und unberechenbar.

Sind in dieser öffentlichen Hinrichtung einer Soldatenmutter die letzten Tabus des politischen Meinungskampfes gefallen? So sieht es "New York Times"-Kolumnist Frank Rich, der vom "Swiftboating of Cindy Sheehan" spricht. Doch bislang schaden die Attacken der Mutter kaum. Die Tränen Sheehans rühren eine Nation, die öffentliche Trauer über Irak weitgehend gemieden hat, aber nun immer wütender über das Sterben dort wird. Zudem ist die US-Linke entschlossener geworden in der Antwort auf rechte Schmierkampagnen. Ein "Camp Cindy" in der Nähe von Bushs Farm koordiniert Medienauftritte. Michael Moore lässt Sheehan auf seiner Website schreiben. Seiten wie crooksandliars.com (Schurken und Lügner) listen die schlimmsten Verdrehungen rechter Kommentatoren auf.

Doch natürlich bedeutet auch das noch mehr Polarisierung. Und so wird ein Bild von der Geschichte Cindy Sheehans übrig bleiben: immer tiefere Gräben in der amerikanischen Öffentlichkeit.

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