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StartseiteEuropa heute Wut der Griechen auf ihre Politiker wächst24.06.2011

Wut der Griechen auf ihre Politiker wächst

Bürger geben ihren Abgeordneten die Schuld an der Krise

Die griechischen Gewerkschaften wollen das Land am Dienstag und Mittwoch erneut mit einem Streik lahmlegen - genau dann, wenn Ministerpräsident Giorgos Papandreou Sparpaket durchs Parlament bringen will. Und sie werden Zuspruch bekommen: denn die Bürger kochen vor Wut.

Von Gunnar Köhne

Proteste in Athen gegen den Sparkurs der Regierung (dpa / picture alliance / Alexandros Beltes)
Proteste in Athen gegen den Sparkurs der Regierung (dpa / picture alliance / Alexandros Beltes)

Anna Chatzitsakou arbeitet seit 28 Jahren in einer Athener Behörde. Vergangenes Jahr wurde ihr Gehalt im Rahmen der Sparmaßnahmen um 20 Prozent gekürzt. Eine Urlaubsreise auf eine der schönen griechischen Inseln kann sich die 54-jährige auch dieses Jahr nicht leisten. Ihr Land steht am Abgrund – die Schuldigen stehen für die Witwe fest:

"Die Politiker! Um Politiker in diesem Land zu sein, muss man korrupt sein. Die allermeisten von denen wissen doch gar nicht, was Moral und Anstand sind."

Mit dieser Meinung steht die Athenerin Chatzitsakou in Griechenland nicht allein. Im Mutterland der Demokratie ist das Ansehen von Politikern und Parteien auf einem Tiefpunkt. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass 87 Prozent der Griechen ihr Land "auf dem falschen Weg" sehen. Drei Viertel der Befragten halten keine der beiden großen Parteien für geeignet, das Land zu regieren.

Politikern wie Evangelos Antonaros schlägt in diesen Wochen soviel Verachtung und Hass entgegen, dass der Abgeordnete der konservativen Nea Dimokratia die 800 Meter von seinem Abgeordnetenbüro zum Parlament nicht mehr zu Fuß zurücklegt. Es hat auch schon tätliche Angriffe auf Politiker gegeben. 30 Jahre lang berichtete Antonaros für deutsche Zeitungen aus Athen. Der vorherigen konservativen Regierung Karamanlis diente er als Regierungssprecher. Es trifft ihn, wenn er auf Transparenten und in Zeitungen lesen muss, seinesgleichen seien nichts anderes als "Diebe":

"Eine unvorstellbar unangenehme Situation. Ich habe mich in meinem Leben noch nie so unwohl gefühlt. Fehlentscheidungen können wir alle getroffen haben. Was wir Politiker jetzt machen sollten – und ich tue das so oft es geht -, die Leute in Gespräche zu verwickeln."

Doch eine Mitverantwortung an dem Desaster möchte Antonaros nicht übernehmen – obgleich er als Regierungsmitglied bis 2009 von der dramatischen Haushaltslage und den gefälschten Zahlen gewusst haben müsste. Auch Dora Bakojanni, Außenministerin bis 2009, will von den geschönten Angaben über das Haushaltsdefizit nichts geahnt haben:

"Schauen Sie, das wusste ich als Außenminister sowieso nicht, wie und welche Zahlen Brüssel gezeigt worden sind. Das ist eine Geschichte, die geht jetzt 15 Jahre zurück in Griechenland. Um ganz ehrlich zu sein: Ich verstehe auch nicht, was Brüssel gemacht hat, wenn die wirklich geglaubt haben, die Zahlen waren falsch. Warum haben die dann den Mund gehalten?"

So zeigt in diesen Tagen in Athen jeder mit dem Finger auf den anderen – und der Politikverdruss der Griechen bekommt neue Nahrung. Dora Bakojanni bietet sich mit ihrer neu gegründeten Demokratischen Allianz als Alternative an zu PASOK und Nea Dimokratia. Doch bis zu den nächsten Wahlen, die möglicherweise schon im Herbst stattfinden werden, schlägt sie vor, eine gemeinsame Notstandsregierung zu bilden, um der Bürgerwut zu begegnen. Sonst drohe eine Krise der Demokratie insgesamt:

"Das griechische Volk sieht keinen Ausweg. Allein die Nachricht, dass alle Parteien zusammenarbeiten, um Griechenland aus der Krise zu bringen, das würde den Leuten eine Botschaft der Sicherheit geben, der Beruhigung."

Eine Einheitsregierung würde Anna Chatzitsakous Bild von den Politikern nicht sehr aufhellen. Die Angestellte zuckt mit den Schultern: Das Geld, das sich die Regierungspolitiker vorher alleine in die Taschen gesteckt hätten, müssten sie dann eben mit anderen teilen. Bei den einfachen Leuten werde weiterhin nichts ankommen. Doch hat nicht auch sie eine der beiden großen Parteien immer wieder gewählt?

"Ja, das gebe ich zu. Ich hoffe nur, dass ich jedes Mal den am wenigsten korrupten Politiker gewählt habe. Irgendeiner muss das Land ja schließlich regieren."

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