Freitag, 30. September 2022

Sport in Russland
"Ein Instrument der sanften Machtprojektion"

Wie wird Sport in Russland für politische Zwecke genutzt? Aleksandra Yatsyk forscht an der Universität Tartu in Estland und im französischen Lille. Sie hat sich mit Sport-Großereignissen in Russland beschäftigt und sagt im Dlf: Der Sport sei in Russland vor allem Zeichen internationalen Prestiges.

Aleksandra Yatsyk im Gespräch mit Matthias Friebe | 18.04.2022

Putin (re.) hält eine goldene Trophäe, Infantino kommt von links auf ihn zu. Vor der Bühne stehen Zuschauer.
Putin sonnte sich im Licht des WM-Pokals (AFP/Mladen ANTONOV)
Matthias Friebe: Welche Rolle spielt Sport in der russischen Politik?
Aleksandra Yatsyk: Er spielte immer eine große Rolle in Bezug auf Soft Power. Und es ist ein Erbe der Sowjetunion, weil Russland sehr daran interessiert war, seine Macht auf der geopolitischen Bühne zu demonstrieren, und definitiv war der Sport wichtig für den russischen Staat. Er ist ein Instrument der sanften Machtprojektion, ein Zeichen von internationalem Prestige.
Die Ausrichtung großer Sportereignisse bedeutete für Russland, zumindest bis zum Einmarsch Russlands in die Ukraine, ein Zeichen der Zugehörigkeit zu diesem Prestigeclub. Sport war also schon immer geopolitisch wichtig. Aber natürlich ist die Geschichte des russischen Sports auch eine Geschichte seines Niedergangs, eine Geschichte des geopolitischen Scheiterns. Und wie wir jetzt nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sehen können, hat sich die Situation für Russland drastisch verändert.

"Das ist eine systemische Sache, das ist wichtig."

Friebe: Durch den Dopingskandal gibt es schon länger Sportsanktionen. Wie wichtig ist das Medaillenzählen - wie wichtig sind Erfolge?
Yatsyk: Wie wichtig Medaillen sind, lässt sich an all den Anstrengungen ablesen, die Russland für die Olympischen Spiele 2014 unternommen hat, denn es war wirklich wichtig, so viele Medaillen wie möglich zu gewinnen. Das Gleiche gilt für die Universiade 2013 in Kasan, bei der es ebenfalls vor allem um die Anzahl der Medaillen ging. Und Russland hat gewonnen, wenn Sie sich erinnern. Das Gleiche gilt für die Olympischen Spiele in Sotschi. Die Anzahl der Medaillen ist natürlich wichtig, weil dies ein Zeichen für internationales Prestige ist, ein Zeichen für die hohe Position Russlands nicht nur im Sport, sondern auch in der Geopolitik.
Der Dopingskandal oder das Doping sind ebenfalls Teil dieses Schemas oder Prozesses, Medaillen zu bekommen. Weil es für den russischen Staat wichtig ist. Die Situation mit Doping zeigt auch, dass dies nicht nur ein Zeichen von Missmanagement bestimmter Strukturen im Sport ist. Es handelt sich um ein staatlich gefördertes System, um Medaillen zu bekommen und zu erhalten, und die Sportler sind Teil dieses Systems. Das ist eine systemische Sache, das ist wichtig.
Wenn wir über Sanktionen sprechen, können wir sehen, dass die Geschichte des russischen Sports der letzten Jahre eine Geschichte von Aufstieg und Fall ist. Wenn man sich zum Beispiel die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2018 anschaut, würde ich sagen, dass dies eine Art Erfolgsgeschichte ist, denn sie fand ganz unerwartet statt, obwohl nach den Olympischen Spielen 2014 riesige Korruptionsskandale bekannt wurden. Trotz dieser Misserfolge war die Weltmeisterschaft eine Erfolgsgeschichte. Die Menschen kamen nach Russland und die Touristen und Fans waren zufrieden. Es gab keine offensichtlichen Missstände bei der Durchführung dieser Veranstaltung. Ich würde sagen, dass es ein unerwartet erfolgreiches Ereignis war.
Friebe: Russland hat sich als offenes Land gezeigt, die Welt war erstaunt…

Yatsyk: Ja, für mich war es wirklich unerwartet nach all diesen Skandalen, den Korruptionsskandalen, den Olympische Spielen 2014. Der Erfolg der Weltmeisterschaft war wirklich, wirklich unerwartet. Die Menschen, die das Land besuchten, waren erstaunt und die Gästefans waren zufrieden. Das war, würde ich sagen, ein kleiner Erfolg. Und Russland könnte diesen Erfolg für die weitere geopolitische Förderung und für den weiteren Einsatz seiner Soft-Power-Instrumente nutzen. Aber leider ist es nicht dazu gekommen.
Danach, im Jahr 2019, gab es einen riesigen Dopingskandal mit der WADA und, wie Sie wissen, wurde Russland für vier Jahre von allen großen Sportereignissen einschließlich der Olympischen Spiele ausgeschlossen. Das geschah also 2019, noch vor Russlands Einmarsch in der Ukraine. Und nun ist Russland von den meisten großen Sportveranstaltungen ausgeschlossen, und russische Sportler dürfen Russland nicht mit dem Staatssymbol, der Flagge und der Hymne, repräsentieren.
Einige Sportler, wie zum Beispiel Jewgeni Pluschenko, der in Russland ein bekannter Sportler ist, sind nicht sehr besorgt über die neue Situation. Er ist nicht sehr besorgt über Sanktionen. er denkt zum Beispiel, dass es nicht für eine lange Zeit ist. Und er wird das schon irgendwie schaffen. Sie wissen auch, dass in anderen Sportarten, zum Beispiel im Fußball, Legionäre russische Sportvereine verlassen haben und alle russischen Sportvereine von der Teilnahme an internationalen Sportveranstaltungen ausgeschlossen sind. Ich würde sagen, dass die Situation im Moment ziemlich chaotisch ist, weil niemand weiß, was als nächstes kommt und wie die Situation in der Zukunft aussehen wird.
Friebe: Jetzt nach der Invasion haben wir härtere Sanktionen. Tun diese jetzt verhängten Sportsanktionen Russland weh?
Yatsyk: Zumindest auf der Ebene der russischen Regierung gab es keine Anzeichen von Besorgnis, denn in den russischen Medien, die alle unter der Kontrolle des Staates stehen, gibt es keine Anzeichen oder Bekenntnisse, keine Anzeichen von Besorgnis über die Situation. Ich würde also sagen, dass wir jetzt nicht die wahre Situation im Sport kennen, denn in den russischen Medien ist alles in Ordnung. Zum Beispiel Oleg Matytsin, der russische Sportminister sagte, dass sie nicht vom internationalen Sport isoliert werden wollen und dass sie am globalen Sport teilnehmen werden. Ich glaube nicht, dass sie wirklich verstehen, was passiert, und keine Isolation vermuten, oder zumindest keine Anzeichen eines Rückschritts zeigen.

"Sport für das heimische Publikum nicht wichtig"

Friebe: Ist das eine Sprache, die Putin versteht?
Yatsyk: Wir wissen es nicht, denn alles, was wir sehen können, wird von den russischen Medien bestimmt. Und die sind, ich wiederhole, staatlich kontrolliert. Wir können also sagen, dass es keine Anzeichen für ein Verständnis für diese Sanktionen gibt, denn es ist eine bestimmte Haltung: nicht anerkennen, nicht respektieren dieser Situation. Der russische Sport ist ein Teil der russischen Kultur, ist ein Teil des aktuellen russischen Regimes. Er lebt in dessen Welt, die von der russischen Propaganda geschaffen wurde. Oder zumindest können wir nur dieses Bild dieser Welt sehen und wissen nicht, wie die wirkliche Situation ist.
Friebe: Es ist die Rede davon, Putin träume von der Wiederherstellung der alten Sowjetunion. Spielt da auch der Sport eine Rolle?
Yatsyk: Wie ich bereits sagte, ist der Sport ein wichtiger Bestandteil des russischen Staatsimages.  Natürlich ist der Sport sehr wichtig für die Demonstration der Selbstlegitimation und ein Zeichen von Prestige. Aber auch hier gilt: Wenn Russland von der globalen Welt isoliert wird, gilt das auch für den globalen Sport: Welche Rolle wird dann der Sport für die Welt spielen? Ich glaube nicht, dass er für das heimische Publikum wichtig wäre. Natürlich gibt es viele Dinge, die zum Beispiel für bestimmte Sportler wichtig sind, weil sie ihr Leben und ihre Anstrengungen in den Aufbau ihrer Karriere investiert haben. Und sie müssen verstehen, wie es für sie weitergehen wird, und es gibt Fragen über die Vertretung Russlands als Staat für sie. Aber wie ich schon sagte, ist die Situation derzeit chaotisch. So kann noch niemand verstehen, wie es in der Zukunft sein wird. Wir sollten also noch ein wenig abwarten und beobachten. Es ist also noch zu früh für irgendwelche Ergebnisse.