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StartseiteSport am WochenendeZahl der Dopingfälle "besorgniserregend"24.01.2010

Zahl der Dopingfälle "besorgniserregend"

Fragwürdige Signale aus der Wintersportnation Russland

Wenn das russische Nationale Olympische Komitee das Olympiateam bekannt gibt, werden internationale Sportfunktionäre genau hinschauen. Die vielen Dopingfälle der jüngsten Zeit machen viele argwöhnisch, wie strikt die Russen es mit den Dopingkampf halten.

Von Grit Hartmann

Ein russischer Eishockeyspieler starb 2008: Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte er dauerhaft gedopt. (AP)
Ein russischer Eishockeyspieler starb 2008: Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte er dauerhaft gedopt. (AP)

John Fahey, der Präsident der Weltantidopingagentur Wada, gilt als bisweilen zu diplomatischer Betrugsbekämpfer. Deshalb überraschten die deutlichen Worte, die der Australier im letzten Herbst bei einer Telefonkonferenz fand. Die Zahl der jüngsten Dopingfälle unter russischen Athleten halte er für besorgniserregend:

"”Well, look, I am conscious of the number of doping cases in the past several months that involved Russian athletes, I should add it is a little troubling to see that occur. And I can only say that authorities in whatever country have to accept their own responsibility too, it's right? We hope that Russia can become more effective with time.”"

Die Botschaft an Moskaus Sportbürokraten war unmissverständlich. Seit 2007 binnen eines Jahres gleich neun Ruderer auffielen, lastet der handfeste Verdacht des Systemdopings auf der Sportgroßmacht. Nikolai Durmanow, Chef der Antidopingkommission des russischen NOK, räumte wenige Wochen vor den Peking-Spielen Änderungsbedarf ein. Vom Moskauer Fernsehsender "Russia Today" befragt, was wichtiger sei - Gold oder saubere Athleten -, sagte er:

"Olympische Spiele sind ein machtvolles Instrument, nationales Image zu schaffen. In dieser Situation ist ein klares, sauberes Image wichtiger als Gold. Ich, meine Kollegen und die Moskauer Sport-Verwaltung werden etwas ändern: Extra-Gold gegen Sauberkeit."

Den hehren Worten folgte die vorolympische Suspendierung von zehn Weltklasse-Leichtathleten. Nach Olympia wurden weitere Fälle in mehreren Sportarten notiert. Im Oktober 2008 brach Russlands 20-jähriges Eishockey-Talent Alexej Tscherepanow während eines Spiels zusammen und starb. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte er dauerhaft gedopt. Und die letzte Wintersport-Saison geriet zum russischen Epo-Festival: Ein halbes Dutzend Langläufer, unter ihnen Olympiasieger, wurde mit dem Blutverdicker aus dem Verkehr gezogen. Der Biathlon-Weltverband erlebte Anfang Februar pünktlich zur WM in Südkorea seinen "schwarzen Freitag": Positive Epo-Befunde bei Weltcup-Spitzenreiterin Jekaterina Jurjewa, bei Albina Achatova und Weltmeister Dimitri Jaroschenko. Der jüngste Vorfall ereignete sich vor 14 Tagen: Zwei Langläufer kassierten eine Schutzsperre wegen zu hoher Hämoglobinwerte.

Innerhalb der eindrucksvollen Serie ist den prominenteren Athleten eines gemeinsam: Sie stolpern über Tests der Weltverbände. Das wirft Fragen nach den heimischen Fahndern im russischen Riesenreich auf. Auf Deutschlandfunk-Anfrage verweist die Antidopingagentur RUSADA auf mehr als 15.000 Tests im Vorjahr, davon 8.000 Trainingskontrollen. 96 russische Sportler habe man selbst überführt. Doch gerade einmal 205 ihrer Top-Athleten führt die Agentur im strenger kontrollierten Registered Testing Pool. Und ihr Jahresbudget 2009 belief sich auf 2,3 Millionen Euro - ein Drittel des Etats der deutschen Nada.

Derlei Defizite gehören zum neuen russischen Sport, ebenso wie höchste Prämien für Athleten und Betreuer. Vor Peking legten NOK und Sportministerium Rekordboni fest: Olympiasiege werden mit 100.000 Euro honoriert; zudem stellt man allen Medaillengewinnern einen Neuwagen vor die Tür. Die Regionen belohnen ihre Sporthelden extra, wie auch Verbandsfürsten und der zentrale Armeesportklub ZSKA.

Das allein ergibt einige Ingredienzien für jene Mischung, aus der Systemdoping entstehen kann. Dazu kommt der Verdacht auf patriotische Unterstützung nicht nur der Sportbürokratie. Den nähren bis heute vor allem die Vorfälle im Biathlon. Als die Namen der ertappten Skijäger Achatova, Jurjewa und Jaroschenko im letzten Jahr durchsickerten, strickte Dimitri Wolkow, Berater des russischen NOK-Präsidenten, flugs eine Verschwörungstheorie:

"Die Information zeugt, wenn nicht von offenkundiger Verschwörung, um unsere Athleten zu betrügen und zu diskreditieren, so doch von Regelbruch. Unsere Athleten sind die schwarzen Schafe. Das Team kam aus den Bergen, es ist ein Anpassungseffekt, es gibt immer eine leichte Erhöhung von Hämoglobin."

Die Skijäger aus drei verschiedenen Clubs hatten indes ein neues Epo-Nachahmer-Präparat unbekannter Herkunft im Körper. Der russische Verband setzte eine Sonderkommission ein und teilte bald mit, die Athleten hätten zur Aufklärung beigetragen. Was man in Moskau darunter versteht, zeigte sich in der Verhandlung bei der Internationalen Biathlon-Union: Der Teamarzt habe eine Substanz gespritzt, erklärten die Sportler gleichlautend. Die habe aber kein Epo enthalten. Achatova, Gattin des Arztes, und Jurjewa fochten ihre Sperre erfolglos beim Internationalen Sportgerichtshof an; inzwischen liegt der Fall beim Schweizer Bundesgericht. Ein solches Procedere ist ohne den Segen der Russischen Biathlon-Union undenkbar. Fragen zu dem Fall, etwa zur angekündigten Bestrafung von Ärzten und Trainern, wollte der Verband jedoch nicht beantworten. Angesichts der Mächtigen an der Spitze muss das nicht unbedingt verwundern: Mit Ex-Olympiasieger Alexander Tichonow leistet sich die RBU einen Vizepräsidenten, der 2007 als Drahtzieher eines versuchten Mordanschlags verurteilt wurde und per Amnestie freikam.

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