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Startseite@mediasres"Für mich wirkt es gespenstisch"26.03.2020

ZDF-Moderatorin Marietta Slomka"Für mich wirkt es gespenstisch"

Distanzierung ist das zentrale Gebot in der Coronakrise. Daher greifen auch in den großen Medienhäusern derzeit besondere Maßnahmen – etwa beim ZDF. "Ich finde, das ist keine schöne Ruhe", sagte heute-journal-Moderatorin Marietta Slomka im Dlf.

Marietta Slomka im Gespräch mit Ulrich Biermann

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Marietta Slomka (dpa/ Axel Heimken)
heute-journal-Moderatorin Marietta Slomka (dpa/ Axel Heimken)
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Ulrich Biermann: Sie erfahren es daheim, draußen. Sie sehen es, Sie hören es – gerade auch hier im Deutschlandfunk im Kulturnachmittag: Gewohntes ist aufgelöst, Standard ist nicht mehr angesagt. Plötzlich müssen Abläufe anders sein – auch im Journalismus. Großraumbüros sind dort leer. Teamarbeit funktioniert nur noch digital. Hier im Haus, bei den Zeitungen, in den Redaktionen ist nur noch, wer unbedingt da sein muss. Das ist auch beim ZDF derzeit nicht anders, war es auch in der letzten Woche nicht. Mitarbeiter wurden an die Rechner daheim geschickt und die Art der Produktion von Beiträgen und Sendungen hat sich verändert. Im "heute-journal" zum Beispiel. Wie war das letzte Woche, Marietta Slomka?

"Es ist total still und wir sind nur noch ganz, ganz wenige"

Marietta Slomka: Ja, wie war das letzte Woche? Also völlig anders als sonst. Man muss sich so eine aktuelle Fernsehredaktion vorstellen wie einen Maschinenraum oder wie einen Bienenstock. Da ist normalerweise unheimlich viel los, Leute laufen durcheinander, es wird über den Flur gerufen, da klingeln ständig Telefone, da ist ein Kommen und Gehen. Und wenn ich eine Woche nicht da war, umarme ich normalerweise auch den einen oder anderen Kollegen/ Kollegin. Und das ist plötzlich alles weg. Es ist total still und wir sind nur noch ganz, ganz wenige.

Biermann: Schöne Ruhe eigentlich. Oder?

Slomka: Nee. Ich finde das ist keine schöne Ruhe. Für mich wirkt es gespenstisch und man ist sich ja auch ständig bewusst, warum es so ruhig ist. Ich sitze da ziemlich vereinzelt in meinem Büro. Normalerweise sitze ich zwar auch in einem Einzelzimmer – einem kleinen. Aber da kommt ständig jemand reingelaufen und steht an meinem Schreibtisch und greift in meine Gummibärchentüte und quatscht und lacht und redet und diskutiert. Und jetzt kommt nur hin und wieder mal einer und steht dann an der Tür und bleibt da stehen. Und diese Distanzierung, die wir natürlich in unserer Redaktion auch haben, die fühlt sich nicht gut an. Da geht es uns nicht anders, als allen anderen Bundesbürgern.

Biermann: Isolation?

Slomka: Ja, das hat schon auch was von Isolation. Wobei: wir haben hier natürlich weiterhin Menschen da. Bei weitem nicht mehr so viele wie sonst, aber es sind doch einige da. Und dann steht man halt manchmal in der Tür mit mindestens zwei Meter Abstand und redet noch miteinander, also ich bin insofern nicht ganz so isoliert wie sicherlich viele ältere Mitbürger, die jetzt ganz allein zu Hause sitzen. Das ist bei mir natürlich in dem Job nicht der Fall. Ob das jetzt ein Vorteil oder ein Nachteil ist, kann jeder für sich selbst entscheiden. Psychologisch finde ich es gar nicht schlecht, doch auch nach wie vor Kontakt zu haben.

"Ich schminke mich selber"

Biermann: Wie ist das denn sonst mit den Sicherheitsregeln? Abstand halten, okay, im Studio die Kameras halten Abstand. Aber sonst: auf welche Vorsichtsmaßnahmen müssen Sie achten?

Slomka: Ja, all die Vorsichtsmaßnahmen, auf die im Moment alle zu achten haben in Unternehmen: also wirklich Abstand halten. In unserem Konferenzraum sitzen wir entweder gar nicht oder wenn, dann zu dritt. Da passen normalerweise 30 Leute rein. Wir tragen Handschuhe; gucken, dass wir auf dem Flur, wenn man sieht, es kommt einem einer entgegen, nach rechts ausweichen in einen der Räume oder einen Bogen schlägt. Ich schminke mich selber. Das ist auch eine ziemlich neue Erfahrung, weil ich weder meine Maskenbildnerin gefährden noch von ihr gefährdet werden will. Da kommt man sich natürlich sehr nahe, das lässt sich ja gar nicht vermeiden. Ich lasse mir jetzt eigentlich nur noch helfen, um Hörgerät und Mikrofon anschnallen zu lassen, wie wir das nennen. Das kann man nicht ganz alleine, weil ich hinten keine Augen habe.

Biermann: Also, Hörgerät müssen wir erklären.

Slomka: Ja, also während der Sendung hören wir uns selbst und die Sendungsbeiträge mit einem sogenannten Ohrwurm, einem kleinen Stecker. Der hat durchaus was von einem Hörgerät – verbunden mit einem Kabel und einem kleinen Kästchen und das wird unter dem Jackett, am Hosenbund oder am Rockbund festgemacht. Und darüber höre ich auch Kommandos aus der Regie zum Beispiel oder wenn mir jemand noch schnell aufs Ohr sagen will. Und auch unsere Mikrofone sind an der Kleidung angesteckt und das kriegt man so ganz alleine nicht hin. Also da kommen mir dann auch Kolleginnen und Kollegen sehr nah.

Nicht die Zeit für Ironie

Biermann: Die aktuelle Situation, ändert die ihre Art zu fragen?

Slomka: Ein bisschen, ja. Weil wir jetzt im Moment natürlich nicht diese klassischen politischen Schlachten schlagen – und das tut die Politik selbst ja auch nicht. Also das ist jetzt nicht Thüringen, wo man Politiker in die Mangel nimmt. Das ist jetzt ein Ausnahmezustand, in dem man sowieso Opposition fast gar nicht mehr einvernimmt, jedenfalls nicht in einem direkten Schaltgespräch. Die kommen bei uns in den Berichten natürlich vor. Sondern da sind viele Gespräche eigentlich zum Erklären, um Erklärung nachzufragen, um Informationen zu transportieren, überhaupt Informationen erhalten. Das ist jetzt mehr der Fokus des Gesprächs, des normalen Interviews. Und wir führen natürlich sehr viele Gespräche mit Experten – und das sind jetzt keine investigativen Gespräche, bei denen ich einen Experten, einen Virologen, der uns zur Verfügung steht, anfange zu grillen, wie man das so im Journalistenjargon nennt. Das ist jetzt nicht die Zeit dafür.

Biermann: Und Ironie – das ist ja ein Mittel, das Sie manchmal auch gerne einsetzen. Die erübrigt sich im Moment, oder?

Slomka: Sehr dosiert. Also ich hatte, glaube ich, in der letzten Woche einmal einen Anflug von Ironie, als ich darauf hinwies, dass neben Toilettenpapier so wahnsinnig viel Mehl gehortet wird, dass ich mich fragte, ob jetzt Millionen Deutsche anfangen, ihr Brot selbst zu backen (was ja völlig unsinnig ist). Aber das war auch so, glaube ich, das einzige, was da an Ironie groß in Moderationen auftaucht. Ist jetzt nicht die Zeit dafür.

"Wir können nicht unsere Arbeit einstellen"

Biermann: Sie haben gerade gesagt: sehr fremdartiges Gefühl. Was heißt das fürs Arbeiten insgesamt? Weil: Die Situation betrifft Sie ja auch persönlich. Kann man das ablegen, wenn das Rotlicht angeht?

Slomka: Das muss man ablegen. Das kann man schon. Also, wir legen das ja auch bei Terroranschlägen zum Beispiel ab. Ich habe ja auch schon viele, was bei Polizisten "große Lagen" genannt wird moderiert. Als am Breitscheidplatz in Berlin der Terroranschlag war – da bin ich als jemand, der nun auch sehr viele Menschen, die einem am Herzen liegen, in Berlin hat auch persönlich betroffen. Aber in dem Moment, wo man dann einen Aufgabe hat, ist man auch abgelenkt und konzentriert. Das ist ein bisschen wie bei Ärzten – wobei ich jetzt um Gottes Willen unseren Job nicht vergleichen will mit dem, was Ärzte in diesen Wochen und in den nächsten Wochen leisten; da will ich mich jetzt nicht erheben – aber die Funktionsweise deines Gehirns ist ähnlich. Nämlich dass du komplett auf die Aufgabe konzentriert bist und vieles dann auch wie im Tunnel wahrnimmst.

Biermann: Im ORF hat man eine Regelung eingeführt; da sind die Fernsehnachrichtenreaktionen komplett abgeschottet. Da gibt es eine Mannschaft von 180 Leuten, die sind in einem Quarantänestudio, darunter auch der Moderator. Wäre das eine Option für Sie?

Slomka: Naja, wenn es notwendig wäre und unser Sender das so beschließt, dann würde ich das natürlich auch machen. Ich gehe im Moment mal hoffnungsvoll davon aus, dass es nicht notwendig ist. Wir haben ja auch nicht nur in Mainz einen großen Standort, sondern auch noch andere Standorte: in Berlin zum Beispiel ein großes Hauptstadtstudio, in dem mehrere Redaktionen sind. Also die Möglichkeit, sich da dann auch etwas aufzuteilen, wenn bei uns zu viele in Quarantäne wären, ist vielleicht auch noch mal eine andere, um den Sendebetrieb aufrechtzuerhalten. Denn wir haben natürlich als Öffentlich-Rechtliche eine Verpflichtung, die Bevölkerung zu informieren. Wir können nicht unsere Arbeit einstellen. Wir können jetzt keinen Produktionsstopp verhängen. Wir müssen senden und deshalb müssen wir natürlich darauf achten, dass bei uns so wenig wie möglich Mitarbeiter sich infizieren oder krank werden und dass auch Mannschaften strikt getrennt sind. Das gilt zum Beispiel auch jetzt – banales Beispiel: Maskenräume, da gibt es jetzt unterschiedliche Räume und unterschiedliche Mannschaften. Oder Claus Kleber und ich begegnen uns nicht mehr. Also einmal von weitem haben wir uns mal eine Kusshand zugeworfen – aber von ganz, ganz weit. Damit eben nach Möglichkeit wir nicht beide gleichzeitig in irgendeiner Form betroffen sind. Also solche Maßnahmen werden natürlich ergriffen und strikt eingehalten.

Biermann: Wie nutzt Marietta Slomka privat eigentlich diese Zeit, die sie plötzlich mehr hat?

Slomka:  Die ersten zwei Tage, die ich mehr hatte, habe ich – ehrlich gesagt – genutzt, um zu schlafen und mich erst mal zu erholen. Weil ich diese letzten sieben Tage schon weitaus anstrengender fand als das, was ich bisher so in den letzten 20 Jahren an Moderationswochen erlebt habe. Und jetzt nutze ich sie vor allem, um mich weiter rund um die Uhr zu informieren. Ich schaue natürlich wahnsinnig viel Fernsehen, ich höre Deutschlandfunk, ich lese ePaper, Zeitungen online, bin auf den Sozialen Medien, telefoniere; telefoniere auch mit Freunden, mit Verwandten, mit Familie; wir machen Videokonferenzen, haben uns das eingerichtet, um einfach auch soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. Dazu komme ich in meinen Moderationswochen praktisch überhaupt nicht.

Biermann: Also kein Binge Watching?

Slomka: Doch, das tue ich auch. Aber ich fange jetzt nicht an, Werbung für einzelne Serien zu machen. Aber doch, auch das tue ich zwischendurch zum Ablenken.

Biermann: Jetzt hätte ich gerne Titel gehört. Empfehlungen.

Slomka: Ich werde heute Abend anfangen "Unorthodox" zu gucken.

Biermann: Das haben wir ja gerade schon empfohlen.

Slomka: Ach, echt? Das habe ich nicht mitbekommen.

Biermann: Herzlichen Dank, Mariette Slomka.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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