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Zehn Gebote auf dem Prüfstand

Manche der Zehn Gebote wie "Du sollst nicht töten" nehmen wir ernst, andere, wie das Verbot des Ehebruchs, werden ignoriert. Das Schauspielhaus Wien beleuchtet nun in einer Koproduktion mit der RuhrTriennale unser heutiges Verhältnis zu den Regeln von "damals".

Von Karin Fischer |
    Ganz ohne sakralen Rahmen wollte man nicht spielen. Die Zeche Carl in Essen wurde deshalb mit Kirchenbänken voll gestellt, im ersten Stück traten eine Braut und ein Pastor auf, und im zweiten wurden immerhin noch Kerzen angezündet. Die Texte dagegen entstammen deutlich dem säkularen Zeitalter. Einen gesetzgebenden Gott hat hier niemand mehr auf der Rechnung, der Himmel über uns ist leer, und die Autoritäten machen sich lächerlich. Wenn sie Eltern sind, spielen sie etwa Autorennen auf der Playstation, ziehen über ihren Sprössling her und sind eigentlich ganz zufrieden, als der sich einer Radikal-Operation unterzieht und als Kopf mit Akku nach Hause kommt. Paulus Hochgatteres Stück "Der Kopf" steht in bester österreichischer Tradition, wenn es darum geht, aus Familie ein Bestiarium und aus der Gesellschaft eine Gruselshow zu machen. Der Kopf im Einkaufswagen ist das stärkste Bild des Abends. "Du sollst Vater und Mutter ehren", so absurd überdreht, lässt aus einem unverstandenen Jugendlichen einen pflegeleichten Nesthocker werden.

    Das ist aber nicht der einzige Albtraum-Text, den die Befragung des ältesten Gesetzes der Welt hervor gebracht hat. "Mauerschau" von Clemens J. Setz, ist eine böse endende Krimi-Phantasie über einen Stalker, der ein quasi unbeteiligtes Paar zur Hysterie treibt. Was das neunte Gebot "Du sollst nicht begehren deines nächsten Weib" mit dem Stück zu tun hat, bleibt unklar ebenso wie der Bezug zwischen dem ersten Gebot und der "Karaoke-Box" des russischen Autors Iwan Wyrypajew. Mit zwei Karaoke singenden Androiden erzählt er ein gefühlvolles Rätsel, das erst ganz zum Schluss aufgeklärt wird: "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben" fordert die tote Geliebte aus dem Grab.

    Der Dramatiker Ewald Palmetshofer, auch Kurator der Reihe, hat als einziger einen politischen Kontext gewählt. Sehr passend nimmt er zum achten Gebot, "Du sollst nicht falsch Zeugnis geben wider deinen Nächsten", den öffentlichen Entschuldungs-Versuch eines Präsidenten zum Anlass, um mit einem großartig schillernden Text auf die Doppelbödigkeit von Worten und die Relativität von Wahrheit überhaupt zu verweisen. Ewald Palmetshofer:

    "Es geht um die Frage, ob in der heutigen Politik uns "Wahrheit" als Kategorie nicht abhandengekommen ist, ob es nicht nur um Meinungsformulierungen geht und man Politik nur noch ohne Prinzipien denken kann."

    Palmetshofer gilt als der große Sprachspieler unter den Jungdramatikern, wird in der "Du sollst…"-Reihe aber spielend übertroffen von Gerhild Steinbuch. Die junge Autorin, deren Stil schon mit Sarah Kane verglichen wurde, erinnert mit ihrem Stück zum sechsten Gebot, "Du sollst nicht ehebrechen" eher an Elfriede Jelineks kalauernde Überdeterminiertheit. "Vier Wörter für ein besseres Leben" ist eine poetische Reflexion über Verträge als Grundlage von Sicherheit, Beständigkeit, Standfestigkeit, Ordnung und Norm. Die kunstvolle Unordnung des Textes, die ihn durchlässig macht für Sinn wie für Un-Sinn, liefert dazu jenen diffusen Widerstand, den der Mensch vor seinem ersten "Ehevertrag" empfinden mag.

    So dient "Du sollst…" im Umweg über die Literatur doch noch einem höheren Zweck. Neben schönen dramatischen Skizzen mit sehr passendem szenischen Zugriff der durchweg jungen Regie-Riege heißt das Gebot der Stunde: "Du sollst weiter schreiben!"