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Zehn Stunden durch die Anden

Die Stadt Cusco ist eines der ersten Touristenziele in Peru. Die auf 3300 Metern in den Anden gelegene Stadt hat nicht nur aufgrund zahlreicher Bauwerke aus der Inkazeit etwas Mystisches, sie ist auch Ausgangspunkt für den Besuch der Ruinen von Machu Picchu. Und sie ist Anfangs- und Endpunkt der Andenbahn, die 380 Kilometer weit bis Puno am Titicacasee fährt. Heute verkehrt auf dieser Strecke neben einigen Güterzügen lediglich jeden zweiten Tag der so genannte Orientexpress einer privaten Bahnfirma. Stefan May hat zehn Stunden in der Andenbahn genossen.

Von Stefan May | 01.02.2009

Meist fällt die lange Mauer mitten in Cusco überhaupt nicht auf. Doch jeden zweiten Tag, kurz nach sieben in der Früh, biegen Taxibusse durch ihr unscheinbares Tor, hinter dem sich der Bahnhof der Stadt verbirgt: Ein hübsches altes Gebäude in Blau und Gelb, an dessen Rückseite die Passagiere mit noch steifen Gliedern aus den Bussen klettern und deren Koffer von flinkem Bahnpersonal, mit Zetteln versehen, in einem Gepäckwagen verstaut werden.

Der hängt an einer vor sich hintuckernden Diesellok, dahinter ein Küchenwaggon, drei Sitzwaggons und ein Barwagen mit nach hinten offener Plattform: Der Orientexpress der Andenbahn wartet am ersten und einzigen Bahnsteig. An der Einstiegstür jedes Waggons empfängt eine Stewardess im dunklen Uniformmantel mit goldener Anstecknadel die Fahrgäste und hakt deren Namen auf einer Liste ab.

Dass die Wagen in den 80er Jahren in Arad in Rumänien gebaut wurden, merkt man ihnen nicht an: Die Inneneinrichtung besteht aus weichen braunen Ohrenfauteuils mit kleinen Tischchen, auf denen eine Messinglampe steht. Zwischen den Fenstern hängen Fotos aus einer Zeit, als die Bahn noch mehr war als ein alle zwei Tage verkehrender Vergnügungszug.

Kurz vor acht geht die zehnstündige Fahrt los: Unter lautem Getute schiebt sich die Garnitur wie aus einer Garageneinfahrt aus dem Areal, quert Straßen und Plätze der alten Inkastadt und rattert an einem Flüsschen entlang, dessen Ufer mit Unrat übersät sind: Das ist die Kehrseite von Perus Touristenstadt Nummer eins, deren historisches Zentrum penibel sauber gefegt ist. Entlang der Bahntrasse streichen Hunde um verstreute Abfälle, am Hügelhang gegenüber wohnt die Armut in schäbigen Ziegelhütten. Menschen sitzen tatenlos am Straßenrand, einige haben Kisten zusammengestellt und löffeln darauf sitzend Suppe aus Blechnäpfen.

Im Zug legen die Damen und Herren vom Service die Speisekarte zur Auswahl für das Mittagessen vor und servieren zur Begrüßung einen Pisco Sour, den Nationalcocktail aus Traubenschnaps, Limonensaft und Zucker, mit Eiweißschaum obendrauf.

Zugchef ist Renato Herrera. Der schlanke junge Mann im schwarzen Smoking hat die oberste Verantwortung an Bord für die rund 100 vorwiegend aus Europa stammenden Fahrgäste. Wegen des schwachen Dollar ist aus den USA niemand mit dabei:

"Das beeinflusst sehr. Jedes Mal reisen weniger Passagiere aus den USA mit uns. Vorher lagen sie an der Spitze. Deutsche, Franzosen, Briten, Japaner, das ist die Rangfolge. Die Rangfolge der Passagiere, die wir jetzt haben."

Bevor sie auf den Bus umgestiegen sind, fuhren früher auch noch die Einheimischen an der Strecke mit der Bahn. Auf ihnen lag aber nicht das Hauptaugenmerk:

"Mehr Gütertransport, Zement, Flüssigkeiten, Vieh und verschiedene Dinge. Der Zug war nützlich für weit entlegene Gebiete, als es noch keine Straße gab. Das war ein Staatsunternehmen.1999 begann die Privatisierung, da trat Perurail ein, dessen Kapital zu 50 Prozent englisch und zu 50 Prozent peruanisch ist. Es gab Defizite im Fahrplan, Defizite im Service. Im Service hat sich viel verbessert. Vorher hat man dem wenig beigemessen, heute ja. Das ist ein Schwerpunkt des Unternehmens: Nach internationalen Qualitätsstandards zu arbeiten."

Auf der Aussichtsplattform des Barwagens hat ein Paar in jener bunten Tracht Aufstellung genommen, wie wir sie aus den heimischen Fußgängerzonen kennen: Er spielt Flöte und Gitarre, sie tanzt und singt auf Quechua, in der Sprache der Inkas, während die Räder monoton das Lied der Schienenstöße hämmern.

Die Strecke führt ins fruchtbare Urubambatal, das schon die Inkas vor mehreren Jahrhunderten geschickt landwirtschaftlich zu nutzen wussten. Wie glatt rasiert steigen grüne Hügel sanft zu beiden Seiten kleiner Bauerndörfer an, durch die sich staubige Gassen ziehen. Manches Haus zeigt durch einen davor an einem Stock gebundenen roten oder grünen Plastikballen an, dass hier Maisbier ausgeschenkt wird. An mancher Fassade ist groß angepinselt, wer bei der nächsten Wahl unbedingt Bürgermeister oder Präsident werden soll.

Das Fahrtempo nimmt zu, wenngleich es mit etwa 60 Stundenkilometern für einen Orientexpress eher bescheiden ist. Bevor das Mittagessen serviert wird, hat der schwarz livrierte Steward Jefri Mendoza noch ein wenig Zeit, über seine Arbeit an Bord zu erzählen, die lange vor Abfahrt des Zuges beginnt:

"Die Stühle anordnen, alles so anpassen, dass es perfekt ausgerichtet ist, die Vorhänge, die Tische ausrichten, schauen, dass alles sauber ist, das Geschirr reinigen, Dinge herrichten, dann in Uniform den Empfang der Passagiere vorbereiten, sie erwarten und zum Waggon begleiten, ihnen die Sitzplätze zeigen, meine Hilfe anbieten, mich vorstellen, ihnen mit dem Gepäck behilflich sein..."

Jefri hat in der meist renommiertesten Hotelfachschule Perus gelernt. Perurail mietet das Personal für den Zug von der Catering-Firma, bei der Jefri angestellt ist. So ist er zum Orient-Express gekommen.

"Normalerweise fahren wir am Montag ab, am Dienstag haben wir in Puno frei, am Mittwoch fahren wir von Puno nach Cusco zurück, am Donnerstag bleiben wir in Cusco, am Freitag kehren wir von Cusco nach Puno zurück, am Samstag fahren wir von Puno nach Cusco. Und am Sonntag haben wir frei.

Gut, es sind zehn Stunden Arbeit, aber das Gute ist, dass man uns Verpflegung und Wohnung zur Verfügung stellt. Wir haben drei Tage in der Woche frei, insofern ist das mehr oder weniger kompensiert."

Das Tal wird schmäler, Farne streifen am Zug entlang, ehemalige Bahnhöfe ziehen einsam vorbei. Draußen grast ein Esel, ein Lama blickt gleichmütig in die Gegend. Gegen Mittag beginnt der Zug unter Ausstoß dichter Dieselwolken den Pass von La Raya zu erklimmen. Nach der morgendlichen Kühle ist es tropisch warm geworden. Die meisten Fahrgäste sind ob des gemütlichen Geschaukels einer Babywiege über ihrem Lesestoff eingenickt.

Der höchste Punkt der Reise auf 4319 Metern ist erreicht, ein karger Sattel, auf dem sich langes Gras im Wind wiegt zwischen zwei Bergen, um die träge Nebel ziehen. 10 Minuten Fotohalt. Die Luft ist dünn, man keucht schon nach vier Stufen. Indigene Frauen mit schwarzen Zöpfen und breitkrempigen Hüten legen ihre Handarbeiten auf dem Boden aus oder betteln.

Kaum wieder im Waggon Platz genommen, breitet einem die Stewardess die Serviette über die Beine, behutsam legt sie Besteckteil um Besteckteil auf. Alsbald balanciert die Kellnermannschaft - weißes Hemd, schwarze Hosenträger - im Gänsemarsch die Teller heran, wendet sich auf Kommando nach rechts und serviert, wendet sich auf Kommando nach links und serviert dort. Es gibt peruanisches Sushi, Huhn, Roastbeef oder vegetarische Lasagne. Zum Abschluss Milchreis und Kaffee. Beim Bergabfahren beginnt der Zug wie auf hoher See zu schlingern, sodass die Gläser gefährlich klimpern. Doch Peter von Ribbe ist hoch zufrieden:

"Ich finde den Service sensationell, in einem Luxushotel muss man lange suchen, bis man so etwas findet, wie die das Essen servieren."

Herr von Ribbe und seine Frau Gertraud stammen aus Altaussee in Österreich, haben Jahrzehnte in Deutschland gearbeitet und sind jetzt in Rente. Ihren Urlaub haben sie einige Wochen zuvor in Brasilien begonnen, nun genießen sie die Bahnfahrt auf knapp 4000 Höhenmetern.

"Es ist ein bissel anders, als ich es mir erwartet habe, weil unser Sohn uns erzählt hat, es sei spektakulär, was das Überwinden der Höhenunterschiede anbetrifft. Aber ich vermute mittlerweile, dass er das verwechselt hat mit den Süden von den Anden. Da gibt es ja auch so eine tolle Fahrt. Es ist spektakulär, was die Landschaft anbetrifft, das ist wirklich sehr schön."

Der Zug schlängelt sich an einem Fluss entlang über eine menschenleere Grasebene, in der sich ab und zu ein Bauernhof oder ein einsames Rind verliert und die sich in der Ferne zu grünen Hügelrücken aufwirft. Im Barwagen wird wieder musiziert.

Am Nachmittag durchfährt der Zug die Stadt Juliaca. Über hunderte Meter wird am Bahndamm zwischen den Häusern Markt abgehalten. Unter Dauergetute pflügt sich die Lok im Schritttempo durch den örtlichen Kleinhandel, während eine Traube an Passagieren vom offenen Heck des Barwaggons aus hektisch filmt und fotografiert, was zu ihren Füßen Schwelle um Schwelle zum Vorschein kommt. Der Buchhändler hat seine Ware gar zwischen den Schienen ausgelegt, wenig später erscheinen da auch Obst und Gemüse. Glücklicherweise verfügt der Zug über ein geschlossenes Toilettensystem. Lediglich die Sombreros wurden samt ihrer Unterlage vor Nahen der Garnitur von den Schienen gezogen, um unmittelbar nach seinem Passieren wieder über die Gleise gebreitet zu werden. "Incredible", sagen einige Briten zueinander und "Amazing". Noch winken die Menschen aus diesem Dritte-Welt-Panorama den Satten aus der ersten Welt in ihrem Luxuszug, die sie bestaunen, freundlich zu. Doch wann könnte aus Winken Werfen werden?

Am Stadtrand haben sich Kleinhändler entlang der parallel verlaufenden Straße platziert und bieten auf Metallstangen gehängte Auspufftöpfe an, was wie eine stählerne Allee aussieht. Als der Fünf-Uhr-Tee mit Kekschen und Sandwiches serviert wird, ziehen Gewitterwolken wie dunkle Fäden am Horizont auf.
Gertraud von Ribbe hat die Fahrt bisher ausgezeichnet gefallen:

"Es war sehr interessant und schön, die Landschaft großartig. Eine Hochebene, die man bei uns in Österreich ja nicht kennt und auch die Menschen, die draußen auf den Feldern sitzen und ihre Lamaherden, die angeblich wild sind, aber doch eingezäunt sind, bewachen und betreuen, das ist eine ganz andere Art zu leben."

Der Bogen aus dunklen Wolken zieht sich enger, rechts leuchtet noch blauer Himmel, links ist es tiefschwarz, alle Farben spiegeln sich dort in der Lagune des Titicacasees, der nach neun Stunden Fahrt erreicht wird. Blitze zucken, die Lämpchen an den Tischen gehen an, alsbald prasselt Regen auf die Waggondächer. Innerhalb weniger Minuten ist das Schauspiel vorbei, und am Ende des Barwaggons wischt ein dienstbarer Geist rasch den nassen Boden auf. Der Zug umkurvt die verschilften Buchten des höchsten schiffbaren Sees der Welt, passiert ein paar Nobelhotels am Ufer und erreicht triefend nass in der Dämmerung um 18 Uhr die Stadt Puno.

Im Bahnhof lassen sich die Reisenden ihre Gepäckstücke aushändigen, ein ölverschmierter Lokführer klettert von seiner Maschine. Die Fahrgäste werden morgen die schwimmenden Schilfinseln der Uros oder die Insel Taquile im Titicacasee besuchen, während die Zugsmannschaft der Andenbahn in Puno einen Ruhetag einlegen kann.
Per Bahn durch die peruanischen Anden
Per Bahn durch die peruanischen Anden (Stefan May)