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Zeichen der Moderne

Edvard Munch ist in wie kaum ein anderer Maler. Zwischendurch lässt er sich schlagzeilenträchtig sein Museum in Oslo ausrauben, und jetzt wird er zum Star eines der verrücktesten europäischen Privatmuseen, nämlich der Basler Fondation Beyeler, die gerade auf den zehnten Jahrestag ihrer Eröffnung zusteuert. "Edvard Munch - Zeichen der Moderne" heißt die Ausstellung, die an diesem Wochenende eröffnet wird.

Von Christian Gampert |
    Es ist wirklich schwierig, heute noch eine Munch-Ausstellung zu machen, die nicht die hergebrachten Ansichten noch einmal wiederkäut: die vom paranoid getriebenen, religiös geschädigten, depressiv-zivilisationskranken, dunklen, durch den frühen Tod von Mutter und Schwester traumatisierten, dem Alkohol und dem Weibe verfallenen Maler, der sein Leben als Experimentierfeld betrachtete und durch Extremzustände taumelte.

    All das kommt in der Ausstellung der Fondation Beyeler natürlich auch vor - und doch ist der Zugriff ein anderer. Man sucht, zunächst ganz formal, nach Munchs spezifischem Beitrag zur Moderne. Und der liegt, so die These des Kurators Dieter Buchhart, in seinem Umgang mit dem Material: Das meint hier nicht nur die psychologisch motivierte flächige Verschmelzung der Formen (in der Malerei), von Figur und Hintergrund oder Figur und Landschaft, die immer mehr zur Auflösung des Einzelnen führt, zum Verschwinden, sondern ganz direkt das Kratzen und Malträtieren der Leinwand und vor allem: das ständige Überschreiten der Gattungsgrenzen.

    Viele Motive - der Kuss, die Paare am Strand, der Schrei, Vampir, Madonna, die allegorische "Pubertät" - tauchen ja über viele Jahre im Werk auf, in verschiedenen Medien; und dabei stellt sich heraus, dass manche Themen in der Druckgrafik expressiver zu behandeln sind als in der ohnehin schon wüsten Malerei.

    Dass Munch dann die Techniken mischt, grafisch malt oder die Grafiken weiterbearbeitet, ist das eine. Dass er die Bilder selber attackierte oder auch im Freien stehen ließ, der Witterung aussetzte (so wie er sich selbst immer neuen Extremen unterwarf wie außer ihm wohl nur van Gogh), das ist ein gewichtiger Argumentations-Strang des Kurators Dieter Buchhart:

    "Sein Umgang war radikalst. Er hat seine Werke im Freien oft jahrelang stehen lassen; manche Werke sind einfach verrottet, die gibt es nicht mehr. Andere Werke waren mit Vogelexkrementen bedeckt, hatten große Wasserflecken, viele Werke sind deshalb doubliert. Wir haben viele Privatleihgaben; die sind nicht restauriert, nicht doubliert, nicht verglast."

    Doublieren heißt: eine beschädigte Leinwand mit einer anderen als Hintergrund verstärken. So geht letztlich auch diese unglaublich umfangreiche Ausstellung vor: sie will das etablierte Munch-Bild, das des existentiell Getriebenen, des verzweifelten Selbstanalytikers, ergänzen und verstärken durch den Blick auf die Stilmittel, die Munch überhaupt erst erfand.

    Und so erlebt man einerseits den üblichen Parcours durch expressive Dunkelheit, Einsamkeit, Eifersucht, Schuldgefühl, Schrei, Autismus, man sieht "das kranke Kind", die alles verschlingenden Haare des Weibes, symbolistisch aufgeladene Madonnen und pubertierende magere Mädchen. Man wird aber besonders zu den mutigen Leerstellen dieser Malerei geführt, zum Skizzenhaften, Hingeworfenen, Fragmentarischen, Rohen, Überdrehten.

    Man nimmt viel stärker die Farbexperimente wahr, die vor allem in dieser konturengeschärften, hier umfänglich gezeigten Druckgrafik als Gefühls-Varianten durchexerziert werden. Das Vergehen des Einzelnen, der Figur im Hintergrund: Menschen liegen (in der Malerei) wie Steine am Strand, und in den Drucken lösen sie sich in der Farbe, oft in der Holzmaserung, also in der Natur auf.

    In sieben Kapiteln erzählt die Fondation Beyeler vom großen Experimentator, vom überspannten Phantasten, Projizierer, Ambivalenz-Künstler Munch. Tröstet die Frau den Mann, oder würgt sie ihn? Erst in der Spätphase, weit nach Munchs Zusammenbruch 1909, werden die traurigen Frauen-Akte etwas freier.

    Als Schlusspointe zeigt die Ausstellung Munchs Beeinflussung durch die Fotografie: Bewegungs-Studien in der Malerei, die wie Mehrfachbelichtungen wirken; der tiefe Raum; die Sicht von unten auf Figuren, Ibsensche Personen-Arrangements, die wie Film-Stills sind. Die Gespenster, die wir bei Munch immer zu sehen meinen, werden in dieser Ausstellung durchschaubarer: Wir sehen, wie sie gemacht sind. Das ist viel wert.