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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenZentrales Herrschaftsinstrument31.03.2011

Zentrales Herrschaftsinstrument

Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum über die Polizei im NS-Staat

Wie massiv Kriminal- und Ordnungspolizei an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt waren, kam erst in den vergangenen Jahren zutage, auch durch Forschungen von Polizisten. Eine Ausstellung in Berlin macht diese Erkenntnisse jetzt der breiten Öffentlichkeit bekannt.

Von Matthias Hennies

Die Polizei macht ihre Verwicklung in den Nationalsozialismus nun der Öffentlichkeit bekannt. (picture alliance / dpa)
Die Polizei macht ihre Verwicklung in den Nationalsozialismus nun der Öffentlichkeit bekannt. (picture alliance / dpa)
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Deutsches Historisches Museum

Die Deutsche Hochschule der Polizei, einzige bundesweite Ausbildungsstätte für die polizeiliche Führungsspitze, liegt in einem stillen, gepflegten Wohnviertel am Stadtrand von Münster. Beinahe idyllisch wirkt das Gelände: Hohe Bäume, die Häuser aus dem regionstypischen roten Backstein, heller Sandstein umrahmt die weißen Fenster. Doch der freundliche Eindruck trügt:

"Wir haben an einigen dieser Fenster und Türen, vor allem an den Schlusssteinen über den Eingangsbereichen, noch Runensteine gefunden, die man heute noch erkennen kann, unter anderem auch SS-Runen, die damals ganz schnell weggehauen worden sind 1945."

Man muss nur genau hinsehen, sagt Dr. Wolfgang Schulte, Experte für Polizei-Geschichte an der Hochschule. Dann erkennt man, wie präsent die bedrückende Vergangenheit noch ist: Die Gebäude wurden 1936 als Gendarmerie-Kasernen errichtet. Den Befehl gab Heinrich Himmler: Chef der Polizei, der SS und Hauptorganisator des Massenmords an den Juden. Himmler hatte die Rolle der Polizei im neuen faschistischen Staat gut geplant:

"Die nationalsozialistische deutsche Polizei ist stolz, Diener der deutschen Volksgemeinschaft und ein anständiger, uneigennütziger Freund und Helfer eines jeden deutschen Menschen zu sein."

Welcher Auftrag sich hinter dem scheinheiligen Bild der Propaganda verbarg, wurde lange Zeit nicht vollständig aufgeklärt. Bekannt ist der Terror der Geheimen Staatspolizei, der Gestapo. Wie massiv Kriminal- und Ordnungspolizei ebenfalls an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt waren, kam erst in den letzten Jahren zutage, auch durch Forschungen von Polizisten. Unter Schultes Leitung will die Deutsche Polizeihochschule jetzt diese Erkenntnisse der breiten Öffentlichkeit bekannt machen.

"Da kommt also dieser lange Zug von der Kaserne in der Friesenstraße, voran 30, 35 Motorradler, die Schwarzen Husaren, Kerls in schwarzen Lederuniformen, mit umgehängten Karabinern, auf schnellen, starken Motorrädern, jagen die Straße entlang, dahinter 15, 20 große Polizei-Bereitschaftswagen mit je 30 Schutzpolizeibeamten. Da kommt also dieser lange Zug herangebraust, sie sausen in die Straße, besetzen die Eingänge gleichzeitig von verschiedenen Seiten, die Motorradler umzingeln den ganzen Komplex, springen von ihren Maschinen."

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 führte die Polizei in den Großstädten intensive Razzien durch - manchmal war auch der Rundfunk dabei. Anfangs jagte man vor allem politische Gegner, oft in Kooperation mit der Politischen Polizei und der SS. Bald aber ging es vor allem um eine "Säuberung" der Städte, erklärt der Historiker Thomas Roth. Er hat am NS-Dokumentationszentrum Köln die Geschichte der örtlichen Kriminalpolizei untersucht:

"In Köln kann man sagen, dass es relativ systematische Aktionen gab, um die Stadt von Bettlern, von Prostituierten, von vermeintlichen Diebesbanden zu säubern. Das war sozusagen der erste Schritt der Kriminalpolizei ins Dritte Reich."

In erster Linie ging die Kripo weiter ihrer gewöhnlichen Fahndungsarbeit nach. Doch der Zugriff wurde brutaler, sagt Dr. Roth. Mit dem Ende der Demokratie fielen viele rechtsstaatliche Beschränkungen weg, und das neue faschistische Regime wandte sich systematisch gegen alle, die nicht Teil der "deutschen Volksgemeinschaft" sein sollten. Radioreportage:

"Zeigen Sie mir doch mal Ihren Pass. Was sind Sie für Staatsangehöriger? Aus welchem Lande sind Sie? Ach, Polen. Sie sind ja hier im Besitz eines ungültigen Passes. Sie haben hier einen Pass, der nicht gültig ist, der ist im Dezember 32 abgelaufen. - Hab nicht gewusst. - Der ist im Dezember vergangenen Jahres abgelaufen. Na, wir werden Sie mit nach dem Polizeipräsidium nehmen, zum Fremdenamt, und werden dort das Weitere feststellen. - Reporter: Sagen Sie, was wollen Sie eigentlich in Deutschland hier? Warum sind Sie hergekommen? Ach, Sie meinen, Sie können hier besser Geld verdienen, was? - Nein, nein."

Gesellschaftliche Außenseiter durfte die Kriminalpolizei quasi rund um die Uhr überwachen: Landstreicher und Prostituierte, Männer, die ihren Unterhalt nicht zahlten und jeden, der einmal im Gefängnis gesessen hatte. Roth:

"Sie hatte bei bestimmten Tätern zum Beispiel die Möglichkeit, die Wohnungsschlüssel zu bekommen, nachts die Wohnung zu besuchen und zu gucken, ob der Mensch sich ordentlich benimmt. Sie hatten die Möglichkeit, das Arbeitsverhalten zu prüfen, sie ließen sich die Arbeitsbücher vorlegen. Sie konnten verfügen, dass Leute sich wöchentlich oder zweiwöchentlich melden, sie konnten bei Randgruppen oder Straftätern entscheiden, ob sie die Stadt verlassen sollten."

Das entscheidende Element im Terror der Kripo war die Einführung der "Vorbeugungshaft" Ende 1933: Nun durften Kriminalbeamte jeden, der drei Mal für sechs Monate im Gefängnis gewesen war, in ein Konzentrationslager einweisen. Ohne Gerichtsbeschluss, für unbegrenzte Zeit. Dahinter stand die auch international heftig diskutierte These, dass alle, die mehrfach straffällig geworden waren, ein "Verbrecher-Gen" in sich trügen und immer Straftaten begehen würden.

Kriminalbeamte nutzten die "Vorbeugungshaft" im Lauf der Zeit immer freizügiger - nicht weil sie fanatische Nazis waren, sondern weil sie ihre Arbeit dadurch als effektiver empfanden. Sie durften endlich gegen die vorgehen, die sie für schuldig hielten, aber nicht überführen konnten. Nicht nur Tresorknacker oder Gewalttäter wurden als "Berufsverbrecher" und "Asoziale" weggesperrt, sondern auch Männer und Frauen, die man mehrmals auf dem Schwarzmarkt erwischt hatte oder die durch ein freizügiges Sexualleben aufgefallen waren. Für viele bedeutete die Einweisung ins KZ das Todesurteil, berichtet Wolfgang Schulte:

"Wir wissen heute, dass gegen 70.000 Personen Vorbeugungshaft angeordnet wurde, und circa die Hälfte davon ist in den Lagern umgekommen. Denn wir haben häufig Begleitpapiere, die weisen aus dann: 'R.u.' bedeutete: Rückkehr unerwünscht. "

Dazu kommen rund 10.000 Roma und Sinti, die für Nationalsozialisten nicht zum deutschen Volk zählten. Die Kripo ließ sie nach den Regeln der "Rassenhygiene" einstufen und dann in KZs deportieren. 1939 behauptete Himmler dann:

"Das Deutschland Adolf Hitlers gehört heute schon zu den sichersten und saubersten Ländern der Erde. "

Die Kripo verbesserte ihr Ansehen dadurch, dass sie nach Aufsehen erregenden Verbrechen besonders intensiv, mit hohem Personalaufwand, ermittelte: In Köln etwa, als 1933 aus einer Städtischen Kasse Arbeitslosengelder entwendet oder als einmal ein Geldbote erschossen worden war. So gelangen bei schweren Delikten schnelle Fahndungserfolge, die Wirkung zeigten. Die Bürger hatten Angst vor der Gestapo, doch die Kripo empfanden sie wohl tatsächlich als "Freund und Helfer". Thomas Roth:

"Das wirkte sich auch dadurch aus, dass viele Leute mit ihren Sorgen, aber auch mit privaten Konflikten zur Polizei gingen, denunzierten, Anzeigen stellten und versuchten, gegen Kinder, die nicht die Befehle der Eltern befolgten, gegen Nachbarn, die vielleicht wechselnde Geschlechtspartner hatten, gegen einen Kollegen, von dem man dachte, er unterschlage etwas, gegen solche Leute vorzugehen, indem man zur Kriminalpolizei ging."

Ob die Polizei-Arbeit während des Faschismus tatsächlich effektiver wurde, ist umstritten. Schulte meint:

"Dass eine deutsche Frau noch nachts unbehelligt durch einen Park gehen konnte, weil eben die Kriminellen sicher eingelocht waren, das ist eine Legende. Gerade schwere Kriminalität, Totschlag, Kindstötung, Vergewaltigung, Brandstiftung haben ein durchgängig gleiches Niveau, angefangen in der Weimarer Zeit und auch in den 30er-Jahren. "

Die Kriminalpolizei erhielt neue, weitgehend unkontrollierte Befugnisse, um die herkömmliche Ermittlungsarbeit im nationalsozialistischen Sinn auszuweiten. Teilen der Schutzpolizei dagegen hatte Himmler ganz neue Aufgaben zugedacht. Auszug aus der Wochenschau:

"In Minsk: Polizei-Bataillone führen eine Razzia auf feindliche Agenten und Saboteure durch. Verdächtige Häuserblocks und Wohnungen werden gründlich durchsucht. Straßenkontrolle. Solche Aktionen gewährleisten die Sicherheit in den besetzten Ostgebieten."

Minsk, Bialystok oder Warschau: Die deutsche Polizei hat in der Sowjetunion und in Polen eine Spur des Schreckens hinterlassen. Die Propaganda nannte es "Ordnung und Sicherheit hinter der Front". Doch tatsächlich war die Aufgabe der Polizei-Bataillone in besetzten Nachbarländern, das Ziel des Vernichtungskriegs umzusetzen und die jüdischen Einwohner zu ermorden.

Die neuen Einheiten wurden bei Kriegsbeginn aus den Reihen der uniformierten Schutzpolizei und der Gendarmerie, damals "Ordnungspolizei" genannt, rekrutiert. Die Geschichte des Bataillons 61 aus Dortmund hat der Historiker Stefan Klemp, Mitarbeiter am Simon-Wiesenthal-Zentrum Jerusalem, erforscht:

Das sind einmal die Berufspolizisten, die man zum Teil ganz gezielt rekrutiert hat, das waren Leute, die frisch von den SS-Junkerschulen gekommen sind, die dort im wesentlichen das Offizier- und Führungspersonal gestellt haben. Und dann die Mannschaftsdienstgrade in diesem Bataillon, das waren Reservisten, das waren Geschäftsleute aus Dortmund, die aus ihren Berufen heraus direkt nach Osteuropa gekommen sind und sich dann an der Massenvernichtung beteiligen sollten."

Etwa ein Drittel der Männer waren Freiwillige oder Berufspolizisten, sagt Dr. Klemp, die anderen wurden zum Dienst einberufen. Die Befehlsstelle des Bataillons 61 lag in einer ehemaligen Industriellenvilla in Münster, die heute alsVilla Ten Hompel eine kleine Ausstellung zur Polizei in Nationalsozialismus und Nachkriegszeit zeigt. Ein Uniformmantel, ein Helm, geformt wie ein Wehrmachtshelm, und ein alter Karabiner deuten den militärischen Charakter der Polizei-Bataillone an. Klemp:

"Auf der anderen Seite ist der Unterschied zum reinen Militär, dass die Polizei-Einheiten ja doch in erster Linie die Aufgabe hatten, Zivilisten zu töten, das heißt, bei der Polizei ist dieser Karabiner vom Typ 98, den wir da sehen können, eben nicht zu militärischen Zwecken benutzt worden, sondern um Menschen zu erschießen bei Massenerschießungen, bei Einzelerschießungen und bei den verschiedenen Einsätzen. "

1939 beteiligte sich das Bataillon 61 an der Deportation der Bevölkerung aus dem besetzten westlichen Polen. Anfang 1942 wurde es nach Warschau verlegt, um die Mauern des Ghettos zu bewachen, in dem man die jüdischen Einwohner eingesperrt hatte.

"Die Aufgabe der Polizisten bestand eigentlich darin zu verhindern, dass die hungernden Juden sich Lebensmittel besorgen konnten und haben dann eben den Juden, die versucht haben zu schmuggeln aus dem Ghetto raus oder ins Ghetto reinzukommen, diese Juden entweder sofort erschossen oder zumindest die Lebensmittel abgenommen und haben so dazu beigetragen, dass die Menschen dort massenweise verhungert sind, es sind im Monatsschnitt 1942 3000 Juden am Hungertod gestorben. "

Viele Männer des Bataillons warteten offenbar nur darauf, einen Juden zu erschießen, sagt Klemp. Danach gaben sie damit an. Sie hängten in ihrer Wachstube eine Lampe in Form eines Davidssterns auf und bemalten die Wände mit antisemitischen Karikaturen. An einem Pfosten der Eingangstür führten sie eine Strichliste über die Erschießungen während des Wachdienstes. Wenn sich ein Anlass bot, organisierten sie Massenerschießungen.

"Bei einem Besuch von Bataillonsangehörigen im Ghetto hat sich ein Jude gewehrt und einer der Polizisten ist verletzt worden, und zur Vergeltung hat dieser Offizier die Erschießung von 110 Juden beantragt bei der Polizeiführung. Und dann hat man diese 110 Menschen aus dem Ghetto-Gefängnis herausgeholt, darunter auch Frauen, die wegen Lebensmittel-Diebstahls einsaßen, und hat die in einem Wald außerhalb Warschaus erschossen."

Die Polizisten lagen nicht im Kampf, sie waren nicht Opfer von Anschlägen: Was trieb sie zum kaltblütigen Mord an Wehrlosen?

Die Offiziere waren meist fanatische Nazis. Mitglied der SS, oft in SS-Schulen ausgebildet und speziell ausgewählt für den Mordauftrag in den besetzten Gebieten Osteuropas. Unter den Mannschaften dagegen waren nur wenige überzeugte Antisemiten. Trotzdem fanden sich immer genug Freiwillige für Erschießungen. Mit den Vergünstigungen, die sie dafür bekamen, mit dem Sonderurlaub, lassen sich ihre Taten nicht befriedigend erklären. Klemp:

"Ich nehme mal ein Beispiel eines Mannes aus Dortmund, der im Mai 1942 nach Warschau kam und dann ganz schockiert war und nach 1945 gesagt hat: Die Mentalität in dieser Einheit war bis dahin so, dass man Juden als eine Art Ungeziefer angesehen hat und die Erschießung eines Juden als alltägliches Ereignis gewertet hat. "

Rund 80.000 deutsche Polizisten ermordeten in Osteuropa Frauen und Männer, Kinder und Alte. Teils auf Befehl in systematischen Aktionen, teils auf eigene Initiative. Weniger als ein Prozent weigerten sich. Dabei waren die meisten Familienväter mittleren Alters, kamen aus bürgerlichen Berufen. Sie waren "ganz normale Männer", wie es bei Christopher Browning heißt, dem amerikanischen Historiker, der den Massenmord als erster gründlich erforschte. Mord wurde für diese Männer zur Routine, schrieb er. Die entscheidende Ursache muss wohl der Konformitätsdruck gewesen sein, so der Dozent Wolfgang Schulte:

"Dass wir als soziale Wesen offensichtlich nur sehr schwer uns einem allgemeinen Anspruch widersetzen können. Selbst wenn er darauf hinaus läuft, andere Menschen zu töten. "

Schulte beruft sich auf den Sozialpsychologen Harald Welzer. Er hat versucht, die Taten durch den gesteigerten Anpassungsdruck in der Kriegssituation begreiflich zu machen.

"Weit weg von der Heimat, Tausende von Kilometern häufig, es gab kein Telefon, es gab nur alle paar Monate Feldpostbriefe. Das heißt, meine eigenen Einheit wurde zu meiner Familie. Und von dieser Familie ausgegrenzt zu werden, war in einem objektiv gefahrvollen Umfeld für viele nicht akzeptabel."

Es gab Ausnahmen, vielleicht einige hundert.

"Wir wurden zusammengestellt und mussten schießen. Für mich war dat furchtbar. Da steht man vor so'nem Kerl. Ich konnte nicht. "

Der ehemalige Polizist, den der Historiker Martin Hölzl befragt hat, wurde nicht bestraft, obwohl er sich weigerte zu schießen. Viele Täter haben sich nachträglich auf einen "Befehlsnotstand" berufen: Hätten sie dem Schießbefehl nicht gehorcht, hätte ihnen Gefängnis gedroht, Dienst im Strafbataillon, vielleicht sogar der Tod, behaupteten sie. Doch der Befehlsnotstand ist eine Legende. Forschungen der Zentralstelle für Nationalsozialistische Gewaltverbrechen in Ludwigsburg zeigen, was mit Verweigerern geschah:

"Nämlich gar nichts. Die wurden nicht angeklagt, die wurden auch nicht ins KZ gesperrt, die kamen nicht in Strafbataillone, das Einzige, was diesen Verweigern passierte, ist, dass sie von ihren Kameraden als 'Kameradenschweine' angesehen wurden. Man hat bis heute keinen Fall gefunden, dass dieser so genannte Befehlsnotstand wirklich gegriffen hätte."

Mindestens 600.000 Menschen haben deutsche Polizisten während des Zweiten Weltkriegs in Osteuropa ermordet. Nur wenige Täter kamen nach dem Krieg vor Gericht, noch weniger wurden verurteilt. Für die Verbrechen wurde die Geheime Staatspolizei oder die SS verantwortlich gemacht, andere Einheiten galten als kaum belastet. Man tauschte die Führungsspitze aus und übernahm die anderen Beamten mal früher, mal später in den Dienst für den neuen, demokratischen Staat.

Erst in den 90er-Jahren brach Browning das Tabu. Danach begannen Historiker, die Rolle der Polizei und den Justizskandal der Nachkriegszeit gründlich zu durchleuchten. Schulte und seine Mitarbeiter bündeln nun die Ergebnisse, um die Öffentlichkeit und insbesondere ihre Kollegen vor Ort aufzuklären.

"Polizei hat bestimmte Rechte und Privilegien, die sie für ihre tägliche Arbeit braucht. Aber sie unterliegt auch bestimmten Gefährdungen. Also wenn ich das Gewaltmonopol wahrnehme in einem Rechtsstaat, dann kann ich das nur tun, wenn ich mich auch an rechtliche Begrenzungen halte, strikt halte. Und das deutlich zu machen, wohin es führen kann, wenn diese Begrenzungen wegfallen, dafür ist gerade die Auseinandersetzung mit der Geschichte der NS-Zeit ein gutes Beispiel."

So manche langlebige Legende aus der NS-Zeit wird dabei endlich widerlegt. Heinrich Himmler:

"Die Polizei, Dein Freund, Dein Helfer."

Auch das bis heute beliebte Motto erscheint im Rückblick in anderem Licht: Es gehörte zur zynischen Propaganda Heinrich Himmlers, wurde verwendet, um den verbrecherischen Charakter vieler Polizei-Einsätze zu kaschieren.

Literatur

Christopher Browning: "Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" in Polen". Rororo-Tb. Neuauflage 2002

Harald Welzer: "Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden". Fischer-Tb. 2007

Die Deutsche Hochschule der Polizei u.a. (Hg.): "Ordnung und Vernichtung. Die Polizei im NS-Staat". Sandstein-Verlag 2011, Ausstellungskatalog.

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