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Zentralinstitut für Angewandte Ethik eröffnet

An der Uni Erlangen wurde vor einer Woche das Zentralinstitut für Angewandte Ethik und Wissenschaftskommunikation eröffnet. Die Einrichtung will einen fächerübergreifenden Gedankenaustausch anregen.

Von Dirk Kruse |
    Es gibt Zweige der Wissenschaft, die denken schon länger über die ethischen Grundlagen ihrer Arbeit nach. Das sind naturgemäß die Philosophen und Theologen. Aber auch andere Bereiche haben sich in den letzten Jahrzehnten hervorgetan: da gibt es die Medizin-Ethik (in Erlangen sogar mit einem eigenen Lehrstuhl), die Bioethik, die Umweltethik und Wirtschafts- und Unternehmensethik. Doch auch für die Technischen Fakultäten sind ethische Fragestellungen wichtig, meint Professor Günther Görz vom Lehrstuhl für Informatik:

    " Denken sie an Aspekte des Datenschutzes, zum Beispiel bei Mobiltelefonen. Es wäre schrecklich, wenn Techniker nur technische Lösungen liefern, aber sich keine Gedanken machen, was da passiert""

    Deshalb gehört Professor Görz zu den 16 Mitbegründern des neu gegründeten Zentralinstituts für angewandte Ethik und Wissenschaftskommunikation, kurz ZIEW. Auch Professor Georg Fey vom Erlanger Lehrstuhl für Genetik unterstützt das Projekt. Ihm geht es vor allem darum, ethische Fragestellungen seines Fachgebietes in das Studium fest zu integrieren, sei es als Vorlesung, sei es als Blockseminar.

    " Wir sehend Bedarf nicht nur Fachwissen zu vermitteln, sondern mit Fachwissen umzugehen als Forscher. Über gesellschaftliche Dimensionen der Genetik nachdenken. Das kommt bei Biologen und Naturwissenschaftlern nicht vor. Das muss aber sein. Mehr als nur enger Fachspezialist. Er muss auch über Tierexperimente und genetische Experimente nachdenken und reden können. Und diese Lücke in der Ausbildung soll gefüllt werden durch das neue Institut."

    Leiter und Akademischer Direktor des neuen Zentralinstituts ist der Philosoph, Jurist und Volkswirt Rudolf Kötter, ein Mann, der Interdisziplinarität in eigener Person verkörpert. Neben Lehrangeboten in angewandter Ethik für Studierende und Graduierte vieler Fakultäten, will sich das ZIEW aber auch mit der Wissenschaftskommunikation beschäftigen.

    " Wissenschaftskommunikation hat die Kommunikation zwischen den Fächern zum Thema, zum Beispiel Interdisziplinarität. Man geht davon aus, dass die interessanten Fragen sich an Berührungsstellen zwischen verschied. Disziplinen liegen. Das andere ist die Komm. zwischen Wiss. und Öffentlichkeit. Öffentlichkeit will wissen, wohin entwickelt sich Wissenschaft?"

    Eine Berührungsstelle, wo beispielsweise mehrere Disziplinen zusammenarbeiten, ist das Erlanger Forschungsprojekt über gesundheitsfördernde Maßnahmen als Element der Unternehmenskultur. Mediziner, Soziologen und Philosophen untersuchen gemeinsam, wie man Mitarbeiter für das Thema Gesundheit gewinnen kann. Kötter:

    " Das ist spannend, weil die Mediziner denken, es handelt sich um ein Informationsproblem. Die Menschen essen zu viel, bewegen sich zu wenig und rauchen, weil sie nicht wissen, was gut für sie wäre. Das ist aber ein umfassenderes Problem, das mit dem eigenen Bild von guter Lebensführung zusammenhängt. Durch bloße Information ist es schwer jemanden dazu zu bringen, seine Lebensplan zu ändern."

    Auch interdisziplinäre Forschungsarbeit und Vermittlung solcher Promotionsthemen stehen auf dem Programm des Zentralinstituts für angewandte Ethik und Wissenschaftskommunikation. Da sind ganz aktuelle Forschungsansätze denkbar, sagt der Philosoph und ZIEW-Mitarbeiter Philipp Balsiger.

    " Wir haben uns zum Beispiel um den Bären Bruno Gedanken gemacht. Nicht, wie man ihn fängt, oder wie man Brüllen muss, wenn Bruno einem begegnet, sondern die interessante Frage dahinter ist die: Wie gehen wir mit Wildnis um? Wenn Wildnis uns jetzt plötzlich in Form eines Bären begegnet, sind wir hilflos. Andere Länder kommen damit klar. Viele Menschen wollen ja, dass Wildnis zurückgebracht wird, aber wenn es geschieht erschrecken wir. Es wäre zu Fragen: Wie gehen wir mit Wildnis um, und welche Form wollen wir."


    Allerdings sind die Forschungsmittel und Kapazitäten begrenzt und es gibt so viele Themen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft, dass es wohl kein Bruno-Wildnis-Projekt geben wird. Ganz sicher wird es aber im Wintersemester an der Friedrich-Alexander Universität ein interdisziplinäres Lehrangebot für Doktoranden geben, die sich in Geistes-, Natur und Technikwissenschaft mit Abbildern beschäftigen.

    " Eine interessante Frage zum Beispiel ist das Bild in der Medizin. Wie hat sich die Medizin durch die neuen bildgebenden Verfahren geändert. Wenn man Schichtbilder vom Gehirn sieht, hat man den Eindruck, man könne dem Denken förmlich zusehen. Aber wie das Bild erzeugt wird, was man da genau sieht, das weiß man eigentlich gar nicht. Es wird eine Art von Realität erzeugt, die oft nicht mal dem Arzt richtig klar ist."

    Die Ziele des neuen Erlanger Zentralinstituts sind hoch gesteckt. Es soll in allen Wissenschaftsdisziplinen üblich werden, dass auch Fragestellungen, die jenseits der engeren Fachgrenzen liegen wichtiger Bestandteil der akademischen Ausbildung werden.