Dienstag, 29. November 2022

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Zitteraale
Beutefang per Fernbedienung

Durch den Stromstoß eines Zitteraals werden die Fische in seiner Reichweite kurzfristig gelähmt und so zu leichter Beute. Wie diese Lähmung genau entsteht, war bisher unbekannt. Versuche eines Wissenschaftlers aus Tennessee zeigen jetzt: Aale sind in der Lage, ihre Beute mit Stromstößen fernzusteuern.

Von Magdalena Schmude | 05.12.2014

    Ken Catania ist Biologie-Professor an der Vanderbilt University in Nashville und hat sich schon mit vielen ungewöhnlichen Tieren beschäftigt: dem Sternmull, der Fühlerschlange oder der Grashüpfermaus. Doch seine neuesten Probanden, die Zitteraale Ernie und Ally, begeistern ihn besonders.
    "Es ist absolut faszinierend. Der Großteil des Körpers eines Zitteraals, etwa vier Fünftel davon, besteht hauptsächlich aus Muskeln, die zu Batterien umfunktioniert sind. Ein großer Aal kann damit bis zu 600 Volt erzeugen."
    Das ist mehr als doppelt so viel Spannung wie in Deutschland an einer normalen Steckdose anliegt und mehr als ausreichend, um seine Beute bewegungsunfähig zu machen. Ken Catania wollte wissen, wie die Lähmung im Körper der Beute entsteht und hat sich deshalb den Angriff der Aale in Zeitlupe angesehen.
    Ein starker Stromstoß folgt auf mehrere kleinere
    "Dabei habe ich gesehen, dass die Beute innerhalb von drei Millisekunden in ihrer jeweiligen Position einfriert, nachdem der Aal sich entladen hatte. Ich habe mich gefragt, wie die Aale es schaffen, alle willkürlichen Bewegungen ihrer Beute in so kurzer Zeit abzuschalten. Meine Idee war, dass die Stromstöße vielleicht starke Muskelkrämpfe auslösen. Die Muskeln im Rumpf eines Fisches sind sehr stark und wenn sie gleichzeitig kontrahieren, könnte das den Fisch komplett bewegungsunfähig machen."
    Für die folgenden Versuche entnahm er Beutefischen das Gehirn. Dadurch fehlte die innere Schaltzentrale und die Muskeln des Fisches konnten nur noch auf Signale von außen reagieren. Dann hängte Ken Catania sie in das Becken von Ernie und Ally und brachte die Aale dazu, ihre Stromstöße abzufeuern. Die Entladungen zeichnete Ken Catania mit einer Elektrode im Wasser auf und machte sie über ein Mikrofon hörbar.
    Ein typischer Angriff der Aale besteht aus einer Salve von vielen schwächeren Entladungen, gefolgt von einem starken lähmenden Stromstoß. Ken Catania konnte beobachten, dass sich die Rumpfmuskeln des Fisches nach jeder starken Entladung zusammenkrampften.
    Der Aal steuert also aus der Entfernung das periphere Nervensystem des Fisches und löst so die Muskelkontraktionen aus. Der Aal kontrolliert den Fisch wie mit einer Fernbedienung.
    Die Aufzeichnungen zeigten aber noch eine andere, bisher unbekannte Jagdstrategie des Tieres. "Wenn ein Aal hungrig ist und in seinem Aquarium nach Beute sucht, hält er ab und zu an und gibt schnell hintereinander zwei Stöße mit hoher Spannung ab. Diese beiden Stöße lösen ein kurzes Zucken in den Muskeln möglicher Beutefische aus, was wiederum Wasserbewegungen verursacht. Das verrät dem Aal, wo er sein Futter findet.
    Die Fernsteuerung kann also unterschiedlich eingesetzt werden. "Der Aal hat zwei Funktionen zur Verfügung. Er kann seine Beute entweder komplett inaktivieren und durch massive Muskelanspannung unbeweglich machen oder er kann in der Beute eine Bewegung auslösen, also das Gegenteil einer Lähmung."
    In seinem natürlichen Lebensraum kombiniert der Aal beide Funktionen. Damit ist er perfekt angepasst und kann erfolgreicher jagen.
    "Man kann sich den Amazonas vorstellen, den natürlichen Lebensraum des Zitteraals, wo er nachts Tiere jagt, die sich zwischen Steinen oder Pflanzen verstecken. Wenn Beute in der Nähe ist, aber der Aal nicht weiß, wo genau, gibt er diese kurzen Pulse ab, die die Beute dazu bringen, sich durch Zucken zu verraten. Dann greift der Aal direkt mit all seiner Kraft an, lähmt die Beute und frisst sie."
    Wie der Aal sein eigenes Nervensystem vor den Stromstößen schützt, ist noch ein Rätsel.