
Eine Frau kommt einer anderen Frau zu Hilfe, die von einem Mann gewürgt wird: Sie schreit den Täter an, hält Passanten auf und bittet sie, die Polizei zu rufen. Gemeinsam gelingt es den Helfenden, den Täter zu vertreiben.
Wie kommt es, dass manche Menschen Zivilcourage zeigen, während viele andere wegschauen? An dieser Frage arbeiten sich Forschende seit Jahrzehnten ab. Die gute Nachricht ist, dass sich Zivilcourage ein Stück weit lernen lässt.
Zivilcourage – Mut und Sinn für Gerechtigkeit
Mut, für humanitäre Werte einzustehen, im Zweifel auch gegen eine Mehrheit: Das ist für Dieter Frey, emeritierter Professor für Psychologie, der Kern von Zivilcourage. „Leute schreiten dann ein, wenn sie Selbstvertrauen haben, Selbstwirksamkeit, eine Gerechtigkeitssensitivität. Und vor allem, wenn sie nicht konform gehen mit der Mehrheit, sondern sagen: ‘Das geht einfach nicht.’“
Das kann gefährlich werden und unterscheidet Zivilcourage von bloßer Hilfsbereitschaft. Deshalb lässt sich beides nicht gleichsetzen.
Warum viele wegschauen
Möglicherweise hat Wegschauen weniger mit Gleichgültigkeit als mit Erziehung zu tun, glaubt die Journalistin Birgit Weidt. Reflexe wie „Misch dich nicht ein“ oder „Halte dich raus“ säßen tief. Couragiert zu handeln, wurde vielen als Kindern nicht vorgelebt. Zivilcourage heißt, die unsichtbare Ordnung zu stören. Doch Stören gilt nicht als Tugend.
Weidt zufolge verwechseln viele Schweigen zudem mit Neutralität, als könnten wir uns heraushalten, wenn andere bloßgestellt oder beleidigt werden. Doch das sei ein Irrtum. Für den Hamburger Polizeiverein, der jährlich den Ian-Karan-Preis für Zivilcourage verleiht, kommt es auf das Hinschauen an: „Wer wegschaut, macht mit.“
Dazu kommt der sogenannte Bystander-Effekt: Je mehr Zeugen, desto größer die Versuchung, Verantwortung an andere abzugeben.
Was man tun kann, wenn jemand in Not ist
Die Polizei gibt sechs Handlungsempfehlungen, wie sich Menschen für andere einsetzen können, statt wegzuschauen. Die wichtigste Regel: Hilf, aber bring dich nicht in Gefahr. Weitere Empfehlungen lauten: die Polizei unter 110 anrufen, andere um Mithilfe bitten, sich die Tätermerkmale einprägen, sich um das Opfer zu kümmern und als Zeugin oder Zeuge aussagen.
Zivilcourage lässt sich trainieren. Vereine und Bildungsstätten bieten Workshops und Kurse an, auch für junge Menschen. Wie verletzend diskriminierendes, respektloses und beleidigendes Verhalten für Betroffene ist, sei vor allem jüngeren Menschen nicht immer bewusst, sagt die Kulturwissenschaftlerin Kareen Kümpel.
Die Bildungswissenschaftlerin Carolin Galle gibt Workshops für Zivilcourage im Hamburger Museum für Arbeit. Sie ist überzeugt, dass jeder merkt, wenn in seinem Umfeld etwas geschieht, das nicht in Ordnung ist. Doch auch sie greift nicht immer ein: „Ein einzelner Mensch kann nicht ständig unterwegs sein, um die Welt zu retten.“
Passanten mit einbeziehen: "Zusammen ist man stark"
Eine weitere Möglichkeit sei es, Widerspruch zu äußern, etwa wenn eine Gruppe von Männern einer jungen Frau beleidigende oder herabwürdigende Worte zuruft, sagt Diplompädagoge Gregor Schulz vom Institut für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation (IKM).
Sophie von Bissingen, Social-Media-Redakteurin bei der Polizeilichen Kriminalprävention, hält es für zentral, dass Helfende zufällig vorbeikommende oder umstehende Menschen mit einbeziehen: „Weil man zusammen stark ist.“
Digitale Zivilcourage
Experten unterscheiden nicht zwischen Zivilcourage im digitalen und im analogen Raum. Denn Plattformen sind Räume, die erst durch Menschen gefüllt werden. Die Algorithmen befeuern das, worauf ihre User psychologisch anspringen.
Die Mehrheit, rund 90 Prozent, beteiligt sich online nicht aktiv, sondern liest lediglich mit, ohne zu kommentieren, zu liken oder Inhalte zu teilen. Ihre Gründe waren laut einer Studie von Anfang der 2000er-Jahre unterschiedlich: Manche wollen nur lesen, andere sind schüchtern, haben keine Zeit oder wollen chaotische Diskussionen nicht befeuern.
Auch 2024 gaben Personen in einer Studie an, Posts nicht zu kommentieren oder zu teilen, um zu verhindern, dass diese weiterverbreitet werden, insbesondere bei Posts, die sie als politisch gefährlich einstuften.
Doch auch Lesedauer, Mausbewegungen, Klicks auf Links, das Vergrößern von Bildern oder das Scrollen gelten als stille Teilhabe und werden von verborgenen Mikrometriken erfasst. Die Plattform sieht alles, was ihre User tun, sagt die US-amerikanische Medienforscherin Gina Sipley. Sobald User Inhalte mehrfach lesen oder erneut aufrufen, landen sie am Ende doch in den Feeds anderer.
Auch im digitalen Raum ist also Haltung gefragt - und damit Zivilcourage. Wird jemand online angegriffen, kann Zivilcourage bedeuten, Stellung zu beziehen, nachzufragen oder Betroffenen beizustehen, sofern dies nicht die eigene Sicherheit gefährdet.
Onlinetext: Tina Hammesfahr












