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StartseiteCampus & KarriereWie deutsche Studierende den heutigen Iran sehen21.05.2019

Zivilgesellschaft unter DruckWie deutsche Studierende den heutigen Iran sehen

Iraner sind harte Zäsuren in ihrer wechselvollen Geschichte gewöhnt. Eine Gruppe deutscher Studierender hat das unter Druck der USA stehende Land besucht. Im Rahmen des Studiums der iranischen Religionsgeschichte haben sie auf einer 3.500 Kilometer langen Reise überraschende Eindrücke gewonnen.

Von Michael Briefs

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TEHERAN_Yusef Abad Synagoge Gottesdienst iranischer Juden in einer der größten Synagogen in Nord-Teheran (Deutschlandradio / Michael Briefs)
Deutsche Studierende durften bei einem Gottesdienst iranischer Juden in einer der größten Synagogen in Nord-Teheran dabeisein - und das Geschehen sogar mit dem Handy filmen (Deutschlandradio / Michael Briefs)
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Jüdischer Gottesdienst in der großen Synagoge im Zentrum der 16-Millionen-Metropole Teheran. Rund 15 deutsche Studenten haben auf einer Stuhlreihe Platz genommen und schauen gebannt zu, wie zeremoniell gekleidete Rabbiner die Torarolle aus ihrem Schrein in die Mitte des Gebetsraums tragen. 

Einige der Studenten filmen mit ihren Handys das Geschehen. Ihre Professorin, die deutsch-Iranerin Katajun Amirpour, hat die Erlaubnis dazu bekommen. "Man braucht schon die Genehmigung des iranischen Kultusministeriums, sonst kann man nicht so einfach gucken - wie zelebrieren Juden ihren Gottesdienst? Aber es ist nicht der riesengroße Akt, sie zu bekommen."

ESFAHAN_Freitagsmoschee: Deutsche Studierende mit Guide (Deutschlandradio / Michael Briefs)Die deutschen Studierenden besuchten auch die Freitagsmoschee in Esfahan (Deutschlandradio / Michael Briefs)

Minderheiten der Juden und Christen leben unbehelligt

Die deutschen Studierenden waren tief beeindruckt, wie frei die jüdische Gemeinde im Iran ihre Religion praktizieren kann. Die alteingesessenen religiösen Minderheiten der Juden und armenischen Christen leben im Iran unbehelligt. Für Glaubensgemeinschaften, die als religiöse Abspaltung aus dem Islam hervorgegangen sind, gilt das jedoch nicht, schränkt die Iranistik-Professorin Katajun Amirpour ein.

"Die größte religiöse Minderheit in Iran sind die Bahais. 300.000. Ich habe gar nicht erst versucht, irgendwas zu unternehmen in der Richtung. Ich habe in den beiden Seminaren, die ich gemacht habe zur Vorbereitung, sehr viel über Bahai gemacht, aber es war mir auch klar, dass es einfach zu gefährlich ist für die religiöse Minderheit der Bahais."

Irans Bild in den Medien entspricht nicht der Realität

In Bezug auf Menschenrechtsstandards oder Pressefreiheit belegt der Iran im internationalen Vergleich einen der hinteren Plätze. Doch diese Zahlen allein sagen wenig über die Bevölkerung des Landes, meint Exkursionsteilnehmer Hasan Celebi. Der Deutschkurde studiert in Köln Islamwissenschaft und Philosophie. "Dieses Bild, was hier kreiert und geschaffen wird und die Medienrealität bildet, ist mitnichten das, was die iranische Bevölkerung ausmacht und ihre Pluralität ausmacht."

Hasan Celebi hat wie andere Mitreisende mit Vorträgen dazu beigetragen, dass die Reise informativ war. Die iranischen Reiseleiter haben versucht, den Studenten auf 3.500 Kilometern Reise ein möglichst umfassendes Bild des Irans und seiner Menschen zu zeigen und sich gegenseitig kennenzulernen.

Kirsten Bückers ist Ethnologin, ihr Schwerpunkt im Bachelor und Master liegt aber auf dem Iran. "Die Reise war sehr schön, weil wir an viele Orte gekommen sind, wo man alleine definitiv nicht so einfach hingekommen wäre. Für mich ist, wenn ich in den Iran komme, diese Differenz zwischen der Regierung und dem alltäglichen Leben sehr beeindruckend. "

Während ihrer freien Zeit konnten die Studenten im Zentrum Teherans die Uni, Coffeeshops, Kinos und Bücherläden besuchen, waren mit der Metro oder dem Taxi in den überfüllten Straßen unterwegs und wurden mit einer angesichts der angespannten Lage immer noch beeindruckenden Lebensfreude und Gastfreundschaft belohnt.

Straßenmusiker in Teheran vor einem Eingang zur Metro (Deutschlandradio / Michael Briefs)Alltägliches Bild: Straßenmusiker in Teheran (Deutschlandradio / Michael Briefs)

"Wenn man sich überlegt, dass eine Bevölkerung 30 Jahre lang unter so einer Propaganda lebt und vielleicht gerade zum Trotz sich Freiräume erkämpft und freihält und diese auch verteidigt, und immer noch mit einem offenen Ohr und einem offenen Geist irgendwie Dinge aufnimmt, dass finde ich je länger ich darüber nachdenke, beeindruckend", sagte einer der Studierenden.

Wohlkalkulierter Regelbruch beim täglichen Überlebenskampf

Die Menschen im Iran bekommen seit über 30 Jahren enormen wirtschaftlichen und politischen Druck vom Ausland und der eigenen Regierung zu spüren. Noch können Ärzte, Juristen und Verwaltungsangestellte, denen es vergleichsweise gut geht, den grassierenden Währungsverfall und die steigenden Preise auffangen. Aber für den einfachen Basarhändler oder Studenten und Künstler wird es eng.

Da gehört der wohlkalkulierte Regelbruch zum täglichen Überlebenskampf. Katajun Amirpour: "Es gab Studentenproteste zwei Wochen vorher. Da haben die Studierenden protestiert. Weil sie gesagt haben, der Preis für Nudeln ist angestiegen in Iran. Und zwar so weit, dass wir uns nicht mal mehr Nudeln leisten können, wir essen doch sowieso nur noch Nudeln mit Butter, Nudeln mit Ketchup. Wenn es schon so weit gekommen ist, dass die Mädels versuchen, Rucksäcke zu klauen, dass wie meine Cousine dann meinte, sie sich wirklich prostituieren, weil es nicht mehr anders geht, dann wissen wir ja auch, über was für eine Situation im Iran wir im Moment reden."

Die Bevölkerung in Iran will keinen gewaltsamen Umsturz. Daran ändert auch das aktuelle Säbelrasseln der USA nichts. Noch hoffen die Iraner auf eine Chance für ihre Zivilgesellschaft.

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