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StartseiteCampus & KarriereZögerlicher und erfolgreicher16.08.2006

Zögerlicher und erfolgreicher

Frauen setzen sich als Existenzgründer langfristig besser durch

Unternehmen mit weiblichen Chefs wachsen langsamer, sagt eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen. In schweren Zeiten aber halten Chefinnen besser durch: Ihre Unternehmen gehen nicht so schnell pleite wie die der Männer. Die angebliche Zögerlichkeit entpuppt sich also eher als Vernunft und Fähigkeit zum nachhaltigen Wirtschaften.

Von Pascal Fischer

Wenn die Familie nicht mitzieht, scheitern viele Gründerinnen. (Stock.XCHNG / carl dwyer)
Wenn die Familie nicht mitzieht, scheitern viele Gründerinnen. (Stock.XCHNG / carl dwyer)

Der Wischmob ist bereit. So klingt es, wenn die bis zu 15 Angestellten der Firma "Gebäudereinigung Herbst" aus Herzogenrath bei Aachen ans Werk gehen. Chefin Martina Herbst leitet das Unternehmen aus einem Büro in ihrem Wohnhaus.

" Heute Nachmittag brauchen Sie Ersatz - kein Problem! "

Die Auftragslage ist gut. Öffentliche Einrichtungen und Privatfirmen vertrauen auf den schnelle Service von Martina Herbst. Ganz alleine hat sie vor fünf Jahren angefangen und das Unternehmen langsam aufgebaut, ein Kredit über 30.000 Euro ist gerade abbezahlt. Zu schnell wachsen will Martina Herbst mit ihrem Unternehmen dennoch nicht.

" Ja, ich denke Frauen sind da vorsichtiger. Ich möchte das, was ich aufnehme, auch recht schnell zurückgeben. "

Unternehmen mit weiblichen Chefs wachsen langsamer, sagt eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen. Männer machen zwar immer noch die höheren Gewinne, aber häufen auch höhere Schuldenberge an, wie Forschungsergebnisse der Kreditanstalt für Wiederaufbau belegen: Bei Gewinnen über 300.000 Euro und Verlusten über 100.000 Euro liegen die Männer vorn.

Das bestätigt auch Gabi Geulen-Naujoks, Leiterin der Regionalstelle "Frau und Beruf" der StädteRegion Aachen. Sie betreut Existenzgründerinnen:

" Erst dann, wenn Frauen von sich überzeugt sind und von ihrer Idee überzeugt sind, dann gründen sie. Das kann bis zu einem Jahr dauern. Bei Männern ist das so: Die haben eine tolle Idee, und gründen einfach. "

Die reifliche Überlegung verdankt sich eher der klassischen Rollenteilung: Gründerinnen nehmen ihr Vorhaben oft erst in Angriff, wenn der Nachwuchs aus dem Kleinkindalter heraus ist. Neben der Kindererziehung bleibt vielleicht viel Zeit zum Nachdenken, aber zunächst keine Zeit für den Berufseinstieg.

Wer, wie Martina Herbst, Firma und Familie verbinden will, steht vor erheblichen Belastungen. Herbst musste nach ihrer Scheidung für drei Kinder sorgen und ihre Existenz vorbereiten. Das hieß: Arbeiten zwischen ein Uhr nachts und morgens um fünf.

" Dann nach Düsseldorf zur Schule. Schule bis zwei und vier. Dann nach Aachen zurück, nach den Kindern schauen. Dann von sechs bis zehn Gebäudereinigung. Das war ein typischer Tag zu diesem Zeitpunkt. "

Wenn die Familie nicht mitzieht, scheitern viele Gründerinnen. Auch geringere finanzielle Reserven lassen Frauen dreimal nachdenken: Erziehungszeiten, Teilzeitjobs, durchschnittlich weniger Gehalt als Männer - alles das führt zu geringeren Ersparnissen und dürftigerem Arbeitslosen- oder Überbrückungsgeld als bei Männern. Dass Frauen in ihre Firmen zunächst weniger investieren als Männer, liegt aber auch an den Branchen, in denen sie bevorzugt gründen, erklärt Sabrina Müller, in der IHK Aachen zuständig für Existenzgründerinnen:

" Frauen gründen eher im Dienstleistungsbereich, beispielsweise als Kosmetikerin, Steuerberaterin, Heilpraktikerin, Physiotherapeutin. Da braucht man natürlich nicht so viel Anfangskapital. Von daher ist das Ganze da etwas nachhaltiger. "

Weil sich Frauen also oft gar nicht übernehmen können. Das Überbrückungsgeld gerät oft eher zum Lebensunterhalt und nicht zum Investitionszuschuss. Kleinkredite geben Banken ungern, weil die eine Menge Arbeit, aber kaum Gewinn bringen.

Frauen halten nicht nur länger erfolgreich durch, auch Pleiten sind seltener als bei den männlichen Kollegen, sagt die RWI-Studie. Das kann Gabi Geulen-Naujoks nur bestätigen: Die Aachener Regionalstelle schaute zum Beispiel nach, wie es den Gründerinnen aus dem Jahr 2004 nach zwölf Monaten ging.

" Da haben wir festgestellt, dass von 13 Gründungen noch 12 Gründungen am Markt sind nach einem Jahr. Das ist schon eine sehr hohe Quote im Gegensatz zu Männern. Da kann man sagen, dass die Abbrecherquote höher ist. "

Ein Erfolg, den alle Beteiligten auf das Netzwerk von 28 Beratungseinrichtungen zurückführen, die in der Region selbständige Frauen unterstützen. Nahezu 40 Prozent der neuen Unternehmen in Aachen und Umgebung werden von Frauen gegründet - gegenüber 35 Prozent im Bundesdurchschnitt.

Der Anteil der Gründerinnen im Aachener Raum steigt sogar, während die Gründungen im vergangenen Jahr zurückgingen. Allein aus demographischen Gründen benötige die Wirtschaft Frauen, sagen Bevölkerungsforscher. In Aachen bekommt die Wirtschaft weibliche Fachkräfte - und Gründerinnen!

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