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Zöllner: UN-Bericht stützt deutsche Bildungspolitik

Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner hält die häufig kritisierte Dreigliedrigkeit des deutschen Schulwesens in der aktuellen Reformdebatte für überbewertet. Diese generelle Kritik lenke nur von den eigentlichen Problemen ab, sagte der SPD-Politiker, amtierender Präsident der Kultusministerkonferenz. Auch UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz stelle die individuelle Förderung des einzelnen Schülers in den Mittelpunkt seiner Verbesserungsvorschläge und stelle die Systemfrage hinten an.

Moderation: Lothar Guckeisen | 21.03.2007

Lothar Guckeisen: Es gehört ja eigentlich nicht zum guten Ton, wenn ein Gast seinen Gastgeber kritisiert. Aber Vernor Muñoz ist ja auch nicht irgendein Gast, sondern der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung. In dieser Funktion hat er vor gut einem Jahr Deutschland besucht und unser Schulsystem unter die Lupe genommen. Schon beim ersten Eindruck hat er mit Kritik nicht gespart. Heute hat er in Genf sozusagen seinen offiziellen Reisebericht vorgelegt, und auch hier: wenig Lob. Der Bericht liest sich wie eine Abrechnung mit dem dreigliedrigen deutschen Schulsystem. Das sei extrem selektiv und weder Spitze noch gerecht. Insbesondere Kinder aus ärmeren Elternhäusern oder aus Einwandererfamilien würden systematisch benachteiligt.

Jürgen Zöllner, amtierender Präsident der Kultusministerkonferenz, wie fühlt man sich eigentlich als verantwortlicher Bildungspolitiker, wenn man so ein Zeugnis ausgestellt bekommt.

Jürgen Zöllner: Wenn ich den Bericht lese, fühle ich mich und meine Kolleginnen und Kollegen insofern bestätigt, weil die Analyse von ihm die gleiche Analyse ist, die die Kultusministerkonferenz schon vor Jahren getroffen hat, dass wir eine starke Abhängigkeit des Schulerfolges von der sozialen Herkunft haben, und deswegen haben wir, die Kultusminister, vor Jahren schon Eckpunkte einer Weiterentwicklung des Schulsystems für Deutschland, dem wir uns gemeinsam annehmen wollen, beschlossen. Und die sieben Vorschläge, die er macht, seine zentralen Vorschläge, wenn ich den Bericht lese, sind eine volle Bestätigung des Kurses, der in der Bundesrepublik Deutschland jetzt seit einigen Jahren gefahren wird, und damit dieses nicht leere Sprüche bleiben, ist es leicht zu belegen, zum Beispiel dass der vorschulische Bereich viel stärker Bildungsinhalte vermitteln soll. Ich erinnere Sie an die Diskussion auch der letzten Tage und Wochen über den Kindergartenbereich. Ich verweise darauf, dass er gesagt hat, wir müssen den Ganztagsschulbereich ausbauen. Seit einigen Jahren noch die vorherige Bundesregierung hat diese Initiative ergriffen, und hier sind unheimliche Fortschritte erzielt worden.

Ich verweise darauf, dass im Mittelpunkt der Bemühungen nach Ansicht der Kultusminister die individuelle Förderung der einzelnen Schülerinnen und Schüler stehen muss. Auch dieses ist der zentrale Ansatzpunkt von Herrn Muñoz. Es ist richtig, dass er die Frage stellt, ob diese unterschiedliche Perspektive aus diesen unterschiedlichen Gruppen in Bezug auf den Schulerfolg mit dem gegliederten Schulsystem zusammenhängt.

Guckeisen: Aber das ist doch genau der Punkt, Herr Zöllner, darf ich gerade mal da intervenieren. Das sind doch, was Sie genannt haben, sicherlich Dinge, die ganz löblich sind. Einige Hausaufgaben haben Sie gemacht, aber das sind doch Verbesserungen im System. Und Muñoz geht ja weiter und sagt, wir brauchen eine grundlegende Reform des deutschen Schulsystems.

Zöllner: Nein, Sie irren. Das sind die entscheidenden Punkte. Ich sage Ihnen, auch Herr Muñoz, wenn ich mit ihm diskutiere, wird sicher bestätigen, dass das Entscheidende ist, egal in welchem System, dass man die individuelle Förderung in seiner Unterschiedlichkeit des einzelnen Schülers in den Mittelpunkt stellt. Auch Herr Muñoz wird sagen, dass, egal in welchem Schulsystem, der Kernpunkt der Lehrerinnen und Lehrerausbildung die pädagogische Qualifikation ist und dass man die verstärken muss. Auch Herr Muñoz wird Ihnen bestätigen, egal in welchem Schulsystem, dass, wenn Sie die Lernschwachen stärker fördern wollen oder die Lernstarken stärker fördern wollen, dass Sie dann mehr Zeit brauchen, sprich die Ganztagsschule brauchen. Das ist die Wahrheit, nicht die Fixierung alleine auf die Schulformdebatte, die in Deutschland eine besonders schwierige ist, nur von den eigentlichen Problemen ablenkt.

Guckeisen: Möglicherweise haben wir in Teilen zwei verschiedene Berichte gelesen.

Zöllner: Ja, das mag sein. Ich kann Ihnen gerne die entscheidenden Passagen vorlesen.

Guckeisen: Aber Herr Muñoz sagt doch ganz klar, dass unser System hoch selektiv ist.

Zöllner: Das sagen die Kultusminister seit fünf oder sechs Jahren auch.

Guckeisen: Aber sie ändern es nicht.

Zöllner: Doch, sie ändern es. Sie können sehr wohl sehen, welche Anstrengungen, ich habe Ihnen einige Beispiele gemacht, unternommen worden sind, und es ist nach den Befunden, ich persönlich bin auch ein Verfechter des integrativen Systems. Nur: Man wird nur Erfolg haben, wenn man sachlich und objektiv bleibt. Die Befunde in der Bundesrepublik Deutschland sprechen objektiven Befundes nicht dafür, dass ein Automatismus besteht, wenn Sie integrativ unterrichten, dass Sie dann die Selektivität bisher automatisch überwunden haben.

Guckeisen: : Herr Zöllner, das ist keine Frage, aber man hört von vielen Kultusministern hinter der vorgehaltenen Hand, Sie sagen es jetzt offen, ich bin eigentlich auch ein Befürworter des integrativen Systems. Tatsache ist aber, dass wir das in Deutschland doch so gar nicht haben.

Zöllner: Das ist sicher richtig. Wir haben ein Mischsystem, und Mischsysteme haben immer Probleme. Nur: Sie müssen natürlich letzten Endes eine Zustimmung der Betroffenen haben, und ich darf es Ihnen an dem Beispiel klarmachen, was jetzt neulich diskutiert wird: Die Probleme, die wir in Deutschland mit der Hauptschule haben, die sehr unterschiedlich sind in den einzelnen Ländern, die werden scheinbar durch die einfache Antwort der Zusammenlegung mit der Realschule gelöst. Wer meint, ohne dass man eine gezielte, spezifische Förderung der jetzigen Hauptschülerinnen und Hauptschüler zustande bringt, dass das Problem einfach nur durch Zusammenlegung gelöst wird, der irrt. Dann werden Sie die Probleme auf eine andere Schulform möglicherweise übertragen. Also wir müssen schon die Hierarchie der Bedeutung der einzelnen Punkte voneinander trennen.

Guckeisen: In "Campus & Karriere" Jürgen Zöllner, amtierender Präsident der Kultusministerkonferenz und Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin. Danke für das Gespräch.

Zöllner: Ich bedanke mich bei Ihnen.