Montag, 13.07.2020
 
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Zoo auf Eis

Manuskript zur Sendung

Es ist ein mühsames Unterfangen, im 21. Jahrhundert die Biodiversität zu retten. Lebensräume schwinden, Tiere werden überjagt oder fallen Krankheiten zum Opfer. Die internationale Naturschutzorganisation IUCN geht davon aus, dass mindestens jede vierte Säugetierart, ein Achtel aller Vögel und sogar ein Drittel aller Amphibien in den nächsten Jahrzehnten verschwinden könnten – für immer. In ihrer Verzweiflung klammern sich die Experten an jeden Strohhalm, jede Methode wird in Betracht gezogen, auch die Kryokonservierung. Auf der ganzen Welt entstehen Biokryobanken, in denen Gewebe, Stammzellen, Spermien, manchmal sogar Eizellen eingefroren werden, bei 160 Grad in flüssigem Stickstoff, für mindestens 3000 Jahre. Wenn es schon nicht gelingt, die Tiere selbst zu retten, dann wenigstens lebensfähige Zellen.

Von Marieke Degen

Ein Großteil der Tierwelt, hier in Afrika am Kilimandscharo, ist vom Aussterben bedroht. (Holger Kroker)
Ein Großteil der Tierwelt, hier in Afrika am Kilimandscharo, ist vom Aussterben bedroht. (Holger Kroker)

Der große Panda
Der Iberische Luchs
Der Feldhamster


Die Tiere auf unserem Planeten verschwinden. Eines nach dem anderen.

Der große Harlekinfrosch
Die Sumpfschildkröte
Der tasmanische Teufel


Ein Drittel aller Amphibien, ein Viertel aller Säugetiere und mehr als jeder zehnte Vogel könnte in den nächsten Jahrzehnten aussterben. Das schätzt die internationale Naturschutzorganisation IUCN. Schuld daran ist meistens der Mensch.

Das Rüsselhündchen
Der Goldregenpfeifer


Die Umwelt wird vergiftet, Lebensraum knapp. Das Klima ändert sich, Nischen verschwinden. Artenschutz ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

Das Asiatische Kamel
Der Fidschileguan
Das Sabah-Nashorn


Was, wenn wir die Zeit anhalten könnten?

Der Tierpark Hagenbeck in Hamburg, morgens, kurz nach halb acht. Zootierarzt Michael Flügger betritt das Kamelgehege. In der Nacht hat es Nachwuchs gegeben.

"Na Mutti..und wie macht sie sich mit ihrem ersten?"

"Och, sie ist ganz ruhig eigentlich. Konnte in Ruhe hier auch saubermachen schön! War nicht so…"

"Ja, das ist auch ein süßer."

Erhaben liegt das kleine Trampeltier auf dem staubigen Boden, reckt seinen Hals, blinzelt.

"Jetzt muss ich einmal gucken, wie der Bauchnabel aussieht, und dann kriegt er seinen Chip, ja so jetzt lass uns mal gucken, alles gut, ja fein. Einmal Schwanz hoch. Gut, dann machen wir jetzt den Chip rein, muss er einmal still halten, halten Sie ihn ein bisschen fest?"

"Ja."

Chippen, impfen. Das Kamelfohlen lässt die Prozedur stoisch über sich ergehen.

"Sie achten darauf, dass Mutti ihm auch genug Milch gibt, dass sie ihn ranlässt und so."

"Ich hab ihn schon einmal trinken sehen!"

"Haben Sie schon? Ja wunderbar. Dann brauchen wir nicht länger stören."

Michael Flügger greift sich noch schnell den schwarzen Plastikeimer, der am Tor steht. Darin liegt die Nachgeburt des Kamels; leicht blutig, von hellen Eihäuten überzogen, die Nabelschnur ist noch dran. Der Pfleger hat das Gewebe gleich heute morgen sichergestellt. Es wird noch gebraucht.

"Ich würde mal schätzen, das hier sind um die drei Kilo. Die pack ich jetzt in eine Tüte, und dann nehme ich die mit rüber in die Praxis, und bereite dann die Proben vor."

In der Wildnis sind Trampeltiere oder Asiatische Kamele vom Aussterben bedroht. Der kleine Bulle soll unsterblich werden. Genauer gesagt: seine Stammzellen, die sich aus dem Mutterkuchen gewinnen lassen. Sie sollen in einer Zellbank eingelagert werden, bei etwa minus 135 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff. Wenn alles gut geht, können sie Hunderte von Jahren überdauern.

"Jetzt brauch ich noch eine Pinzette und eine Schere. Da guckt man, dass man möglichst Bereiche findet, die nicht verunreinigt sind, denn die züchten ja wie gesagt Zellen an, und wenn da fremdes Erbmaterial jetzt von irgendwelchen Bakterien aus dem Boden mit drin ist, das ist natürlich dann eher ungünstig."

Zwei Stückchen Kamelplazenta landen in einem Plastikröhrchen. Gleich wird Michael Flügger den Kurier der Zellbank anrufen, damit er die Proben heute noch abholt. Je schneller die Stammzellen isoliert werden, desto besser.

"Wir sind ja als Zoos sehr stark hinterher zu versuchen, dass die Tiere nicht aussterben auf dieser Welt, gerade die seltenen Tiere. Da kann man natürlich sagen: Ja, aber es ist ja viel besser, sie draußen zu erhalten. Da gebe ich recht. Also die erste Option ist immer: Wir erhalten sie draußen. Die zweite ist, wir züchten sie im Zoo und halten sie dort, um sie wieder auszuwildern. Die dritte Notsituation sozusagen, das Tier ist nicht mehr da, es gibt nicht genug im Zoo oder was auch immer, kann eventuell diese Sache mit den Stammzellen sein."

Die Sache mit den Stammzellen. Es ist ein Versuch, die Artenvielfalt auf unserem Planeten irgendwie zu erhalten. Wenn man schon nicht die Tiere selbst retten kann, dann wenigstens lebendiges Zellmaterial in flüssigem Stickstoff. Eine Arche auf Eis. Frozen Ark, so heißt ein internationales Netzwerk von Zellbanken, die alle möglichen Gewebe von den verschiedensten Tierarten konservieren. Der Biologe Bill Holt von der Zoologischen Gesellschaft in London hat die Frozen Ark vor fünf Jahren mit gegründet.

"Uns ist damals bewusst bewusst geworden, dass Tiere in einer Geschwindigkeit aussterben, wie wir es nie zuvor erlebt haben. Und Forscher, die das Erbgut der Tiere untersuchen wollen, wie ihre Zellen funktionieren, oder auch wie die Arten untereinander verwandt sind, werden das bald nicht mehr tun können. Es sei denn, wir setzen heute schon alles daran, um diese Zellen zu konservieren."

Es ist ein eine Mammutaufgabe. Tausende von Tierarten sind gefährdet oder vom Aussterben bedroht, darunter viele Amphibien und Säugetiere.

"Wir gehen die Liste der gefährdeten Arten von der IUCN durch. Es gibt eine Kategorie, die heißt: In freier Wildbahn ausgestorben. Diese Tiere haben die höchste Priorität. Diejenigen, die es noch gibt, leben in Zoos, und wir finden heraus, in welchen. Und von diesen Tieren haben wir schon einen guten Teil in unseren Kryobanken."

Zur Frozen Ark gehören Zellbanken und Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt. Eine davon ist die deutsche Zellbank für Wildtiere Alfred Brehm an der Fraunhofer Einrichtung für Marine Biotechnologie in Lübeck.

"Fraunhofer EMB? Ja wunderschönen guten Tag, die Proben vom Zoo Hagenbeck sind da. Ja danke."

Die Fraunhofer Einrichtung befindet sich in einem Ärztehaus mit Einkaufspassage am Stadtrand von Lübeck, im ersten Stock. Madlen Nehrig, eine medizinisch-technische Assistentin, nimmt das Plastikröhrchen aus der Kühlbox, schielt kurz hinein, und zieht sich Plastikhandschuhe über.

"Wenn das vom Zoo kommt, legen wir auch immer gleich los, dass da so schnell wie möglich auch die Zellen isoliert werden können, und im Brutschrank gleich landet. Das ist schon wichtig, dass das alles zügig abläuft. Naja, wenn das schon länger liegen würde, dann wäre da ja auch Keimbefall, da würden sich die Bakterien vermehren, und das wollen wir ja nicht."

Der Tierpark Hagenbeck ist einer von drei Zoos, die den Cryo-Brehm derzeit mit Material versorgen. Das Grundprinzip der Zellbanken lautet: Kein Tier darf für die Zellbank verletzt werden. Zellen und Gewebe werden nur gewonnen, wenn ein Tier stirbt. Oder wenn ein Tier geboren wird. Die Plazenta ist ein reichhaltiges Stammzellenreservoir. Nehrig:

"So, jetzt würde ich mit der Pinzette die Plazenta in das Becherglas legen und mit der Schere weiter zerkleinern."

Auf Madlen Nehrigs Laborbank landen Proben von Fischen, Amphibien, Säugetieren. Und alle mögliche Gewebe.

"Also Pankreas, Haut, Speicheldrüse, Leber, Herz, also die Palette ist ganz schön groß."

Daraus lassen sich vermehrungsfähige Zellen isolieren, Stammzellen in der Regel. Das Prozedere ist grundsätzlich immer das gleiche. Das Gewebe wird solange zerkleinert und mit Enzymen behandelt, bis sich die Zellen herauslösen. In einem Brutschrank werden die Stammzellen noch zwei Wochen vermehrt, und dann mit einem Frostschutzmittel beträufelt und weggefroren. Im flüssigen Stickstoff, bei minus 135 Grad Celsius, bleiben die Stoffwechselprozesse einfach stehen. Die Zellen sind aber immer noch lebensfähig. Die Forscher können ein paar entnehmen, sie auftauen und weiter vermehren. Der Cryo-Brehm ist eine Zellbank, die sich also nie aufbraucht.

"Man kann sich verschiedene Möglichkeiten der Anwendung vorstellen mit diesen Zellen","

Charli Kruse ist Stammzellenforscher, er leitet die Fraunhofer Einrichtung,

""beispielsweise für wissenschaftliche Zwecke ist es interessant, zellphysiologische Untersuchungen durchzuführen. Also zu untersuchen, wie reagieren Zellen auf bestimmte Umweltveränderungen, zum Beispiel auf Temperaturveränderungen oder auch auf den Einfluss bestimmter Umweltgifte, und das ist viel einfacher, wenn man Zellen aus einem Stock entnehmen kann von einem Leoparden, als wenn man losgehen müsste, um erstmal einen Leoparden zu schießen und dann dort aus dem toten Leoparden die Zellen zu isolieren, dadurch, dass wir die Zellen vorrätig haben, können wir sie anbieten."

Der Cryo-Brehm, die eigentliche Zellbank, befindet sich eine Etage tiefer, in einem Geschäft in der Ladenpassage des Ärztezentrums. Kruse:

"Auch vor allem deswegen, weil wir zeigen wollen, dass Biobanken und Stammzellen eben nichts Geheimnisvolles sind, sondern dass hier jeder, der hier langgeht, auch reingucken kann und sehen kann, was hier gemacht wird und deswegen haben wir am Schaufenster hier vorne auch einen großen Monitor zu hängen, wo man sich informieren kann, was gerade aktuell hier in dieser Bank geschieht, mit welchen Tieren, mit welchen Zellen wir hier arbeiten."

Zwischen Laborbänken und leeren Aquarien steht der Kryotank, eine mannshohe Tonne mit einer Haube aus Edelstahl. 2000 Stammzellenproben lagern hier bereits, von 40 Arten: Schneeleopard, Stör, Dromedar, Löffler.

Ein Archiv aus lebendigen Zellen. Forscher können die Stammzellen entnehmen, zu ganz bestimmten Zelltypen reifen lassen und untersuchen, wie sie funktionieren. Oder, wie die Tierarten untereinander verwandt sind. Wenn Tiere von einer schweren Krankheit bedroht sind, dann können Forscher in der Zeit zurückreisen und anhand der Zellen schauen, wann genau die Epidemie ihren Anfang nahm. Aber was hat die Tierwelt davon?

"Rein objektiv, könnte man argumentieren, dient das nicht dem Artenschutz. Das ist Grundlagenforschung."

Die Kryokonservierung biete aber noch ganz andere Möglichkeiten, sagt Bill Holt von Frozen Ark.

"Wenn wir Spermien, Eizellen, Embryos und so weiter einfrieren, dann können wir mit diesem Material gefährdeten Populationen helfen. Wenn die Populationen schrumpfen, im Laufe der Zeit, dann geht nämlich auch die genetische Vielfalt verloren. Eine einzige kleine Veränderung in der Umwelt reicht dann aus, um eine ganze Art zu gefährden. Aber mit Hilfe von tiefgefrorenen Spermien und Eizellen, die wir vor zehn, zwanzig Jahren gesammelt haben, könnte man die Population genetisch wieder auffrischen. Und damit ihre Überlebensfähigkeit erhöhen."

Einfach ist das nicht. Ein Tierarzt muss dafür alle Spielarten moderner Reproduktionstechniken beherrschen. Und die Fortpflanzungszyklen einer Art bis ins kleinste Detail kennen. Wie Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Der Tierarzt leitet dort die Forschungsgruppe Reproduktionsmanagement.

"Ganz allgemein kann man zusammenfassen, dass Kryotechniken uns Zeitgewinn bringen. Also wir können, wenn wir Zellen, Gewebe einfrieren, davon ausgehen, dass dieses Gewebe unverändert in seiner Qualität bleibt, und wir können dann an Techniken arbeiten, die heute noch nicht existieren, um dieses Gewebe, oder diese Zellen, Eizellen, Spermien, dann wieder zu Tieren zu machen."

Der Tierpark Amersfoort in den Niederlanden, eine Autostunde von Amsterdam entfernt. Samstag Morgen, kurz nach acht.

Nashornbulle Zimon liegt auf der Seite. Aus seinem Maul ragt ein Beatmungsschlauch, irgendwo piepst ein Überwachungsmonitor. Robert Hermes, Tierarzt vom IZW in Berlin, packt den Nashornpenis mit beiden Händen, wie ein dickes, rosa Tau.

"Der hat eine ganz charakteristisch Form beim Nashorn, sind hier solche Flügel, diese Flügel entfalten sich beim Deck-Akt, so dass der Penis in der Scheide so ein bisschen verankert ist. Den werden wir jetzt mit Wasser waschen, weil er ein bisschen dreckig ist."

Das Nashorn hat noch nie gedeckt. Das Team vom IZW soll seine Fortpflanzungsfähigkeit untersuchen. Bei der Gelegenheit wollen die Tierärzte auch Sperma gewinnen und für spätere künstliche Befruchtungen wegfrieren.

"Haben wir noch Handtücher? -Handtücher?"

Sieben Tierärzte kümmern sich um Zimon, eine Vollnarkose ist immer ein Risiko. Die Augen des Nashornbullen sind mit einem Handtuch abgedeckt. In seinen Ohren steckt zusammengerolltes Küchentuch. Ohrstöpsel gegen die Geräusche. Hermes:

"Das ist bei Säugetieren, bei Wildtieren wie auch beim Menschen, bei querschnittgelähmten Menschen genau das gleiche. Man stimuliert mit ganz schwachem Strom, so fünf bis zehn Volt, die Prostata, und dadurch bekommt man eine Kontraktion, die dann eine Ejakulation auslöst."

Robert Hermes, Thomas Hildebrandt und ihre Kollegen sind Koryphäen auf dem Gebiet. Ständig kommen Anfragen von Zoos aus aller Welt. Die Forscher sammeln aber auch Sperma von Wildtieren. Hermes:

"In der freien Wildbahn, wenn die Tiere in der freien Wildbahn abgesamt werden, dann würde das genauso gehen. Vollnarkose, und ansonsten wie hier auch. Mit dem Unterschied, dass man sie ein bisschen länger suchen und jagen muss. Kann jemand mir helfen, das hier mal halten? Luis, kannst du mir das mal halten?"

Es gibt noch fünf Nashornarten und einige Unterarten. Die meisten sind bedroht. Zimon ist ein Indisches Nashorn, davon gibt es weltweit 2500 Tiere. Etwa 150 leben in zoologischen Gärten. Zootiere sind der Backup für die Artenvielfalt. Notfalls könnten sie wieder ausgewildert werden. Doch dafür müssen die Zoopopulationen genetisch auch intakt sein. Um die genetische Vielfalt zu gewährleisten, hat man früher Tiere in der Wildnis gefangen und in Zoos gebracht. In ihren Heimatpopulationen hinterließen die Tiere große Lücken.

Heute gibt es sanftere Methoden, dank Kryotechnologie. Wenn Wildtiere etwa von einem Nationalpark in einen anderen umgesiedelt werden müssen und ohnehin narkotisiert sind, dann können die Tierärzte bei der Gelegenheit noch Spermien entnehmen und einfrieren. Mit diesem Material lassen sich die Zuchtprogramme weltweit optimieren. Und so werden Weibchen mit Spermien von Männchen befruchtet, die auf einem ganz anderen Kontinent leben. Oder Eizellen von anderen Weibchen eingesetzt, die seit Jahren tot sind. Embryonen werden in Petrischalen erzeugt und tiefgefroren, um zum richtigen Zeitpunkt in Leihmütter gepflanzt zu werden. Tiefgefrorenes Eierstockgewebe kann wieder aufgetaut und in speziell gezüchtete Ratten transplantiert werden. Die Nager können dann Eizellen der gefährdeten Tierart produzieren.

"Ihr müsst damit rechnen, dass er sich jetzt bewegt."

Thomas Hildebrandt führt eine Sonde durch den Darm zur Prostata des Nashorns.

"Wenn die Beine sich bewegen, muss man aufpassen, dass man die nicht in den Rücken kriegt. Aber wenn man es weiß, ist OK."

"Ready? He might move the head a little bit, we start slow."

"Fertig?"

"Ja."

"Wilhelm? We start now."

"OK."

Thomas?"

"Ja."

"Fertig?"

"Thomas?"

"Geht los."

Ein schwacher Stromstoß, fünf Volt. Zimon grunzt und streckt seine Beine weit von sich. Ein riesiger Plastikhandschuh ist über den Nashornpenis gestülpt, mit einem Becher. Hermes:

"Insgesamt erwarten wir sicherlich so 30, 40 Milliliter, maximal. Manchmal kriegt man auch nur fünf oder zehn, das muss man sehen. Ist ein junger Bulle, vielleicht steht er gut im Saft, dann können wir auch gut ernten."

Doch heute haben die Tierärzte keinen Erfolg. Auch nach mehreren Versuchen bleibt das Ejakulat klar. Es enthält keine Spermien. Möglicherweise könnte der Bulle unfruchtbar sein. Im Nachbargehege steht die Nashorndame Saar leicht sediert in der Ecke. Saar war noch nie trächtig, sie ist das Weibchen von Zimon. Thomas Hildebrandt:

"Wir bereiten das Nashorn jetzt für die transrektale Ultraschalluntersuchung vor, das heißt, wir gehen mit einem Schallkopf durch den Darm und schauen uns dann die Eierstöcke an, die Fortpflanzungsorgane wie Gebärmutter und Gebärmutterhals, die Scheide, um zu sehen, ob das Tier intakt ist, ob irgendwelche Gründe vorliegen, weil sie bislang noch nicht schwanger geworden ist. Dann schauen wir uns auch an, ob das Hymen noch intakt ist, also das Jungfernhäutchen."

Hoffentlich ist das Tier gesund. Hoffentlich finden sie keine Tumoren. Hildebrandt:

"Wir sind jetzt immer noch im hinteren Bereich, gucken uns die Harnröhre, die Vagina und den Gebärmutterhals an, insbesondere den Gebärmutterhals, der ist kinderarmgroß."

Die Tierärzte vermessen auch den Unterleib des Weibchens. Anderthalb Meter sind es bis zur Uterushornspitze, das ist der Übergang zwischen Eileiter und Gebärmutter. Dort müssten sie hin, wenn sie ihr einen künstlich hergestellten Embryo einpflanzen wollen. Anderthalb Meter sind eine weite Strecke. Wahrscheinlich werden sie extra Instrumente dafür anfertigen müssen. Thomas Hildebrandt und seine Kollegen haben noch eine Menge vor. Sie wollen das Sabah-Nashorn retten. Und Saar, die indische Nashorndame aus dem Tierpark Amersfoort, soll ihnen dabei helfen. Hildebrandt:

"Das Sabah-Nashorn ist sehr sehr klein, es ist die kleinste Nashornart, die wir kennen, und sehr haarig, hat ein Horn, große Augen."

Das Sabah-Nashorn ist eine Unterart des Sumatra-Nashorns. Es lebt im Dschungel im Norden von Borneo. Und es singt gerne.

"Es ist ein Pfeifen, so ein wüüp, wüüp, ist ein sehr eindringlicher Ton."

Leider gibt es von dieser Tierart nur noch 14 bis 30 Tiere auf ganz Borneo. Sein kleines Horn ist ihm zum Verhängnis geworden. In der asiatischen Medizin gilt es als besonders mächtig. Seit Jahrhunderten wird das Tier gejagt. Gleichzeitig schwindet sein Lebensraum. Der Dschungel muss immer mehr Ölpalmplantagen weichen. Nur 14 bis 30 Sabah-Nashörner sind übriggeblieben. Für eine stabile Population braucht es mindestens 50 Tiere. Durch natürliche Fortpflanzung allein werden es die Sabah-Nashörner nicht schaffen, ihre Art zu erhalten. Thomas Hildebrandt:

"Es ist eigentlich nicht zu verstehen in der heutigen Zeit, wo die Menschheit zum Mars fliegen will, wir Technologien in der Hand haben, um Tierarten aus diesen Krisen wieder herauszuführen, dass wir da einfach mit verschränkten Armen zusehen."

Thomas Hildebrandt und sein Team wollen das Sabah-Nashorn aus der Krise führen. Mit Reproduktions-Hightech. Die Ausgangslage ist nicht die beste. Der Backup besteht aus gerade einmal zwei Sabah-Nashörnern in Gefangenschaft. Ein junges Männchen, das Arbeiter verwirrt und verletzt auf einer Palmölplantage aufgegriffen haben. Und ein Weibchen im Zoo von Kota Kinabalu. Sie ist blind und alt. Einen eigenen Zyklus hat sie nicht mehr. Doch in ihrem Körper schlummern immer noch brauchbare Eizellen. Das junge Sabah-Männchen, das alte Sabah-Weibchen, und Saar, die Indische Nashorndame aus dem Tierpark Amersfoort. In diesen drei Tieren liegt das Schicksal einer ganzen Art. Hildebrandt:

"Kann ich noch einmal Wasser haben, bitte? Wasser? Könnt Ihr ihr noch ein bisschen Ketamin geben? Sollen wir ihr das Hymen denn durchtrennen?"

"Ja."

Vor ein paar Monaten haben die Forscher dem männlichen Sabah-Nashorn Spermien entnommen. Im November wollen sie das Weibchen mit Hormonen stimulieren, Eizellen gewinnen und diese ebenfalls einfrieren. Hildebrandt:

"Das ist eine extrem große Herausforderung, aber wir denken, dadurch, dass wir sehr große Erfahrungen mit dieser Technik beim Spitzmaulnashorn haben, dass wir in der Lage wären, das zu realisieren. Und wenn man Eizellen und Sperma hat, dann kann man in dem entsprechenden Labor auch Embryonen herstellen. Diese frühen Embryonen würde man dann nicht in ein Sabah-Nashorn übertragen, sondern in einen nahen Verwandten, in eine Leihmutter, und da würde sich das Indische Nashorn anbieten."

Es ist ein einzigartiges, ein ehrgeiziges Projekt. Aber sie waren die ersten, die es geschafft haben, einen Elefanten künstlich zu besamen. Sie waren die ersten, die ein Nashorn mit Gefriersperma befruchtet und ihm so zu Nachwuchs verholfen haben. Thomas Hildebrandt ist überzeugt: Wenn es einem Team gelingt, das Sabah-Nashorn zu retten, dann ihnen. Die malaysische Regierung unterstützt das Projekt. Doch es gibt auch Skeptiker. Konservative Artenschützer fragen: Wo sollen die Nashörner denn hin, wenn es keinen Platz mehr für sie auf Sabah gibt? Hildebrandt:

"Das ist ein Argument, was immer sehr schnell kommt, dass man viel mehr in den Habitatschutz stecken sollte und versuchen sollte, den Lebensraum zu schützen, bevor man diese hochtechnologischen Reagenzglasmethoden einzusetzen. Das ist prinzipiell richtig, aber wenn man nur noch 14 Tiere hat, dann hilft jeglicher Habitatschutz nicht, weil die natürliche Vermehrungsrate eigentlich für diese Tierart nicht mehr ausreicht. Sie sind deswegen schon dem Tode geweiht. Aber mit der Multiplikation über assistierte Reproduktion durch verbesserte Fortpflanzungstechniken, mit dem Einsatz von Leihmüttern kann man eine Tierart wieder so in stabile Zahlen bringen, also über 50 Tiere, dass sie dann in der Lage ist sich selbst zu vermehren. Das heißt, wir sind in keiner Weise konträr zum Habitatschutz, aber wir arbeiten eben mit Tierarten, die schon so stark in der Krise sind, dass der Habitatschutz als solches keinen Erfolg mehr hat."

Auf Sabah soll eine Schutzzone für die Nashörner errichtet werden. Die Forscher könnten noch Sperma und Eizellen von anderen Tieren sammeln, und weitere Jungtiere von Leihmüttern austragen lassen. Eine Zuchtstation soll aufgebaut werden, in der die kleinen Sabah-Nashörner aufwachsen könnten. Irgendwann würde es wieder genug Tiere geben, so dass die Population von allein weiter bestehen kann. Doch Artenschutz ist teuer. Das Geld ist knapp. Im Moment reicht es noch nicht einmal für die künstliche Befruchtung. Hildebrandt:

"Wir sprechen hier von 200.000, 300.000 Euro, das ist keinesfalls vergleichbar mit Projekten wo man zum Beispiel zum Mars fliegt, aber wir retten eine Art, die über Millionen von Jahren entstanden ist, die wir unwiederbringlich verlieren, wenn wir jetzt nicht agieren."

Kryotechniken schenken den Forschern Zeit. Zeit, um an Forschungsgelder heranzukommen. Zeit, um den Transfer des Embryos auf die Leihmutter optimal vorzubereiten, um Spezialinstrumente dafür zu entwickeln.

Kryotechniken schenken den Forschern aber auch Zeit, um neue Reproduktionstechniken zu entwickeln, oder um alte Techniken zu perfektionieren. Das Klonen zum Beispiel.

Das Schaf Dolly war das erste größere Säugetier, das geklont worden ist. Aus einer Euterzelle eines erwachsenen Schafs. Das Erbgut der Euterzelle wurde in eine entkernte Eizelle eingeschleust. Daraus entstand Dolly, eine genetisch identische Kopie des erwachsenen Schafs. Das Klonen ist heutzutage alles andere als ausgereift, technisch sehr aufwändig und die geklonten Tiere [sind] oft krank. Doch mit dieser Technik wäre es theoretisch irgendwann möglich, ausgestorbene Tiere wieder auferstehen zu lassen. Alles, was man braucht, ist das Erbgut des ausgestorbenen Tieres, eine Eizelle und eine Leihmutter. Erbmaterial wird gerade in den Zellbanken eingefroren. Bei der Eizelle und Leihmutter kann man zur Not auch auf eine eng verwandte Art zurückgreifen.

"So I personally don't think that the use for bringing back extinct species is not very sensible."

Bill Holt hält davon gar nichts, wie die meisten Biologen. Er glaubt ohnehin nicht, dass sich die Technik bei Säugetieren durchsetzen wird.

"Bei Säugetieren ist das viel zu kompliziert. In der Regel hat man von Säugetieren nur wenige Eizellen, und deshalb kann man auch nur ein paar Embryonen erzeugen. Die müssen dann zum perfekten Zeitpunkt in den Uterus eingepflanzt werden. Dafür muss man aber den Reproduktionszyklus der Art ganz genau kennen. Und selbst dann ist es ein Glücksspiel, ob der Embryonentransfer überhaupt gelingt und sich der Embryo entwickelt. Wenn man zum Beispiel einen Tiger klonen wollte, müsste man ein riesiges Forschungsprogramm auflegen, um all die Techniken perfekt an den Tiger anzupassen."

Sollte es zukünftigen Forschergenerationen dennoch gelingen, dann würden sie aber wahrscheinlich immer nur eine Handvoll Exemplare von einer ausgestorbenen Art klonen.

"And then, what would you do with them. You don't have a population."

Was wollte man dann mit den Tieren machen? Es gibt ja keine Populationen mehr, sagt Bill Holt. Trotzdem haben amerikanische und japanische Wissenschaftler vor zehn Jahren beschlossen: Sie wollen das Mammut zurückholen. Bislang sind sie davon zwar noch weit entfernt. Das Projekt war unter Biologen von Anfang an extrem umstritten.

"Ich denke, das ist absolut verrückt. Das sollten sie lieber bleiben lassen. Was machst du mit dem geklonten Mammut? Etwa in der Wildnis aussetzen, mitten im Klimawandel? Das Tier wäre wahrscheinlich anfällig für alles mögliche, auch für Krankheiten."

Thomas Hildebrandt:

"Es ist natürlich aus unserem Verständnis völliger Blödsinn, eine Tierart zu rekreieren, die schon seit zehntausenden Jahren ausgestorben ist, man sollte sich lieber um die kümmern, die jetzt gerade am aussterben sind."

Thomas Hildebrandt vom Institut für Zoo- und Wildtierforschung sieht das ganze aber auch pragmatisch. Das Mammut-Projekt hat für Aufsehen gesorgt, und es ist vergleichsweise gut finanziert.

"Es wird sehr sehr viel Forschung in die praktische Umsetzung dieses Projekts gesteckt, was letztendlich für uns interessant ist, weil man diese Technologien, wenn man das Mammut wirklich zurückholt, diese Technologien auch für Tierarten benutzen kann, die es wirklich benötigen."

Die Strahlenschildkröte
Der Pondicherry-Hai


Immer mehr Stammzellen, Eizellen, Spermien von immer mehr Tieren landen in Zellbanken. Ein gigantisches Archiv, ein Zoo auf Eis.

Die Würfelnatter
Der Schneeleopard
Die Gelbbauchunke


Niemand weiß, was Forscher in 100, 200 Jahren mit diesem Material anfangen können. Welche Fragestellungen werden sie bewältigen? Welche Techniken entwickeln?

Die Fischkatze
Das Sabah-Nashorn


Die Kryokonservierung schenkt den Forschern Zeit: maximal 3000 Jahre, schätzen Forscher. Dann fordert die natürliche radioaktive Strahlung der Erde ihren Tribut. Die DNA fängt an sich langsam zu zersetzen. Dann sind auch die Zellen von heute für immer verloren.

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