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Zu Besuch bei Logikern

2006 ist in Deutschland zum Jahr der Informatik ausgerufen worden. Pünktlich zur Jahresmitte lud das Internationale Begegnungs- und Forschungszentrum für Informatik (IBFI) zu einem Tag der offenen Tür auf Schloss Dagstuhl und bot Anlass für eine Halbzeitbilanz.

Von Manfred Kloiber und Peter Welchering | 24.06.2006

"Informatik ist Zukunft. Ohne Informatik kann man heute ja nicht mehr existieren, alles läuft ja darüber und man muss sich ja auch einmal schlau machen, was es da überhaupt gibt. Man hat ja überhaupt keine Vorstellung davon."

"Die unkomplizierte Verständigung von Leuten auf der ganzen Welt, die nichts kostet und ganz schnell geht mit Bildern, Tönen und Texten."

"Künstliche Intelligenz, dann die Robotik ist auch interessant, weil man damit ja auch wie eben schon auch in der Industrie viele Arbeiten machen kann, die für den Menschen eigentlich nicht mehr so richtig sind."

"Zum Beispiel im Bankverkehr, Vorbereitung, Informationen sammeln, Reise buchen, kaufen - das tägliche Leben hat sich schon sehr vereinfacht."

"Die Welt ist kleiner geworden und man kriegt sehr schnell Informationen über alles mögliche."

"Informatik ist für mich hauptsächlich Telefon und halt Informationen sammeln."

"Allerdings vielleicht auch schlechtere Sachen, Viren und so weiter, was in Umlauf gekommen ist auch dann Informatik."

"Was wir früher alles mit der Hand gemacht haben: Produktionsabläufe und so weiter, das ist dann mit Informatik alles über Rechner gegangen, da haben wir's natürlich einfacher, schneller, vor allen Dingen präziser. Und vor allen Dingen die Schnelligkeit."

"Konstruieren, CAD durchgängig von der Konstruktion bis zur Werkzeugmaschine, CAD, CAM."

"Nachts die Zeitung lesen, bevor sie als Papier erscheint."

"Ich kann ständig mit aller Welt kommunizieren. Wir haben zu wenig Junge, die sich um die Alten kümmern werden. Die Informatik, der IT-Bereich, wird uns Tools zur Verfügung stellen, dass wir uns im hohen Alter bedienen lassen können von Robotern."

Manfred Kloiber: So denken Menschen aus Deutschland über Informatiker, und das sind Menschen, die mit Informatik auch in Berührung kommen und zwar zumindest heute am Tag der offenen Tür auf Schloss Dagstuhl.

Peter Welchering: Schloss Dagstuhl, das ist so etwas wie die Kaderschmiede der Informatik in Deutschland. Sehr idyllisch gelegen im westlichsten Zipfel der Republik und des Saarlandes. Ideal zum Nachdenken.

Kloiber: Wir nehmen die Gelegenheit wahr und wollen heute eine Art Zwischenbilanz ziehen über das Jahr der Informatik. Nach dem Einsteinjahr ist der Wissenschaftsbetrieb auf den Computer gekommen und wir wollen hören, was das Informatikjahr bisher gebracht hat.
Welchering: Doch zuerst wollen wir die Informatikakademie Schloss Dagstuhl vorstellen. Professor Reinhard Wilhelm ist der wissenschaftliche Direktor. Herr Wilhelm, Sie bezeichnen das ehemalige Kloster Schloss Dagstuhl gerne als Informatikkloster. Wird hier in aller Ruhe und der klösterlichen Abgeschiedenheit über den Computer und die Welt nachgedacht?

Reinhard Wilhelm: Einiges erinnert tatsächlich an ein Kloster. Nicht unbedingt, dass wir unsere Leute nachts um vier aufwecken zum Beten oder dass wir sie mit Wasser und Brot verköstigen oder dass wir auf strikte Geschlechtertrennung achten. Was aber an das klösterliche Leben erinnert, ist die Klausur, die Abgeschiedenheit. Es ist ganz wichtig, dass die Leute, die aus aller Welt hierher kommen, sich für eine Woche lang verabschieden aus der Welt und hier nur miteinander kommunizieren. Und das ist eben ein klosterähnliches Leben.

Welchering: Dabei müsste man doch eigentlich so ein Kloster gar nicht mehr haben, um Leute aus aller Welt zusammenzubringen, dass die über ein Problem wirklich einmal nachdenken und vor allen Dingen sich einmal austauschen. Das geht doch heute im Zeitalter des Internets sehr viel besser. Braucht man da noch eine Begegnungsstätte aus Stein und Beton?

Wilhelm: Das ist interessant, die Informatiker werden in jeder Zeit verkaufen, dass man eigentlich im Zeitalter von Skype und Videokonferenzen so eine persönliche Begegnung nicht mehr braucht. Gleichzeitig kommen Sie aber, wenn man Sie nach Dagstuhl einlädt, alle persönlich, weil tatsächlich die unvermittelte Kommunikation, die direkte Kommunikation zwischen Leuten, unersetzlich ist. Es macht einen Riesenunterschied, ob Sie mit Ihrem Headset am Computer sitzen und mit jemandem kommunizieren oder ob sie in einer Gruppe sitzen in entspannter Atmosphäre, mit einer Flasche Wein vor sich, mit ein paar netten Leuten oder auch mit Leuten, die sie nicht so nett finden, und von positiven und negativen Emotionen gesteuert spintisieren können, Gedanken frei entwickeln können. Sie setzen sich nicht vor den Rechner mit ihrem Headset und fangen an, zu spintisieren. So eine Kommunikation über Rechner oder Telefon, die ist relativ gezielt, wenn Sie etwas Spezielles wollen. Aber das freie Spintisieren in einer Gruppe, wo sehr kreative Ideen herauskommen, das geht eigentlich nur, wenn man zusammen hockt.

Welchering: Also der gute Rotwein macht es, aber eben auch, dass sich Leute direkt gegenübersitzen und dann einfach auch der andere vermutlich besser auf seinen Kollegen eingehen kann, auf ihn einsteigen kann, und das, was der ihm zuwirft, aufnimmt als Gedanken?

Wilhelm: Es macht einfach viel aus, ob sie in einer Gruppe sitzen, wo sie ihren Konkurrenten sitzen haben, dem sie mal richtig zeigen wollen, was eine Harke ist, oder wo eine hübsche Frau sitzt, der sie imponieren wollen. Das sind alles Momente, die Sie vor ihrem Rechner sitzend nicht haben. Das muss man sich einfach klar machen: es gibt sozusagen einen situativen Kontext, indem Sie besser funktionieren als alleine vor dem Rechner.

Welchering: Was passiert eigentlich mit den Ideen, die dabei entstehen? Bleiben die nur hier im Kloster oder werden daraus wirklich Produkte, gehen die nach draußen?

Wilhelm: Die Ideen, die hier entwickelt wurden, haben den Weg in die Realität gefunden. Ein Beispiel: da waren wir vor 15 Jahren schon in einem der ersten Seminare und haben ein schweres Problem bei der Implementierung von Programmiersprachen gelöst. Da saßen 25 Leute zusammen, haben meine Stunde diskutiert, es gab ungefähr vier Probleme am Anfang, und am Ende dann noch anderthalb. Zwei von den Leuten haben sich hingesetzt und ein Werkzeug entwickelt, was öffentlich verfügbar ist und was inzwischen alle Welt benutzt.

Welchering: "Land der Ideen", von dieser Initiative ist Schloss Dagstuhl heute zum ausgezeichneten Ort ernannt worden. Wird das Konsequenzen haben auf den Lehr- und Seminarbetrieb?

Wilhelm: Das muss man ein bisschen relativieren. Also wir arbeiten jetzt seit 16 Jahren hier und es sind tausende von Informatikern hier durchgegangen. Da ist die Erhebung zum Ort im Land der Ideen relativ marginal, das muss man sich ganz klar machen. Unsere kontinuierliche Arbeit ist das, was zählt, und wir freuen uns über die Auszeichnung, aber die wird uns nicht entscheidend voran bringen.

Welchering: Was Sie entscheidend voran bringt, ist wahrscheinlich wirklich so ein Programm, das über viele Jahre einfach aufgebaut sein muss. Was ist da der Mindestzeitraum?

Wilhelm: Wir haben etwa einen Vorlauf von ungefähr eineinviertel bis anderthalb Jahren, wir haben ein Antragsverfahren auf Veranstaltungen hier, wir haben eine sorgfältige Begutachtung, und was eigentlich zählt, ist die Qualität, die wir garantieren für die Veranstaltung. Wenn jemand aus Australien einfliegt, dann will er wissen, die Woche lohnt sich. Das ist ja sehr aufwändig, und wir garantieren, dass es sich lohnt.

Manfred Kloiber: Und hier nach Wadern sind etliche Wissenschaftler diese Woche eingeflogen. Und zwar Roboterforscher, die sind hier in Klausur gegangen und haben sich vom diesjährigen RoboCup 2006 in Bremen erholt. Das meine ich überhaupt nicht despektierlich, sondern rein inhaltlich, denn während dieser großen Weltmeisterschaft der kickenden Roboter schnappen die Wissenschaftler nicht nur interessante Eindrücke auf, sondern sie sammeln ja auch jede Menge wissenschaftlicher Erfahrungen und Daten. Das alles wurde hier in dieser Woche nachbereitet. Ein ganz großer Diskussionspunkt waren im RoboCup, aber auch hier in Dagstuhl, die Chancen der Roboter, die auf zwei Beinen kicken. "Lara" ist so ein humanoider Roboter und steht neben mir, zusammen mit ihrem Entwickler Robert Kratz von der Technischen Universität Darmstadt. Herr Kratz, was ist denn so besonders an der Roboterdame Lara?

Robert Kratz: Das Besondere an Lara ist, dass sie nicht mit Motoren angetrieben wird, sondern mit künstlichen Muskeln. Dadurch wird Lara wesentlich leichter als herkömmliche Roboter und hat auch die Möglichkeit, ein ganz anderes Aussehen zu erlangen, also nicht mehr auszusehen wie ein Roboter als Raumfahrer, sondern sie sieht wesentlich lockerer und leichter aus und auch weiblich.

Kloiber: Lara ist 1,30 Meter groß, sie sieht sehr futuristisch aus, aber man sieht ganz deutlich einen Körper, der dem menschlichen Körper ziemlich nachgeahmt ist. Sie haben eben die künstlichen Muskeln angesprochen. Hier sieht man so ganz dünne Fädchen, die an den Gelenken ziehen. Wie funktionieren diese elektrischen Muskeln?

Kratz: Bei den Muskeln handelt es sich um eine Form-Gedächtnis-Legierung, also ein Material, das unter Zufuhr von Energie einen vorher eingeprägten Zustand wieder annehmen kann. In diesem Fall ist der eingeprägte Zustand ein kontrahierter, also ein zusammengezogener Zustand. Und wenn wir dem Muskel Energie zuführen, ziehen sie sich zusammen und damit können wir beispielsweise ein Bein anheben.

Kloiber: Ein Bein anheben, das würde ja bedeuten, dass Lara auch laufen kann. Haben Sie denn Lara schon zum Laufen gebracht?

Kratz: Leider noch nicht, also die Entwicklungszeit von Lara ist noch sehr kurz, wir arbeiten jetzt seit neun Monaten an Lara. Auch Laras Äußeres ist am Sonntag, bevor wir nach Bremen gefahren sind, fertig geworden. Das wurde in der Hochschule für Gestaltung in Offenbach entwickelt. Wir werden jetzt versuchen, im Laufe der nächsten ein bis zwei Wochen dann die ersten Laufbewegungen durchzuführen. Was wir gemacht haben, war, dass Lara auf einem Bein stehen kann und einen Fußball schießen. Das war auch unsere Qualifikation, um in Bremen überhaupt antreten zu dürfen mit dem Roboter. Wenn wir keine technischen Probleme gehabt hätten, wären wir auch gerne beim Wettbewerb dabei gewesen und hätten mitgemacht.

Kloiber: Was bedeutet das denn, wenn Sie jetzt sagen, Sie wollen Lara das Laufen beibringen? Was müssen Sie dafür alles tun? Ich denke, das ist doch vor allen Dingen erst einmal lernen. Wie funktioniert das überhaupt, mit den Muskeln Beine bewegen, Laufen lernen?

Kratz: Das Erste, was wir machen mussten, war, für die Muskeln eine Regelung zu entwickeln, dass wir Zwischenpositionen anfahren können, also nicht nur den Zustand "zusammengezogen" oder "entspannt", sondern auch "halb zusammengezogen". Seit wir das können, haben wir eine Software geschrieben, der wir Positionen beibringen können. Das heißt, wir stellen Lara in eine Position, zum Beispiel aufrecht auf zwei Beinen. Und als nächstes aufrecht auf einem Bein, dass sie ein Bein in der Luft hat. Der nächste Schritt wäre dann, ein Bein nach vorne zu bewegen und das wieder absetzen zu lassen. Das sind vier Grundschritte für einen ersten Schritt in einer Laufbewegung. Was wir dann machen, ist, dass wir diese einzelnen Schritte in eine Software eingeben, die dann berechnet, wie wir von Position zu Position fahren können, ohne dass der Roboter dabei umgekippt.

Kloiber: So mühsam kann einerseits das Laufenlernen für einen Roboter sein, aber so mühsam kann auch Informatik sein, herzlichen dank Robert Kratz von der technischen Universität Darmstadt.

Peter Welchering: Die Weltmeisterschaft der kickenden Roboter war natürlich auch für Abiturienten und Studienanfänger eine Riesensache. Informatik sei doch klasse, so war in Bremen auf dem RoboCup-Gelände von Abiturienten zu hören, die gerade ihre Prüfungen hinter sich gebracht hatten. Wenn das mit den Robotern so spannend sei, dann würden sie auch Informatik studieren. Also solche Ereignisse wie der RoboCup regen offenbar an, sich mit Informatik näher auseinander zu setzen. Neben mir steht Reinhard Lafrenz. Herr Lafrenz, Sie kümmern sich an der Universität unter anderem sehr stark um den Informatiker-Nachwuchs. Wie stark hat denn der RoboCup Informatikstudenten jüngerer Semester motiviert, sich mit den manchmal ja etwas komplexen und schwierigen Algorithmen für die Robotersteuerung auseinanderzusetzen?

Reinhard Lafrenz: Das Interesse der Informatikstudenten ist natürlich sehr hoch. Gerade wenn man auch in der Presse auftaucht, wenn man sieht, dass ein Team einen Riesenerfolg hat, was natürlich auch unfair ist gegenüber anderen Teams, ist die Resonanz sehr groß. Die Leute kriegen sehr schnell mit, dass es sich um interdisziplinäre Projekte handelt. Das ist es ja auch, was in anderen Projekten nicht so stark ausgeprägt ist. Robotik bietet die Möglichkeit, sowohl Aspekte des Maschinenbaus, aus der Elektrotechnik, aber auch komplexere Algorithmen, von theoretischen Ansätzen her, sehr viel verschiedenes Wissen zu integrieren. Und die meisten Studenten haben eine sehr hohe Motivation, auch gerade in solche Projekte hinein zu kommen.

Welchering: Kommen denn auch schon einmal Erstsemester vorbei und sagen "Mensch, RoboCup ist demnächst in Bremen, da möchte ich gerne mitmachen bei euch"?

Lafrenz: Ja, durchaus. Die Resonanz ist vom ersten Semester bis zu Leuten, die kurz vor dem Diplom stehen, die dann auch Diplomarbeiten bei uns nachfragen. Wir versuchen natürlich, möglichst viele im Team zu integrieren. Das heißt, man kann sich durchaus auch freiwillig engagieren, man kann auch im Rahmen von Studienarbeiten, von Seminaren sehr viel Erfahrung sammeln. Aber es gibt auch Leute, die nur interessenhalber vorbeikommen, einfach einzelne Fragestellungen gerne einmal durchdiskutieren wollen und die dann nur Interesse an speziellen Fragestellungen haben. Aber der interdisziplinäre Anteil ist eigentlich das, worauf die meisten abzielen.

Welchering: Gegenwärtig wird wieder über den fehlenden Informatikernachwuchs geklagt. Wäre es dann nicht eine prima Sache, wenn auch Leute wie Sie mit einem Roboter oder mit Ergebnissen vom RoboCup stärker in die Schulen gehen würden und den Abiturklassen, den Oberstufenklassen einfach einmal zeigen würden, was ist da alles machbar?

Lafrenz: Es gibt ja durchaus Projekte, die auch in die Schulen gehen. Als es gibt zum Beispiel dieses Roberta-Projekt von Fraunhofer-Instituten, die starken Kontakt zu den Schulen haben. Wir von unserer Seite haben den so genannten Girls-Day, das heißt da werden junge Mädchen, junge Frauen in der Oberstufe, typischerweise in der elften oder zwölften Klasse angesprochen, dass sie dann einmal für ein paar Stunden oder ein paar Tage an der Universität Schnupperkurse machen können und dort erste Einblicke gewinnen in das, was dann auf sie zukäme, wenn sie Informatik beginnen würden zu studieren.

Welchering: Das scheint ja von den Informationen her oder auch, um ein Gefühl dafür zu bekommen "ist Informatik etwas für mich" sehr erfolgreich zu sein. Es wird ja immer die hohe Studienabbrecherquote gerade in den ersten Semestern beklagt. Wäre es da nicht sinnvoll, über eine neue Verteilung der Studieninhalte nachzudenken, damit nicht gleich in den ersten Semestern so viele Leute scheitern?

Lafrenz: Da wird ja darüber nachgedacht. Wir sind ja bundesweit momentan in einer Umstrukturierung von einem klassischen Diplomstudiengang in Informatik hin zu dem Bachelor-Master-System. Einige Bundesländer, soweit ich informiert bin, hat Berlin bereits umgestellt, andere Bundesländer ziehen jetzt nach. In Stuttgart ist die Diskussion noch nicht so weit fortgeschritten, die Inhalte, soweit ich weiß, sind noch nicht komplett festgeklopft für die beiden Studiengänge. Aber ich denke, das ist eine wirkliche Chance, um mir einiges in Bewegung zu bringen.

Welchering: Was wird sich denn hier verändern durch die Umstellung auf den Bachelor-Studiengang? Wird dann einfach der gesamte Studienplan ein bisschen verkürzt oder anders, besser verteilt, so dass er didaktischer wird?

Lafrenz: Ich hoffe nicht, ich hoffe, dass sich mehr ändert, dass dann viele Inhalte, die erst relativ spät im Hauptstudium gebracht werden, die typischerweise eher praktischer Natur sind, schon in diesen Bachelor-Studiengang integriert werden, während einige theoretische Aspekte, die normalerweise Teile des Grundstudiums sind, dann in den Master-Studiengang verlegt werden.

Manfred Kloiber: Einer, der das harte Informatikstudium gescheut hat und deshalb nur Physik studiert hat, ist Philipp Slusallek von der Universität des Saarlandes. Dafür lehrt er heute Informatik, beschäftigt sich mit dem sehr innovativen Thema Ray-Tracing, also im weitesten Sinne mit sehr realistischer Computergrafik. Er ist Sprecher des saarländischen Kompetenzzentrums Informatik. Herr Slusallek, muss man aus Ihrer Sicht die Informatik mit einem Kompetenzzentrum oder gar einem Informatikjahr aufpäppeln, weil sie sonst als Wissenschaft kaum wahrgenommen wird?

Philipp Slusallek: Ich denke nicht, dass man das muss. Die Informatik ist natürlich eine Wissenschaft, die auch ganz exzellente wissenschaftliche Arbeiten macht. Aber wir haben natürlich auch einen Auftrag, diese wissenschaftliche Arbeit, die oft im Verborgenen geschieht, die oft auch nicht direkt zugänglich ist dem allgemeinen Bürger auf der Straße, das eben auch weiterzuvermitteln. Dazu braucht es dann tatsächlich durchaus so eine Einrichtung wie eines Kompetenzzentrums etwa an der Universität Saarbrücken, die vielen verschiedenen Facetten, die also von der Computerlinguistik bis zur Bioinformatik, bis zur Mechatronik, Sensorsteuerung, bis zur theoretischen Informatik und bis zur Mathematik reicht, zusammenfasst und das nach außen auch so darstellt, dass es vertretbar ist, dass es verstehbar ist und eben nicht nur den Spezialisten, die sich etwa hier auf Schloss Dagstuhl treffen, verständlich ist, sondern weit darüber hinaus.

Kloiber: Aber dennoch gibt es bei der Informatik immer das Profil, dass die einen glauben, Informatik ist eine Ingenieurwissenschaft, die anderen glauben, dass es eher eine Naturwissenschaft ist. Sie kommen aus der Naturwissenschaft, fehlt es da nicht an wirklich eigenständigem, akademischem Profil?

Slusallek: Nein, das glaube ich überhaupt nicht. Die Informatik hat ein sehr klares Profil, sie beschäftigt sich natürlich nicht mit naturwissenschaftlichen Gesetzen, sondern typischerweise eben mit selbstgemachten Problemen, mit Artefakten, die wir produziert haben mit Computern, mit Robotern - wie wir sie hier gerade gehabt haben. Das Profil ist, glaube ich, sehr klar und das ist natürlich auch eine ganz wichtige Eigenschaft. Wenn Sie heute daran denken, dass ein Auto etliche Prozessoren beinhaltet, das ist eine ganz wichtige Aufgabe, die die Informatik dort erfüllt. Natürlich ist da, das ist vielleicht von außen nicht immer ganz klar zu sehen, eine Menge an wissenschaftlichen Arbeiten dahinter zu erledigen, dass das dann tatsächlich so reibungslos funktioniert und dass diese Ergebnisse, die wir erarbeiten, glatt in die technische Realisierung, in die Anwendung übertragen werden können. Auch dazu braucht man zum Beispiel ein Kompetenzzentrum, das diese Kontakte etwa in die Industrie verstärkt unterstützt und begleitet.

Kloiber: Aber hat denn eine Universität wie die des Saarlandes nicht genug eigene Kompetenz, muss da jetzt noch extra ein Kompetenzzentrum her und diese Aufgabe unterstützen?

Slusallek: Natürlich, Kompetenzzentrum ist jetzt nicht so in dem Sinne zu verstehen, dass da die Kompetenz ist, sondern das ist letztendlich ein Zentrum, dass die Kompetenzen, die an der Universität verteilt sind, bündelt und nach außen darstellt. Das Kompetenzzentrum hat zwei Mitarbeiter, die sich eben darum kümmern, diese Arbeiten, die an der Universität von Professoren geleistet werden, zu unterstützen. Ein Professor soll sich eben auf seine Forschungsarbeiten konzentrieren und sich nicht jetzt unbedingt damit herumschlagen, das möglichst gut darzustellen. Da kann man zum Beispiel eine Sprecherin für die Öffentlichkeitsarbeit einstellen, die das sehr effizient machen kann, sehr viel effizienter als das vielleicht ein Professor selber machen könnte, weil das doch eine sehr viel andere Aufgabe ist als einem Kollegen ein technisches Detail darzustellen oder das Ganze verständlich in die Presse herüber zu bringen.

Peter Welchering: Für eine Zwischenbilanz zum Jahr der Informatik haben wir uns natürlich auch den Oberinformatiker geholt. Matthias Jarke heißt er, hat einen Lehrstuhl an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und ist Präsident der Gesellschaft für Informatik, die das Jahr der Informatik mit ausrichtet. Also Herr Jarke, bekenne Sie mal Farbe: Was hat das Jahr der Informatik denn bisher gebracht?

Matthias Jarke: Das Jahr hat vor allen Dingen erst einmal sehr viel Bewusstsein geschaffen, wir sind an vielen Orten schon gewesen. Ungefähr die Hälfte der Veranstaltungen hat stattgefunden, alleine über 10.000 Kinder haben dabei die Kinder-Universitäten besucht. Es hat drei große Events bisher gegeben, die Mensch-Technik-Interaktion stand auf der CeBIT, auch in allen Medien gewesen ist der RoboCup, der früher in der Sendung schon angesprochen wurde und fast 20.000 Besuchern vor Ort hatte. Und als drittes ein Besuch von ungefähr 12.000 Kindern bei der Formel eins, wo sie Informatik im Auto anschauen konnten und das freie Training am Nürburgring besichtigen durften. Fast genauso wichtig neben der Schaffung von Bewusstsein in der Öffentlichkeit sehe ich allerdings auch das Schaffen von Bewusstsein in der Wirtschaft. Wir freuen uns sehr, dass zum Beispiel gestern gerade der BITKOM, der Branchenverband für Informations- und Kommunikationstechnik, erstmals in seiner Geschichte einen Wissenschaftskongress ausgerichtet hat in Dresden und dort sich eigentlich darauf festgelegt hat, das vorhin bereits angesprochene Nachwuchsproblem - uns fehlen ja bis 2010 größenordnungsmäßig 90.000 Ingenieure und Informatiker - dieses Nachwuchsproblem jetzt auch gemeinsam mit der Wissenschaft anzugehen.

Kloiber: Vergleicht man beispielsweise Medizin und Informatik miteinander – dann ist die Medizin immer zum Nutzen aller Menschen. Informatik ist zum Nutzen vieler Firmen und weniger der Menschen. Denn dank Informatik werden viele Arbeitsplätze wegrationalisiert. Stört Sie dieses negative Image nicht?

Jarke: Ich glaube nicht, dass das Image wirklich so negativ ist, zumal wenn man bedenkt, dass heutzutage auch Medizin natürlich kaum ohne Informatik funktioniert und ohne diese Informatik vermutlich viele Menschen schon ihr Leben verloren hätten. Die Arbeitsplatzproblematik ist natürlich richtig. Wir beobachten, dass viele traditionelle, große Firmen - wir hören es gerade aus den letzten Tagen wieder von der Allianz - jede Menge Arbeitsplätze abbauen und dann wird es natürlich für uns sehr wichtig, in Wachstumsbranchen wie es die Informatik sicherlich auch weiterhin sein wird, hineinzugehen. Da haben sie dann einen ganz interessanten Effekt, wir haben hier ja hauptsächlich auch über Forschung geredet, aber wenn die Firmen dann in Deutschland wirklich den Mut haben würden, unsere Ergebnisse auch einmal aufzunehmen, dann verzehnfachen sich schlagartig die Zahlen der dafür benötigten Arbeitsplätze. Eines der erfolgreichsten Forschungsergebnisse der letzten Jahre war sicherlich das MP3-Patent von Fraunhofer, wo Fraunhofer sich jedes Jahr über 100 Millionen Euro an Lizenzeinnahmen freut. Aber die Produkte und die Arbeitsplätze sind in Asien und den USA entstanden, obwohl man jahrelang vorher wie Sauerbier das der Deutschen Wirtschaft angeboten hat. Insofern sehen wir auch große Arbeitsplatzchancen.

Welchering: Diese Chancen müssten eigentlich auch von der Politik sehr viel stärker berücksichtigt, auch diskutiert werden, da müsste auch mehr umgesetzt werden. Wann haben Sie zuletzt mit Angela Merkel über die Informatik in Deutschland gesprochen?

Jarke: Ja, das ist schon ein bisschen her, aber gerade in diesen Tagen, man kann es vielleicht mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen, ist der sowohl eine Forschungsunion als auch ein Rat für Innovation bei der Bundeskanzlerin gegründet worden, in dem auch zwei Informatiker, einer aus der Wissenschaft und einer aus der Wirtschaft, sehr aktiv mitwirken und wo wir natürlich hoffen, dass das dann auch wie die gesamte Innovationsoffensive reale Ergebnisse zeitigen wird.