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Zu gut für die Tonne

82 Kilo Lebensmittel wirft jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr weg. Das hat das Bundesverbraucherministerium ermitteln lassen. Insgesamt entsorgen Industrie, Handel, Großverbraucher und Haushalte jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel als Abfall. Die Kampagne "Zu gut für die Tonne" will dagegen etwas tun.

Von Anja Nehls | 30.05.2012

    Knapp elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jedes Jahr im Müll. Für dieses Thema will jetzt das Bundesverbraucherministerium sensibilisieren zusammen mit dem Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. Die Kampagne heißt " Zu gut für die Tonne" – und die Dehoga will mit ihren Mitgliedsbetrieben gleich mit gutem Beispiel vorangehen – also mit Kantinen, Restaurants, und Großküchen, in denen immerhin 17 Prozent aller Lebensmitteabfälle entstehen. Kantinen, Restaurants und Großküchen können bereits beim Einkauf besser kalkulieren, weniger kaufen, dafür öfter und möglichst bei regionalen Anbietern. Ein ganz großes Thema ist es, auch wirklich die Lebensmittel zuerst zu verbrauchen, die am schnellsten verderben und Ingrid Hartges, die Dehoga Hauptgeschäftsführerin möchte, dass auch schon bei der Essensvorbereitung in der Küche mehr aufgepasst wird


    "Wenn es zum Beispiel um das Salatputzen geht oder Kartoffelschälen, da macht es einen Riesenunterschied, wie ich’ ne Kartoffel schäle oder ob da vielleicht ein Drittel weggeschnitten wird oder beim Salatputzen nachher der halbe Salat im Abfall landet. Das kann nicht sein, das kostet auch den Gastronomen richtig Geld."

    Ein anderes Thema sind die Reste, die nach dem Essen im Restaurant oder der Kantine auf den Tellern bleiben. Der Grund dafür ist häufig nicht, dass es nicht geschmeckt hat, sondern dass es einfach zuviel war. Mehr Wahlmöglichkeiten bei den Portionsgrößen soll der Gast deshalb ruhig häufiger beim Essengehen einfordern:

    "Es gibt Menschen, die nach kleinen Portionen fragen und viele Betriebe, viele Restaurants tragen dem auch heute schon Rechnung. Dabei muss man natürlich auch wissen, nicht jedes Produkt eignet sich auch dafür. Eine Forelle Müllerin ist eben eine Forelle Müllerin, die kann man halt nicht teilen oder ´ne Bratwurst."

    Allerdings: die Bratwürste, die bereits in der Küche übrigbleiben, können selbstverständlich am nächsten Tag verwertet werden – vorausgesetzt alle Hygienevorschriften werden eingehalten.
    Private Haushalte haben es da leichter. Aber: 61 Prozent aller weggeschmissenen Lebensmittel stammen aus Privathaushalten – also der weitaus größte Anteil – und nicht z.B. aus dem Supermarkt. Das geht es um die Reste vom Mittagessen, genauso wie um etwas schrumpelige Äpfel, halb aufgegessen Joghurts oder nicht gegessene Schulbrote – und zwei Drittel aller dieser Abfälle wären vermeidbar gewesen, weil die Lebensmittel eben noch nicht verdorben waren. Für private Hausfrauen und Hausmänner gibt es deshalb diesbezüglich jetzt Tipps im Internet, sagt Holger Eichele, der Sprecher von Verbraucherministerin Ilse Aigner:

    "Da geht um einen richtig geplanten Einkauf, um die richtige Lagerung, es kommt darauf an, wo man die Lebensmittel im Kühlschrank richtig platziert, damit sie auch länger halten. Es geht um die Bedeutung des Mindesthaltbarkeitsdatums, das immer noch viele Verbraucher mit einem Verfallsdatum verwechseln, bis hin zur Resteküche, wie verwerte ich Reste, die dazu beitragen können, die Lebensmittelabfälle ganz deutlich zu reduzieren."

    Die ganze Kampagne ist für den Lebensmittelfachmann Richard Rickelmann, den Autor des Buches "Tödliche Ernte" allerdings ein Witz. Wenn mit Unterstützung der Bundesregierung bei uns einfach viel zu viele Lebensmittel produziert werden, sei es kein Wunder, dass auch viel zu viele weggeschmissen werden:

    "In Deutschland gibt es seit Langem Überkapazitäten bei Fleisch und Milch und dennoch befinden sich bundesweit zurzeit 900 Mast- und Tierzucht- und Milchfabriken in Planung oder im Bau. Das heißt doch, dass die bestehende Überproduktion noch ausgeweitet wird. Es müsste auch ein Druck auf die Lebensmittelhandelskonzerne stattfinden. Es ist doch absurd, dass mir Bauern erklärt haben, die Kartoffeln angepflanzt haben, dass die ungefähr 40 bis 50 Prozent der Kartoffeln unterpflügen müssen oder an ihre Schweine verfüttern müssen, weil der Handel sie nicht abnimmt."

    Allein der Nahrungsmitteabfall der westlichen Länder würde ausreichen, den Hunger auf der Welt zu beseitigen, sagt Richard Rickelmann. Das Problem sei die mangelnde Wertschätzung von Essen hierzulande. Die Bundesverbraucherministerin strebt an, die Menge der unnötigen Lebensmittelabfälle bis zum Jahr 2020 um die Hälfte zu reduzieren.