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Zu klein für die Gesundheit

Umwelt. – Seit gut fünf Jahren gibt es in der Londoner Innenstadt die City-Maut. Für den Stadtsäckel war sie ein Erfolg, auch der Verkehr ging um ein Viertel zurück, doch die Auswirkungen auf die Gesundheit blieben eher gering. Das berichten Wissenschaftler jetzt in der britischen Fachzeitschrift "Occupational and Environmental Medicine".

Von Volker Mrasek | 28.02.2008

Mehr als sieben Millionen Menschen leben in London. Im Vergleich dazu war die Citymaut-Zone in ihren ersten vier Jahren ziemlich klein. Sie umfasste lediglich den innersten Stadtkern, mit gerade mal 200.000 Einwohnern:

"”In der ursprünglichen Zone liegen zum Beispiel Trafalgar Square, das Parlamentsgebäude, die City of London, unser Finanzdistrikt. Auch die Konzerthallen am Südufer der Themse. Beim Tower von London bin ich mir nicht ganz sicher, ob er nun noch innerhalb oder schon außerhalb liegt.""

Paul Wilkinson arbeitet selbst in dieser Citymaut-Zone, an der London University. Gemeinsam mit mehreren Fachkollegen beleuchtet er jetzt erstmals, welche Nebeneffekte die Verkehrsmaßnahme in ihren Anfangsjahren hatte: Wie stark gesundheitsschädliche Stickoxide und Feinstaubpartikel in London zurückgingen. Und welchen Nutzen das für die Bevölkerung hatte. Groß war er offenbar nicht:

"In unserer Studie haben wir den Schadstoff-Ausstoß aus den veränderten Verkehrsflüssen im Zentrum abgeleitet. Wir haben nicht die Daten der Messstationen verwendet, die es in London natürlich gibt. Denn dann hätten wir Wettereinflüsse miterfasst, die sehr stark sein können. Wir wollten aber die Wirkung der City-Maut herausfiltern. Und da zeigt sich, dass sie sehr gering war. Je nach Standort ging die Luftverschmutzung allenfalls um wenige Prozent oder Bruchteile davon zurück."

Sowohl von Feinstaub als auch von Stickoxiden weiß man, dass sie das Herz-Kreislauf-System angreifen und sogar lebensverkürzend wirken können. Und zwar umso mehr, je stärker man den Substanzen ausgesetzt ist. Wenn ihre Konzentration in der Londoner City abnimmt, sollten die Einwohner also davon profitieren. Auch diesen Effekt haben die Gesundheitswissenschaftler abzuschätzen versucht. Cathryn Tonne vom Londoner King’s College:

"”Nach unseren Abschätzungen gewinnen wir durch die Citymaut-Zone knapp 1900 zusätzliche Lebensjahre, bezogen auf die gesamte Londoner Bevölkerung. Man muss sagen: Auch das ist kein sonderlich großer Effekt. Zumal er erst nach zehn Jahren erreicht wäre.""

Gleichwohl halten Tonne und ihre Kollegen die weltweit beachtete Maßnahme nicht etwa für sinnlos. Paul Wilkinson betont, dass sie ja gar nicht zum Zwecke des Umwelt- und Gesundheitsschutzes eingerichtet worden sei:

"”Ich denke, man darf unsere Studie nicht so interpretieren, dass die City-Mautzone wirkungslos bleibt. Sie war anfangs sehr klein und ist ja deshalb eingerichtet worden, weil man weniger Verkehr und Staus im unmittelbaren Stadtzentrum haben wollte. Und nicht, um Schadstoffe zu reduzieren. Man könnte genauso gut argumentieren: Wir sehen positive Gesundheitseffekte selbst bei einem stark lokal begrenzten Projekt.""

Im vergangenen Jahr ist die Citymaut-Zone stark nach Westen erweitert worden. Und in diesen Tagen bekommt London zusätzlich eine Umweltzone. Sie umfasst nicht nur das Zentrum, sondern die ganze Stadt mit ihren sieben Millionen Einwohnern. Umsonst hinein dürfen künftig nur noch emissionsarme Autos, die anderen müssen zahlen. In diesem Fall ist Mediziner und Epidemiologe Wilkinson zuversichtlicher:

"”Das wird viel größere Auswirkungen haben. Denn diesmal wird ganz London abgedeckt. Und die Maßnahme zielt dezidiert darauf ab, dreckige Fahrzeuge aus der Stadt herauszuhalten und die Luftqualität zu verbessern. Wenn wir unsere Studienergebnisse extrapolieren, und immerhin sehen wir ja auch in der City-Mautzone schon gewisse Effekte, dann sehen wir: Die Umweltzone wird spürbare gesundheitliche Verbesserungen bringen.""