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StartseiteMarkt und MedienZu kritisch berichtet12.02.2011

Zu kritisch berichtet

Moskau hindert "Guardian"-Korrespondent an der Einreise

"Dieses Land ist für sie geschlossen", mit diesen Worten wurde dem britischen Journalisten Luke Harding von einem russischen Grenzoffizier in Moskau die Einreise verweigert. Er soll zu kritisch berichtet haben.

Von Robert Baag

Britischer Journalist darf nach Russland einreisen. (dradio.de)
Britischer Journalist darf nach Russland einreisen. (dradio.de)
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Pavel Gusjontov vom Russischen Journalistenverband sieht keinen Anlass, sich zu wundern. Sein Kommentar im Radiosender "Echo Moskvy" zur Einreisesperre für Luke Harding fällt knapp aus:

"Der englische Journalist ist von ihnen so behandelt worden wie sie schon seit einiger Zeit mit Journalisten umgehen."

Mit "sie" meint Gusjontov die russischen Grenzsoldaten, die dem Inlandsgeheimdienst FSB unterstehen, dem Nachfolger des ehemaligen berüchtigten sowjetischen Geheimdienstes KGB. FSB-Grenzer hatten jetzt Luke Harding, den Moskau-Korrespondenten der britischen Tageszeitung "Guardian" bei der Wiedereinreise auf dem Flughafen zunächst festgehalten und danach ohne weitere Angabe von Gründen in die nächste Maschine zurück nach England verfrachtet. Einziger Kommentar des Grenzoffiziers für Harding: "Dieses Land ist für Sie geschlossen!" - So ist der Journalist anschließend zitiert worden. Die Reaktion in Großbritannien folgt umgehend. Ein Abgeordneter der Labour-Party verlangt von der britischen Regierung den für übermorgen geplanten zweitägigen Arbeitsbesuch von Außenminister Sergej Lavrov in London so lange aufzuschieben, bis der Guardian-Korrespondent wieder zu seiner Familie und Arbeitsstelle nach Moskau zurückkehren darf. Die russische Gegenreaktion schwankt zwischen Aufregung und Trotz. Konstantin Kossatschov, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses in der Duma, dem russischen Parlament:

"Die Initiative des Labour-Abgeordneten sehe ich als innenpolitisch motivierte Aktion der Opposition. Aber was den Journalisten angeht: Da handelt es sich wohl weniger um eine Einschränkung der Pressefreiheit. Er hat irgendwelche Vorschriften verletzt. Die Art und Weise allerdings, wie man ihn aus unserem Land hinauskomplimentiert hat, scheint nicht korrekt und fehlerhaft gewesen zu sein. Denn sofort ist das für alle möglichen falschen Unterstellungen gegen uns benutzt worden."

Das russische Außenministerium argumentiert formal. Harding habe es versäumt, seine Akkreditierung vor der Rückkehr nach Moskau zu erneuern. Allerdings hält sich hartnäckig die Vermutung, dass Harding den FSB schwer verärgert habe, weil er - auf WikiLeaks-Quellen gestützt - dem damaligen russischen Präsidenten und heutigen Premier Vladimir Putin ein Mitwissen an dem Giftanschlag auf den FSB-Überläufer Litvinenko in London vor über drei Jahren zuschreibe. Ein weiterer Harding-Artikel, der Russland unter Putin als "Mafiastaat" bezeichnet, soll in weiten Teilen ebenfalls auf bei der Internetplattform WikiLeaks veröffentlichten US-Dokumenten beruhen.

"Wir sind über die Entscheidung der russischen Behörden schockiert", meldet sich Mitte der Woche Lisa Vidal für die Reporter ohne Grenzen zu Wort. Zum ersten Mal seit vielen Jahren werde ein ausländischer Korrespondent aus Russland abgeschoben. Dies sei ein sehr hartes Signal an alle dort arbeitenden Auslandskorrespondenten. Die russischen Behörden wollten sie damit offenbar warnen, delikate Themen zu bearbeiten. Sie würden zur Selbstzensur aufgefordert, sollten sie weiter aus Russland berichten wollen. Diese Vorgehensweise, so Vidal, könnte sich jetzt bei anderen Korrespondenten wiederholen."

"Wird man uns im Ausland jetzt besser respektieren, weil wir diesen unglücklichen Engländer nicht mehr ins Land gelassen haben?", fragt sarkastisch Pavel Gusjontov vom russischen Journalistenverband.

"Wird man uns jetzt mehr glauben? Wird man uns jetzt mit weit geöffneten Armen begegnen, wenn wir in Europa wieder einmal um visafreien Reiseverkehr bitten? - All dies muss man doch vor solch einem Schritt abwägen. Aber wie läuft das bei uns ab? Die entsprechenden Leute handeln erst und denken dann nach ... Am Ende sehen wir halt dumm aus."

Dem russischen Außenamts-Sprecher Lukashevitsh bleibt der vorläufig abschließende Part vorbehalten:

"Wenn Herr Harding weiterhin wünscht, in Russland zu arbeiten ", so Lukashevitsh, "dann möge er sich an die russische Botschaft in London wenden. Dort ist man bereit, ihm das entsprechende Visum auszustellen."
Und im Übrigen: die Reise von Außenminister Lavrov am Montag nach London? - Sie findet statt. Wie geplant.

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