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StartseiteUmwelt und VerbraucherDie Schweiz sucht ein Atommüll-Endlager 14.03.2014

ZürichDie Schweiz sucht ein Atommüll-Endlager

Wie lagert man Atommüll sicher für mehr als eine Million Jahre? Diese Frage macht auch den Schweizern Kopfzerbrechen. Die Schweizer haben Alternativen zu den Salzstöcken, die hierzulande mit Gorleben lange Zeit erste Wahl waren.

Von Thomas Wagner

Aktivisten von Bündnis 90/Die Grünen protestieren in Düsseldorf in Schutzanzügen und mit "Atommüll"-Fässern. (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Die Endlagersuche stellt für alle Länder ein Problem dar. (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Weiterführende Information

Suche nach Atommüll-Endlager kann beginnen (Deutschlandradio, Aktuell-Archiv, 05.07.2013)

Weiterhin Streit um Atommüllendlager-Suche (Deutschlandradio, Aktuell-Archiv, 31.05.2013)

Höhn: Atommüll-Exporte erschweren Endlagersuche im eigenen Land (Deutschlandfunk, Interview, 05.01.2013)

Die Lösung liegt… ganz tief unten.

"Sprechen wir über ein Lager für hoch radioaktive Abfälle. Bei Ihnen heißt das "Wärme entwickelnde Abfälle". Sprechen wir von einer Tiefe von rund 600 Metern."

So tief, glaubt Markus Fritschi, Chef der "Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle" der Schweiz, kurz NAGRA, wird der Atommüll einmal versenkt werden. Die NAGRA hat eine delikate Aufgabe: Sie muss ein Plätzchen finden für das erste Atommüll-Endlager der Schweiz, ist dabei aber wesentlich weiter als Politik und Energiewirtschaft in Deutschland: Sechs potenziell mögliche Standorte hat die NAGRA ausgewählt; die sollen in den kommenden Jahren weiter untersucht werden. Denn während die Fachleute in Deutschland bisher auf Salzstöcke als mögliche Lagerstätten setzten, bevorzugen die Schweizer einen anderen Untergrund: Opalinus-Ton.

 "Wenn ich auf die Erdgeschichte zurückblicke, dann stelle ich fest, dass unser Opalinuston vor 180 Millionen Jahren gebildet wurde. Er ist über diesen Zeitraum stabil geblieben."

Was nach Ansicht des Schweizer Endlager-Experten ein Garant dafür ist, dass es im Opalinus-Ton auch die nächsten eine Million Jahre stabil zu geht; solange nämlich strahlt der zu entsorgende Atommüll. Doch halten die Opalinus-Tonschichten tatsächlich das, was sich die Endlager-Experten davon versprechen? Mittlerweile kommen immer mehr Zweifel auf.

"In der Schweiz hat man ein extrem fragiles Gestein ausgelesen für die Entsorgungsanlage.  Wir reden über die ersten 200 Jahre, in denen das Lager noch offen ist. Und wenn da Wasser zuläuft, dann kann sich dieser Ton verflüssigen. Und die Lageranlage bricht zusammen."

Der Genfer Geologe Professor Walter Wildi war einst Präsident der Schweizer Kommission für die Sicherheit von Kernanlagen, gilt heute als scharfer Kritiker des aktuellen Entsorgungskonzeptes seines Landes. Das Beispiel zeigt: Untergründe, die auf den ersten Blick stabil und sicher zu sein scheinen, sind bei näherem Hinsehen gar nicht mehr so sicher; darauf jedenfalls deutet die Uneinigkeit der Experten hin. Das gilt auch für das deutsche Konzept. Beispiel. Das umstrittene Bergwerk Asse 2 in Niedersachsen, eine Art "Versuchs-Endlager."

Allerdings detektierten die Fachleute schon vor einigen Jahren Laugen mit stark erhöhter Radioaktivität, was erhebliche Zweifel an der Eignung eines Salzstockes aufkommen ließ. Für Mathias Edler, Atomexperte bei der Umweltorganisation Greenpeace, zeigen beide Beispiele eines sehr deutlich: Aus seiner Sicht brauchen die Experten sehr viel Zeit für die Planung eines Endlagers. Und daran setzt seine Hauptkritik am neuen Endlager-Suchgesetz hierzulande an: Das nämlich räumt den Fachleuten diese Zeit gerade nicht ein, sondern fordert die Fertigstellung eines Endlagers bereits bis im Jahre 2035.

"Die Zeitpläne sind völlig unrealistisch. Und das sagen alle, die sich mit der Materie beschäftigen. Wenn man das in dieser Eile macht, dann wird man mit Sicherheit nicht den bestmöglichen Standort finden. Hochradioaktive Abfälle, etwa 1600 Castoren, bildlich gesprochen, sollen da in einem Salzstock oder in einem Tonstandort gelagert werden. Wenn das etwas schiefgeht, ist das irreversibel. Jeder Castor enthält die gesamte Menge an Radioaktivität, die in Tschernobyl freigesetzt wurde."

Daneben führt Mathias Edler noch ein weiteres Argument gegen ein allzu hastiges Vorgehen bei der Suche nach einem Endlager-Standort an: Wenn’s zu schnell geht, stellt sich die Bevölkerung am ausgewählten Standort quer.

"Die Bürgerbeteiligung liegt auf dem Stand der 1970er Jahre. Wenn ich für die Bürger keine Akzeptanz wenigstens für das Verfahren erreiche, dann werde ich am Ende auch keine Akzeptanz für einen neuen Standort haben. Dann wird ich wieder scheitern. Und wenn ich scheitere, sind weitere Jahre verschenkt."

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