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Zuhause im Nirgendwo

Täglich kommen Flüchtlinge aus Somalia, einem Land am Rande des Kollapses, nach Kenia. Die Flüchtlingslager an der Grenze sind längst überfüllt und trotzdem werden sie zur neuen Heimat der Somalis, die dort für Jahre, bisweilen sogar Jahrzehnte leben.

Von Antje Diekhans |
    Sie kommen schon früh. Sobald die Sonne aufgeht, versammeln sich die Menschen vor den Toren am Flüchtlingslager Dadaab. Jeden Tag sind es Hunderte, die hier in Kenia, rund neunzig Kilometer hinter der Grenze, Schutz vor dem ständigen Krieg in ihrem Heimatland suchen. Seit fast zwei Jahrzehnten ist Somalia im Chaos versunken. Zuletzt terrorisieren vor allem radikal-islamische Gruppen die Bevölkerung. Ladan, eine Frau Anfang 30, floh mit zwei Kindern, als die Milizen ihr Dorf stürmten.

    "Es gab Kämpfe. Die Menschen sind wild durcheinandergelaufen. Ich habe meinen Mann und die anderen beiden Kinder verloren. Ich weiß bis heute nicht, wo sie sind."

    Ladan ließ alles hinter sich. Sie besitzt nichts mehr - außer ein wenig Kleidung. Mit ihrer zwölfjährigen Tochter und einem Baby hat sie Wochen gebraucht, um nach Dadaab zu kommen.

    "Die meiste Zeit waren wir zu Fuß unterwegs. Das war sehr anstrengend. Manchmal haben uns andere geholfen und uns ein kurzes Stück mitgenommen."

    In der Region im Süden Somalias, aus der sie stammt, wird die Lage noch durch lange Dürrezeiten verschärft. Die Menschen leiden Hunger. Hilfslieferungen kommen häufig erst gar nicht durch oder werden von den Milizen beschlagnahmt.

    "Wir sind hierhin geflohen, weil wir hoffen, versorgt zu werden. Es gibt Essen und Wasser. Die Kinder können zur Schule gehen. Wir wollen einfach Frieden."

    Für Ladan bedeutet Dadaab Hoffnung. Die Aussicht darauf, dass ihr Leben jetzt irgendwie weitergeht. Andere im Lager haben den Glauben daran verloren. Sie sind schon seit Jahren hier - Zuhause im Nirgendwo.

    In einem der drei Camps in Dadaab wird Essen verteilt. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen gibt Säcke mit den Grundnahrungsmitteln für rund zwei Wochen aus. Auch Osman holt seine Ration ab.

    "Ich bin im Februar 1992 angekommen. Ich lebe im Block D Null. Ich bin hier zur Schule gegangen und habe 1998 meinen Abschluss gemacht. Jetzt bin ich 32 Jahre alt."

    Mehr als sein halbes Leben hat Osman im Lager verbracht. Er hat geheiratet, seine Frau ist hochschwanger mit dem vierten Kind. Osmans Mutter, die damals mit ihm geflohen war, starb inzwischen in Dadaab.

    "Wir sind hier hingekommen, weil 1990 der Bürgerkrieg ausgebrochen war. Am schlimmsten war es 1991. Menschen wurden getötet, einfach erschossen. Wir lebten in der Grenzregion, nah an Kenia. Wir haben uns entschlossen, aus Somalia zu fliehen, um in Kenia Frieden zu finden."

    Osman lernte Dadaab noch in den Anfängen kennen. Für 90.000 Menschen war das Lager einst ausgelegt - inzwischen sind es fast 300.000, die hier leben. Das größte UNO-Flüchtlingslager der Welt. Ausreichend Platz ist nicht.

    "Je größer die Bevölkerung wird, desto größer werden auch die Probleme im Camp. Das ist etwas, was wir jeden Tag aufs Neue erleben."

    Geberländer und Hilfsorganisationen haben vor einigen Monaten einen Brief an die kenianische Regierung geschrieben. Dadaab muss dringend erweitert werden, heißt es darin. Zu den drei Lagern soll ein viertes hinzukommen. Aber die Regierung hält davon nichts. Die Einwohner der Orte rund um Dadaab sind ohnehin unzufrieden. Sie beschweren sich, weil die Menschen im Lager versorgt werden, während sie selbst in Dürrezeiten kein Wasser und zu wenig zu essen haben. Darum soll nicht noch mehr Land an die Flüchtlinge gehen - sie müssen mit dem auskommen, was da ist.

    "Es ist schwer, noch einen Platz zu finden. Wenn beispielsweise eine neue Familie ins Lager kommt, wird sie zwar registriert und bekommt eine Lebensmittelkarte. Aber wo die Menschen leben sollen, wissen sie nicht. Manchmal versuchen sie sogar, sich einen Platz zu kaufen. Nur das ist sehr, sehr teuer."

    Ladan ist in der Schlange für die Aufnahme im Lager vorangekommen. Papiere hat sie nicht dabei - die hat hier kaum jemand. Die zuständige Mitarbeiterin fragt Ladan nach ihrem Namen, dem ihrer Kinder und wo sie leben will.

    In Ifo - das ist eins der beiden größeren Camps - antwortet Ladan, in Block B. Sie bekommt ihre Karte, mit der sie Essen für sich und die beiden Kinder abholen kann. Um ihre Versorgung muss sie sich künftig keine Gedanken mehr machen. Aber die Ungewissheit darüber, was mit ihrem Mann und dem Rest der Familie geschah, quält sie.

    "Ich weiß nicht ob er noch lebt oder ob er getötet wurde; ob er und die beiden anderen Kinder überhaupt noch in Somalia sind."

    Sie hofft auf ein Lebenszeichen - irgendwann in den nächsten Wochen. Vorerst aber muss Ladan es allein schaffen, sich mit ihrem Baby und ihrer ältesten Tochter ein Leben in Dadaab aufzubauen.

    "Ich habe hier keine Verwandten. Aber ich habe einige meiner früheren Nachbarn aus Somalia hier getroffen."

    Es ist später Nachmittag, als Ladan mit ihren Kindern die Registrierungsstelle verlässt. Ihnen steht ein weiterer Fußmarsch bevor, rund zehn Kilometer bis zu ihrem Camp. Dann sind Ladan und ihre Töchter tatsächlich angekommen. Dadaab, das völlig überfüllte Flüchtlingslager, ist jetzt ihr Zuhause - vielleicht für Monate, vielleicht für Jahre.

    Bei Osman ist es ganz still. Nach all dem Geschrei und Trubel im Lager findet sich hier eine Oase der Ruhe. Osman bringt seinen Sack mit Lebensmitteln in das mit einem Zaun aus Zweigen abgesteckte Areal. Er hat ein kleines Haus. Es besteht zwar nur aus einem Raum, ist aber solide mit Lehmziegeln gebaut.

    "Das hier ist allein für meine Familie, es ist unser Schlafzimmer. Dann haben wir noch einen Schattenplatz draußen und einen Raum zum Kochen. Der ist für die Frauen, die sind dafür zuständig."

    Die Familie lebt vergleichsweise gut in Dadaab. Andere haben nur ein paar Zeltplanen. Trotzdem: Osman träumt davon, endlich aus dem Lager rauszukommen.

    "Es liegt alles in Gottes Hand. Aber wir haben Hoffnung, denn wir sind hier schon 1992 angekommen und viele andere konnten seitdem in ein anderes Land ausreisen. Wir gehen davon aus, dass es für uns auch bald soweit ist; vielleicht schon Ende dieses Jahres, oder früh im nächsten Jahr."

    Diese Hoffnung bleibt - von Jahr zu Jahr. In die USA, nach Kanada oder Australien könnte es gehen. So wie Osman warten darauf Zehntausende in Dadaab. Und jeden Tag kommen neue Flüchtlinge aus Somalia. Am frühen Morgen stellen sie sich wieder vor den Toren an.