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Zum 150. Geburtstag von Georg Simmel

Georg Simmel, geboren 1858 in Berlin, gestorben 1918 in Straßburg, ist nicht nur der Begründer der Soziologie und der Kulturwissenschaften, sondern hat auch wichtige philosophische Texte verfasst, wie die Einleitung in die Moralwissenschaften und Das individuelle Gesetz. Überhaupt steht das Individuum im Fokus seines Interesses, auch in seiner viel zu wenig beachteten umfänglichen Philosophie des Geldes aus dem Jahr 1900. Seine Themen sind eminent vielfältig, was allein die vorliegenden Neuerscheinungen verdeutlichen.

Von Hans-Martin Schönherr-Mann | 27.02.2008

    Bis vor ein paar hundert Jahren galt das Wissen noch als etwas Gewichtiges, gab es noch feste ethische Normen des Guten, lebten die Menschen noch in stabilen Verhältnissen. Doch seither wurden alle Wahrheiten auf den Kopf gestellt. Jeder, der eine Gewissheit zertrümmert, findet den Beifall des Publikums. In seinem Aphorismus Jenseits der Schönheit, der einer Sammlung von Schriften zur Ästhetik und Kunstphilosophie den Haupttitel verleiht, bemerkt Georg Simmel 1897 dazu:

    Nur bewaffnet mit dem großen Negationszeichen, verneinte man alles, was alle bejahten, und bejahte, was alle verneinten. Die Sonne dreht sich nicht um die Erde, wie es jedermann sieht - nein, die Sonne liegt muckstill und die Erde spaziert um sie herum; die Kultur, an der Jahrtausende gebaut haben, ist nicht etwa das Beste an der Menschenwelt - nein, die längst überwund'ne Natur ist das Wahre und wir müssen zu ihr zurück, statt vorwärts zu schreiten.

    Das einzige, was noch nicht negiert wurde, das ist die Schönheit, deren Wert und Würde niemand in Zweifel zieht, auch wenn auf Schleichwegen - und das 20. Jahrhundert wird da noch manches intensivieren - das Hässliche auch in der Kunst auftaucht. Das darf um so mehr verwundern, als die Schönheit ein harter Maßstab des Lebens ist, dem die Menschen trotz aller Anstrengungen nie gerecht werden. 'Aus dem Leben ein Kunstwerk machen!' das Programm Nietzsches, über den Simmel als einer der ersten schreibt, stellt die Menschen vor schier übermenschliche Aufgaben. Warum in aller Welt orientieren sich die Menschen denn nicht am Hässlichen, fragt Simmel:

    Ein Teufel muss die Schönheit erfunden haben, damit sie uns das Leben verleide. O sanftes, trautes, lebensverschönerndes Ideal der Hässlichkeit! Mit wie inniger Befriedigung würde unser Auge die Welt empfangen, mit wie ungestörten Harmonien würde sie unser Ohr erfüllen, wenn wir sie an der Sehnsucht nach vollendeter Hässlichkeit, statt an der nach vollendeter Schönheit messen wollten!

    Der Sammelband Jenseits der Schönheit deckt ein breites Spektrum an Themen ab, wie sie für den Begründer der modernen Soziologie und Kulturwissenschaften, Georg Simmel, typisch sind: beispielsweise Philosophie der Landschaft, Mode und Schmuck, über die Ruine, Venedig, Kunst und Christentum.

    Erst 1914 erhielt der in Berlin geborene und im September 1918 im gerade noch deutschen Straßburg gestorbene Simmel einen Lehrstuhl. Dass ihn der Weltkrieg zutiefst beeindruckte, bezeugt auch der jetzt erscheinende Bd. 23 der Gesamtausgabe, der auf über 1000 Seiten die Briefe zwischen 1912 und 1918 dokumentiert. Simmel schreibt am 12. Januar 1918:

    Wenn es gelingt diese Sehnsucht <nach einem="" geistigen="" leben="" jenseits="" (...)="" der="" gegenwart=""> in ein paar tausend deutschen Menschen über den Abgrund dieser Gegenwart hinüberzuretten, so wollen wir an der Zukunft Deutschlands nicht verzweifeln.</nach>

    Tief geprägt vom lebensphilosophischen Geist seiner Zeit konzentriert sich Simmel auf den sozialen Wandel, da soziale Strukturen tendenziell zur Instabilität neigen und äußerst zerbrechlich sind. Um so intensiver versuchen sie, das Individuum in seiner Bemühung um Selbstverwirklichung zu unterdrücken, so dass ein andauernder Konflikt zwischen individuellen Lebensformen und den sozialen Systemen herrscht. Nicht nur bleibt das Individuum isoliert. Auch die Erfüllung individueller Ziele führt zu keiner Befriedigung, sondern in permanente Unruhe, zu einer ständigen weitertreibenden Suche nach sich selbst. Daher versteht Simmel die Kulturentwicklung als einen für das Individuum unglücklichen Entfremdungsprozess, nämlich als einen Konflikt zwischen den sozialen Institutionen und der individuellen Lebendigkeit, beseelt ihn insgesamt ein tragisches Verständnis von Kultur.

    Da das Individuum dabei sein zentrales Thema ist, übernimmt die gleichfalls jetzt erscheinende Sammlung soziologischer Abhandlungen den Titel Individualismus der modernen Zeit, der zugleich der Titel einer der enthaltenen Texte ist. Darin geht Simmel zunächst von einer Verbindung zwischen der Idee der Gleichheit aller Menschen und der individuellen Freiheit aus:

    Freiheit wird dem 18. Jahrhundert zu der allgemeinen Forderung, mit der das Individuum seine mannigfachen Beschwerden und Selbstbehauptungen gegenüber der Gesellschaft deckte.

    Mit den Ideen von Freiheit und Gleichheit tritt das Bürgertum den Kampf gegen die Vorrechte des Adels und gegen die Despotie des Absolutismus an. Diese unterdrücken die Menschen wirtschaftlich, politisch und religiös. Würden solche repressiven Institutionen beseitigt, dann könnten sich die individuellen Kräfte voll entfalten. Simmel schreibt:

    Der so zu seiner Verwirklichung aufstrebende Individualismus hatte aber zur Grundlage die natürliche Gleichheit der Individuen, die Vorstellung, dass alle jene Bindungen künstlich geschaffene Ungleichheiten wären; und dass, wenn man diese mit ihrer historischen Zufälligkeit, ihrer Ungerechtigkeit, ihrem Druck beseitigte, der vollkommene Mensch hervortreten würde; und weil er eben vollkommen war, vollkommen in Sittlichkeit, Schönheit, Glück, so konnte er keine Unterschiede zeigen.

    Das 18. Jahrhundert interessiert sich für den Menschen im Allgemeinen, für sein Wesen, das allen Menschen gleichermaßen eignet, wie es allgemeine Naturgesetze gibt. Wenn man den Menschen von den sozialen und politischen Fesseln befreit, dann käme er diesem allgemeinen Wesen nahe. Die Befreiung, also die Freiheit realisiert letztlich die allgemeine Gleichheit der Menschen. Wenn der Mensch seine innerste Natur als Individuum selbstverantwortlich zu entfalten vermag, werden dadurch die Menschen auch glücklich. Individualismus und Gleichheit gehören somit zusammen. Simmel schreibt:

    Je mehr der Mensch zu seinem eigenen Herzen zurückkehrt, statt der äußeren Relationen seine innere Absolutheit erfaßt, um so stärker fließt in ihm, das heißt in jedem gleichmäßig, die Quelle der Güte und des Glücks.

    Erst das 19. Jahrhundert - Simmels Aufsatz stammt aus dem Jahr 1910 - begreift den Gegensatz zwischen Freiheit und Gleichheit. Wenn das Individuum endlich seine Freiheit auszuleben vermag, wird das zur Quelle erneuter tiefer Ungleichheit und Unfreiheit. Die Starken unterdrücken dann die Schwachen, die Klugen die Dummen, die Schnellen die Langsamen. Daraufhin will der Sozialismus den Individualismus zugunsten der Gleichheit aufheben. Von der Romantik bis zu Nietzsche reicht dagegen die Bemühung, den Individualismus in moderner Weise weiter zu entwickeln. Diesem geht es nicht mehr um die Gleichheit der Individuen, sondern um deren Einzigartigkeit. Simmel bemerkt:

    Nachdem die prinzipielle Lösung des Individuum von den verrosteten Ketten der Zunft, des Geburtsstandes, der Kirche vollbracht war, geht sie nun dahin weiter, dass die so verselbständigten Individuen sich auch von einander unterscheiden wollen; nicht mehr darauf, dass man überhaupt ein freier Einzelner ist, kommt es an, sondern dass man dieser bestimmte und unverwechselbare ist.

    So intensiviert sich im 19. Jahrhundert die Suche des Individuums nach sich selbst, nach seinem inneren eigentümlichen Kern, vor allem auch angesichts einer immer komplexeren und unübersichtlicher werdenden Umwelt, die die Religionen nicht mehr hinlänglich erklären konnten. Schon Goethe entwirft gegen Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre eine Skizze der individuellen Selbstverwirklichung, wie ein einzelnes Ich zu einem erfüllten Leben gelangt.
    Die Schattenseite davon zeigt sich längst im 19. Jahrhundert in der freien ökonomischen Konkurrenz, die die Menschen in ihrer Entfaltung wieder eminent einschränkt. Der Kulturentwicklung - so Simmel - wird das nach Erfüllung strebende Individuum letztlich doch unterliegen. Trotzdem sieht er auch noch einen Hoffnungsschimmer, wenn er schreibt:

    Lieber aber möchte ich glauben, dass die Idee der schlechthin freien Persönlichkeit und die der schlechthin einzigartigen Persönlichkeit noch nicht die letzten Worte des Individualismus sind; dass vielmehr die unabsehliche Arbeit der Menschheit immer mehr, immer mannigfaltigere Formen aufbringen wird, mit denen die Persönlichkeit sich bejahen und den Wert ihres Daseins beweisen wird.

    Während man in Individualismus der modernen Zeit soziologische Abhandlungen unter anderen über die Geschlechter-Differenz, über die Lüge, die Mahlzeit, über Dankbarkeit, Treue, Großstädte, Geiz und Rosen findet, enthält der ebenfalls jetzt erscheinende Bd. 18. der Gesamtausgabe Simmels Englischsprachige Veröffentlichungen 1893-1910. Denn Simmel publizierte viele Aufsätze in amerikanischen Zeitschriften. In den USA galt er daher lange Zeit als einer der herausragenden Soziologen, dessen Werke auch weitgehend ins Englische übersetzt sind und heute noch an Universitäten fleißig rezipiert werden.

    Literatur:

    Georg Simmel, Jenseits der Schönheit - Schriften zur Ästhetik und Kunstphilosophie,
    stw 2008, 437 S.

    Georg Simmel: Individualismus der modernen Zeit - und andere soziologische Abhandlungen,
    stw 2008, 394 S.

    Georg Simmel, Englischsprachige Veröffentlichungen 1893-1910, Gesamtausgabe Bd. 18, Suhrkamp 2008, 548 S.

    Georg Simmel, Briefe 1912-1918 - Jungendbriefe, Gesamtausgabe Bd. 23,
    Suhrkamp 2008, 1241 S.