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StartseiteBüchermarktDer moderne Epiker als Kritiker 28.07.2019

Zum 200. Geburtstag von Herman MelvilleDer moderne Epiker als Kritiker

Herman Melville ist bekannt als Autor der Klassiker "Moby Dick" und "Bartleby, der Schreiber". Ihm zu Ehren erscheint nun eine Sammlung seiner Gedichte, Artikel und Vorträge. Der Band zeigt, wie sich Melville von Seemannsgarn und Abenteuergeschichten abzusetzen versuchte.

Von Volkmar Mühleis

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Herman Melville: "Die große Kunst, die Wahrheit zu sagen" Zu sehen ist der Autor und das Buchcover (Cover: Jung und Jung Verlag / Foto: imago images / UIG)
Herman Melville: Die große Kunst, die Wahrheit zu sagen, erlaubt seines Erachtens keine Verfälschung zugunsten der Literatur (Cover: Jung und Jung Verlag / Foto: imago images / UIG)
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Die Wahrheit zu sagen, in welchem Zusammenhang mag dies als große Kunst erscheinen? Der Band "Die große Kunst, die Wahrheit zu sagen – Von Walen, Dichtern und anderen Herrlichkeiten" erhielt seinen Titel dank einer Äußerung Herman Melvilles, im Rahmen seiner literaturkritischen Arbeit. Von 1847 bis 1850 schrieb der US-amerikanische Romancier Buchkritiken für die Zeitschrift "Literary World". Einige davon sind in dem Band enthalten, so auch seine Lobeshymne auf den Erzähler Nathaniel Hawthorne. Eine Kritik ist für Melville immer auch Anlass, den jeweiligen Gegenstand allgemein einzuordnen. Und so bespricht er am Beispiel von Hawthorne das Verhältnis der damals jungen US-amerikanischen Literatur zur englischen. Der Inbegriff englischer Literatur ist Shakespeare. Im Guten, so Melville, steht Shakespeare für eben die große Kunst, die Wahrheit zu sagen, und zwar indirekt, wenn König Lear etwa, von Verzweiflung gepeinigt, die Maske herunter reißt und in vernünftigem Wahnsinn die Wahrheit ausspricht. Im Schlechten wiederum beobachtet Melville Shakespeare gegenüber eine angelsächsische Verehrung, die bereits zum Aberglauben geworden sei, als könnte niemand dem Vorbild gerecht werden. Gegen diesen Aberglauben schrieb er ebenso als Schriftsteller an wie als Kritiker – etwa mit den folgenden Zeilen, in seinem Artikel zu Hawthorne:

"Es ist besser, in Originalität zu scheitern, als in der Nachahmung erfolgreich zu sein. Der Mann, der niemals irgendwo gescheitert ist, kann nicht groß werden. Scheitern ist der wahre Prüfstein für Größe. Wenn man sagt, dass anhaltender Erfolg der Beweis dafür ist, dass ein Mann seine Kräfte klug einzuschätzen weiß, sollte man nur noch hinzufügen, dass er weiß, sie sind klein. Lasst uns also glauben, ein für allemal, dass es bei jenen glatten gefälligen Autoren, die ihre Kräfte kennen, keine Hoffnung für uns gibt."

Abschied vom Aktionismus

Ein Schlag ins Gesicht jeder professionellen Genügsamkeit, ein fernes Echo auch aus einem anderen Jahrhundert, in dem Originalität, Männlichkeit, Größe, Kraft und Hoffnung in einem Atemzug genannt wurden. Melville steht zwischen den Zeiten: Zu erfahren und nüchtern ist er, um nicht jeder Romantik und Verklärung zu misstrauen, zugleich strebt er nach mythischen Dimensionen der Literatur, die er zunächst tragisch beschwört – mit seinem Opus magnum "Moby Dick" – und schließlich im Nicht-Handeln zeigt, der Erzählung "Bartleby" oder auch der Kurzgeschichte "Rip Van Winkles Flieder", die am Ende der jetzt erschienenen Sammlung steht. Diese Geschichte handelt von einem Träumer ohne Sinn für materielle Verpflichtungen, und so verkehrt sich das anfängliche Liebesglück in einen häuslichen Albtraum. Seine Frau trägt Rip auf, einen Baum zu fällen:

"(…) als Rip, nicht länger Bräutigam, ihrem Befehl gehorchend, ihm mit einer nicht sonderlich scharfen Axt zu Leibe rückte und feststellte, dass die nötigen kraftvollen Hiebe den natürlichen Frieden seines Hirnkastens empfindlich störten, gab er zu seiner Schande auf, worauf die empörte Hausherrin persönlich zum Angriff überging. Doch der borkige Stamm war über die Maßen dick und unter der Borke von einer stumpfen, weichen Zähigkeit, sodass eine ungeschliffene Axt nichts ausrichten konnte. Kurzum, der altehrwürdige Baum blieb ein Monument des unwirksamen Triumphs beharrlicher Trägheit über krampfhafte Tätigkeit und wirkungsloses Werkzeug."

Melville war der Chronist eines imperialen Aktivismus im 19. Jahrhundert und wurde zu seinem schärfsten Kritiker. Von seinem früh verstorbenen Vater, einem New Yorker Kaufmann, erbte er nichts, sein Bruder, in dessen Pelzgeschäft er als Buchhalter angestellt gewesen war, machte bankrott. Immer wieder versuchte er als Lehrer zu arbeiten, doch keine Anstellung führte zu einem gesicherten Einkommen. So verdingte er sich als Schiffsjunge, erst auf einem Postschiff, dann im Walfang. Von seinen Reisen brachte er die Eindrücke für den Großteil seines Œuvres mit. So begann er 1846 seine literarische Karriere erfolgreich mit dem Debütroman "Typee", über seinen Verbleib auf der polynesischen Inselgruppe Marquesas, setzte die Erzählung fort, doch mit dem dritten Band der Trilogie schwand bereits das Interesse. Er schrieb einen maritimen Bildungsroman, "Redburn", widmete sich seiner Zeit auf einer Fregatte der US-Navy, um schließlich selbst zum großen Wurf anzusetzen, "Moby Dick", einem bitteren Epos über die Hybris des Menschen gegenüber natürlicher Kraft und Schönheit. Kapitän Ahab, die Hauptfigur des Romans, ist der Inbegriff des herrschsüchtigen, gekränkten, dämonischen Menschen, der um seines eigenen Glückes willen sein ganzes Schiff samt seiner Mannschaft mit in den Untergang reißt. Der einzige Überlebende, Ishmael, schildert die fatale Jagd auf den weißen Wal, wie sich Abenteuerlust in blankes Entsetzen verkehrt. Das Böse, so Melville in dem Band "Die große Kunst, die Wahrheit zu sagen", sei ein nicht zu tilgendes Element. Sein künstlerischer Höhenflug führte ihn zugleich in den finanziellen Ruin, "Moby Dick" wurde kommerziell ein Misserfolg. Über zweieinhalbtausend Seiten Prosa, sechs Romane, hatte der Autor in nur fünf Jahren publiziert, ein enormer Schaffensdrang, der sich in Geldsorgen, Depressionen und Krankheit verlor. Vor diesem Hintergrund entstanden die Geschichten der Abkehr vom Aktionismus. Und so heißt es in "Rip Van Winkles Flieder" weiter:    

"Im Monat der Blüten, lang nach Rips Verschwinden in den Bergwäldern, beizeiten gefolgt von dem noch rätselhafteren Abtauchen seiner Frau unter den Rasen des Tieflands, gefiel der rosa Flieder, der sich von dem grünlich verfallenen Haus abhob, einem verträumten Vagabunden, genauer gesagt einem jungen Künstler, bei seinen sommerlichen Streifzügen auf der Suche nach dem Malerischen so sehr, dass er eines schönen Nachmittags seinen großen Sonnenschirm vor diesen bewundernswerten Dingen aufspannte, seinen Kasten mit Farben, Pinseln und dergleichen öffnete und eine Skizze begann."

Die Moral von Zivilisation und Philosophie

Nach dem Scheitern wird das Verschwinden zum Thema, auf Land wie auf See. Das Kernstück in der Auswahl seiner Gedichte, Artikel und Vorträge bildet sein Aufsatz "Die Südsee", dargeboten am 9. Dezember 1859 in New York. Ein Auszug:

"Einmal hatte ich das Glück, nach fünf beschwerlichen Monaten auf See, ohne Land zu sichten, auf einer abgelegenen Insel landen zu dürfen, um nach Früchten zu suchen. (…) Unter den sechzig oder siebzig Bewohnern auf jener einsamen Insel entdeckten wir einen Amerikaner, der sich für immer dort niedergelassen hatte und anscheinend vollkommen 'eingebürgert' war. (…) Im Gespräch offenbarte dieser rechtschaffene Zivilisationsflüchtling eine ziemlich ungewöhnliche Geschichte. Er behauptete, an einem College seines Heimatlandes, dessen genauen Standort er klugerweise für sich behielt, als Professor für Moralphilosophie angestellt gewesen zu sein. Nun sei er jedoch zufrieden, das ruhige Leben eines Faulenzers zu führen, weit weg von den Pfaden rastlosen Ehrgeizes."

Um sich von Seemannsgarn und Abenteuergeschichten abzusetzen, präsentiert Melville seine Schilderungen in stets sachlichem Ton. Schon für seinen Debütroman rechtfertigte er sich, dass er darin den Tatsachen gemäß berichtet habe. Die große Kunst, die Wahrheit zu sagen, erlaubt seines Erachtens keine Verfälschung zugunsten der Literatur, vielmehr eröffne sich das Mythische erst in der Treue zum Leben, den Ereignissen und Begebenheiten. Der Autor verbindet einen nahezu journalistischen Anspruch mit dem seiner Kunst. Der Unterschied liegt in der jeweiligen Form – und damit ihrer entsprechenden Vielschichtigkeit. Während er in "Moby Dick" Erzählung, Sachbericht, Historie und Philosophie miteinander verzahnt und steigert, beschränkt er sich in den kurzen Texten aufs Wesentliche, genügt ihm die äußerste Pointe, sarkastische Überspitzung, etwa in seiner eigenen Zivilisationskritik, im Vortrag "Die Südsee":

"(…) leider muss ich gestehen, dass wir Weiße bei vielen Polynesiern einen schlechten Ruf haben. Die Eingeborenen jener Inseln sind von Natur aus freundlich und freigiebig, allerdings wurde ihnen ein beinahe instinktiver Hass auf den weißen Mann eingeimpft. Mit wenigen Ausnahmen halten sie uns und einige der Missionare für die barbarischsten, verräterischsten, frevelhaftesten und teuflischsten Kreaturen der Erde. Es könnte sich hierbei natürlich auch um ein blankes Vorurteil handeln, denn sind unsere Kaufleute diesen analphabetischen Wilden nicht stets mit brüderlicher Liebe begegnet? Wer hätte je von einem Schiff gehört, das die Ehre einer christlichen Flagge und den Geist des christlichen Glaubens verteidigte, indem es mit seinen Kanonen in einem armen kleinen Dorf am Meer ein willkürliches Blutbad anrichtete – die zerfetzten Bambushütten mit Blut und Hirn wehrloser und unschuldiger Frauen und Kinder bespritzt?"

Wilde Träume im Westen

Ein solches Massaker hatte etwa auf der Fidschiinsel Malolo stattgefunden, Melville kannte die entsprechenden Berichte. Die rhetorische Darbietung sollte nicht über seine entschiedene Kritik hinwegtäuschen: Solange die sogenannte Zivilisation des Westens in der sozialen Misere ihrer Armenhäuser, Gefängnisse und Erziehungsheimen gipfelt, sollte es ihr verboten sein, andere mit sich zu belästigen – damit enden seine Ausführungen zum Thema. Nicht weniger dezidiert äußert er sich literaturkritisch. Seine Ironisierung stereotyper Abenteuerromane liest sich wie ein entfernter Kommentar zu Karl May:

"(…) jeder, der den Wunsch hat, sich rückhaltlos dem ganzen gefahrvollen Zauber der Prärie zu überlassen, nachts in der freien Wildnis zu kampieren, Wache zu halten vor lauernden Indianern und Wölfen, durch Flüsse und Bäche zu waten, Büffel zu jagen, sie in vollem Galopp aus dem Sattel zu töten und danach schmackhaft gegrillte 'Büffelrippen' zu verzehren, mit indianischen Kriegern in ihren Dörfern zu hausen und die Gastfreundschaft höflicher, bronzefarbener Squaws zu genießen, von Kriegen und Gerüchten von Kriegen zwischen feindlichen Stämmen der Wilden zu hören, den wüstesten und phantastischsten kleinen Geschichten vom Leben im Grenzland und in der Wildnis zu lauschen; kurzum, jeder, der gern den Broadway und die Bowery verlassen möchte – aber nur in seiner Phantasie –, um in die Region des Wampum und der Kalumet zu gelangen, ins Land des Bibers und des Büffels, der Birkenrindenkanus und 'geräucherten Hirschlederhemden', wird Mr. Parkmans Buch mit Genuss lesen."

Die Zeiten, die Köpfe, die Bücher scheinen voll von Gerüchten und Verheißungen zu sein – "aber nur in der Phantasie", wie Melville anmerkt. Auch darin liegt die Aktualität seiner Betrachtungen, denkt man an heutige, mediale Versprechen und die wahren Nöte der Wirklichkeit. In seinen Reiseberichten widmet sich Melville der alten und neuen Welt, ebenso wie der Dialektik von Zivilisation und Barbarei. Dabei stellt sich ihm die Frage nach der Möglichkeit historischer Vergleiche, ähnlich wie uns heute, mit Blick auf seine, so lang schon vergangene Gegenwart. In einem Vortrag über Rom meint er:

"Hier, in ihren Skulpturen, erzählten die Alten von ihren Utopien. Der Vatikan selbst ist ein Kompendium der antiken Welt, so wie das Patentbüro in Washington für die moderne. Doch wie kann man das eine mit dem anderen vergleichen, wenn Dinge, die grundsätzlich verschieden sind, nicht zusammengebracht werden können? Welchen Vergleich könnte man zwischen einer Lokomotive und dem Apoll anstellen?"

Das Problem der Mächtigen

Alle Geschäftsleute in London, so schließt er, hätten zusammen nicht genug in ihren Tresoren, um einen neuen Apoll zu schaffen. Das alte Problem der Mächtigen bleibt ihnen erhalten: dass sie zur Darstellung ihrer selbst der Kunst bedürfen, und zu ihrer bleibenden Darstellung eine bleibende, über die Generationen hinaus verbindende Kunst, eine also, die Wesentliches berührt, für all diese unterschiedlichen Menschen. Das erste Gedicht der Sammlung ist ihr denn auch allein gewidmet, schlicht "Kunst" genannt:

"Stillvergnügt träumend denken wir an/ Manch wackeren unausgeführten Plan./ Ihm Form zu verleihen, ans Leben zu binden/ Müssen ungleiche Dinge sich finden;/ Die schmelzende Flamme – der Sturm aus Eis;/ Verzagen – Lebenslust, brennend und heiß;/ Demut – neben Verachtung und Stolz;/ Gefühl und Verstand – Lieben und Hassen;/ Kühnheit und Ehrfurcht sind zusammenzufassen,/ Sind im Kern zu verschmelzen in mystischem Dunst:/ Im Kampf mit Jakobs Engel – Kunst."

Nach seinen Romanen wandte Melville sich von dem Alltag eines freien Schriftstellers ab und nahm er eine feste Stelle als Zollinspektor im New Yorker Hafen an – und er wandte sich der Lyrik zu, veröffentlichte von 1866 bis zu seinem Tod 1891 nurmehr Gedichtbände und ein Versepos. Auch dazu bietet die Sammlung einen Einblick, sowohl was die autonome Lyrik betrifft als auch ihre Verschränkung mit Kurzgeschichten. Der vorliegende Band, "Die große Kunst, die Wahrheit zu sagen", wird so von Gedichten gerahmt, besitzt einen ersten Schwerpunkt in den literaturkritischen Arbeiten, um hier Reiseberichte anzuschließen und mit freien Kurzgeschichten zu enden. Eine sehr abwechslungsreiche, kurzweilige, für Neugierige wie Kenner äußerst ergiebige Lektüre – wobei anzumerken ist, dass eine deutschsprachige Gesamtausgabe der Lyrik fehlt und überaus wünschenswert wäre, die vergriffene Ausgabe der Library of America wird anlässlich des 200-jährigen Geburtstages von Melville diesen Sommer neu aufgelegt. Erstmals auf Deutsch erscheint in der Sammlung wiederum ein Brief Herman Melvilles an den Herausgeber der Zeitschrift "Literary World", in dem er drastisch darum bittet, ein Buch von Joseph C. Hart nicht besprechen zu müssen. Ein Ausschnitt:

"Ich öffne das Buch am Anfang & finde mich inmitten trister Gesetzgebung (…). Beim Weiterlesen entdecke ich verschiedene Auszüge aus dem Logbuch der Arche Noah – später stoße ich dann auf drei oder vier Stierkämpfe & dann wird mir eine Übersicht über alle Kommentare zu Shakespeare vorgesetzt, welcher 'unsrem Autor gemäß' ein Trottel & Lump gewesen ist (…)./ Man hat Sie furchtbar hereingelegt, mein lieber Sir." 

Spirituelle Wahrheit

Hier macht sich der Kritiker Luft – auch eine Art, die Wahrheit zu sagen, abseits der Kunst. Die Wahrheit zu sagen reicht sehr viel weiter als die Kunst es zu tun, um die es Melville im besten Fall ging. Gerade William Shakespeare galt ihm dafür als leuchtendes Beispiel, neben König Lear führt er auch Hamlet an, als eine Figur, die für Menschen Gültiges aussagt. "Die große Kunst, die Wahrheit zu sagen" bleibt ein künstlerisches Paradox, dass Literatur nicht im eigenen Medium gipfelt, sondern das Medium etwas wiedergibt, vom Leben, von möglicher Wahrheit. Diese Problematik stand den Romanciers des 19. Jahrhunderts scharf vor Augen, Herman Melville ebenso wie Leo Tolstoj, zum Beispiel. Melville scheut gleichermaßen nicht, von spiritueller Wahrheit zu sprechen:

"Die Welt ist heute so jung wie an dem Tag, da sie erschaffen wurde, und der Morgentau von Vermont ist für meine Füße genauso feucht wie der Tau Edens für Adams Füße. Auch wurde die Natur von unseren Vorfahren nicht dermaßen geplündert, dass für die nachfolgende Generation nichts an Zauber und Mysterium zu entdecken bliebe. Weit gefehlt (…)."

Hoffnung, so Melville, gäben nur Autoren, die zu scheitern bereit seien. An reichlich sich vervielfachenden Stoffen scheitere es jedenfalls nicht, große Literatur zu schreiben. Es geht um den Anspruch. Und um einen Fortlauf der Geschichte, in der sich das Scheitern einmal selbst zu bestätigen schien – "fail better", war das Stichwort nach Samuel Beckett, angesichts der Katastrophen im 20. Jahrhundert und ihrem literarischen Niederschlag. Melville macht Mut, sich an Opulenz zu wagen, aus dem Material voll zu schöpfen, ohne den Irrglauben, Bedeutendes brauche einen Roman, so wie es die Verkaufslisten weiterhin suggerieren. Auch in der Kunst geht es – wie im Leben – um Wahrheit. Das zeigt dieser schmale Band schmaler Texte. Herman Melville ist nicht nur ein Klassiker, weil er einen Klassiker geschrieben hat – "Moby Dick" –, er erweist sich quer durch sein Schaffen als stets von neuem maßnehmender Autor, der mit Bartleby bereits das Kafkaeske streift, mit "Billy Budd" erneut eine wirkmächtige Parabel vorlegt und in seinen hier vorliegenden Aufsätzen, Gedichten, Vorträgen dem eigenen literarischen Anspruch nicht weniger gerecht zu werden sucht. ‚Fabuliert von den Inseln, die beneidenswert sind', heißt es in einem seiner Gedichte. Und eine Passage aus "Moby Dick" in Gedanken, erinnert diese Aufforderung nicht nur an die Archipelen der Südsee, vielmehr auch an die Sterne, als Inseln in der Unendlichkeit.

Herman Melville: "Die große Kunst, die Wahrheit zu sagen – Von Walen, Dichtern und anderen Herrlichkeiten"
übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann
Verlag Jung und Jung. 184 Seiten, 22 Euro.

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