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StartseiteCorsoBoomer-Krise in der PARTEI14.01.2021

Zum Austritt Nico SemsrottsBoomer-Krise in der PARTEI

Rassistische Witze und eine mangelnde Bereitschaft, mit Kritik umzugehen – das sind Gründe, warum EU-Abgeordneter Nico Semsrott aus Martin Sonneborns Die PARTEI ausgetreten ist. Ein spannender Generationenkonflikt im politischen Humor, findet Corso-Redakteur Kolja Unger.

Ein Kommentar von Kolja Unger

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Martin Sonneborn (Die PARTEI), Vorsitzender, und Nico Semsrott halten anlässlich des EU-Wahlkampfs 2019 Plakate in den Händen, auf denen steht: "für Europa reicht's" und "Besser als Nix" (picture alliance/Wolfgang Kumm/dpa)
Die PARTEI startet in den EU-Wahlkampf (picture alliance/Wolfgang Kumm/dpa)
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Martin Sonneborn und Nico Semsrott sind beides weiße männliche deutsche Satiriker, die für die Satirepartei Die PARTEI im Europaparlament sitzen. Beide zählen laut dem Daten-Internetportal Statista zu den zehn einflussreichsten deutschen Politikern in den sozialen Medien - zumindest was die Anzahl der Menschen angeht, die ihnen dort folgen. Beide sehen ihr politisches Mandat darin, ihre große Medienpräsenz zu nutzen, um die Mächtigen zu kritisieren. Und doch gibt es einen eklatanten Unterschied und der liegt in der Frage, wie sie das tun bzw. mit welchen Mitteln. Und es gibt noch einen Unterschied zwischen den beiden: ihr Alter. Eventuell besteht zwischen diesen beiden Unterschieden ein Zusammenhang.

Der Austritt

Am 11. Januar gab Nico Semsrott über seine Webseite und Twitter bekannt, aus der Satirepartei DIE PARTEI ausgetreten zu sein. Er werde zwar weiter sein Mandat als Europaabgeordneter wahrnehmen, denn, so Semsrott, er könne "das Leid nicht verantworten, das ein*e Nachrücker*in statt meiner ertragen müsste."

Grund für seinen Parteiaustritt sei ein schon länger schwelender Konflikt zwischen ihm und dem ehemaligen Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn. Der als Demotivationscoach bekannt gewordenen Satiriker warf seinem Parteivorsitzenden Sonneborn vor, vermehrt rassistische Tweets abgesetzt und sie mit der Satirefreiheit legitimiert zu haben.

Zuletzt etwa einen, da ging es um Präsident Trumps Doppelmoral, einerseits immer gegen China zu hetzen, andererseits seinen Merchandise dort produzieren zu lassen. Das Problem: Sonneborn hatte in einem humoristisch gemeinten Tweet selbst einen anti-asiatisches Rassismus verwendet, nämlich das Asiat*innen kein "R" aussprechen könnten.

Sonneborns Umgang mit Feedback

Nico Semsrott begründete seinen Parteiaustritt aber gar nicht so sehr mit diesem konkreten Tweet oder einem Meinungsunterschied in der Frage nach Sinn und Zweck von Satire. Sein eigentlicher Grund: Sonneborns Umgang mit Feedback.

Einerseits mit Feedback innerhalb der Partei, andererseits mit Kritik an seinen Tweets auf sozialen Medien, wo Sonneborn zusammengerechnet über eine Millionen Follower besitzt. Vermehrt schon sei hier von Rassismus Betroffenen die Kritik geäußert worden, dass derartige Kommentare als beleidigend empfunden würden.

Als weißer Deutscher mit einer solchen Reichweite zusätzlich ausgestattet mit den Privilegien eines Europaabgeordneten müsse Sonneborn, so Semsrott, in so einer Situation nicht viel tun: "Es reichen Mitgefühl und der Respekt vor den Betroffenen, um das eigene Verhalten zu korrigieren." Doch genau dies habe - auch nach Kritik von ihm persönlich und von mehreren Mitgliedern der Partei - bis zum Zeitpunkt von Semsrotts Austritts nicht stattgefunden.

Bommer vs. Generation Y

Dieser Konflikt zwischen dem Mittdreißiger Semsrott und dem Mittfünfziger Sonneborn lässt sich durchaus auch als einer zwischen zwei Generationen betrachten. Zahlreichende humoristische und sarkastische Verarbeitungen des Generationenkonflikt mit der Babyboomer-Generation finden sich auf den sozialen Medien unter #okboomer:

Der aktuelle Generationenkonflikt speist sich natürlich auch aus einem grundsätzlichen Spannung zwischen einer scheidenden und einer nachrückenden Alterkohorte. Gerade die gezielte Kritik Semsrotts, Sonneborn habe sich das Feedback nicht zu Herzen genommen, klingt ein wenig wie der Archetyp eines Vater-Sohn-Konflikts. Ich höre da schon ein wenig Cat Stevens "Father and Son" heraus: der Vater verharrt auf seiner vielleicht ja auch zu Recht vom Sohn kritisierten Position, bis dieser realisiert: "I know I have to go."

Es geht aber auch um ein anderes Selbstverständnis im eigenen Auftreten, das Angehörige der Generation Y, also den in den 80er und 90er geborenen, den in den 50ern und 60ern geborenen Boomern häufig voraus haben. Was Nico Semsrott an Martin Sonneborn kritisiert, ist nämlich gar nicht so sehr die inhaltliche Stoßrichtung (Stichwort Kritik an Trumps Doppelmoral) sondern viel mehr ein Bewusstsein der eigenen Sprecherposition. Dass dieser sich vor neun Jahren für einen Wahlkampf geblackfaced hat, ist mittlerweile nicht nur unter jüngeren Menschen ein No Go.

Ein anderer Punkt, wo es knirscht zwischen den Generationen: seine eigenen Fehler einzugestehen. Das hat Sonneborn nämlich erst gestern Abend getan. Also viel zu spät, denn da hatte Semsrott bereits öffentlichkeitswirksam seinen Rücktritt erklärt.

Sonneborns Entschuldigung war auch irgendwie halbherzig und an der Sache vorbei:

Das wirkt doch etwas dürftig, nach Semsrotts ausführlicher Kritik.

Satiredebatte next level

Man kann allerdings auch noch mehr aus dem Konflikt zwischen Semsrott und Sonneborn ziehen als einen innerhalb der Partei oder zwischen zwei Generationen, nämlich endlich eine sinnvolle Fortsetzung der im rasenden Stillstand verharrenden Debatte um Satirefreiheit. Die Frage, ob Satire auch auf diskriminierenden Äußerungen zurückgreifen dürfe, zum Beispiel in den Fällen Dieter Nuhr, Serdar Somuncu oder Lisa Eckhardt, die hat Nico Semsrott in seiner Austrittserklärung nämlich sehr gut auf den Punkt gebracht: Klar, Satire darf alles, aber sie ist auch ein mächtiges Instrument, um die Mächtigen zu kritisieren.

Wenn diejenigen, die sie ausüben, sich selbst genauso oder gar noch verantwortungsloser verhalten, welche Legitimität hat ihre Satire dann noch? Folgen wir Semsrott, können wir die Debatte nun eine Ebene höher diskutieren: Wir stellen uns nicht mehr die Frage "Darf man das", sondern die nach der Qualität von Satire.

Satire ist nämlich dann gut, wenn Sie auch die eigene Positioniertheit des Satirikers oder der Satirikerin in ihrer Machtkritik mitreflektiert. Ich glaube, dass ein Generationenwechsel, der sich an diesem Grundsatz orientiert, der politischen Humorlandschaft, vielleicht ja sogar der gesamten Gesellschaft wirklich gut täte. Nicht, weil ich möchte, dass der Meinungskorridor kleiner werden soll – ich denke die Gefahr besteht hier nicht – sondern, weil ich möchte, dass wir uns intelligenter, selbstreflektierter und witziger kritisieren. Also, falls Sie nun daran denken, mir - einem weißen männlichen deutschen Redakteur Anfang 30 - einen kritischen Hörerbrief zu schicken, bitten tun Sie mir den Gefallen und nehmen Sie es sich zu Herzen. Dann werde ich auch in ähnlicher Weise mit ihrem Feedback verfahren.

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